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Anti-SuperSize me!

Frank-Holger Acker, 26.03.2007

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Weihnachten – Das ist bekanntlich nicht nur das Fest der Liebe, der überteuerten Geschenke und der geschmacklosen Baumbeleuchtungen, sondern auch der Begriff für die Tage im Jahr, in denen sich magersüchtige Supermodels zu Hause in dunkle Kammern sperren, um nicht schon vom Geruch von Plätzchen und Gänsebraten einen zweistelligen BMI zu bekommen.

Und wie schon die Jahre zuvor, so ging auch dieses Weihnachtsfest nicht spurlos an mir selbst vorbei, und mit dem Monat Januar als Nachbrenner war das Ergebnis recht bedrohlich, was nur eine Konsequenz nach sich ziehen konnte: Es wurde Zeit abzunehmen.

Die Tatsache, dass ich meine Füße nicht erkennen konnte, war ein Schicksal, dass ich schon lange mit mir durchs Leben trug, nunmehr war es allerdings nicht mein enger Freund, der mir das freie Sichtfeld einschränkte, sondern der fettigen Ring mit dem mein Körper seinen überdurchschnittlich gut trainiertes Sixpack schützen wollte. Das konnte ihm niemand verdenken, aber die Freibadsaison stand bevor und die Frauenwelt hatte ein Recht zu erfahren, wie scheiße geil ich unter den 20kg Bauchspeck doch aussehe.

Der Anfang

Doch bevor ich mich in mein neues, fiteres Leben stürzen konnte, bedurfte es erst einer guten Vorbereitung. - Die Laufstege Mailands und Paris sind nichts gegen das tägliche Sehen und Gesehen werden in Deutschlands Fitnessstudios, so dass ich mit meinem alten, weinroten Dynamo Sportzweiteiler wohl schon an der imaginären Startlinie versagt hätte.

Mein erster Weg brachte mich also in den teuersten Sportladen der Stadt. Das Beste sollte für mich schließlich nur gut genug sein. Ich weiß bis heute nicht, warum meine Schuhe Luftpolster in den Sohlen haben müssen, damit ich mit diesen optimal von Gerät zu Gerät schweben könne und was es meinen Körper interessiert, ob er atmungsaktive Socken trägt oder stink-normale (vielleicht hatte der Verkäufer auch nur keine Waschmaschine zu Hause), aber es sollte nichts dem Zufall überlassen werden. Außerdem legte ich mir präventiv ein paar Shirts der Marke Pitbull Gym in der Größe XXXL zu. Nicht dass ich diese bereits bräuchte, aber wenn das plötzliche Muskelwachstum einsetzen sollte, wollte ich vorbereitet sein.

Nachdem ich also so viel Kleidung gekauft hatte, dass ich der Altkleidersammlung des Roten Kreuzes ernsthafte Konkurrenz hätte machen können, setze auch schon der erste sportliche Effekt ein, den ich so nicht erwartet hatte. Nicht nur, dass das Hin und Hergerenne im Laden und das ständige An- und Ausziehen mich ernsthaft zum Schwitzen gebracht haben, mit dem Zahlen der schier astronomischen Rechnung stellte sich auch der erste Gewichtsverlust ein - wenn auch nur in meinem Portemonnaie.

Doch damit war ich längst nicht fertig. Schließlich musste ich mich als ernsthafter Sportler auch mit allen Nahrungsergänzungsmittel eindecken, die der Markt hergibt. Creatin Monohydrat, CreaVitargo, Aminos in Tablettenform, zwei verschiedene Weightgainer, ein synthetisches Eiweiß mit einer biologischen Wertigkeit von 1.056.295,3, Vitamintabletten, eine Stiege an isotonischen Getränken, drei Kartons Eiweißriegel, Molkepulver, eine Probepackung ProHormone und diverse, extra aus den USA importierte Fatburner-Tabletten sollten zumindest für die erste Woche reichen, entschied ich.

Mein erstes Training

Nun war es soweit: Der erste, echte Trainingstag sollte Einzug in mein Leben finden. Nachdem ich mich am Abend zuvor noch von den Strapazen mit einem kompletten 1x1 bei Mc Donalds und das ganze 11 Mal erholt hatte, sollte heute auch der erste Tag sein, an dem Ernährung einen hohen Stellenwert in meinem Alltag einnehmen würde. Ich entschied, dass ein Eiweißshake, 50g Creatin und drei Vitamintabletten das perfekte Sportlerfrühstück sein sollten. - Ich bekam Magenschmerzen, aber das ist sicher nur ein kleiner Preis, den ich auf dem Weg zum Olymp der Adonis-Körper zu zahlen hätte.

Bei der Wahl des Studios fiel meine Entscheidung auf den neuen Hanteltempel, der in der halben Stadt mit halbnackten schwedischen Supermodels warb. Um so herber war meine Enttäuschung, als ich feststellen musste, dass offensichtlich ihre bärtigen Schwiegermütter Dienst schoben, wenn die Mädels frei hatten. - Ich hatte mir also umsonst die hautenge Radler besorgt, um den hübschen Frauen dieser Welt nicht länger meinen strammen Gluteus vorzuenthalten, denn neben dem schwedischen Bikiniteam schienen auch alle anderen ansehbaren Frauen dieser Welt keinen Sport zu treiben. Zumindest nicht in diesem Studio!

Doch wäre all das nicht bereits genug, erwies sich mein Personaltrainer als schwul. Anders war sein Kleidungsstil, seine viel zu brüderlich-warme Art und das beschissene Perlweiß-Grinsen auf seinen Lippen nicht zu erklären. Denn jeglicher Alkohol oder Drogenkonsum widersprächen seinem asketischem Lebensstil, den er mir bereits nach fünf Minuten, ohne das ich fragte, zusammen mit seinem Lebenslauf und einem Vortrag über seinen Lieblingschinesen in einem Gespräch aufdrückte.

Pascal führte mich herum, zeigte mir die Geräte und wollte mir einen von ihm entwickelten Trainingsplan an die Backe nageln. - "Nicht mit mir!" dachte ich nur und zeigte Pascal schnell seine Grenzen auf. Wohlmöglich hätte er mich sonst noch am selben Abend zu einem Candlelight-Dinner in der Abstellkammer eingeladen.

Von wegen für den Anfang kleine Gewichte und viele Wiederholungen! - Jemand mit meinem Potential, meinem Willen und vor allem meinem ausgegebenen Budget für Kleidung und Nahrungsergänzungsmittel gibt sich nicht mit Mittelmaß zufrieden. Schließlich hatte ich genug Fett, das ich in Muskelmasse umwandeln könnte. Arni, Dorian und Ronnie: Macht euch bereit für den neuen Stern am BB-Himmel!

Vor meinem ersten Training hatte ich mich gut im Internet informiert. Ich wusste worauf es ankam. Unter zwei Stunden Training brauchte ich nicht aus dem Laden raus und wenn ich bei meinem Workout keine Schmerzen in Muskeln oder Gelenken spüren würde, würde ich eindeutig etwas falsch machen. Nicht intensiv genug trainieren. Training bedeutet höllische Schmerzen zu haben. "No Pain, No Gain!" Das hat Arni schon gesagt.

So ist das nun mal, dessen machte ich mir bereits in der Umkleide bewusst, während ich noch eine Tafel Milka Alpenmilch Diät verdrückte und in mein XXXL Shirt schlüpfte. Die kurzen Kohlenhydrate vor dem Training sind schließlich die wichtigste Mahlzeit für einen Sportler. Gleich nach dem Frühstück und den 10kg Magerquark, die jeder ambitionierte Bodybuilder vor dem Schlafen gehen verdrückt.

Nachdem Pascal also endlich von der Bildfläche verschwunden war, machte ich mich ans Training. Neben mir trainierte der Bruder von Günther Rühl oder Markus Schlierkamp oder wie der gleich hieß. Zumindest sah der Typ so aus und bewegte unglaublich Gewichte. Er stöhnte bei jeder Bewegung, die Schweißperlen liefen ihm die Stirn herab und tropften auf seine Oberarme, die gut und gern meine Beine hätte sein können und mir wurde klar: "So siehst du auch in einem Monat aus!"

Als Erstes begann ich mit Bankdrücken. Ich legte mich unter die blanke Stange und machte zehn Wiederholungen zur Aufwärmung. Natürlich achtete ich darauf bei jeder Wiederholung laut "Light Weight" und "Easy!" zu brüllen. Ja, ich merkte bereits, wie meine gesamte Muskulatur zu wachsen begann. Ich schaute auf die Bank neben mir und sah, wie das Tier von vorhin inzwischen selbst Bankdrücken mit 180kg machte. Also entschloss ich mich 200kg aufzulegen. Viel bringt schließlich viel und ich hatte ein wenig aufzuholen.

Mir war klar, dass ich das Gewicht nicht allein rausheben konnte. Jeder der schon einmal einen Bankdrückwettkampf gesehen hat, weiß, dass man mindestens drei Leute braucht, um eine Gewicht rauszuheben. Besser fünf! Und so holte ich mir ein paar Jugendliche zur Hilfe, die eh schon die gesamte Zeit damit beschäftigt waren, mit ihrem Handy SMS zu schreiben. Wenn sie schon nicht trainierten, sollten sie wenigsten denen helfen, die hier noch BIG werden wollten:

Mit einem martialischem Kampfschrei hievten wir das Gewicht aus der Halterung. Wie in Zeitlupe, zumindest kam es mir so vor, sank das Gewicht kontrolliert auf meine Brust. Vor meinem geistigen Auge sah ich meine Brustmuskulatur ins unermessliche Wachsen und mich selbst mit seitlicher Brustpose Jay Cutler beim Mr O 2007 auf den Platz zu verweisen, auf den er gehörte. Den Zweiten. - Platz eins teilte ich mir mit einem zu Tränen gerührten King Coleman. Ruhm, Ehre und Sponsorenverträge. Vor meinem geistigen Auge hielt ich alles in meinen Händen.

Als ich wieder zu Bewusstsein kam, sagte man mir, dass die Hantel gerade zu auf meine Brust gerast wäre und ich Glück gehabt hätte, dass Leute zur Sicherung bereit standen. Damit war das Training für den heutigen Tag erledigt. Nicht das ich geschafft gewesen wäre, oder ich nicht noch den ganzen Tag hätte unglaubliche Gewichte bewegen können. Nein, viel wichtiger erkannte ich den kleinen aber feinen Unterschied, der mich von dem Möchtegern-Mr. O. aus dem Studio unterschied: Das Bauchtäschchen.

Ich wusste nicht, was er darin versteckte. Welches Geheimnis dieses in sich hätte, aber ich wusste, dass ich selber auch eine brauchen würde, um meinen mir vorbestimmten Platz neben Ronnie einnehmen zu können.

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