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Verletzungen, über die kaum einer spricht

Die Hernie

Thomas Koch, 05.07.2012

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Es gibt Verletzungen, die im Kraftsport häufig auftreten und von denen jeder schon einmal gehört hat: Probleme mit der Rotatorenmanschette, Meniskusschäden oder Bandscheibenverletzungen sind hier wohl die häufigsten. Andere Verletzungen hingegen werden kaum thematisiert, auch wenn sie gerade im Kraftsport durchaus häufig auftreten. Hernien gehören definitiv zu dieser Kategorie.

Doch was ist das überhaupt, eine Hernie? In der Medizin bezeichnet eine Hernie allgemein den Austritt von Eingeweiden (meist des Darms oder dessen Bindegewebes, teils auch Fettgewebe) aus der Bauchhöhle. Hierbei gibt es eine Vielzahl von verschiedenen Arten, die man primär in innere und äußere Hernien unterteilt. Äußere Hernien sind hierbei meist von außen zu erkennen, da die Bruchpforte vom Körperinneren in Richtung Haut führt, was in vielen Fällen zu Ausstülpungen führen kann. Innere Hernien sind ohne medizinische Untersuchung nicht zu erkennen, da sie sich innerhalb des Rumpfes befinden.

Ungeachtet der Art der Hernie, weisen alle Formen drei spezifische Merkmale auf:
  1. Die Bruchpforte: Hiermit ist eine Schwachstelle in der Wand der Bauchhöhle gemeint, welche entweder schon von Geburt an vorhanden ist, oder aber sich im Verlauf des späteren Lebens entwickelt hat. In Folge des intraabdominalen Drucks bei einer Überforderung (je nach Ausprägung kann hier schon ein Husten reichen, im Kraftsport sind meist Übungen der Auslöser, die den intraabdominalen Druck noch verstärken) werden die Schichten der Bauchwand soweit auseinandergedrückt, dass andere Teile der Bauchwand sich durch diese Lücke nach außen drücken.
  2. Der Bruchsack: Die eben benannten Teile der Bauchwand, die durch die Lücke treten, bezeichnet man als Bruchsack, der im Inneren zumeist aus gleitendem Bauchfell besteht.
  3. Der Bruchinhalt: Hiermit ist der Inhalt des Bruchsacks gemeint. Es kann sich um Bruchwasser handeln, was in Folge einer entzündlichen Reaktion entsteht, aber auch um Teile des Darms, des Magens oder anderer frei beweglicher Organe.

Differenzierung der einzelnen Arten von Hernien:

Wie bereits angeführt, kann man Hernien in innere und äußere differenzieren, wobei beide Grundformen je nach Ausprägung und beteiligten Strukturen noch weitere Unterformen haben.

Innere Hernien:

Neben der eher seltenen Treitz-Hernie ist hier primär die Zwerchfellhernie (lat. Hernia diaphragmatica) zu nennen. Hierbei gelangen Teile von Dünndarm oder Magen in den Thorax. Ermöglicht wird dies durch eine Schwachstelle im Zwerchfell, der Durchtritt der Speiseröhre, die Entstehung einer Hernie. Das wohl markanteste Symptom ist das Sodbrennen, welches in den meisten Fällen, teils massiv eintritt, so dass eine operative Rückverlegung der Organe notwendig sein kann. Besondere Bedeutung hat diese Form der Hernien bei Föten, was gar nicht mal so selten auftritt (3-4 von 10000 Föten sind hiervon betroffen). Hier ist ein schnelles und gezieltes Eingreifen notwendig um weitere, teils schwerwiegende Komplikationen zu vermeiden.

Äußere Hernien:

Bei den äußeren Formen der Hernien gibt es eine große Vielzahl an verschiedenen Formen und Ausprägungen. Gemeinhin als Leistenbruch bezeichnet, sind Leistenhernien (lat. Hernia inguinalis) sicherlich die bekannteste und mit über 80% der Fälle auch mit Abstand häufigste Form. In Erscheinung tritt sie am äußeren Leistenring (Anulus inguinalis superficialis). Bei der indirekten Leistenhernie (lat. Hernia inguinalis indirecta/lateralis) verläuft die Hernie vom inneren Leistenring vom Bauch bis zum Hodensack. Hierbei handelt es sich um eine Leitungsbahn, die bei der embryonalen Entwicklung entsteht und sich normalerweise im Säuglingsalter vollständig schließt. Da bei Frauen in diesem Leistenkanal nur das Mutterband läuft, sind indirekte Leistenhernien bei ihnen eher selten, da dieses bei weitem nicht die Dimensionen des Samenstrangs aufweist. Bei der direkten Leistenhernie (lat. Hernia inguinalis directa/medialis) tritt der Bruch durch eine Schwachstelle der inneren Schicht der Bauchwand aus, der Fossa inguinalis medialis und wird nach außen am äußeren Leistenring sichtbar. Hier gibt es keine embryonale Struktur, die begünstigend wirkt, weshalb angeborene Fälle eher die Ausnahme sind. Vielmehr tritt sie verstärkt bei Menschen mittleren und höheren Alters auf, wenn die Bauchwand an Stärke verliert. Tritt eine Leistenhernie bei einem Kind auf, so liegt in aller Regel eine indirekte Hernie vor. In jedem Alter ist eine zeitnahe operative Korrektur dringend geboten, da die Gefahr besteht, dass der Darm eingeklemmt wird (Inkarzeration). Allgemein sind Männer deutlich häufiger von Leistenbrüchen betroffen als Frauen.

Schenkelhernien (lat. Hernia femoralis) hingegen sind typisch für Frauen höheren Alters und machen über 95% der Hernien bei Frauen aus. Hierbei wird eine Wölbung unterhalb des Leistenbandes verursacht. Schenkelhernien sind zumeist äußerst schmerzhaft.

Häufig bei Erwachsenen zu beobachten sind Nabelbrüche (lat. Hernia umbilicalis et paraumbilicalis), die zwar auch im Säuglingsalter durchaus häufig sind, sich hier aber meist selbständig zurückbilden. Bei Erwachsenen ist dies nicht der Fall, wobei diese Form der Hernien zumeist nur ein optisches Problem darstellt. Ausnahmen sind Nabelbrüche mit kleiner Bruchpforte, da hier die Gefahr der Einklemmung von Bauchorganen besteht. Eine operative Behandlung ist möglich.

Es existieren noch viele weitere Formen, die häufig nur schwer zu diagnostizieren sind, da sie äußerlich nicht erkennbar sind. Durch entzündliche Verwachsungen kann es bei einigen Formen dazu kommen, dass sie irreponibel werden, also nicht mehr rückgängig zu machen, was zu andauernden Schmerzzuständen führen kann. Bei andauernden Schmerzen im Bauchraum oder in der Leistengegend sollte also dringend ein Mediziner aufgesucht werden, damit eine Hernie ausgeschlossen oder bei entsprechender Diagnose sinnvoll therapiert werden kann.

Wodurch eine Hernie entsteht und wie man sich schützen kann

Insbesondere äußere Hernien entstehen – vor allem bei entsprechender genetischer Disposition – durch einen erhöhten intraabdominalen Druck. Hierfür kann bereits ein Husten oder ein Niesen ausreichen, auch ein schmerzhafter Stuhlgang kommt als Auslöser in Frage. Darüber hinaus natürlich alle Aktivitäten, bei denen ein erhöhter intraabdominaler Druck entsteht; etwas das im Kraftsport überaus häufig der Fall ist. Insbesondere bei Übungen, bei denen die Hüfte gebeugt wird, entsteht ein massiver Druck auf den Bauchraum, so beispielsweise bei Kniebeugen, Kreuzheben oder auch der Beinpresse. Wird dieser Druck noch durch das Tragen eines Gürtels verstärkt, erhöht sich das Risiko noch einmal. Schützen kann man sich durch ein intensives Training der Rumpf- insbesondere der Bauchmuskulatur, damit diese den enormen auftretenden Kräften gewachsen ist; nicht ohne Grund legen Powerlifter größten Wert auf ein sehr intensives Training ihrer Core-Muskeln. Weiterhin sollten die Arbeitsgewichte insbesondere bei Übungen, die massiven Druck auf den Bauchraum ausüben, langsam und mit Bedacht gesteigert werden, so dass der Körper sich den hohen Belastungen anpassen kann. Besondere Vorsicht ist hier bei Übungen geboten, die zu schnellen Gewichtssteigerungen verführen, da sie den koordinativen Aspekt ausblenden: die 45°-Beinpresse ist hier wohl das Paradebeispiel.

Ist erst einmal eine Hernie aufgetreten, wird eine Operation in den meisten Fällen unumgänglich sein, will man wieder zu voller Leistungsfähigkeit zurückkehren und der Weg dahin wird lange und steinig, denn eine Vollbelastung sollte erst nach langwieriger Reha und anschließendem Aufbautraining wieder erfolgen.

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