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Das große Fressen?

Essen als ein Stück Lebensqualität

bulkolly, 07.07.2012

Diskussion Versenden Drucken

Im Rahmen einer etwas hitzigeren Diskussion bekam ich vor einiger Zeit von einem Moderator aus dem Ernährungsbereich auf meine Aussage, dass ich meine Lebensqualität nicht über das Essen definiere folgende Antwort: "Essen ist Lebensqualität und wer sich dauerhaft das Essen verwehrt, der hat schon einen Faktor der Essstörungen erfüllt." Frei nach dem Motto, dass nichts unnötig oder überflüssig ist, da es zumindest noch als schlechtes Beispiel dienen kann, möchte ich mich in diesem Artikel etwas näher mit der Aussage, dass Essen ein Stück Lebensqualität ist, und den Folgen dieser Ansicht auseinandersetzen. Hierbei werde ich als erstes betrachten, wozu die Nahrungsaufnahme aus physiologischer Sicht dient und dann etwas näher darauf eingehen, seit wann in der Menschheitsgeschichte Essen von der breiten Masse der Bevölkerung als ein Stück Lebensqualität angesehen wird und welche Folgen dies für unsere Gesellschaft hatte.

Die Nahrungszufuhr aus physiologischer und historischer Sicht

Aus rein physiologischer Sicht dient die Nahrungsaufnahme ausschließlich der Deckung des körperlichen Bedarfs an Makronährstoffen, Vitaminen, Mineralstoffen, Spurenelementen und sekundären Nährstoffen deren Funktion und Wirkung im Körper bis jetzt nur teilweise bekannt ist. Wenn man sich die Menschheitsgeschichte etwas näher ansieht, dann erkennt man recht schnell, dass das Konzept von "Essen als ein Stück Lebensqualität" zumindest bei der breiten Bevölkerungsschicht eine recht neue Idee ist, die so richtig erst mit Beginn unserer Wohlstandsgesellschaft aufkam.

Vor Beginn dieser Zeit war die Nahrungsversorgung der einfachen Bevölkerung häufig alles andere als gesichert und es gab immer wieder Hungersnöte, während denen die Menschen damit zu kämpfen hatten überhaupt genügend Nahrung zum Überleben zu bekommen. Hiermit möchte ich natürlich in keinster Weise behaupten, dass die Menschen nicht auch schon zuvor ein gutes Essen bewusst genossen haben, aber ich bezweifle stark dass man im Mittelalter und davor bei der breiten Masse der Bevölkerung Lebensqualität über das Essen definiert hat.

Bei der reichen und adeligen Bevölkerungsschicht sah das natürlich bereits früher ganz anders aus. Hier war Essen schon seit den ersten Hochkulturen etwas, das einen Teil der Lebensqualität darstellte. Eines der ersten Beispiele für die Folgen hiervon stellt die chinesische Mumie der Marquise von Dai dar, die etwa 160. v Chr. starb. Eine Autopsie dieser aufgrund einer bisher unbekannten Konservierungstechnik sehr gut erhaltenen Leiche zeigte stark Plaqueablagerungen in den Arterien, die auf ein körperlich untätiges Leben mit hohen Mengen an fettiger Nahrung zurückgeführt werden und schließlich den Tod durch einen Herzinfarkt hervorriefen. Ein anderes historische Negativbeispiel ist Heinrich der 8., der für seine ausladenden Bankette und Gelage bekannt war und der gegen Ende seines Lebens so fett war, dass er einen speziellen Gürtel tragen musste, der verhindern sollte, dass sein herabhängender fetter Bauch beim Laufen gegen die Knie schlug.

"Essen als ein Stück Lebensqualität" und die Folgen

In unserer modernen Überflussgesellschaft dient Nahrung aus Sicht der meisten Menschen nicht mehr primär der Versorgung des Körpers mit den notwendigen Nährstoffen und der Stillung des Hungers. Vielmehr hat sich Nahrung zu einem Genussmittel entwickelt, bei dem der Geschmack und der Genuss im Vordergrund steht. Wir essen häufig nicht mehr weil wir Hunger haben, sondern weil wir Appetit auf etwas Bestimmtes haben, das uns gut schmeckt. Zusätzlich hierzu hat sich die Nahrung auch zu einer sozialen Komponente entwickelt. Wir gehen Essen, wenn wir etwas feiern wollen, bei Familienfeiern stehen Kuchen und Leckereien im Mittelpunkt, wir belohnen uns mit leckeren Naschereien selbst, wir essen etwas leckeres, wenn wir frustriert sind, usw. Nahrung hat sich von etwas, das den Körper mit Nährstoffen versorgen soll, zu "einem Stück Lebensqualität" entwickelt, was sich auch daran zeigt, dass wir beim Fernsehen oder im Kino gerne etwas knabbern, ohne das wir wirklich hungrig sind.

Da nicht mehr die Nährstoffversorgung des Körpers sondern hauptsächlich der Genuss im Mittelpunkt steht, kommen immer mehr wohlschmeckende Nahrungsmittel und Naschereien auf den Markt, die mit gesättigten Fetten, Transfetten, Zucker, weißem Mehl und ähnlichem vollgestopft sind und aus ernährungstechnischer Sicht nicht viel mehr als Müll darstellen, der außer leeren Kalorien so gut wie keine wichtigen Nährstoffe mehr enthält.

Die Folgen hiervon sind Mangelerscheinungen, Gewichtszunahme, Herz-Kreis Erkrankungen, Altersdiabetes und vieles mehr. Leider stellen diese negativen Gesundheitsfolgen unserer Genussernährung keine Ausnahme dar. In Deutschland sind einer Studie zufolge drei Viertel aller Männer und mehr als die Hälfte der Frauen übergewichtig. Fast ein Viertel der deutschen Bevölkerung gilt aufgrund eines BMI von über 30 sogar als fettleibig. Laut einer Untersuchung der International Diabetes Federation aus dem Jahr 2007 ist die Anzahl der Diabeteserkrankungen in den letzten 20 Jahren um den Faktor 7 gestiegen und alleine in Deutschland leiden zwischen 6 und 10 Millionen Menschen an Diabetes. Dies wird neben einem Bewegungsmangel primär auch auf einen vermehrten Konsum von Nahrungsmittel mit geringem Nährwert, die hauptsächlich leere Kalorien liefern, zurückgeführt. Erschreckend ist, dass auch immer mehr Kinder Diabetes vom Typ II entwickeln. Diabetes vom Typ II war früher eigentlich als "Altersdiabetes" bekannt, da sie fast nur bei älteren Menschen auftrat.

In Anbetracht dieser gesundheitlichen Folgen einer "Genussernährung" könnte es vielen vermutlich nicht schaden, Nahrung weniger als Genussmittel und "ein Stück Lebensqualität" anzusehen und sich stattdessen auf den eigentlichen physiologischen Zweck der Nahrung zurückzubesinnen: den Körper mit den Nährstoffen zu versorgen, die er benötigt und den physiologischen Hunger zu stillen. Dies bedeutet natürlich in keinster Weise, dass man auf alles verzichten muss, was gut schmeckt und sich nichts mehr gönnen darf. Stattdessen sollte man versuchen gesündere und nährstoffreichere Alternativen für die leeren Kalorien zu finden, die man nur aus Genussgründen in sich hineinstopft. Müssen es immer Schokolade oder zucker- und fettreiche Desserts sein? Wie wäre es stattdessen mit etwas Obst, einem leckeren Obstsalat oder Naturjoghurt ohne Zucker mit Obst?

Gesunde und nährstoffreiche Nahrung muss nicht langweilig und öde sein. Mit etwas Kreativität lassen sich sehr viele Gerichte zaubern, die gut schmecken und trotzdem gesund sind. Natürlich ist eine solche Ernährung etwas aufwändiger, als einfach nur Fast Food, ungesunde Snacks, Süßigkeiten und Fertiggerichte in sich hinein zu stopfen, da man nicht darum herum kommen wir, selbst zu kochen und seine Nahrung zuzubereiten. Wenn man etwas Übung hierin hat, ist dies jedoch weniger zeitintensiv, als man zunächst vielleicht denken mag und wenn man erst einmal erkannt hat, wie gut aus gesunden und frischen Zutaten zubereitete Mahlzeiten schmecken, dann wird man all den vorgefertigen Müll, den man früher in sich hinein gestopft hat, nicht mehr vermissen.

In diesem Zusammenhang könnte auch die "90 Prozent Regel" die einige Leser aus dem Bereich der Diät kennen dürften, hilfreich sein. Auf eine gesündere Ernährung umgemünzt besagt diese Regel, dass wenn 90% der verzehrten Nahrungsmittel aus gesunden Nahrungsmitteln bestehen, die Zusammensetzung der restlichen 10% der Nahrung, die man zu sich nimmt, keine wirkliche Rolle spielt. Wenn man sich an diese Regel hält, kann man sich gesund ernähren ohne hierbei vollständig auf die ungesunden Leckereinen verzichten zu müssen, die man so sehr liebt. Auf längere Sicht gesehen wird es einem der Körper danken.

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