Kompetenz, Vertrauenswürdigkeit, Wissen?

Falsche Propheten - ein Armutszeugnis für unsere Fitness-Trainer

Ulrike Hacker, 29.06.2012

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Es gibt ja so einige Disziplinen, die gehören zum Studio-Aufenthalt wie das Heben und Beugen: Fremdschämen. Mitgefühl. Manchmal auch Schadenfreude oder zumindest Amüsement. Die lustigen Gestalten sind aber nicht mehr lustig, wenn sie doch eigentlich dort sind, um mit gutem Beispiel allen voran zu gehen.

Wer noch nicht in den zweifelhaften Genuss inkompetenter Trainer gekommen ist, der trainiert entweder im Homegym oder er hat das Glück, an einen dieser selten gewordenen, renommierten Läden geraten zu sein. Überall sonst muss man wohl früher oder später in diese Kopfschüttel-Situationen geraten, die den Glauben an die Schlechtigkeit der Welt nähren.

Lange Zeit habe ich mir nicht vorstellen können, dass es so was wie bei uns noch irgendwo ein zweites Mal gibt: dieser extrem übergewichtige Trainer (und natürlich zertifizierter Ernährungscoach!), der zur verzweifelten Rettung seiner Glaubwürdigkeit die frei erfundene Geschichte einer früheren KDK-Karriere verbreitete. Oder die Wochenend-Aushilfe, ebenfalls lizenzgeschmückt und gern auf "Trainingserfahrung seit 1989" verweisend, die mich noch neulich nach dem Nutzen von Deadlifts mit gestreckten Beinen fragte und aus welchen Sportarten ein Triathlon besteht. Während meiner Karriere als Pizzafahrerin zählten die Trainer stets zu unseren besten Kunden. Ich schob die Qualitätsmängel auf die Tatsache zurück, dass mein Studio ohnehin wahrscheinlich nur der Nutzung eines leerstehenden Raumes in einem exklusiven Freizeitbad mit angeschlossener Deluxe-Saunalandschaft dient. Aber ich habe mich umgehört, und jetzt bin ich mir sicher, dass die Personalauswahl in sämtlichen kommerziellen Studios wohl beinah willkürlich erfolgt.

Überall scheinen die Trainer gleichermaßen unwissend, nicht selten auch der eigenen körperliche Erscheinung wegen äußerst fragwürdig aufzutreten. Da werden unausgegorene Trainingspläne an Einsteiger verteilt, die tiefe Freundschaften zwischen dem Neukunden und dem örtlich ansässigen Orthopäden nähren. Die Zusammensetzung des Zirkeltrainings richtet sich weniger nach individueller Zielstellung als nach der Vorgabe, die man im vorherigen Probetraining ausgegeben hat – man will ja Gerätestau vermeiden! Oder der Plan kommt eben gleich von der Stange. Frauen werden in die Cardio-Ecke verbannt, Männer, die sich doch eigentlich wirklich was vorgenommen haben, zur Nutzung der Rentner-Gerätschaften genötigt, weil "Kreuzheben ja total schädlich für die Bandscheibe ist" (und auch niemand Lust hat und ausreichend Kompetenz besitzt, um die korrekte Übungsausführung zu vermitteln und zu überwachen). Die überzeugte Verbreitung nicht tot zu kriegender Mythen, wie "viele Wiederholungen dienen der Definition" oder "Eiweiß direkt nach dem Sport lagert der Körper als Fett ein" gehört selbstverständlich auch zum Programm. Ebenfalls ein Klassiker: Trainer, die stundenlang mit militärisch nichtssagendem Blick in einer Position verharren, die gesundheitsgefährdenden Übungsausführungen der Menschen um sie herum gekonnt ignorierend. Manchmal drängt sich einem der Verdacht auf, die miese Betreuung diene bewusst der Schaffung jener Kunden, die bekanntlich zu den primären wirtschaftlichen Trägern eines Studios gehören: die pflichtbewussten Beitragszahler, die nach wenigen, von keinerlei Erfolg gekrönten Ausflügen in die Welt des Sports von der Bildfläche verschwinden.

Ich stelle mir vor, wie demotiviert sich die Dame fühlen muss, die den überflüssigen Pfunden im Step Aerobic-Kurs zu Leibe rücken will und dann die ebenfalls mit unübersehbaren Figurproblemen kämpfende Trainerin in der Vorturner-Position erblickt: wie hilfreich kann das hier sein, muss sie sich fragen, wenn doch eine, die es mehrfach am Tag tut, noch nicht besser aussieht als ich? Ich denke auch mitleidig an einen Kommilitonen, der lange Zeit studiointern von einem Coach zum nächsten wechselte, immer wieder glaubend, diesmal an den lang ersehnten Guru geraten zu sein, jedes Mal andere, aber gleichermaßen unsinnige Tipps bekam, und schließlich das Handtuch warf. Und ich denke an viele andere, von denen ich knallhart behaupten würde, dass man sie abgezockt hat! In vielen Studios hat sich die Hierarchie in der Folge verschoben. Neulinge richten ihre Fragen lieber an Mitglieder, deren Optik auf tatsächliche Kompetenz schließen lässt. So reguliert sich eine Gesellschaft an Ende immer selbst – aber kann das gutgeheißen werden in einem Dienstleistungsunternehmen?

Natürlich – Eigeninitiative ist immer nützlich. "Wer dem Hungernden einen Fisch schenkt, der sättigt ihn für einen Tag. Wer ihn das Fischen lehrt, der sättigt ihn ein Leben lang", lautet eine alte Indianerweisheit. Und doch stellt sich die Frage, wie viel der zahlende Kunde verlangen darf. Wir könnten uns auch in mühevoller Kleinarbeit durch den überaus dichten Dschungel des deutschen Steuergesetzes quälen – oder die Arbeit einem Steuerberater überlassen. Für uns ist es bequem, und der Anbieter erhält seine Vergütung. Sollten die simplen Regeln des tertiären Wirtschaftssektors nicht auch im Fitnessstudio Anwendung finden? Das Mitglied zahlt, und es bekommt nicht nur den nackten Gerätepark, sondern ehrliche Zuwendung.

"…mit begeisternder Art und viel guter Laune Mitglieder motivieren…";
"… kommunikationsstarker Teamplayer und Loyalität zum Unternehmen";
"… Engagement, Flexibilität sowie Sportbegeisterung…"
– die bekannten Ketten bedienen sich auf der Suche nach neuem Personal schamlos an der Phrasenkiste. Wenn für Hausmeister und Trainer das gleiche Anforderungsprofil ausgerufen wird – was kann da schon erwartet werden?

Wie gut, dass das Phänomen ungeeigneten Service-Personals weitestgehend auf die Fitnessbranche beschränkt ist. Man stelle sich vor, unsere Kfz-Mechatroniker, Friseure oder Anlageberater wären ähnlich schlecht auf ihre beruflichen Anforderungen vorbereitet! Hier sind die Qualifikationen, welch Glück!, durch Ausbildungsrichtlinien, Qualitätsstandards und Meisterbriefe gesichert. Um eine Trainertätigkeit aufzunehmen, muss man im schlimmsten Fall eine im Wochenendkurs abgelegte B-Lizenz vorgelegt werden. Und diese wird von privaten Weiterbildungsinstituten, die im Zeitalter des Dogmas "lebenslanges Lernen" überall wie Pilze aus dem Boden schießen, angeboten. Würde das Klientel solcher Einrichtungen allzu hohe Durchfallquoten aufweisen, ließen sich Neukunden schwer akquirieren – der Worst Case der Privatwirtschaft! Zumal die Interessenten schon durch die Basic-Lizenzen und kleine Ergänzungskurse zu Ernährung, Group Introduction usw. schnell einige Tausender in die Kassen spülen. Entsprechend wird Umfang und Niveau quotengerecht gestaltet.

Es muss also wohl der Vorwurf angenommen werden, den sich auch Privatschulen und -universitäten immer gefallen lassen müssen: hier wird eher verkauft als wahres Wissen vermittelt.

Krafttraining, Diät und Aufbau, Bodybuilding, sind mit derartiger Komplexität verbunden, dass, auch das zeigt die Erfahrung, selbst studierte Mediziner hier an vielen Fragen scheitern (eine mit meiner Mutter befreundete Ärztin hat grade erst wieder die gute alte Null-Diät ausgepackt). Ab einem bestimmten Leistungsniveau reduziert sich die Zahl wirklich geeigneter Ansprechpartner deutschlandweit auf eine Handvoll Personen. Und niemand von denen verschenkt sein Wissen für lau. Wie könnten sie auch? Wissen ist Macht. Und Kapital. Es wurde hart erarbeitet und es sollte nicht unter Wert verkauft werden. Fachkraft bleibt Fachkraft.

Wir können nicht vom Discounter-Studio um die Ecke verlangen, dass es uns die absolute Elite der Trainergemeinschaft zur Verfügung stellt, und dass es jedem Kunden eine Rundumbetreuung gönnt. Die ist nämlich nicht für 16,90€ im Monat zu haben, sondern für das Zehnfache in der Stunde. Wer zu McDonald’s geht, wird auch nicht die Speisequalität eines 5-Sterne-Restaurants erwarten.

Und da ja auch in der Fitnessbranche, die bekanntlich von verschwindenden Gewinnspannen und harten Überlebenskämpfen gebeutelt wird, verstärkt auf Halbtagsjob und Aushilfskräfte auf 165- bis 400€-Basis gesetzt wird, müssen wir auch Verständnis aufbringen für die vielen, vielen Arbeitnehmer im Niedriglohnbereich. 5-Euro-Stundenlöhne und sonstige dürftige Arbeitsbedingungen, die gerade im Discountsektor jeder Branche zum "Erfolgskonzept" gehören, sind kein Anreiz, gute Arbeit zu verrichten.

Und selbst wenn sie es wollten: gegen die Problematik beratungsresistenter, allwissender Studiomitglieder wären sie ohnehin machtlos.

Natürlich mag ich nicht jedem Trainer Unfähigkeit, Demotivation und Fettleibigkeit unterstellen! Auch wenn ich in meiner noch jungen Trainingshistorie eher den Eindruck gewann, hier wären die weißen Schafe die Außenseiter unter den schwarzen, gibt es doch massenweise von ihnen (und sicher auch unter meinen Lesern), die einen erstklassigen Job verrichten, großes Engagement an den Tag legen, sich ständig weit über die betriebliche Erfordernis hinaus weiterbilden und Feingefühl im Umgang mit ihren Schützlingen beweisen. Auch als studentische Aushilfe. Auch als Minijobber. Einfach aus ehrlicher Begeisterung für den Sport.

Es fällt mir schwer, zu einem Resümee zu gelangen. Halte ich auf der einen Seite den unkontrollierten Einsatz ungeeigneten Personals in einer Dienstleistungssparte, die mit nichts weniger wichtigem handelt als mit dem Wohl und der Gesundheit ihrer Kunden, für äußerst bedenklich, so wehre ich mich auch gegen die derzeitige denkwürdige Entwicklung des Kaufverhaltens hin zu einer Mentalität, nach der herausragende Leistungen ohne entsprechende Zahlungsbereitschaft verlangt werden. Hier sollte in meinen Augen aber seitens der Studiobetreiber ein Mittelweg gefunden werden. Aldi muss keine Gourmet-Salami verkaufen, aber sie sollte doch unbedenklich und genießbar sein. Ein Fitnessstudio im niedrigen bis mittleren Preissegment muss keine deutschen Meister auf die Fläche schicken, aber es sollte doch möglich sein, unter der Masse tatsächlich sportverrückter junger Menschen solche zu finden, die verkörpern können, was den Trainerjob ausmacht. Und das impliziert auch ein selbstständiges Streben nach einer erweiterten Wissensbasis. Damit der Kunde wieder König wird.

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