Immer mehr Jugendliche greifen zu Anabolika, um ihre Muskeln zu stärken.
Doch hochdosiert schädigen die Präparate nicht nur Herz, Leber und Hoden:
Besonders die psychischen Folgen wurden bisher unterschätzt.[/b]
Marios Diamantis sitzt auf der Couch im Wohnzimmer der elterlichen Wohnung bei Hannover. Er streicht mit seinen Händen das blaue T-Shirt glatt, das über seinem Bauch spannt. Dabei bläst er die Atemluft mit kurzen Pfiffen durch die Lippen. Es hört sich an wie bei einem 80-Jährigen.
Dann beugt sich Diamantis nach vorn und schüttet eine Plastiktasche aus. Auf dem Glastisch liegen jetzt Apsomol N, Salbu Novolizer, Berotec N, Foradil - Mittel, die ihm helfen sollen, Luft zu bekommen. Dazu Tablettenschachteln mit Antidepressiva und Blutdrucksenkern.
Marios Diamantis, 25, hält sich selbst für ein körperliches Wrack. Er ist dick und ohne Antrieb, kann kaum mehr etwas mit seinem Leben anfangen. Das Schlimmste aber seien die Panikattacken, sagt er, das Gefühl, nicht mehr atmen zu können. Einatmen könne er zwar noch gut, doch dann "kommt es mir vor, als bliebe die Luft in meinem Körper stecken". Deshalb prustet er laut, um "alles wieder rauszupressen".
Der gebürtige Grieche kramt ein Foto hervor, das einen lachenden jungen Kerl in einem ärmellosen Hemd zeigt. Die kräftigen Arme sind weit auseinandergespreizt. "Das war ich vor vier Jahren", sagt Diamantis, "ich habe mich gefühlt wie ,Super Mario'." Discos, Mädchen, durchgemachte Nächte - es ist noch nicht lange her, da hat er alles mitgenommen, was ihm Spaß versprach.
Warum sein Körper so schnell zerfallen ist und was ihn kaputtgemacht hat, glaubt Diamantis genau zu wissen: Es waren die Anabolika. Als Teenager hatte er angefangen, sein Krafttraining mit Pillen zu optimieren. Bis sein Körper streikte. Die Probleme begannen unter der Gürtellinie. "Ich hatte Lust", sagt Diamantis, "aber der Penis wollte einfach nicht mehr." Es kamen die Atemprobleme dazu, das Herz raste - schließlich landete er in einer psychiatrischen Klinik.
Gut aussehen, Erfolg bei Frauen
Anabolika-Karrieren wie die von Marios Diamantis sind mittlerweile verbreitet in der Jugendszene. Es wird gespritzt und geschluckt, was der Markt hergibt. Und das Angebot ist fast grenzenlos geworden. Es gebe "Strukturen wie beim illegalen Drogenhandel", stellt das Robert-Koch-Institut in einer neuen Studie fest. Zudem sind über das Internet nahezu alle Starkmacher schnell, preiswert und anonym zu bekommen.
Seit Jahren führen die Bodybuilder die Liste mit den meisten Dopingfällen an. Die aufgepumpten Profis der Szene sind oft Vorbilder der Freizeit-Kraftathleten. Und die werden niemals getestet. Es gibt Studien, nach denen vier von zehn Sportlern in Fitnessstudios chemisch nachhelfen. Unter jungen Männern dürfte die Rate höher sein. Fachleute schätzen, dass rund 400.000 Deutsche schlucken oder spritzen, um gut auszusehen, um Erfolg bei Frauen zu haben - oder auch, um sich besser prügeln zu können.
Die gesundheitlichen Folgen können gravierend sein: Der Blutdruck steigt, Haare wachsen dort, wo sie nicht hingehören, die Hoden schrumpfen, die Aggressionen steigen. Nach einer gewissen Zeit können Anabolika-Konsumenten in depressive Phasen fallen.
Obwohl die Abhängigkeit zu einem Massenphänomen geworden sei, gebe es noch keine "abgestimmten Präventionsstrategien", klagt das Robert-Koch-Institut und fordert deshalb dringend Abhilfe: "Das kritische Bewusstsein gegen leistungssteigernde Mittel" müsse "in allen Bereichen des täglichen Lebens geweckt" werden.
Auch bei Diamantis fing die Abhängigkeit wie bei vielen Teenagern der McDonald's-Generation ganz harmlos an. Eines Tages vor sieben Jahren fand der junge Mann, er sei zu dick. Er ging ins Fitnessstudio, nahm auch schnell ab. Glücklich war der Freizeitsportler aber immer noch nicht, denn nun fühlte er sich "wie ein Hänfling" und bewunderte die Trainingskollegen, die wunderbar muskulös aussahen, irgendwie "übernatürlich".
Er begann mit Krafttraining, und es dauerte nicht lange, da nahm ihn ein Kumpel zur Seite und erzählte ihm, was noch hinter dem Muskelphänomen mancher Sportler stecke: Ohne Anabolika sei so etwas kaum machbar.
Gewaltige Muskeln wollte der damals 18-Jährige auch. Und der Erfolg war bald grandios. Noch eine Wirkung hatten die Steroide: Mit seinem neuen Körper gewann Marios Diamantis neue Freunde. Er gehörte zu einer Clique, die wie er dachte, die wie er trainierte, feierte und eben Dopingmittel schluckte. Das Leben war für ihn nun "ein einziger Kick".
Kraftsportler als Junkies
Der "Hormonschwung", sagt er, habe ihn in eine "Zauberwelt" geführt, die aus Training und Spaß, Muskeln und Mädels bestand. Er wusste nicht, dass er begann, Opfer der Kraftdrogen zu werden. Seine Kollegen rieten ihm, er solle sechs der sogenannten Thais pro Tag nehmen, gängige Anabolika-Pillen aus Asien. Diamantis nahm aber oft acht oder neun. Er konnte sich einfach nicht beherrschen.
Es ist in Deutschland kein Problem, sich mit Thais zu versorgen. Gehandelt werden sie in vielen Fitnessstudios, in denen junge Kraftsportler, Junkies ähnlich, ihre Abhängigkeit mit dem Dealen der Muskelmittel finanzieren. Es gibt regelrechte Netzwerke, die den Import nach Deutschland organisieren.
Im August vergangenen Jahres hebelte das Landeskriminalamt Berlin, Abteilung Organisierte Kriminalität, einen deutschpolnischen Ring aus. Der mutmaßliche Anführer der Bande soll der 30-jährige Bodybuilder Boris K. aus Berlin gewesen sein. Er war ins polnische Kielpino bei Danzig geflüchtet und betrieb offenbar von dort sein Geschäft. Mit Anabolika sind beeindruckende Gewinnspannen zu erzielen. Eine Packung, die in Russland oder China 35 Euro kostet, verkaufen die Dealer in Deutschland für 300 Euro weiter.
Viele Jugendliche versorgen sich zudem auf Urlaubsreisen. In Spanien, Griechenland, auf Zypern oder in der Türkei gibt es die Starkmacher in vielen Geschäften oder Apotheken. Zunehmend bieten auch obskure Internet-Versandhäuser Steroide und Wachstumshormon an, sie geben Tipps zum optimalen "Einspritzen" in den Muskel und werben mit "Discount für Großbestellungen". "Der illegale Handel blüht", klagt Wolfgang Schmitz vom Zollkriminalamt Köln. 2005 beschlagnahmten die Fahnder 500.000 Tabletten, die Zahl für 2006 liegt noch nicht vor, wird aber wahrscheinlich höher sein.
Die Einfuhr nichtzugelassener Anabolika nach Deutschland ist zwar verboten, doch im Wust der Päckchen hat das Zollkriminalamt kaum Chancen, den Geschäftsgang ernsthaft zu kontrollieren. Eine spezielle Gruppe des Zolls versucht nun mit Recherchen im Internet, Anbietern auf die Schliche zu kommen.



