Aufgepumpte Muskeln als Accessoire des Mannes
Von Claudia Ehrenstein 29. November 2008, 10:30 Uhr
Der Wunsch nach einem Traumkörper treibt viele Menschen nicht nur ins Fitness-Studio, sondern lässt sie auch häufig zu Dopingmitteln greifen. Immer mehr Freizeitsportler steigern ihre Leistung mit Medikamenten und riskieren schwere Spätschäden. Vor allem junge Männer sind gefährdet.
Asienspiele Bodybuilder
Foto: dpa
Muskelberge: Bodybuilder stehen häufig unter Verdacht, dass sie ihren Muskeln mit Medikamenten nachgeholfen haben
„Ich will ein breites Kreuz haben“, sagt ein Junge. „Die Mädchen stehen auf Muskeln“, sagt ein anderer. Ein dritter „will schön aussehen“, ein vierter fühlt sich nach dem Krafttraining „sicherer“. Der Wunsch nach einem gut geformten Körper, nach Attraktivität und Ausstrahlung treibt immer mehr Jugendliche ins Fitnessstudio. Wenn die mühsamen Muskelübungen dann aber nicht schnell genug zum Erfolg führen, helfen sie ungeniert mit Medikamenten nach.
Doping ist längst nicht mehr nur ein Phänomen des Spitzensports. Rund 200000 Freizeitsportler in Deutschland nehmen leistungsfördernde Substanzen, um ausdauernder, kräftiger oder konzentrierter zu sein. „Das ist kein Randgruppenphänomen“, warnt Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD). Sport soll gut tun und nicht krank machen. Mit der Kampagne „Muskeln auf Pump“ will sie auf das Dopingproblem aufmerksam machen. Eine Studie soll das Ausmaß des Medikamentenmissbrauchs im Freizeitsport jetzt aufdecken.
Da tut sich „ein großer Abgrund“ auf, sagt Carsten Boos, Facharzt für Orthopädische Chirurgie in St. Gallen in der Schweiz. Er hatte Ende der neunziger Jahre eine erste Studie zum Doping im Freizeitsport initiiert. In einem Fitnessstudio in Norddeutschland hatten 20 Prozent der Befragten erklärt, sie würden Medikamente einnehmen. Es sei „eine Form des organisierten Verbrechens“, wie Medikamente heute eingesetzt werden, so Boos. Vor allem junge Männer schlucken Anabolika, um wie ein Bodybuilder auszusehen: Das männliche Sexualhormon Testosteron oder andere , künstlich hergestellte Steroide, Wachstumshormone oder das Asthmamedikament Clenbuterol sollen den Aufbau ihrer Muskeln beschleunigen.
Muskeln werden zum Accessoire
Es geht dabei um Selbstbewusstsein, die Muskeln werden zum Accessoire. „Die Frau trägt Handtasche, der Mann hat einen aufgepumpten Bizeps oder Trizeps“, sagt der Berliner Rapper Seyfu. Im Alter von 15 Jahren hatte er selbst mit dem Bodybuilding angefangen. Er befolgte Trainingpläne, schluckte Eiweißpulver und Proteine und machte auch seine Erfahrungen mit Anabolika. „Die ganze Wahrnehmung ändert sich“, sagt Seyfu. Er erinnert sich an „gute Laune“, und weiß aber auch, wie aggressiv Testosteron machen kann.
Heute warnt Seyfu Jugendliche in seinen Songs vor den Gefahren des Dopings. Denn Anabolika können schwere Nebenwirkungen haben: Angefangen von Akne, hohem Blutdruck und verschlechterten Bluttfettwerten stoppen sie das Wachstum, führen zu Unfruchtbarkeit, Leberschäden und Herzmuskelerkrankungen, die oft erst Jahre später auftreten können. Schon Jugendliche wissen, was Anabolika sind, und sie kennen oft die Nebenwirkungen – bis zu den „Schwangerschaftsstreifen am Oberarm“, erklärt Michael Sauer von der Sporthochschule Köln. Er hat fast 1000 Mädchen und Jungen in Freizeiteinrichtungen und Schulen zum Thema Doping befragt. Erstaunlich sei, wie gut Mädchen sich mit Anabolika auskennen. Sie dopen nicht selbst, wissen aber genau, was ihre Freunde einnehmen, wie Steroide aussehen und wohin sie zum Beispiel gespritzt werden.
Den Anteil des Medikamentenmissbrauchs schätzt Sauer auf sieben bis zehn Prozent der Jugendlichen, die er befragt hat. „Das geht durch alle sozialen Schichten.“ Der erste Schritt zum Doping sind oft Nahrungsergänzungsmittel wie Eiweißpulver oder Magnesiumtabletten. Irgendwann ersetzt der Molkedrink das Frühstück. Im Umgang mit Anabolika haben die Jugendlichen dann kaum Scheu, stellt Sauer fest. Sie sind unbekümmert und in einem Alter, in dem die Bereitschaft zu experimentieren besonders groß ist – auch mit Medikamenten
"Verpflichtung zur Aufklärung“
Leistungssportler nehmen Dopingmittel aus Ehrgeiz und stehen dabei in der Regel unter ärztlicher Aufsicht. Die jugendlichen Freizeitsportler aber verlassen sich bei der Dosierung auf die Angaben illegaler Händler. Im Zweifel folgen sie der Devise „viel hilft viel“. Untersuchungen von Urinproben haben gezeigt, dass die Dosis bestimmter Wirkstoffe in manchen Fällen um das mehrere Hundertfache über den Grenzwerten für Leistungssportler liegen.
Sauer sieht sich daher in der Pflicht, die Jugendlichen besser über Doping zu informieren. Seit 2001 schon hält er Vorträge in Schulen und Freizeitzentren. Er warnt davor, es den Dealern zu überlassen, Informationen über Dopingmittel zu verbreiten, etwa im Internet. „Die Jugendlichen interessieren sich für ihre Gesundheit“, versichert er. Sie brauchten verlässliche Informationen über die Wirkung von Medikamenten und Dopingmitteln, aber auch über eine gesunde Ernährung.
Winfried Hermann, sportpolitischer Sprecher der Grünen im Bundestag, sieht die Politik in der „Verpflichtung zur Aufklärung“. Er fordert, die Strafbarkeit des Besitzes von Dopingmitteln deutlich zu verschärfen und Fitnessstudios intensiver zu kontrollieren. Denn: „Im Freizeitsport wird mehr gedopt als im Spitzensport“, zieht Hermann ein besorgtes Resümee.
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Eigentlich nichts neues, jedoch folgendes ist interessant:
Untersuchungen von Urinproben haben gezeigt, dass die Dosis bestimmter Wirkstoffe in manchen Fällen um das mehrere Hundertfache über den Grenzwerten für Leistungssportler liegen.
„Im Freizeitsport wird mehr gedopt als im Spitzensport“



