Generation Z Coaches

Die 20-10-Coaches

Leben bedeutet Veränderung – und auch wenn es möglicherweise nicht jedem Oldschool-Bodybuilder gefallen mag, so macht diese Regel auch vor seinem geliebten Sport keinen Halt: neue Athleten, neue Idole, neue Ernährungsweisen oder neue Trainingssysteme, ja allgemein neue Herangehensweisen, die geprägt sind vom Gedanken der wissenschaftlichen Optimierung. All das ist Teil einer neuen Generation von Trainierenden, aber eben auch (vermeintlichen?) Lenkern: den 20-10-Coaches.

Was ist ein 20-10-Coach?

Als 20-10-Coach möchte ich einen Menschen beschreiben, der sich in den 20ern seines Lebens befindet, den Sport selbst keine 10 Jahre absolviert, inzwischen aber bereits Kunden, bzw. Clients, wie diese Person sagen würde, im Tausch gegen Geld betreut. Oder ihnen zumindest Vorgaben schreibt, die der Client dann für die Maximierung des eigenen Erfolgs befolgen soll.
Der 20-10-Coach ist oftmals im echten Leben Student, hat vielleicht schon einmal Wettkampfluft geschnuppert, lauscht Aragon, Helms oder Schoenfeld, legt Wert auf seine evidenzbasierte Herangehensweise und hat ein gewisses Geltungsbedürfnis.
Er ist Teil einer Gruppe an jungen Menschen, die in den letzten Monaten zunehmend wie Pilze aus dem Boden zu schießen scheinen. Umso mehr man sich mit dieser Subkultur als Außenstehender auseinandersetzt, desto mehr Figuren scheinen Teil dieser neuesten Bewegung zu sein. Youtube war gestern. Coach sein ist heute!
Disclaimer:
Bevor ich als verhältnismäßig alter Sack, der den 40 näher als den 30 ist, an dieser Stelle meinen Gedanken weiteren Lauf lasse, ein kleiner Hinweis: Egal was im Folgenden kommen mag, es soll nicht als gehässiger Blick aus einem vermeintlich existierenden Elfenbeinturm missverstanden werden. 20-10-Coaches sind ein Teil der Veränderung und Veränderung hat eigentlich fast immer etwas Gutes, auch wenn es die Alteingesessenen aus ihren wohltemperierten und oftmals bequemen Situationen reißen kann.
Schauen wir uns also an, ob die oben herausgehobene Charakterisierung per se etwas Schlechtes sein muss und satteln das Pferd von hinten auf. Der Versuch eines neutralen Blicks.

Geltungsbedürfnis ist nicht Geltungssucht

Zunächst einmal sollte ein gesundes Geltungsbedürfnis nicht als negativ abgetan werden. Wir alle besitzen diese Eigenschaft mehr oder weniger stark ausgeprägt und vermutlich jeder Mensch, der sich einem größeren Publikum stellt, wird neben weiteren Faktoren auch durch diesen Punkt motiviert sein. Ohne ein gewisses Geltungsbedürfnis hätte ich vor inzwischen 12 Jahren wohl niemals begonnen, Artikel im Internet zu veröffentlichen. Man möchte Verändern, Vorantreiben, man investiert das Kostbarste, was jeder von uns neben seiner Gesundheit besitzt: seine Zeit.

Als Lohn dafür erhofft man dafür einen (virtuellen oder verbalen) Schulterklopfer, der einen selbst und die eigene Persönlichkeit wiederum stärkt. Geltungsbedürfnis sollte nicht (abwertend) mit Geltungssucht verwechselt werden. Wer zu schüchtern ist, wahrgenommen zu werden, wird nie etwas bewegen oder gar verändern.

Ob das Geltungsbedürfnis allerdings eine neue Stufe erreicht hat, indem der einst kostenlose bzw. nur indirekt finanzierte Youtuber nun direkt Geld verlangt, bzw. überzeugt ist, Geld für sein Wissen zu verdienen, will ich nicht entscheiden.

Bild: Frank-Holger Acker

Was heißt evidenzbasiert überhaupt?

Buzzwords oder einfach nur Schlagwörter sind kurze und prägnante Begriffe, die zum einen Aufmerksamkeit erzeugen sollen und zum anderen beim Rezipienten in der Regel auch sofort ein gewisses Bild im Kopf erzeugen. Man könnte zynisch behaupten, evidenzbasiert ist das neue vegan.

War im Rahmen der zunehmend verblassenden Fitness-Youtube-Bewegung kaum an einem Channel vorbei zu kommen, in dem der Betreiber sich nicht in irgendeiner Form (mehr oder weniger häufig) zum Thema veganer Ernährungsweise positionierte, lässt sich kein Client mehr vor dem Netflix-Bildschirm hervorlocken, der nicht eine evidenzbasierte Herangehensweise präsentiert bekommt.

Das im Fitnesssprachgebrauch genutzte Buzzword evidenzbasiert bezieht sich auf das Englische evidence-based. Im medizinischen Bereich ursprünglich zu Hause, beschreibt es eine Herangehensweise, bei der aktuelle Forschungsergebnisse abgewogen und für den konkreten Fall überprüft werden. Diese Fähigkeit erfordert zwei generelle Säulen: eine gewisse Wissensgrundlage und eine gewisse Erfahrung.

Ob die erste Säule bei jedem (20-10-)Coach gegeben ist, möchte ich bezweifeln. Wer vor wenigen Jahren noch die Schulbank gedrückt hatte, um sein Abitur zu machen, mag meinen die Welt mit all ihren Winkeln bereits zu kennen, tut aber in der Regel gut darin, ein paar grundlegende Dinge erst einmal zu erlernen.

Ob dies ein typischer Dunning-Kruger-Effekt ist, möchte ich nicht bewerten. Es ist zu verlockend, selbst diesem Effekt zu erliegen und sich selbst bei der Bewertung anderer auszublenden. Nennen wir es vielleicht lieber jugendlicher Übereifer, dem jeder in seinem Leben einmal erlag, wenn er später zurückblickt. Und vielleicht gibt es ja auch eine Reihe an Menschen in den 20ern, die bereits mehr Fachbücher gelesen haben, als meine beiden Hände Finger haben.

Was in jedem Fall aber fehlt, ist die Erfahrung. Das ist nicht despektierlich gemeint. Ganz im Gegenteil sollte man Erfahrung nicht als Privileg missverstehen. Es liegt nur einfach in der Natur der Sache, dass diese Zeit benötigt – in allen Lebensbereichen. Das führt sodann zum nächsten Punkt.

Wir alle waren Fans

Was ein 20-10-Coach als evidenzbasiert betitelt oder für evidenzbasiert hält, bekommt er von (genannten oder vielleicht auch anderen Personen) souffliert. Es kann immer nur Hören-Sagen-Erfahrung sein oder die Bewertung einer akzeptierten Autorität, da man selbst schlichtweg einen Lernprozess durchleben muss. Der Führerschein qualifiziert auch nicht zum Formel-1-Rennfahrer und die ersten Jahre wird man immer wieder neue Situationen durchleben, wenn man beständig dabeibleibt.

Also lernt man, was die eigenen Vorbilder einem präsentieren und wird dabei insbesondere in den Anfangstagen unkritisch mit dargebotenem Wissen umgehen. Nicht selten ist man selbst Coachee und präsentiert sich der Welt dennoch gleichzeitig als Coach.

Dabei sollte die Riege der überlebenden Alteingesessenen an dieser Stelle nicht hämisch lachen. Auch wir waren Fans. Was heute die genannten Protagonisten darstellen, waren für uns Ripptoe, DeFranco, Thibaudeau, Berardi, Poliquin und andere. Nur während wir noch Kumpels Trainingsratschläge gaben und uns im Kleinen ausprobierten, bietet das Internet heutzutage ungeahnte Möglichkeiten. Wären wir vor 15 Jahren anders gewesen, wenn wir Facebook, Youtube und Instagram gehabt hätten?

I once compete! Let me coach you!

Ob die zunehmende Verbreitung an Bodybuilding- und Powerliftingverbänden und -wettkämpfen damit in Verbindung steht, kann ich nicht beurteilen. Es mag aber sicherlich eine gewisse Form der Motivation sein. Wer einmal Wettkampfluft geschnuppert hat, wird oftmals immer wieder neue einatmen wollen. Das Wettkampffieber steckt insbesondere in jungen Jahren leicht an und möglicherweise vermag das beschriebene Geltungsbedürfnis beim ein oder anderen die Entscheidung, zum Coach zu werden, vorantreiben. Man möchte dieses Gefühl schlichtweg auch anderen ermöglichen.

Könnte man auch kostenlos in Foren oder anderen Medien? Eine nicht zu bestreitende Kritik. Aber muss ein Coach auch gleichzeitig ein (ehemaliger) Athlet sein? Eine schwierige Frage, zu der man verschiedenstes Positionen finden wird, die allesamt ihr Für und Wider besitzen.

Ich selbst vertrete die Ansicht, dass ein Coach nicht genetisch bevorteilt sein muss, aber den Weg an die eigenen Grenzen bereits selbst gegangen sein sollte, um Gefühle, Probleme und Veränderungen besser zu verstehen. Wer seinem Client die für ihn beste Option empfehlen möchte, hat zumindest einen blinden Fleck im Sichtfeld, wenn er selbst nie dort war, wo der Client hinmöchte.

Studieren bedeutet Kenntnisse erwerben...

...nicht diese bereits umfassend zu besitzen und oftmals ist diese Zeit von jugendlicher Ungeduld, Übermut und ein wenig zu viel Zeit geprägt. Ich selbst kann dies absolut nachvollziehen. Man kommt in eine Phase, in der man sich erstmals tatsächlich (mehr oder weniger) nur mit Dingen beschäftigen muss, die einen interessieren und eine neue Welt eröffnet sich einem. Vieles scheint so viel klarer durch die Brille, die die jeweilige Disziplin uns vermittelt, und wir meinen auf einmal alles zu verstehen. Andere müssen unsere Brillanz nur erkennen.

Mir selbst erging es zumindest im Studium so. Ich war heiß wie Frittenfett, saugte zu bestimmten Autoren alles auf, was ich in die Hände bekam, besuchte freiwillig zusätzliche Veranstaltungen, hielt Vorträge auf studentischen Kongressen und gründete ein studentisches peer-reviewed Magazin, das in abgewandelter Form auch lange nach meinem Ausscheiden bis heute existiert. Ich hielt mich für verdammt klug.

Bild: Frank-Holger Acker

Jahre später lernte ich, dass nicht nur meine Brille plausibel ist und die Welt je nach eingesetztem Glas anders gesehen werden kann. Ich lernte, dass Wissenschaft nicht Rechthaberei bedeutet, sondern vorantreibenden Diskurs. Eine Erkenntnis, die vielen Science-Huntern im Internet bis heute leider fehlt.

Der Zweitgutachter meiner Dissertation nahm auf gefühlt 90 % seines Gutachtens meine Arbeit nur so auseinander und zeigte Kritikpunkte auf... um am Ende ein magna cum laude darunter zu setzen. Das macht Wissenschaft aus. Bestehendes Kritisieren und Hinterfragen, um offen und konstruktiv darüber zu diskutieren und abzuwägen. Niemand kann alles wissen und so sehr man selbst Experte ist, wird es immer blinde Flecken oder bereichernde Sichtweisen geben.

Stattdessen aber werden Kratzer am präsentierten Meinungsbild oftmals als assassinenhafte Angriffe auf den Einzelnen selbst missverstanden und die eigenen Helden werden geschützt, als würde es das erste biblische Gebot verlangen.

Fraglich ist jedoch, bei wem all dies nur ein affairenartiger Lebensabschnitt oder eine dauerhafte Liebschaft werden wird. Es gibt keinen Markt für echte Coaches im Fitnessbereich. Die meisten, die sich als solche sehen, sind Pläneschreiber und im besten Fall Hinweisgeber. Coaching bedeutet nicht das Vorgeben von Lösungsmethoden, sondern das Beraten bei der Entwicklung eines eigenen Weges. Dies würde neben einer gewissen (Lebens-)Erfahrung aber vor allem den Einsatz von Zeit bedeuten. Insbesondere in einem komplexen Feld wie der Optimierung der eigenen körperlichen Zustände. Man sollte Nachhilfe geben nicht mit Sozialisieren verwechseln.

Eine zumindest optimierte Lösung wäre für den Großteil des aktuell bedienten Klientels nicht bezahlbar, so dass Coachings sich oftmals auf replizierende Vorgänge beschränken. Individuell bezahlte Gruppencoachings bei denen die Probanden keinen transparenten Überblick besitzen und oftmals voneinander nichts wissen.

Das ist keine generelle Kritik an einem existierenden Zustand, sondern der Hinweis darauf, dass das echte Leben in der Regel auf anderen Füßen stehen muss. Eine Kenntnis, die schon viele Studenten am Ende ihrer Studienzeit erwerben mussten. Man kann Coach für eine sehr, sehr überschaubare Zahl an Coachees sein. Eine ernsthafte Einnahmequelle kann dies jedoch nicht darstellen, wenn man nicht zum Pläneschreiber werden will.

Wenn Leben Veränderung bedeutet, verlangt es des lebenslangen Studierens

Welche Position habe ich also bezüglich der 20-10-Coaches-Generation? Generell heiße ich euch willkommen. Früher hätte man gesagt, man müsse sich erstmal seine Sporen verdienen. In der Generation Z scheint jedoch Platz für diese neue Form der Coaches zu sein.

Leben bedeutet Veränderung und ich werde nicht nur sehen, wohin uns all das bringt, sondern auch wer aus dem Alter des 20-10-Coaches herauswachsen wird. Schließlich sind nicht alle, die die letzten 20 Jahren auf der Bildfläche erschienen, heute verschwunden und am Tisch sollte immer noch mindestens ein Platz frei für jemand Neues sein.

Ein abschließender Rat dennoch: Wer immer nur in den gleichen Kreisen verkehrt und sich nicht offen mit gegensätzlichen Ansichten beschäftigt, wird für immer in einer Blase verbleiben. Und Blasen zerplatzen bekanntlich irgendwann. Mach was draus!

Hinweis: Der Autor dieses Artikels ist seit über 20 Jahren sportlich aktiv und bestritt erfolgreich Wettkämpfe unter anderem im Bodybuilding, KDK und Strongman. Für Team Andro hat er in den letzten fünf Jahren insgesamt 16 verschiedene und kostenlose Trainings- und Ernährungsprogramme konzipiert und betreut. Eine Übersicht findest du auf seiner Seite Become-fit.de.

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