Interview mit Michael „Waldviking“ Griesmeier

40 Jahre Bodybuilding: Training, Ernährung und Wettkampferfahrung

Nichts ahnend scrolle ich eines müden Dezember-Nachmittages durch meine Instagram-Vorschläge und stoße auf einen bärtigen Wikinger, der mit unhandlichen Baumstämmen im verschneiten Wald trainiert. Doch neben dicken Armen scheint der aus Berlin stammende Nordmann noch eine wirklich interessante Geschichte zu erzählen zu haben. Und während ich mich kurzerhand in der Hauptstadt an illustrem Ort in seinem Streifenwagen der Berliner Polizei mit ihm treffe, kommt heraus, dass der "Waldviking" gar kein so unbeschriebenes Blatt ist, wie ich Banause zu Anfang dachte...

Mit breitem Lächeln empfängt mich Michael Griesmeier und fast ansatzlos entspinnt sich ein Gespräch über seine fast vierzigjährige Erfahrung im Bodybuilding ...

40 Jahre Bodybuilding


Zunächst mal die unvermeidliche Frage aller Fragen: Wie bist du zu unserem geliebten Sport gekommen und was hat dich all die Jahre bei der Stange gehalten?

Also erstmal vielen Dank für dein und euer Interesse! Ich fühl mich wirklich geehrt, dass ich mein Wissen weitergeben darf. Alles fing damit an, dass ich im Alter von 14 Jahren von Älteren jämmerlich verprügelt worden bin. Von diesem Zeitpunkt an wollte ich aus meinem schmächtigen Körper einen starken Typen á la Sylvester Stallone machen. Zusätzlich trat ich noch in einen Boxclub ein - eine wunderbare Konstellation!

Wie hat sich dein Training im Laufe der Zeit dann geändert?

Ich muss sagen, dass ich mich bereits von Anfang an schon für Kraftsport-Literatur interessierte. Ich bin schon als Jugendlicher zur Stadtbibliothek und habe mein Training so strukturiert, wie ich es gelesen hatte. So habe ich auch gleich mit Grundübungen begonnen und bin schnell zu einem Split übergegangen.

Es gab in meiner damaligen Boxhalle einen Freihantelbereich, wo ich die schweren Übungen absolviert habe - zu Hause habe ich mich dann mit den leichteren beschäftigt. Zusätzlich bin ich im naheliegenden Park noch laufen gegangen. Rückblickend muss ich sagen: Der Sport hat mein Selbstbewusstsein richtiggehend gestählt!

Großartige Änderungen im Trainingsaufbau haben sich immer dann ergeben, wenn sich meine sportlichen Ziele geändert haben. Nimm zum Beispiel meine Wettkampfvorbereitung: Obwohl das nun über 30 Jahre her ist, weiß ich noch, wie hart insbesondere die letzten Tage waren. Nur noch schluckweise Wasser und keine Kohlenhydrate mehr. Direkt vor dem Wettkampf gab es dann trockenes Müsli. Es war schon echt hart.


Wenn ich aber darüber nachdenke, was mein Training am meisten beeinflusst hat, dann ist es das Körpergefühl. Klar habe ich immer versucht, von anderen oder aus Büchern zu lernen - aber das Hören auf den eigenen Körper hat mir am meisten geholfen. Damit meine ich jetzt nicht unbedingt das Spüren der Übungen, sondern vor allem die Belastungssteuerung. Wenn man sein "Maschinchen" nicht überlastet, dann hat man einerseits den größtmöglichen Erfolg und bleibt andererseits auch gesund.

Anpassungen des Körpers und Regeneration


Darauf würde ich gern etwas näher eingehen. Bodybuilding macht oft den äußerlichen Eindruck eines roboterhaften Nachtrainierens starrer Trainingspläne ohne großartigen Spielraum. Was denkst du darüber?

Klar muss man erstmal die Grundzüge des Sports z.B. aus Büchern oder durch Beobachten lernen. Aber man sollte auch schon früh ein Selbstvertrauen aufbauen, um das zu prüfen, was einem „Experten“ oder gewisse Zweige der Industrie als unabdingbar darzustellen versuchen. Mir sträuben sich die Nackenhaare, wenn ich mitbekomme, wie Anfängern gesagt wird, dass sie keine Fortschritte machen könnten, wenn sie nicht mindestens 200 Euro im Monat für Supplemente ausgeben würden.

Ich fasse das Bild um den Muskelaufbau viel langfristiger und komplexer. Die Muskulatur gewöhnt sich recht schnell an Belastung – aber da kommen Bänder, Sehen und Gelenke nicht mit. Diese müssen viel behutsamer an den neuen Widerstand herangeführt werden. Hier veranschlage ich Monate für eine gesunde und starke Anpassung!

Deswegen rate ich Leuten, die bei mir Hilfe suchen, sich Zeit zu lassen. Drei Monate leichtes und kontrolliertes Training (und zwar egal, bei welcher Sportart), gefolgt von drei Monaten mittelschweren Trainings. Erst nach diesen sechs Monaten rate ich zu punktuellen Höchstbelastungen, die auf einem stabilen Fundament beruhen. So habe ich es immer gehalten und damit Rekorde aufgestellt, oder Langzeitbelastungen gesund überstanden.

Was kannst du zum Thema Regeneration sagen?

Die hängt wirklich stark vom individuellen Lebenswandel ab. Da ich schon viele Ernährungsweisen und Sportarten leistungsmäßig betrieben habe, kann ich da über einen gewissen Vergleich verfügen. Ich nehme jetzt aber mal nur die Sparten heraus, wo ich oft dermaßen die momentane Leistungsgrenze überschreiten musste, dass der Wille die Kontrolle über den Körper übernommen hat. Da hat mir individuell der Veganismus am besten geholfen. Vegan habe ich deutlich schneller regeneriert. Und ich verzichte nicht ohne Grund auf Alkohol.

Außerdem scheue ich mich nicht vor mehrtägigen Pausen, wenn ich Überlastungssymptome verspüre: Trainingsunlust, oder beispielsweise Muskel- und Gelenkschmerzen. Erneutes Training wirft einen langfristig einfach zu weit zurück. Wer unbedingt was tun will, kann gerne im Wald spazieren gehen – mehr aber nicht. Der hauptsächliche Faktor ist Schlaf!

Ich würde gerne nochmal auf das Körpergefühl während des Trainings zurückkommen. Früher bin ich selbst sehr dogmatisch mit dem Thema Bewegungsumfang umgegangen: jede Bewegung von der vollen Dehnung in die absolute Kontraktion. Davon bin ich mittlerweile abgekommen: Mit meinen langen Armen gehe ich bei Dips nicht mehr so weit nach unten, habe mich vom Bankdrücken verabschiedet und sehe ein, dass ich kein Klimmzug-Weltmeister mehr werde. Wie stehst du zum Thema ROM/ Bewegungsumfang?

Hier spielt erneut das Körpergefühl eine Rolle. Ich habe beispielsweise sehr früh festgestellt, dass es sich für mich unnatürlich anfühlt, hinter dem Kopf zu drücken oder zu ziehen. Derlei Übungen haben mir wochenlange Schmerzen bereitet.

Also benutze ich nur die Übungen, die sich für mich und meinen Körper gut und natürlich anfühlen. Im leichten bis mittleren Belastungsbereich gehe ich auch über den vollen Bewegungsumfang, aber mit zunehmendem Widerstand verkürzt sich dann der Weg. Gerade bei Bizepscurls macht sich das bei mir sehr bemerkbar!

Wettkampferfahrung


Der Erfolg gibt dir dabei recht! Du hattest außerdem von Wettkämpfen gesprochen - an wie vielen hast du teilgenommen?

Insgesamt an habe ich dreimal die Bodybuilding-Bühne bestiegen. 1990 bin ich Dritter beim Schwarzwald-Cup geworden (bis 80 kg), eine Woche später Berliner Junioren-Meister in derselben Gewichtsklasse. Durch diesen Wettkampf habe ich mich für die Deutschen Meisterschaften in Frankfurt qualifiziert, wo ich mit dem fünften Platz von der Bühne ging.

Ich werde nie vergessen, wie der damalige Junior Günther Schlierkamp mit seiner unglaublichen Masse im Backstage-Bereich für den Schwergewichts-Wettkampf auf und ab ging! Als er vor das Publikum trat ist die Menge völlig ausgerastet und von den Sitzen gesprungen!

Irgendwie war das auch der Punkt, an dem ich merkte, wieviel Muskelmasse mir für den Sprung nach ganz oben fehlte. Für die Männerklassen war ich einfach nicht konkurrenzfähig. Zudem wusste ich um die Härte der sich ständig wiederholenden Wettkampf-Diäten. Ich dachte mir: Schuster, bleib bei deinen Leisten ...

Wie bist du mental mit der Enttäuschung umgegangen, im Bodybuilding nicht mit den Männerklassen konkurrenzfähig sein zu können? Warst du frustriert?

Einerseits hatte ich mit 20 Jahren auf 175 cm Körpergröße einen 45er Arm auf der Bühne, was ein super Erfolg ist. Andererseits konnte ich aber sehen, was die anderen Teilnehmer für ein Paket brachten – und ich sah schnell ein, dass dieses Vergleichen nach ganz oben nie aufhören würde und eben nur sehr speziell auf das Äußere bezogen war.

Ich kannte ja genug langjährige „erfolglose“ Teilnehmer, um zu wissen, wie abgestumpft und einseitig sie mit der Zeit geworden waren. Mir war klar, dass ich immer ungesündere Wege einschlagen müsste, nur um einem oberflächlichen Vergleich zu entsprechen. Ich wusste ebenfalls, wie zeitintensiv dieser Sport auf Leistungsniveau ist und wie egoistisch er manche Athleten werden lässt.

Also nahm ich diese Erkenntnis für mich mit und gründete zeitig eine Familie. Hobbymäßiges Bodybuilding blieb allerdings das Fundament meiner Gesundheit. Die ganze Sache hätte sicher aber anders ausgesehen, wenn es damals schon Natural-Wettkämpfe gegeben hätte.


Hin zum Veganismus und zurück


Hast du eine bestimmte Ernährungsweise befolgt?
Abgesehen von der Wettkampfvorbereitung mit der üblichen Reis-Pute-Kombi versuche ich, sehr intensiv auf meinen Körper zu hören. Mir ist bewusst geworden, dass vor allem Nahrungsmittel-Überfluss und extreme Verarbeitung des Essens auf Dauer schädlich für den menschlichen Körper sind. Mir kommt es gar nicht auf die Makronährstoff-Zusammensetzung an, sondern auf die Qualität der Lebensmittel.

Eine allgemeingültige Empfehlung für bestimmte Nährstoffe halte ich für unangebracht - wir Menschen sind viel zu verschieden für solche einfachen Schablonen. Mit meiner Vorgehensweise habe ich einen Weltrekord im 6-Stunden-Treppenlauf aufgestellt, 24-Stunden-Läufe überstanden und kiloweise Muskeln aufgebaut - das halte ich für empirischen Beweis genug.

Und das nur mal am Rande: Einige meiner Höchstleistungen habe ich vegan erzielt. Davon bin ich zwar auch wieder abgekommen, weil der Veganismus auch ein krasses Dogma ist, welches zu viel Streit und Unsachlichkeit geführt hat. Aber ich konnte immerhin erfahren, dass man sich mit nichts zu sehr verrücktmachen lassen muss.

Wie war der Übergang vom Veganismus zur Mischkost? Wie löst du ethische Probleme?

Ich bin 2009 aus ethischen Gründen zunächst Vegetarier, dann Veganer geworden. Zum Glück stellte ich für mich individuell fest, dass ich leistungsstärker wurde und besser schlief. Ich kann aber nicht abstreiten, dass ich während dieser Zeit Gelüste nach tierischer Nahrung hatte. Mir fehlten eine lecker gegrillte Thüringer Bratwurst und insbesondere Käse. Dennoch hielt ich über zwei Jahre stand, aber dann verlor ich die Lust auf meine stetigen innerlichen Kämpfe.

Ich war damals sehr engagiert in der veganen Szene, wurde sogar als deren Aushängeschild betrachtet. Ich war durch hitzige Diskussionen und den Kampf an vorderster ideologischer Front zu tief in ein Dogma geraten, hinter dem ich nicht mehr stand. Und am Schluss war mir meine Authentizität wichtiger, als die Vorbildfunktion für eine bestimmte Sache. Ich zog mich dann erstmal aus der Öffentlichkeit zurück und fühlte mich schlagartig befreit.

Mich packt das Gewissen ehrlicherweise aber auch jetzt noch, wenn ich ein Stück gegrillter Tierleiche esse, die ein anderer für mich getötet hat. Irgendwie wäre es mir lieber, ich hätte das Leben des anderen Wesens selbst beendet – aber so fühle ich mich als Teil einer degenerierten Wohlstandswelt. Aber während ich Fleisch esse, bin ich dann umso dankbarer für diesen Luxus! Dankbarkeit, Demut und die Akzeptanz der eigenen Schwächen sind meine Mittel, um durch diesen alltäglichen Wahnsinn zu gehen.

Hast du während deiner veganen Zeit besonders auf deine Eiweißzufuhr und die Nahrungsmittelzusammensetzung geachtet, wie es oft empfohlen wird?

Ich habe im Grunde das gegessen, was mir sinnvoll erschien und worauf ich Appetit verspürte. Anhaltender Erfolg hat mir selbst recht gegeben. Aber ich habe auch mit einem Hanfsamen-Proteinpulver ergänzt. Ich will es für die Thematik vegane Proteinzufuhr mal überspitzt ausdrücken: Wer seine Entscheidungen völlig an die verwissenschaftlichte Welt abgibt, wird für Kommerz anfällig und gefährdet sein eigenes Wohl.

Greifst du auf weitere Supplemente zurück?

Wenn du mich jetzt unbedingt auf ein Nahrungsergänzungsmittel festnageln willst, dann wähle ich Whey-Protein. Das nehme ich tatsächlich hin und wieder.

Gibt es für dich persönlich ein „Superfood“, dass du perfekt verträgst und jeden Tag essen könntest?

In lauwarmem Wasser aufgeweichte Haferflocken. Mein Körper zieht daraus irre Energie und das konnte ich damals auch täglich essen.

Das Verhältnis zum Training


Hattest du jemals Phasen, in denen du absolut keine Lust auf Training hattest?

Natürlich! Teilweise habe ich monatelang keinen Sport gemacht. Ich lasse nicht zu, dass der Sport mein Leben diktiert. Wenn es passt, dann ist er ein schöner und wichtiger Teil meines Lebens. Aber nie mein wichtigster!

Was bedeutet dir Training mental?

Ich habe für mich festgestellt, dass Glück ein Gefühl ist. Schweres Training, Bodybuilding, Laufen oder Trekking geben mir dieses gute Gefühl, dass mich glücklich sein lässt. Unser Körper ist für die Bewegung und Widerstand geschaffen, deshalb halte ich das Training für essenziell wichtig auf dem Weg zum Glück.

Was würdest du deinem 20-jährigen Ich aus heutiger Sicht empfehlen?

Nichts - denn ich habe in Endkonsequenz immer auf meinen Körper gehört und mein Körpergefühl höher bewertet, als das, was mir vermeintlich „bessere“ Sportler oder die Hochglanz-Werbung versprochen haben.

Gab es bestimmte Studios, die für dich einen besonderen Stellenwert haben?

Meine erste Trainingsstätte war zugegebenermaßen das elterliche Klo. Nur dort hatte ich Ruhe vor meinem Bruder, mit dem ich mir ein Kinderzimmer geteilt habe. Dann war da noch die Bruno-Gehrke-Boxhalle in Berlin-Spandau, wo ich zumindest ein paar Gewichte vorfand. Mein erstes echtes Bodybuilding-Studio besucht ich dann mit 18 Jahren. Dort trainierten dann auch sehr viele gute Wettkampf-Athleten, wie z.B. Willi Jasinowski. Diese Typen brachten mich dann auch auf die Bühne!

Durftest du bekannte Persönlichkeiten aus dem Bodybuilding mal näher kennenlernen?

Das hat sich leider nie ergeben, da ich immer sehr darauf bedacht war, für mich allein zu trainieren. Ich habe mich zwar von guten Leuten inspirieren lassen (hauptsächlich Gary Strydom und Berry de Mey), aber direkte Vorbilder hatte ich nicht.

In dem Zusammenhang muss ich noch sagen, dass ich mich damals extra bei Team Andro angemeldet habe, um die Videos über Tim Budesheim sehen zu können. Das ist ein klasse Kerl!

Du hast ja selbst des Öfteren in der Öffentlichkeit gestanden und dein Weg hat dich so einiges erleben lassen. Wie hilft dir Bodybuilding bei deinen aktuellen Projekten?

Derzeit mache ich viel auf Instagram (Profil Waldviking) und baue meine Philosophie des „Modern Viking“ aus. Der Sport hilft mir dabei, auch im jetzigen Alter noch eine hohe Vitalität und Stärke aufrechtzuerhalten. Meine körperliche Kraft transferiere ich dabei eher ins Geistige – ohne damit zum „Greta-Öko-Hipster“ werden zu wollen.

Ich treibe die Philosophie voran, aus persönlicher Stärke Unabhängigkeit und Freiheit von den Zwängen unserer „degenerierten“ Gesellschaft zu erlangen und wieder mehr zurück zu den menschlichen Wurzeln zu kommen.

Aber ich sehe das auch nicht so dogmatisch – in den Wald geht’s mit dem 21 Jahre alten Jeep und ich bin auch dankbar für meine Zentralheizung.

Danke für die Einblicke und weiterhin gutes Gelingen auf deiner Reise!

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