Schön wär’s ja gewesen

5 Mythen, die wir gern geglaubt hätten

Eines vorweg: Wenn du Kraftsportler mit Dekaden an Erfahrungen bist und vom Tripple-Bodyweight-Deadlift bis zum Sub-5%-Körperfettanteil schon alles erreicht hast, wirst du aus dem folgenden Artikel keinen Mehrwert gewinnen können. Aber glaub es oder nicht: Du repräsentierst nicht den Bevölkerungsquerschnitt. Da draußen gibt es immer noch ungleich mehr Anfänger und ewige Anfänger als Profis - und für die lohnt es sich immer wieder, Aufklärungsarbeit zu betreiben. Hier soll es um Mythen rund um Kraftsport, Ernährung und Abnehmen geben, die nicht tot zu kriegen sind.

Und ich weiß, dass das Internet von Beiträgen dieser Art überschwemmt ist. Lohnt es sich denn wirklich, den hundertsten Aufguss zu fabrizieren? Ich behaupte: Ja. Auffällig ist nämlich, dass viele Artikel ihre Leser verhätscheln. Autoren greifen sich gern (angeblich weit verbreitete) pessimistische Sichtweisen heraus und widerlegen diese in einem „Alles nicht so wild!“-Tonfall. Was sollte man auch sonst tun auf einem Feelgood-„Leifsteil“-Blog, dem es einfach nur um Klicks und Conversions geht, und erst an zweiter Stelle die Wahrheit?

Meiner Erfahrung nach ist es nämlich in der Praxis genau umgekehrt: Einsteiger, aber auch Studiogänger mit mehr Erfahrung, reden sich die Realität gern schöner, als sie ist. Das Festklammern an Halbwissen, das auf unser Wohlgefallen stößt und deswegen bloß nicht hinterfragt werden sollte, ist eine klassische Fortschrittsbremse.

Hier soll es also darum gehen, jene Mythen zu widerlegen, die wir gern geglaubt hätten. Die Wahrheit tut bisweilen weh, aber sie kann verhindern, dass wir uns passiv auf äußere Umstände verlassen, Entwicklungen falsch einschätzen und vor allem immer wieder lahme Ausreden bemühen.

#Mythos 1: Muskeln sind schwerer als Fett


...daher kommt es nach der Aufnahme eines diätbegleitenden Trainings häufig erstmal zur Gewichtszunahme.

Mythos im Detail:
Das ist mein absoluter Favorit und, möchte ich behaupten, auch eine der verbreitetsten und gleichzeitig fatalsten Irrtümer überhaupt.

Viele Personen auf Diät begleiten ihre Abnehmbemühungen durch ein (Kraft-)Training, häufig stellt dieses die erste sportliche Betätigung überhaupt oder seit der Kindheit dar. So weit so lobenswert. Nun läuft die Abnahme häufig nicht wie gewünscht. Im Gegenteil bewegt sich die Waage oft in die falsche Richtung: Nach oben. Kein Grund zur Sorge, heißt es dann oft, ich baue durch das Training ja auch Muskeln auf. Und die sind bekanntlich schwerer als Fett. Machen wir also erstmal so weiter wie bisher.

Foto: Andreas Volmari

Ich habe Sprüche dieser Art sogar schon von Personen gehört, die ihre Diät durch Joggen oder gar Walken aufzupeppen versuchten, und zwar in Volumen der Größenordnung zwei Mal 20 Minuten pro Woche. Selbst diese Menschen schoben ungewollte Zunahmen auf den vermeintlichen Aufbau massiver Beinmuskulatur.

Das sind die Folgen:
Der Diätfortschritt wird zwar beobachtet, aber unerwünschte Entwicklungen nicht als Hinweis auf ein fehlerhaftes Vorgehen verstanden. Gegenmaßnahmen werden nicht eingeleitet, der Diätplan nicht überarbeitet.

Was eigentlich wahr ist:
Muskelmasse hat tatsächlich eine höhere Dichte als Fett. Ein Kubikzentimeter Muskelgewebe wiegt 1,05 Gramm, ein Kubikzentimeter Fettgewebe 0,94 Gramm. Das entspricht einem Unterschied von 12 Prozent.

Diese Tatsache als Mythos darzustellen, ist also eine sprachliche Ungenauigkeit meinerseits. Falsch (zumindest in den weitaus meisten Fällen) ist eben die Annahme, ungewollte Zunahmen in der Diät seien immer allein auf Muskelwachstum zurückzuführen.

Ich will hier noch nicht einmal darauf hinaus, dass gleichzeitiger Muskelaufbau und Fettabbau aufgrund des Energiebilanz-Gesetzes gar nicht funktioniert - das soll es dem aktuellen Forschungsstand zufolge nämlich doch und insbesondere bei völligen Anfängern. Einen älteren Artikel zu der Thematik, wie man während einer Diät Muskeln aufbaut, habe ich euch verlinkt.

Ich möchte nur behaupten, dass die Dichteunterschiede zwischen beiden Gewebsarten so marginal sind, dass sich schnelle Zunahmen von mehreren Kilo bei 99 Prozent der Studiogängern nicht begründen lassen. Hierzu müssten wir uns in Bereichen aufhalten, in denen schwere Gewichte im hochintensiven Training bewegt werden, in denen wirklich kiloweise Glutes, massive Lats und dicke Bizepse aufgebaut werden. Das komplette Kontrastprogramm zu dem, was der typische Diätende zu Beginn seiner Fitnessstudio-Karriere leistet.

Zunahmen zu Diätbeginn sind wohl eher auf folgende Ursachen zurückzuführen:
  • Der Kalorienverbrauch beim Krafttraining wird maßlos überschätzt. Stundenlanges gemütliches Verweilen im Studio wird mit stundenlangem Hochverbrennungsmodus gleichgesetzt.
  • Fitnesstracker, die den Kalorienverbrauch meiner Erfahrung nach meistens zu großzügig berechnen, leisten hier einen Beitrag zum Verlaufen in die falsche Richtung. Einen ausführlichen Bericht zu einer 12-wöchigen Diät mit einem Fitbit-Gerät sowie möglichen Gründen, warum ein entsprechender Tracker falsche Werte anzeigt, findet ihr ebenfalls unter den Verlinkungen.
  • Das Training fällt so und so sehr regelmäßig gleich ganz aus. Aus Gründen.
  • Die Kalorienaufnahme wird zu hoch angesetzt.
  • Die Diät wird nicht konsequent durchgezogen. „Gelegentliche Belohnungen“ arten in großer Regelmäßigkeit aus oder das Wochenende wird von Anfang an Diät-Auszeit geplant - entspricht aber leider schon 28 Prozent der gesamten Woche.
  • Es gibt gar keinen festen Ernährungsplan, sondern nur diffuse Vorsätze „von mehr Salat und weniger Kohlenhydraten“. Die betroffene Person ist unerfahren und schätzt Mengen und Energiedichte sehr falsch ein. Getränke und Bratfett werden nicht berücksichtigt.
Übrigens besteht tatsächlich ein nennenswerter Unterschied zwischen der Verteilung und optischen Erscheinung von Muskel- und Fettgewebe.

Während sich Körperfett „flauschig“ und mit Tendenz zu lokaler Konzentration - je nach Veranlagung typischerweise Bauch oder Oberschenkel und Hüftregion - am Körper festsetzt, sorgt Muskelmasse für einen „leanen“ Look.

Die Fokussierung auf die Waage und die Ursachenforschung hinter jedem Kilo mehr oder weniger ist also ohnehin nicht anzuraten. Maßband, Spiegel, Kamera, Passform der Jeans, Rückmeldung vom Umfeld und das eigene Wohlbefinden sind im Zweifel die besseren Indikatoren, an denen der Diätfortschritt gemessen werden kann.

#Mythos 2: Muskeln verbrennen besonders viele Kalorien


Wer Muskeln aufbaut, kann also so richtig zulangen.

Mythos im Detail:
Angeblich verbrauchen Muskeln auch im Ruhezustand sehr viele Kalorien, Tag für Tag. Die Durchblutung, Nährstoffversorgung und gegebenenfalls Reparatur kostet den Körper einiges. Wer also viele Muskeln aufbaut, kann hemmungslos(er) schlemmen.

Wer halbwegs sportlich aussieht, bekommt diese Aussage im Bekanntenkreis früher oder später zu hören, häufig begleitet von einem „Du kennst ja auch essen, was du willst, ich muss nur an Kuchen denken und nehme schon zu …“. Vielleicht glaubst du auch selbst an den Mythos und heißt ihn sehr willkommen, nutzt ihn vielleicht sogar als - wenn auch nicht als alleinige - Motivation zum Krafttraining.

Übrigens nutzen auch diverse Zeitschriften, Onlinemagazine, Blogs und die Berichterstattung in Nachmittagssendungen auf den öffentlich-rechtlichen Sendern die Story vom Kalorienfresser Muskelmasse, um alle Menschen zum Krafttraining zu animieren. Auch wenn du eigentlich so gar keine Lust auf die Muckibude hast und nur ein paar Pfunde abnehmen willst: Bau Muskeln auf, ändere deine Körperkomposition, wirf deine dauerhafte Verbrennungsmaschine an!

Das sind die Folgen:
Menschen, die Kraftsport betreiben, selbst auf Anfängerniveau, dichten sich selbst einen besonders hohen Grundumsatz an.

Das Umfeld nimmt schnell an, muskulös aussehende Menschen hätten es leichter mit der Ernährung, da ihnen ein deutlich höheres Kalorienbudget zur Verfügung steht.

Positive Folge: Wurde lange Zeit Ausdauersport als einzige diättaugliche Bewegungsform propagiert, integrieren immer mehr Abnehmwillige Kraftsport in ihre Routine (wenn auch leider nicht allzuoft in einer Form gestaltet, die tatsächliches Muskelaufbaupotenzial beinhalten würde).

Foto: Thomas Koch

Was eigentlich wahr ist:
Jeder weiß, dass der Körper in der Diät nur allzu schnell die hart erworbene Muskulatur abbaut. Sie stellt also schon irgendwie schon so eine Art Luxusgut dar, das in Notzeiten als erstes über Bord geworfen wird. Daraus mag sich schnell der Eindruck ergeben, Muskeln seien für den Körper aufwendig zu unterhalten, sprich sie zapften einen beträchtlichen Anteil der aus der Nahrung zugeführten Energie ab.

Tatsächlich verbraucht ein Kilogramm Skelettmuskulatur im Ruhezustand ca. 12 Kalorien pro Tag. 12! Zum Vergleich: Ein Kilogramm Herz beansprucht 340 kcal, ein Kilo Niere etwa 330 kcal. Schon klar, weder unser Herz noch unsere Nieren bringen auch nur annähernd ein Kilo auf die Waage. Das Gehirn des Durchschnittsmenschen wiegt aber durchaus rund anderthalb Kilo, bei 220 kcal/kg Gehirn-Gewebe fließen also täglich mehr als 300 Kalorien in den Hirnstoffwechsel.

Diese 12 Kalorien sind im Vergleich ein ziemlich niedlicher Mehrverbrauch. Und von den 30, 50 oder gar 100 Kalorien, von denen man häufig liest (und die ein Resultat von falsch verstandenen und/oder schlecht designten Studien sind), sind sie meilenweit entfernt.

Und ein Kilogramm Muskeln will erstmal aufgebaut werden - kein einfaches Unterfangen, erstrecht nicht in der Diät, im Kaloriendefizit, bei laschem „Krafttraining“, oder bei Frauen.

Zugegeben: Grade für männliche Kraftsportler ist es über Jahre sauberer, harter Arbeit hinweg durchaus realistisch, von einem Anfängerniveau aus zwischen 10 und 20 Kilogramm Muskulatur aufzubauen (Beispiel: Startgewicht von 65 kg, perspektivisch 80 bis 82 kg bei weiterhin guter Form mit sichtbarem Sixpack und Bizepsader). Hier erreicht der Zugewinn aus Kalorienverbrauch in der Ruhe Dimensionen von etwas über 100 Kalorien am Tag. Nennenswert, aber auch noch lange kein Freifahrtschein zum Schlemmen. Interessant wird der Verbrauch natürlich bei Bodybuildern der Super-Schwergewichtsklassen, die 30, 40, 50 Kilogramm mehr Muskulatur mit sich herumschleppen als der Normalbürger. In diesen Fällen gerät der Stoffwechsel aber so und so aus anderen Gründen, die sich am Rande der Legalität und Ethik bewegen, außer Rand und Band.

Trauen wir dem typischen Studiomitglied mit einem vom Fitnesstrainer mit B-Lizenz ausgestellten Maschinentrainingsplan, das sich nach dem „ich will ein bisschen was am Bauch loswerden“-Prinzip ernährt, einen Muskelzugewinn von 1 bis 2 Kilogramm zu. Bei einem völligen Anfänger sollte das wohl auch beim schlechtesten Training so geschehen. Hierdurch werden also täglich 12 bis 24 Kalorien mehr verbrannt. Alternativ ließe sich dies auch durch den Verzicht auf den Schuss Milch im Kaffee oder die Anschaffung einer hochwertigen Bratpfanne, die das Braten ohne oder mit reduzierter Ölmenge ermöglicht, erreichen. Muskelaufbautraining mit der Motivation zum höheren Ruheenergieumsatz führt aber zwangsläufig zu Enttäuschungen.

#Mythos 3: Beintraining regt die Produktion von Wachstumshormonen an


Das stimuliert auch Kraftaufbau und Muskelwachstum im Oberkörper.

Mythos im Detail:
Obgleich der typische „Diskopumper“ nach meinem Empfinden zu einer aussterbenden, zumindest aber rückläufigen Gattung in den deutschen Fitnessstudios geworden ist, umschiffen immer noch viele Trainierende das anstrengende Beintraining völlig. Weil sie „schon Fußball spielen“ (der Klassiker aller Klassiker!) oder weil sie schlichtweg nur interessiert, oben ohne gut auszusehen. Die Anhänger des Ganzkörpertrainings und der schweren Kniebeuge stehen ungläubig den Kopf schüttelnd daneben. „Du kannst doch nicht auf schweres Beintraining verzichten!“, sagen sie, denn es regt deine Wachstumshormonproduktion an. Wenn dich schon die Aussicht auf massive Oberschenkel motiviert, dann bedenke, dass Kniebeuge auch deinen Bizeps wachsen lassen.

Dabei wird quasi nie genauer spezifiziert, ob die zusätzliche Hormonproduktion nur während des Trainings oder auch langfristig geschieht, geschweige denn um welche Hormone es sich hier überhaupt handelt und in welchem Ausmaß ihre Ausschüttung zunimmt.

Das sind die Folgen:
Dieser Mythos passt zugegeben nicht so ganz in den Artikel, denn eigentlich ging es mir ja vor allem Irrtümer, die zu einer bequemeren Haltung führen. Die Annahme, schwere Squats oder Deadlifts würden auch zu einem besseren Muskelwachstum im Oberkörper führen, verführt im Kontrast auch gemütlichere Zeitgenossen, eine etwas härtere Gangart im Training einzuschalten. Seien wir ehrlich: Beintraining ist im wahrsten Sinne des Wortes zum Kotzen. Wer sich, aus welchen Motiven auch immer, hierzu entscheidet, macht sich das Leben eigentlich nicht leichter.

Andererseits handelt es sich hierbei wieder um eine Theorie, die zu unangebrachtem Optimismus führt. Trainierende legen große Hoffnungen in das Training ihrer Beine und erwarten, Trainingsplateaus am Latissimus oder schwache Schultern ließen sich durch die Beinpresse überwinden.

Was eigentlich wahr ist:
Tatsächlich wurde ein Nachweis von verstärktem Muskelwachstum am Oberkörper durch Beintraining bislang nicht erbracht.

Am interessantesten ist in diesem Zusammenhang noch eine auch auf Team Andro bereits thematisierte dänische Studie , bei der 16 junge Männer über 9 Wochen hinweg jeweils nur einen Arm trainierten. Eine Gruppe beschränkte sich dabei auf das Armtraining, die Kontrollgruppe führte zusätzlich nach dem Arm- ein Beintraining durch. Betrachtet wurden die Kraftentwicklung und die Hormone Testosteron, hGH, IGF-1 und Cortisol.

Nach Ablauf des Trainingszyklus hatten alle Teilnehmer die Kraft sowohl im trainierten als auch im untrainierten Arm gesteigert. Die Zuwächse in der Kontrollgruppe fielen etwas höher aus - hier war aber auch das Ausgangsniveau niedriger gewesen. Durch das Beintraining wurde zudem eine verstärkte Testosteronausschüttung ausgelöst (allerdings auch eine verstärkte Ausschüttung des katabolen Hormons Cortisol) und der Wachstumshormonspiegel während des Trainings stieg in der Kontrollgruppe stärker an als in der Gruppe derer, die nur ihren Arm trainierten. Diese Hormonausschüttungen hatten sich allerdings vom ersten bis zum letzten Training deutlich reduziert, es scheint also einen Gewöhnungseffekt zu geben. Im Ruhezustand wurde kein Unterschied zwischen den Hormonhaushalten beider Gruppen festgestellt.

Foto: Andreas Volmari

Viel Nutzen können wir aus dieser gelinde gesagt mangelhaft gestalteten Studie sowieso nicht ziehen. Zum einen handelte es sich bei den Probanden um Anfänger, deren Entwicklungen sich nicht auf dich übertragen lassen, solltest du schon jahrelang am Ball sein. Zweitens wurden unglücklicherweise zwei Kontrollgruppen mit anfänglich recht großen Leistungsunterschieden ausgewählt. Drittens wurde die Kraftentwicklung, nicht aber der Muskelaufbau, der den ja den Bodybuilder vordergründig interessiert, untersucht. Und viertens: Wer trainiert eigentlich die Beine nach den Armen?

Ansonsten gibt es keine Untersuchungen, die einen verbesserten Muskelaufbau an Rücken, Armen und Schultern durch (schweres) Beintraining nachweisen könnten. Einige Studien zeigen durchaus erhöhten Testosteronausstoß oder einen höheren Wachstumshormonspiegel durch Beintraining, andere wieder nicht und manche weisen die gleichen Effekte zum Beispiel nach Sprint- oder HIIT-Training oder eben auch durch das Oberkörpertraining selbst nach. Und selbst wenn: Vielleicht hat der Hormonspiegel so und so gar keine nennenswerten Auswirkungen auf das Muskelwachstum.

Ich könnte es nicht treffender formulieren als es ein User hier im Andro-Forum eins tat: In kaum einem Thema ist so viel Broscience allgegenwärtig wie in diesem. Es ist ja auch emotional. Hier trifft die Hardcore-Fraktion auf die Boardshorts-Träger.

Aber genauso, wie aus der Tatsache, dass Muskeln keine nennenswerten Kalorien verbrennen, nicht geschlossen werden sollte, dass Krafttraining in der Diät unnütz ist, sollte der geringe hormonelle Einfluss des Beintrainings nicht zum Verzicht auf tolle Übungen wie Kniebeugen führen. Squats sind doch einfach geil! Kreuzheben natürlich auch. Sie machen dich zu einem besseren Sportler. Sie härten dich mental ab. Sie verdienen deine Zeit und Leidenschaft.

#Mythos 4: Viele kleine Mahlzeiten in der Diät sind besser als wenige große


Mythos im Detail:
Wer abnehmen möchte, solle dem Mythos zufolge mehrere kleine Mahlzeiten über den Tag verteilt zu sich nehmen, anstatt sich auf die drei Hauptmahlzeiten zu beschränken. Begründet wird dieses Vorgehen zumeist mit einer nicht näher geklärten „Anregung des Stoffwechsels durch regelmäßiges Essen“ sowie, häufiger, durch die Prävention von Heißhungerattacken, in dem das Aufkommen von Hunger völlig unterbunden wird.

Das sind die Folgen:
Menschen auf Diät führen permanent Nahrung zu, was sich auf den Fettstoffwechsel entgegen der oben genannten Aussage sogar hemmend auswirkt. Noch schwerwiegender sind Zwischenmahlzeiten, wenn diese nicht geplant, gewogen und getrackt werden. Häufig entarten „kleine Snacks“ dann zu fast vollwertigen Mahlzeiten mit entsprechendem Energiegehalt.
Unangemessen genussvolles Leben während der Diät wird hier sorglos gerechtfertigt.

Was eigentlich wahr ist:
Die Idee, Diäten durch ständiges Essen effektiver und erträglicher zu gestalten, ist aus mehreren Gründen kontraproduktiv.

Das wohl wichtigste Gegenargument liegt in der Beeinflussung des Fettstoffwechsels durch Insulinausschüttungen. Insulin fördert die Umwandlung von Fettsäuren in ihre Speicherform und deren Ablage und hemmt gleichzeitig den Fettabbau. Wer seine Fettverbrennung in der Diät dauerhaft hoch halten will, tut sich mit vielen kleinen Mahlzeiten, die immer wieder zum Ansteigen des Insulinspiegels führen, keinen Gefallen (und übrigens lösen nicht nur Kohlenhydrate, sondern auch, wenn auch in geringerem Maße, Proteine Insulinausschüttungen aus).

Zudem entscheidet am Ende des Tages bekanntlich immer noch der Energieerhaltungssatz über Erfolg oder Misserfolg einer Diät. Wer mehr Kalorien zuführt, als er verbraucht, wird auch nicht abnehmen - Frequenz und Verteilung der Energie sind dabei (beinah) irrelevant. Simples Rechenbeispiel:

Ursprünglich wurde ein Frühstück von 450 kcal, ein Mittag von 650 kcal und ein Abendbrot von 500 kcal geplant - 1.600 kcal in Summe. Jetzt werden die Hauptmahlzeiten in dem Bestreben nach regelmäßigerer Nahrungszufuhr auf jeweils 400 kcal reduziert und durch ein zweites kleineres Frühstück, zwei Nachmittags- und einen Nacht-Snack von jeweils 150 kcal ergänzt. Daraus ergeben sich auf einmal 1.800 kcal. Und diese zusätzlichen 200 Kalorien als Folge gut gemeinter Umstrukturierung könnten – Achtung, Wortwitz! – das Zünglein an der Waage bedeuten. Wer jetzt auf Dinge wie die Thermogenese und höhere Stoffwechselrate durch mehr Mahlzeiten pocht verlässt sich auf etwas, das entweder gar nicht existiert oder so bescheiden ausfällt, dass es gewiss nicht mehrere hundert Kalorien verschmerzen lässt.

Und dann ist da noch das Argument mit dem Heißhunger.
Jetzt wird es psychologisch. Schwierig!
Vielleicht sollten wir uns darauf einigen, dass eine Diät nun einmal mit Entbehrungen verbunden ist. Umso größer ist doch die Freude über das Gelingen und um jedes Mal, in dem wir uns selbst bezwungen haben. Und mit jedem Mal wird es auch einfacher. Wenn der Heißhunger kommt: Akzeptiere, dass er einfach dazu gehört. Lenke dich ab, geh an die frische Luft, putz dir die Zähne, höre dein Lieblingslied, trinke einen Früchtetee oder schwarzen Kaffee, Gegenmittel gibt es weiß Gott genug.

Und irgendwann sind Kopf und Körper so resettet, dass es gar nicht mehr zu Gelüsten kommt - darum sollte es nämlich auch gehen in einer Diät. Viele Menschen, insbesondere adipöse, haben den Bezug zu ihrem Körper und zu einem gesunden Hungergefühl komplett verloren. Auch wenn du nur für die Freibadsaison diätest: Warum nicht gleich die Zeit nutzen, um wieder mehr Körperintelligenz zu wecken? Davon hättest du garantiert nachhaltig was. Zwanghaftes Stopfen nach der Uhr, ohne wirklich Hunger zu haben, nur aus Angst vor unkontrolliertem „Bingen“ am Abend, ist dabei gewiss nicht hilfreich.

#Mythos 5: Frühstück in der Diät ist wichtig, da es den Stoffwechsel anregt


Mythos im Detail:
Mythos 5 und 4 sind eng verbunden. Dass das Frühstück die wichtigste Mahlzeit des Tages ist, wurde uns jetzt ja lange genug eingebläut. Während unsere Mütter wohl nur sicherstellen wollten, dass wir energiegeladen zur Schule gingen, verbreiten diverse Artikel zum Thema Abnehmen aus ungeklärter Ursache die Theorie, Frühstück rege den Stoffwechsel an und erhöhe somit den Gesamtkalorienverbauch des restlichen Tages. Wer es ausfallen lässt, unterwandere seine Diätambitionen leichtfertig.

Das sind die Folgen:
Diätende, die eigentlich wenig oder gar nichts frühstücken würden und hier großes Potenzial zum Kalorieneinsparen ohne großen mentalen Mehraufwand hätten, zwingen sich zum Essen. Die aufgenommene Energie muss zu anderen Zeitpunkten eingespart werden, an denen Appetit vorhanden ist und der Verzicht wesentlich schwerer fällt.

Personen, die zu jeder Tages- und Nachtzeit gern zulangen, frühstücken noch exorbitanter in der Annahme, sie würden ihrem Stoffwechsel somit auf die Sprünge helfen, denn viel hilft ja immer auch viel.

Was eigentlich wahr ist:
Kurze Zwischenfrage: Glaubt im Zeitalter von Intermittent Fasting eigentlich noch jemand an die Unverzichtbarkeit des Frühstücks?

Tatsächlich wohl ja. Aber wie bereits oben geschrieben: Nein, die Verdauung eines Weißbrötchens oder einer Schüssel Haferflocken beansprucht den Organismus nicht so gewaltig, dass hunderte verbrannte Kalorien die Folge währen. Der Stoffwechselboost aus einer direkten Nahrungsaufnahme nach dem Aufstehen ließ sich nie nachweisen . Frühstückende Personen neigen häufig schlicht dazu, mehr Kalorien über den Tag zu sich zu nehmen und diese werden wiederum garantiert nicht durch die Thermogenese ausgeglichen. Fazit: Wer morgens „nichts runterbekommt“ sollte es bleiben lassen. Und wer könnte, aber eigentlich nicht wirklich Hunger hat und nur aus Vernunftgründen frühstückt, dem sei in der Diät das oben erwähnte IF ans Herz gelegt. Sich Mahlzeiten aufzuheben für Phasen des Tages, an denen die Gedanken wirklich beginnen, ums Essen zu kreisen, oder, noch besser: an denen trainiert wird (was ja bei den meisten Hobbysportlern abends der Fall ist), erleichtert die Diät ungemein.

Foto: Andreas Volmari

Das Wort zum Schluss


Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Weitere Ideen, die mir spontan in den Sinn kommen: Kniebeugen unter 90 Grad sind schädlich für die Knie. Nach jedem Training (und zwar wirklich jedem!) muss der Muskel unbedingt 48 Stunden regenerieren (deswegen haben CrossFitter auch immer so mickrige Muskeln, besonders die Damen). Der legendäre Fettstoffwechselpuls. Lebensmittel mit angeblicher negativer Kalorienbilanz. Und so weiter. Irgendwie läuft es beim Training immer auf Weniger ist Mehr und beim Essen auf Mehr ist Mehr hinaus.

Die selektive Wahrnehmung der Menschen ist erstaunlich, und seien wir ehrlich: Auch wir sind alle schon mal auf allzu gefällige Wahrheiten reingefallen, haben nur die entsprechende Überschrift gelesen, schnell weitergeklickt und uns dann jahrelang an falsche Hoffnungen geklammert. Gott sei Dank lernt man im Verlauf der Jahre, dass es in diesem Sport keine Abkürzungen gibt und man nichts geschenkt bekommt. Aber genau darin - liegt ja auch sein Reiz!

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