Alles Egoisten mit Komplexen?

6 Vorurteile über das Bodybuilding, die sich für mich bestätigt haben

Für den Außenstehenden sind Bodybuilder eine seltsame Randgruppe, die mit allerlei Vorurteilen behaftet ist. Auch ich habe dieses Paralleluniversum einst sehr voreingenommen betrachtet. Nach vielen Jahren mittendrin und diversen persönlichen Kontakten bis in die IFBB-Profiriege kann ich sagen: Der Stereotyp wird tatsächlich herrlich bedient! Hier kommen 6 Vorurteile über das Bodybuilding und seine Vertreter, die sich für mich bestätigt haben.

#1: Bodybuilder sind egozentrisch


Ich schreibe hier bewusst egozentrisch, was nicht mit egoistisch zu verwechseln ist. Denn letztgenanntes könnte suggerieren, dass der Bodybuilder per se ein schlechter, rücksichtsloser Mensch ist. Dem ist natürlich nicht so.


Doch das Hobby – und natürlich erst recht die Profession - Bodybuilding füllt die ganze Welt um den Sportler herum aus. Die drei Säulen Training, Ernährung und Erholung beanspruchen so viel Raum, dass je nach Ernsthaftigkeit kaum Platz bleibt für andere(s). Selbst bei gutem Willen. Der Fokus auf das Ich stellt sich dann ganz automatisch ein.

Das Empfinden, nicht nur im Mittelpunkt der eigenen, sondern auch der externen Aufmerksamkeit zu stehen, verstärkt sich mit sichtbarem Trainingsfortschritt sogar. Die Blicke auf der Straße und Sprüche von Kollegen kommen unweigerlich. Und mit ihnen das Gefühl, immer direkt im Zentrum von allem zu stehen.

Egozentrik ist in moderater Ausprägung ja gar nicht so verkehrt. Viele Menschen neigen ja eher dazu, ihre eigenen Bedürfnisse immer zurückzustecken und sich neben allem und jeden klein zu fühlen – auch nicht gut! Doch wie jeder Charakterzug sollte auch der egozentrische nicht ins Extreme kippen. Das nimmt der Sache die nötige Leichtigkeit. Und führt schlimmstenfalls in die soziale Isolation.

#2: Alle Bodybuilder haben Komplexe


Gut, die hat ja irgendwo jeder Mensch. Wer aber täglich stundenlanges Training und eine triste Ernährung, vielleicht sogar Medikamentenmissbrauch auf sich nimmt, um gegen Unsicherheiten anzukämpfen, bei dem scheint das schon ziemlich tief zu sitzen.

Die meisten Bodybuilder haben mal mit dem Sport angefangen, weil sie entweder übergewichtig oder dünn und schwach waren. Beides ist häufig mit Mobbing im Kindes- und Jugendalter verbunden. Da bleib was von zurück.

Auch wenn Bodybuilding tatsächlich ein tolles Mittel gegen ein vermindertes Selbstwertgefühl ist: Es löst das Problem in vielen Fällen nicht so ganz, sondern verlagert es lediglich auf ein anderes Level. Wer viele Jahre lang untergewichtig war, wird sich auch noch mit dem Körper einer griechischen Marmorstatur immer mal wieder dünn fühlen. Da reicht ein ungünstiges Licht in der Umkleidekabine, ein schlecht sitzendes Shirt oder ein unvorteilhafter Schnappschuss. Bodybuilder bleiben für immer eine seltsame Mischung aus Selbstverliebtheit und haltloser Kritik gegen sich selbst.

#3: Bodybuilder sind die Mimosen unter den Sportlern


Alles in allem bleibt Bodybuilding ein im Vergleich chilliger Sport. Daran ändert auch der eine Satz schwerer Kniebeugen pro Woche nichts. Er fordert nicht die mentale Stärke von Ausdauersportlern, die sich bei vierzig Grad über Stunden durch die Landschaft schleppen. Nicht die Furchtlosigkeit von Kampfsportlern, die Akribie von Turnern, das taktische Verständnis von Teamsportlern, die Vielfältigkeit von CrossFittern usw.

Im Bodybuilding ist selbst mit moderat schwerem Maschinentraining und „Cardio“ in Form von Spaziergängen ein recht hohes Level erreichbar. Im Kontrast dazu steht die Vehemenz, mit der Bodybuilder betonen, wie „hardcore“ sie sind. Auch das Thema Übertraining ist in keiner anderen Sportlerszene so omnipräsent wie unter ihnen.

#4: Bodybuilder ernähren sich eintönig


Im Zeitalter von Flavour Pulvern, High-Protein- und Low-Calory-Produkten etc. hat sich da schon ein bisschen was getan. Generell drängt sich aber schon der Eindruck auf, dass eine überwiegend aus den Klassikern Reis, Pute und Magerquark bestehende Ernährung als Ehrensache empfunden wird. Selbst auf unterstem Freizeitniveau wird eine derartige Einschränkung scheinbar gern in Kauf genommen, während sich in anderen Sportarten selbst die Olympioniken vollkommen am Durchschnittsbürger orientiert ernähren. Diese Bedenkenlosigkeit ist sicherlich auch nicht unproblematisch, wäre aber ein anderes Thema.

Na klar gibt es auch Pizza und Schokolade unter Bodybuildern. Das ist dann aber leider oftmals kein Konsum aus purer Lebensfreue heraus. Vielmehr werden „Cheatmeals“ wie verpflichtende Geschäftstermine geplant – und oft entgleisen sie dann auch noch auf psychologisch bedenkliche Weise.

Ich hätte an dieser Stelle auch auf das Vorurteil eingehen können, dass Bodybuilding, vor allem im Frauenbereich, ein Auffangbecken für Essgestörte ist … aber lassen wir das mal für heute.

#5: Bodybuilder sind unflexibel


Bodybuilder neigen zu sehr festgefahrenen Routinen und Ritualen. Die – nicht böse gemeint – Stupidität des Sports stimmt den Geist vielleicht auf diese Gleichförmigkeit ein. Hier muss man sich nicht immer wieder wie in anderen Sportarten auf andere Witterungen, Streckenprofile oder Gegner einstellen. Alles ist berechenbar, und da lässt man sich gern mal reinfallen.

Die Inflexibilität betrifft den Trainingsplan, Trainingszeiten und -orte, den gesamten Tagesablauf und natürlich alles rund um das Thema Essen. Auch an geistiger Flexibilität und Aufgeschlossenheit gegenüber Neuem, z.B. neuen Trainingssystemen, mangelt es bisweilen. Schnell ist „alles Scheißdreck“ und die gute alte Zeit wird allzu fest umklammert.

#6: Bodybuilder sind unkoordiniert und unbeweglich


Typischerweise finden sich beim CrossFit immer wieder Leute ein, die nach Jahren im Bodybuilding eine neue Herausforderung suchen. Bei denen sind immer wieder koordinative Schwierigkeiten beim Erlernen komplexer Übungen sowie eine eingeschränkte Beweglichkeit auffällig.

Vor allem exzessives Brusttraining sorgt für letztgenanntes, besonders auffallend bei Übungen über Kopf. Ist auch alles gar nicht böse gemeint – ich war selber mal unter den Konvertierten mit großen Startschwierigkeiten. Immerhin bringen Bodybuilder eine gute Grundkraft mit – und Kraft ist ja bekanntlich die Mutter aller körperlichen Fähigkeiten, auf die immer gut aufgebaut werden kann.

Schluss


Natürlich ist dieser Artikel nicht bierernst zu verstehen, und schon gar nicht als Bodybuilding-feindlich. Das gilt nicht mal für Vorurteil Nummer 3, mit dem ich mir gewiss keine Freunde mache (und natürlich gibt es mehr als genug Bodybuilder, die sich wirklich den Ar*** aufreißen. Auch die harten Wettkampfdiäten will ich keinesfalls kleinreden.).

Ich halte Bodybuilder im Gegenteil für einen Haufen liebenswerter Exoten, die das seltene Kunststück vollbracht haben, eine ganz eigene Kultur zu erschaffen.

Und wenn wir „Bodybuilding“ im weitesten Sinne des Begriffs verstehen, dann fällt darunter ja jeder, der aktiv an seiner Körperform arbeiten, und sei es in dem Wunsch nach einem flachen Bauch. Und da haben wir es allein in Deutschland wohl mit Millionen von Menschen zu tun. Für eine Gruppe dieser Größe lässt sich ja gar kein abschließendes (Vor-)Urteil fällen. Unter ihnen ist sowohl der klischeehafte Türsteher als auch die vegane Philologiestudentin. Mit dem Fitnessboom der letzten Jahre weichen sich die Konzepte auch noch immer mehr auf, so dass z.B. auch viele einstige Hardcore-Pumper jetzt auch mal im Calisthenics oder Functional Training unterwegs sind.

Selbst wenn wir uns in diesem Text auf den klassischen Bodybuilder mit Seidenschlüpfer und Bräunungscreme beziehen, will ich wirklich nicht bösartig klingen. Jede Subkultur hat so ihre Eigenarten, darunter eben auch immer ein paar fragwürdige.

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