6 Wochen on / 4 off - eine ideale Kur?

Die guten alten 80er - Jahre, da waren noch viele Dinge anders. Man konnte noch ohne Helm Fahrradfahren, "Twix" hieß damals noch "Raider", es war wesentlich einfacher in der Glotze das beste Programm zu finden (denn es gab nur 3), und während Stephanie (von Monaco) ihr Liedchen "Irresistible" trällerte, mißglückte russischen Technikern ein kleines Experiment in einem graphitmoderierten Siedewasserreaktor in der Nähe der Ortschaft Tschernobyl ...

Doch nicht nur diese Dinge waren anders, auch die Philosophie bei der Gestaltung einer Kur mit anabolen Steroiden unterschied sich noch sehr von dem, was heute "State of the Art" ist.
Und es gibt nun einmal Menschen, die gerne den alten Zeiten nachhängen.

Die folgenden Ansichten kommen aus dem Mund eines BB-Trainers, der selbst 10 Jahre "on" war und wohl auch heute noch recht ansehnlich daherkommt. Einer unserer User hat vor einiger Zeit mal ganz verwirrt gefragt, was von der Meinung zu halten ist, die der Trainer in seinem Studio da so vehement vertreten hat.
Ich hatte mir schon länger vorgenommen, diesen kleinen Artikel zu schreiben und habe nun endlich mal die Zeit dafür gefunden. Aber kommen wir nun zu Ansichten dieses Spezialisten für Bodybuilding und anabole Steroide.
  • 6 Wochen on (z.B. mit 250 mg Testosteron-Enantat/Woche), gefolgt von 4 Wochen off sollen ideal sein. Das wäre dann so zu interpretieren, dass man sich z.B. 6 mal in Folge jeden Sonntag eine Spritze gibt. Dann lässt man 4 Sonntage aus und anschließend kommen dann wieder 6 Testo-Sonntage, wiederum gefolgt von 4 Sonntagen ohne Injektion. Und so weiter ...
  • Der Vorteil dieses Schemas soll sein, dass durch den kurzen AAS-Zyklus die endogene Hormonproduktion nicht oder nur geringfügig eingeschränkt wird.
  • Endogenes Testosteron und exogen zugeführte anabole Steroide sollen sich daher addieren.
  • Längere Kuren ("Durchfahren") sind nicht zu empfehlen, weil dann nur die endogene Hormonproduktion durch exogene Hormone ersetzt wird.
Schön. So etwas hört man öfter mal. Es stellt sich nun die Frage, ob das auch irgendwie Sinn machen kann.


Testosteron und endogene Hormonproduktion

Schauen wir uns dazu nun einmal genauer an, was mit der endogenen Hormonproduktion wirklich passiert, wenn man sich pro Woche z.B. die eher bescheidene Menge von 200 mg Testosteron-Enantat injiziert.

Die folgende Abbildung habe ich aus einer der Studien zur Pille für den Mann ausgeschnitten (Anderson und Wu, 1996). An dieser Studie nahmen 33 gesunde Männer im Alter von 21 bis 41 Jahren Teil, die 18 Monate lang 200 mg Testosteron-Enantat/Woche erhielten. Also auch altersmässig in etwa die Zielgruppe der Konsumenten anaboler Steroide.
Wir haben die Studie auch bei uns im Portal stehen. Sie ist dort unter Testosterone Enananthate-Induced Azoospermia in a Male Contraceptive Study zu finden.

Testosteron, LH und Achse

Ok, was sehen wir hier? Gezeigt wird die Blutkonzentration von LH und FSH vor Beginn der Testosteron-Verabreichung und in den ersten 12 Testosteron-Wochen. Die Grafik bezieht sich auf den Mittelwert über alle 33 Probanden.


Achse

Ganz kurz ein kleiner Exkurs für diejenigen, denen die Zusammenhänge an dieser Stelle nicht so geläufig sind:
  • Das, was meist einfach nur "die Achse" genannt wird, besteht aus drei Teilen, von denen man zwei sozusagen "im Kopf" hat. Nämlich dem Hypothalamus, der Hypophyse und den Hoden.
  • Der Hypothalamus produziert einen Botenstoff namens GnrH, auf den die Hypophyse mit der Ausschüttung von LH und FSH regiert.
  • LH wiederum veranlasst die Hoden zur Produktion von Testosteron und setzt damit das in Gang, was der Trainer mit der "endogenen Hormonproduktion" meint. Geht der LH-Wert zurück, so sinkt unweigerlich auch die endogene Hormonproduktion.
  • FSH dagegen benötigen die Hoden, um den Prozess der Spermienreifung aufrecht zu erhalten.

Wirkung auf LH

Betrachten wir nun die Grafik genauer. Interessant ist hier in erster Linie der LH-Wert, weil der für die Eigenproduktion sorgt. Zu den Punkten B1 und B2 wurde noch kein Testosteron gegeben. Da liegt der Wert im Mittel so bei knapp 4 U/L.

Kurz nach der B2-Messung wird die erste Spritze mit 200 mg Testosteron-Enantat gegeben. Und dann stürzt der LH-Wert ab. Nach nur 4 Tagen ist er von ca. 4 U/L auf 1 U/L gesunken (= Verminderung um 75%). Die Achse knickt also schon nach sehr kurzer Zeit ganz deutlich ein.

Von da ab geht es dann nicht mehr ganz so schnell abwärts - ist ja auch auch nicht mehr so viel da, was man noch reduzieren könnte. Eine Woche nach der zweiten Injektion nochmal eine Halbierung (= Verminderung um knapp 90 %) und nach 4 Wochen ist man praktisch bei 0 angelangt (= Verminderung um 95 - 98 %).

Kurze Zeit später erreicht man schließlich den Punkt, an dem sich LH praktisch kaum noch nachweisen lässt. Wenn die 6 Wochen vorbei sind, geht man also komplett ohne endogenes Testosteron aus der Kur heraus.

Es dauert wegen der Depot-Wirkung von Testosteron-Enantat dann noch wenigstens eine Woche, bis die Achse langsam beginnen kann sich zu erholen. Denn die Regeneration setzt erst dann ein, wenn keine inhibierenden Testosteron-Spiegel mehr vorhanden sind. Man bedenke dabei auch noch den inhibierenden Einfluss von Östradiol. Es ist zwar nicht so, dass nach der Kur ein Östradiol-Überschuss vorhanden ist, weil Östradiol mit Testosteron sinkt. Aber ein paar Tage hinkt der Östradiol- dem Testosteron-Spiegel schon hinterher.

Ok, bleiben also noch 3 Wochen bis zur nächsten Spritze. In dieser Zeit wird sich die Achse etwas erholen. Doch wenn das "Pflänzchen" dann gerade wieder richtig aufblühen mag, jedoch noch in einem etwas "fragilen" Zustand ist, kommt der nächste 6-Wochen-Zyklus.
Und dann dauert es keine 4 Tage mehr, bis ein LH-Wert von 1 erreicht ist - das geht dann schneller.

Fazit
  • Da die Achse schon nach 4 Tagen ganz deutlich einknickt, und es dann sehr bald noch weiter abwärts geht, scheint die Achse nicht in geringem Umfang, sondern stattdessen schnell und gründlich "geplättet" zu werden.
  • Eine Addition von endogenem und exogenem Testosteron scheint aus diesen Gründen in nennenswertem Umfang nicht stattzufinden.
  • Ein Zeitraum von (effektiv) 3 Wochen scheint für eine Erholung der Achse zu kurz. Das ist offensichtlich schon bei Testosteron der Fall. Bei einem stärker inhibierenden AAS wie Deca wird die Achse sich allenfalls ansatzweise erholen können.
  • Ein Schema mit nur 250 mg Testosteron-Enantat/Woche führt im Mittel zu einem deutlich supraphysiologischen Testosteron-Spiegel zwischen ca. 20 ng/ml und 12,5 ng/ml. Zum Vergleich: Der physiologische Bereich geht von ca. 3,5 bis 8,6 ng/ml. Die Ansicht, dass man durch ein solches Schema (durchgeführt über einen längeren Zeitraum) nur endogenes durch exogenes Testosteron ersetzt, ist daher nicht nachvollziehbar.
Tja, was ist nun die Quintessenz? Scheint so zu sein, dass sich in den letzten 20 Jahren das Stoffer-Know-How ein gutes Stück nach vorne bewegt hat. Und viel von dem, was man früher für gut hielt, hat sich mittlerweile als ziemlich unsinnig herausgestellt.

Aber nichts gegen die 80er - Ideal, Spliff und Extrabreit, die konnten noch wirklich gute Musik machen glücklich

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