Ein Blick zurück

8 Jahre CrossFit: Würde ich noch mal anfangen?

Seit mehr als acht Jahren bin ich nun beim CrossFit dabei – für meine Nationalität nahezu biblisch lang. Als ich 2013 mit dem Sport anfing, wussten nur wenige Fitness Nerds in Deutschland überhaupt von seiner Existenz. Eigentlich war es auch nur einem Aufenthalt in den USA zu verdanken, dass ich selbst Zugang zu diesem damals so exotischen Hobby fand.


Seither ist einige Zeit ins Land gegangen und CrossFit ist heute auch in Deutschland im absoluten Mainstream angekommen. Mit ihrem Siegeszug hat die Sportart auch einen großen Sinneswandel hingelegt. Ich übrigens auch. Zeit für einen Rückblick unter der Fragestellung: Würde ich heute noch mal mit CrossFit anfangen?

Eine untypische CrossFit-Biographie


Dazu muss man zunächst sagen, dass ich eine im CrossFit ganz typische Biographie aufweise: Pünktlich zu meiner Volljährigkeit habe ich mich im Fitnessstudio angemeldet, das war 2008. Hier habe ich zunächst in bester Pumper-Manier trainiert, teilweise bis zum 6er-Split aber na ja, bei einem Anfänger funktioniert ja irgendwie alles.

Ich unternahm sogar einen wenn auch recht kläglichen Ausflug ins Wettkampf-Bodybuilding, nachdem mich eine Promoterin der damals neu eingeführten Bikiniklasse auf der Fibo angesprochen und auf die Idee gebracht hatte. Funktionales Training war damals vor allem in meinem ländlichen Umfeld nicht wirklich präsent. Ich führte leichte Kniebeugen, Kreuzeben, Klimmzüge und Dips aus. Das war aber auch schon das Höchste der Gefühle.

Nach etwa vier eigentlich ganz schönen Jahren im (ich nenn es jetzt mal so) Bodybuilding hat mich das alles aber irgendwie nicht mehr befriedigt. Die Anfänger-Gains waren verflogen und ich wollte wieder „in irgendwas besser“ werden. Da schickte mir ein Kommilitone ein YouTube-Video vom CrossFit-Channel und das traf mich mitten ins Herz. Man konnte scheinbar durch dieses CrossFit viele Fliegen mit einer Klappe schlagen: Spaß beim Training haben, athletischer werden und sogar noch gut aussehen. So kam der Stein ins Rollen.

Einen Rückblick zu den CrossFit-Erfahrungen in New York und Singapur gibt es im damaligen CrossFit Blog der Autorin.

Acht Jahre später


Auf meiner CrossFit-Reise habe ich die charakteristischen Stationen vom religiösen Eifer über die gemäßigte Phase bis zum schleichenden Rückzug aus dem Sport durchlaufen.

Heute beantworte ich die Frage nach meinem Hobby nur noch mit „CrossFit“, wenn die Zeit nicht mehr für weitere Erläuterungen reicht. So ganz wohl fühle ich mich dabei aber nicht, denn CrossFit, das ist für mich irgendwie immer noch diese kurze knackige Einheit und vor allem das WOD, das in einer Gruppe zu lautem Hiphop bis zur Kotzgrenze durchgezogen wird.

Das mache ich aber noch höchstens zweimal pro Woche. Den Rest der Zeit ist es ein Mix aus Olympischen Gewichtheben, reinem Cardio und dem typischem Bodybuilding-Training. Genau die Dinge also, denen ich einst abgeschworen und zwischenzeitlich sogar belächelt hatte. Und exakt diesen Kreislauf legen meiner Beobachtung nach viele ehemalige Hardcore-CrossFitter hin. Warum?


Warum kam es zur Abkehr vom reinen CrossFit?


Ich kann hier nur für mich sprechen. Der Hauptgrund, warum ich dem CrossFit nicht den Rücken gekehrt, aber zumindest meine Seitenansicht zugewandt habe, ist die mangelnde Perspektive. Für mich zählt zu jedem Sport ein regelmäßiger Wettkampf, und möge er auf noch so niedrigem Niveau stattfinden. Andernfalls schwimme ich zu ziellos vor mir hin.

Als ich vor acht Jahren begann, war das Niveau in Deutschland noch so niedrig, dass ich wenigstens auf regionaler Ebene mithalten konnte. Das ist lange Geschichte. Da die Nachfrage nach Wettkämpfen bei weitem das Angebot übersteigt, ist jeder Competition eine Qualifikation vorangestellt, und selbst die sind mittlerweile für mich nicht mehr annähernd machbar. Die große Popularität des Sports hat Talente aus allerlei anderen Disziplinen angezogen, die mir schon nach wenigen Monaten reinem CrossFit-Training hoch überlegen sind.

Ich gebe hieran absolut niemandem die Schuld, sondern führe alles auf mein mangelndes Talent und meine geringe sportliche Vorerfahrung zurück. Ich betrieb bis zu meinem 12. Lebensjahr keinerlei Sport und kann den Rückstand gegenüber Frauen, die seit ihrer Kindheit turnen, nicht aufholen.

Dazu fehlt es mir an jeder Begabung, die man fürs CrossFit bräuchte: Ich bin von Natur aus schwach und langsam, nicht sehr beweglich, habe keine guten Hebel für Gymnastics und auch kein gutes Gespür für komplexe Bewegung. Das moderne CrossFit spielt mir absolut nicht in die Karten. Das will dem Publikum eine immer noch spektakulärere Show bieten: immer noch schwerere Gewichte, immer noch schwierigere Turnübungen mit noch mehr Wiederholungen.

Ich könnte natürlich fehlendes Talent zu großen Teilen durch mehr Training auffangen. Dazu fehlt mir aber spätestens seit dem Eintritt ins Erwerbleben der Eifer, und für ganz oben würde es aus den genannten Gründen ja doch nie reichen. Das Aufwand-Nutzen-Verhältnis erscheint mir hier wirklich schlecht.

Also ja: Meine teilweise Abkehr mag sich darauf zurückführen lassen, dass ich ein schlechter, leicht zu frustrierender Verlierer bin. Aber so sind wir Menschen wohl. Wenn eine Sache nicht gut können, geht der Spaß ganz schnell verloren.

Enttäuscht vom CrossFit?


Enttäuscht bin ich deswegen nicht vom CrossFit. Manchmal denke ich schon, dass mir irgendwie mal falsche Versprechen gemacht wurden. Ich dachte tatsächlich, ich würde mit diesen 60 Minuten am Tag zur Isländerin werden. Vielleicht habe ich aber auch einfach nicht richtig zugehört, bzw. zuhören wollen.

Das Marketing, wie es die CrossFit, Inc. heute betreibt, ist aber auf jeden Fall transparenter und hätte mich gleich mit der Nase darauf gestoßen: Diese „best hour of your day“ ist eben genau das: ein Training, das Spaß macht, und natürlich auch überdurchschnittlich fit und gesund. Mehr aber auch nicht.

Die Games Athleten, die du auf Netflix sehen konntest, haben damit aber überhaupt nichts zu tun. Und mittlerweile hat CrossFit auch alle Dokumentationen von dem Streamingdienst entfernen lassen. Heute kommen Menschen über Videos mit CrossFit in den Erstkontakt, auf denen 70-Jährige mit einem Besenstiel squatten. Damals hatte man mir das Gefühl vermittelt, ich würde jetzt zu einer Elite gehören, in der ich mich automatisch zur Maschine entwickeln würde.


Würde ich noch einmal mit CrossFit beginnen?


Zurück zur Ausgangsfrage. Würde ich heute trotzdem noch mal mit CrossFit anfangen. Klare Antwort: ja, ja, ja! War das deutlich genug? Zur Sicherheit noch einmal: Ja! Und ich würde es auch ausnahmslos jedem empfehlen.

Ich bin nie auf das Niveau gekommen, das ich mir erhofft hatte. Aber ich bin so viel weiter, als ich es vor CrossFit war! Das Konzept hat aus mir unsportlichem Menschen jemanden gemacht, der jede physische Herausforderung auf Anhieb zufriedenstellend bewältigen kann. Ich bin allgemein gesünder, habe viel mehr Energie im Alltag und kann tatsächlich, hier hatte die Propagandamaschine recht, meine Fitness immer wieder im echten Leben anwenden.

Ich bin auch mental stärker geworden und traue mir in allen Lebensbereichen viel mehr zu. Ich habe sehr viel gelernt, über meinen Körper und das Training allgemein, auch über die Wichtigkeit von physischer und geistiger Flexibilität. Das war z.B. während das Lockdowns von unschätzbaren Wert. Ich konnte mir schnell aus meinen begrenzten Mitteln etwas zusammenstellen, das dafür gesorgt hat, dass ich nach der Wiedereröffnung der Studios fast auf dem Vor-Corona-Niveau einsteigen konnte.

Was ich aber anders machen würde…


Natürlich würde ich viele Dinge heute anders machen. Ich würde mich nicht mehr auf diese eine Stunde am Tag verlassen, und auf irgendwelche Trainier mit einer Level-1-Lizenz erst recht nicht. Auch diese sektenartige Verbohrtheit bereue ich.

Ich war lange Zeit arrogant und blind gegenüber allem anderen, dadurch habe ich viel verpasst von der Welt außerhalb der Box, viele Learnings liegen lassen. Den Satz „Regularly learn and play new sports“ aus den berühmten Worldclass Fitness in 100 Words habe ich leider überlesen.

Ich würde auch die Qualität eines Trainings nicht mehr daran bemessen, ob ich danach mit Schnappatmung auf dem Boden liege. Aber na ja, man lebt das Leben eben vorwärts und versteht es rückwärts. Daran ist CrossFit nicht schuld. Es war alles Teil der vielleicht wichtigsten Erfahrung meines Lebens.

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