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9 Vorurteile über CrossFit

Ich weiß, ihr mögt uns nicht so wirklich. Macht nichts, ich bin zum Beispiel nicht so ein Fan von militanten Feministen, aber man kann ja immer friedlich koexistieren. Dennoch wollte ich schon lange mal mit einigen Trugschlüssen bezüglich meines Babys CrossFit aufräumen, die mir immer wieder in die Quere kommen. Daher hier eine kurzweilige Top 9 der größten Vorurteile und wie sie sich simpel widerlegen lassen.

Foto: Frank-Holger Acker

Vorurteil #1: Mit CrossFit verlierst du all deine Gainz

Ein Klassiker. Wenn Masse macht ist, gilt CrossFit-Training vielen als die ultimative Entthronung. Hohe Widerholungszahlen, 3-Stunden-Sessions und dann noch dieses ständige Übertraining, für das sie sich sogar noch feiern (schließlich tragen sie Tshirts mit Aufschriften wie "My …… is sore"). Wann und wie soll da mal was wachsen?

Richtig ist, dass ein Wettkampf-Athlet im CrossFit ab einem bestimmten Umfang keine Sonne mehr sieht. Ich spreche hier von extremen Ausmaßen, also Körpergröße plus 40, 50, 60 Kilogramm, Markus Rühl-Offseason-Formate. In diesen Gewichtsklassen gelingen keine 30 Muscle-ups mehr, kein 5-Kilometerlauf in 17 Minuten und die Knie würden bei Boxjumps wohl ziemlich schnell zum orthopädischen Problemfall werden.

Aber: Der durchschnittliche männliche Games-Athlet wog im Jahre 2015 immer noch rund 86,5kg – bei einer Körpergröße von 1,76 m. Keine zarten Pflänzchen also. Auch der halbwegs sinnig agierende Freizeit-CrossFitter wird wohl immer noch einen sehr athletischen Körper jenseits von Kleidergröße M aufbauen können, und bei dieser Anspruchshaltung lassen es die meisten ja eh bewenden (Stichwort Fitness-Youtuber … na ja, ist noch mal eine andere Geschichte).

Vorurteil #2: CrossFitter machen nur Fake-Pull-Ups

Kein CrossFit-Video in diesem Internet, unter das nicht irgendein Ewiggestriger kommentierte: "Not a single pull-up was done this day." Um das noch mal nachhaltig richtigzustellen: CrossFit-Training dient dem Aufbau einer allgemeinen Fitness. Diese definiert sich nach 10 Elementen (ich liste diese jetzt einfach mal ungefragt auf): Kraft, Stärke, Ausdauer, Kraftausdauer, Schnelligkeit, Beweglichkeit, Balance, Koordination, Agilität und Präzision.

Kipping- und Butterfly-Pull-ups dienen vor allem der Entwicklung der explosiven Hüftkraft und der Koordination. Wer dies beherrscht (und das fällt nicht in den Schoß, versuch dich mal an diesen Varianten!), wird mit irren Wiederholungszahlen von 70 oder mehr Klimmzügen belohnt – am Stück wohlgemerkt! Aber klar, wir entwickeln ja auch unsere Stärke.

Anderes Element, andere Übung, der Strict Pull-up eben, sogar mit Zusatzgewicht oder Chest-to-bar (also Berührung der Stange mit dem Brustbein). Wird tagtäglich millionenfach in allen Boxen rund um den Globus ausgeführt – ich war Augenzeuge!

Vorurteil #3: CrossFit ist nur Burpees und Kabinett der Absurditäten

Kürzlich sagte jemand zu mir: "Ich habe ja nichts gegen CrossFit. Nur gegen diese Leute, die im Sommer an den See fahren, um Burpees zu machen." Damit hat er ein generelles Problem dieser Sportart auf den Punkt gebracht: Grade Neueinsteiger durchleben häufig erst mal ihre "CrossFit-Pubertät", in der sie denken, nur ein Training in Kniestrümpfen mit WOD’s unter Verwendung von 87,726 % ihres 10RM im Kettlebell-Squat Clean sei ein gutes Training. Auch viele Videos von Leuten, die sich mit Medizinbällen abwerfen oder im Krebsgang über den Gummiboden krabbeln vermitteln ein falsches Bild.

Denn CrossFit ist weder diese Engstirnigkeit noch sinnfreie Bespaßung. Es geht einfach darum, aktiv zu sein und seinem Körper neue Dinge beizubringen. "Lerne und spiele regelmäßig neue Sportarten" heißt es in den richtungsweisenden "Worldclass-Fitness in 100 Words", verfasst vom Vater der Idee Greg Glasman selbst.

Nicht umsonst taucht auch in Spitzenwettkämpfen schon mal Stand-Up Paddling oder ein stinknormaler Triathlon auf. Ist übrigens dann auch ein WOD. Oder ein Metcon? Sport eben. Es macht fit.

Foto: Frank-Holger Acker

Vorurteil #4: Nur die Elite macht CrossFit

Mitmachen kann natürlich erst mal jeder. Es ist alles skalierbar, wirklich! Deswegen zucke ich auch immer so zusammen, wenn in Gesprächen der Satz fällt: "Ich muss erst mal fitter werden, bevor ich da auftauche."

Ich meine: Wir haben ja auch nicht unbedingt vor der Einschulung Lesen und Schreiben geübt aus Angst, wir würden andernfalls an der Interpretation von Lessings Frühwerken scheitern.

CrossFit lädt alle ein und das Beste: Du musst weder Elite sein noch die Ambitionen haben, elitär zu werden. Niemand belästigt dich, wenn du nur 2-mal pro Woche ein wenig unter netten Leuten schwitzen willst (und wenn du gar nicht ins Schwitzen kommen willst, ist auch das ok). Jeder hat seine eigene Vorstellung vom Sporttreiben. Das wird akzeptiert.

Aber ja, da oben ist die Luft dünn. Wie in jeder Sportart halt: Da reicht nicht nur ein bisschen Hingabe, sondern unfassbares Talent. Das im CrossFit vielzitierte "There’s no You cannot" trifft hier meiner Meinung nach zu. "The Fittest on Earth" sind eben außergewöhnliche Wesen, deswegen steckt aber nicht die ganze CrossFit-Welt voller Übermenschen. Schließlich werden auch weiterhin Millionen Normalsterblicher um den See joggen, wenn der erste Nordafrikaner den Marathon unter 2 Stunden läuft. CrossFit ist, was du draus machst.

Vorurteil #5: Alle CrossFitter machen Paleo

Auf keinen Fall. Dafür sind Donuts in der Szene viel zu verbreitet. Anni Thorisdottir, zweifache Siegerin der CrossFit Games, brach den Versuch einer Paleo-konformen Ernährung ab, nachdem sie ein sinkendes Energielevel verzeichnete (außerdem kann sie laut eigener Aussage schwer auf mexikanische Tacos verzichten). Ausnahmeathlet Rich Froning ist für seinen lässigen Pizza- und Erdnussbutter-Konsum (Hülsenfrucht-Alarm) vor laufenden Kameras bekannt.

Paleo hat seine Vorzüge. Für das Trainingspensum eines Pros ist die so kohlenhydratarme Kost dennoch nur semigeeignet – davon abgesehen, dass im strikten Paleo natürlich auch keine Supplemente (legaler und streitbarer Art) zulässig sind. Da spielten schon die Sponsoren nicht mit.

Vorurteil #6: Box-Owner sind Halsabschneider

"Was?! So teuer??!" Ja, CrossFit ist - gelinde gesagt - kostspielig. Zumindest, wenn man die Discounter als Referenzwert heranzieht. So viel Beitrag und dann noch nicht mal 24/7, Sauna und isotonische Getränke. Wo stecken sich die Box-Betreiber das ganze Geld nur hin?

Die bittere Wahrheit ist: Box-Owner sind zumeist junge Menschen, die sich zum Teil unter schwerer Verschuldung einen Traum erfüllt haben, zwischen den Morgen- und Abend-Classes kellnern gehen und durch den Verkauf von Tshirts und Kokosnusswasser noch ein wenig die Haushaltskasse aufzubessern versuchen. Denn wer ständig unterhalb der 100-Mitglieder-Marke dümpelt, kommt am Ende doch nicht zum Wohlstand - ich will mit dieser Aussage übrigens nicht die Mitleidsschiene fahren. Wer sich für dieses Business entscheidet weiß, dass Idealismus einen anderen Reichtum erzeugt als den monetären.

Vorurteil #7: CrossFit-Training ist völlig zufällig

Ein klares Nein zu dieser Aussage. Es mag von außen betrachtet so aussehen, und ein wenig Einfallsreichtum steckt in jeder Trainingsplanung. Gutes Programing ist jedoch über Wochen hinweg präzise durchstrukturiert. Quasi jeder ernsthafte CrossFitter greift auf die Standards zurück, die euch auch aus dem konventionellen Krafttraining bekannt sind:

Wendler, Texas Method, Starting Strength usw. kombiniert mit Skill- und Technik-Training sowie diversen Assistenzübungen (bis hin zum – Überraschung! – Bizepscurl) ergibt sich das Große Ganze, das eigentlich gar nicht scheitern kann.

Auch die WOD’s selbst sind längst nicht willkürlich. Die verschiedenen Modi wie AMRAP, FT, EMOM oder Intervall wechseln sich in sinnigen Frequenzen ab. Auf lange Workouts mit moderaten Gewichten folgen kurze Einheiten mit schweren Loads, Bodyweight-Lastiges wechselt sich mit Krafteinheiten ab usw.

Leider lässt sich nicht ausschließen, dass einige Boxen wild drauf los designen. Die vielen schwarzen Schafe eben, auf die sich die Gegenseite gern beruft. Inkompetenz ist immer noch ein Problem im CrossFit – da bin ich ganz bei euch.

Vorurteil #8: CrossFit ist doch auch nur dieses Zirkeltraining

Hat doch schon jede Freizeitmannschaft in der DDR-Vereinslandschaft gemacht. Und der Kraftzirkel bei Mrs. Sporty, ist doch auch das Gleiche? Bitte nicht! Vor Glasman ist eben keiner auf die Idee gekommen, die körperliche Fitness im Wettkampf zu prüfen.

Seltsamerweise wird Vorurteil #8 stets von genau zwei Personengruppen geäußert: a) Menschen, die noch nie CrossFit betrieben haben und b) all jene, die das Format dann auffallend detailverliebt in ihren X-Fit-Studios kopieren.

Foto: Frank-Holger Acker

Vorurteil #9: CrossFit-Training ist auch nur eine vorrübergehende Modeerscheinung

Wer kann das schon wissen? CrossFit hält eigentlich schon ziemlich lange durch, die Anfänge reichen ja immerhin in die 90er-Jahre zurück. In Europa erlebt The Sports of Fitness derzeit zweifelsohne seinen Peak, Boxen eröffnen gefühlt im Minutentakt, sogar in deutschen Kleinstädten. Und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wird der asiatische Raum in Kürze explodieren.

Jeder Boom endet irgendwann, das liegt in der Definition des Wortes. Was dann geschieht, wird sich zeigen. Ich glaube, die Durchschlagkraft des Sports war aber bis hierhin schon so groß, dass etwas bleiben wird. Hoffentlich weiterhin die Popularität von funktionalem Training, das Ende der Verbannung beinah lebensuntauglicher Personen in starre Fitnessgeräte, Freude am Wettkampf und so vieles mehr, das wir kennen und lieben gelernt haben.

Wie es sich dann nennen wird, ist letztrangig.

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