Abschaffung der Bundesjugendspiele?

Auf dem Weg in eine Gesellschaft der Weicheier

„Ich tue das für all die Kinder, die jedes Jahr am Abend vor den Bundesjugendspielen Bauchschmerzen haben, für jene, die während der Wettkämpfe am liebsten im Boden versinken würden, und für alle, die hinterher beim Verteilen der Urkunden am liebsten in Tränen ausbrechen würden.“ Hehre Absichten, die die dreifache Mutter und Bloggerin Dr. Christina Finke auf ihrem Blog äußert. Was sie tut? Nicht weniger als die Abschaffung einer Institution im deutschen Schulsport: der Bundesjugendspiele. Seit nunmehr fast 100 Jahren treten bundesweit alle Schüler und Schülerinnen zwischen acht und 19 Jahren in den Disziplinen Leichtathletik, Turnen und Schwimmen gegeneinander an. Seit der Reform von 2001 erhalten alle teilnehmenden Kinder und Jugendliche eine Urkunde, je nach erbrachter Leistung „nur“ eine Teilnahmeurkunde oder eben auch Urkunden, die besonders gute oder herausragende Leistungen würdigen.

Ein Spießrutenlauf?

Das geht Dr. Finke zu weit. Für unsportliche Kinder sei die Teilnahme eine Tortur, eine öffentliche Demütigung vor der peer group. Noch schlimmer: Auch die Ergebnisse würden öffentlich bekannt gegeben, besondere Leistungen gar noch hervorgehoben. Besonders ärgerlich: Die individuellen Gegebenheiten der Kinder würden nicht angemessen gewürdigt. Körperbau, Größe und Konstitution spielen bei der Bewertung keine Rolle, wohl aber das Alter und das Geschlecht. Dies führe dazu, dass die BJS ihren Sinn verfehlten. „Die vom Kuratorium für die Bundesjugendspiele postulierten Ziele Freude an Bewegung, Gemeinschaftsgeist und positive Werte werden durch die Bundesjugendspiele nur einigen wenigen, im Sport guten Schülern vermittelt. Für viele weniger sportliche Schüler hingegen bedeuten diese Spiele eine alljährlich wiederkehrende öffentliche Demütigung. Viele glauben bis ins Erwachsenenalter, sie seien unsportlich, was fatal ist, denn eine positive Einstellung zum Sport und zum eigenen Körper dient nicht nur dem psychischen Wohlbefinden, sondern beugt auch langfristig Bewegungsarmut und körperlichen Erkrankungen vor.“ Zusammenfassend kommt sie zu dem Urteil, dass „ein Wettkampf, bei dem Einzelne schon vorher wissen, dass sie chancenlos sind, sinnlos und unfair ist.“ Daher muss nun der internetaffinen Menschen liebstes Spielzeug her, eine Petition. Bereits mehrere Tausend Unterzeichner hat sie für ihr Anliegen gefunden, auf den sozialen Netzwerken wird eifrig diskutiert.



Scheitern ist wichtig

Nicht jedes Kind ist zum Ausnahmesportler geboren. Während dem einen eine gewisse Athletik und ein gutes Körpergefühl bereits in die Wiege gelegt wurden, tun sich andere schwer, einfache koordinative Aufgaben zu erledigen. Die Talente sind eben unterschiedlich verteilt, das war schon immer so und wird auch immer so bleiben. Und das führt, zumindest in der normalen Welt, zu unterschiedlichen Ergebnissen. An diesem Punkt hat Dr. Finke sicher Recht: Chancengleichheit ist bei den BJS nicht gegeben. Und anders als im normalen Sportunterricht zählen hier eben das Bemühen und die individuelle Entwicklung eben nicht, sondern die messbare Leistung. Das bevorteilt natürlich die Sporttalente, aber warum sollte es die eher unsportlichen Schülerinnen und Schüler demotivieren? Auch sie können sehen, wie sie sich im Vergleich zum Vorjahr entwickelt haben. Vielleicht sind sie immer noch die Schlechtesten in ihrem Jahrgang, aber haben sich im Vergleich zum Vorjahr deutlich verbessert. Ist das kein Grund zur Freude? Und sollte keine Verbesserung stattgefunden haben, dann muss man sich eben an die eigene Nase fassen und hinterfragen, warum das so ist. Warum läuft man selbst immer noch genauso langsam wie im Vorjahr, während andere sich signifikant gesteigert haben. Jedes Kind kann sich steigern, ungeachtet der Ausgangslage. Natürlich kann man nun argumentieren, dass den Kindern jegliche Motivation genommen würde und sie deshalb erst recht keine Lust hätten, sich zu verbessern. Das ist eine Sichtweise, eine, die einen im Leben nicht weiterbringen wird. Zum Erwachsenwerden gehört eben auch dazu, mit Niederlagen und Rückschlägen umzugehen. Wer nie lernt, zu verlieren, der wird in seinem späteren Leben Probleme bekommen, denn niemand reitet sein Leben lang auf einer Glückswelle. Und auch mit der Häme anderer muss man umzugehen lernen. Das mag nicht schön sein, vor allem, wenn man weiß, wie grausam Kinder sein können, aber das trifft nicht nur die Unsportlichen, sondern (fast) jeden irgendwann einmal. Solange das nicht in ein andauerndes Mobbing ausartet, ist es eine Situation, mit der zu leben man auch lernen muss. Ohne Konkurrenz, ohne den Vergleich mit anderen, vielleicht auch deutlich besseren, ist es schwer den Ehrgeiz zu entwickeln sich selbst zu verbessern. Nehmen wir den Kindern jede Chance, aus Niederlagen und der daraus resultierenden Häme zu lernen, nehmen wir ihnen die Chance daran zu wachsen. Leider ist dieses Verhalten allzu häufig vorzufinden: zu viele Kinder werden heute in Watte gehüllt. Man versucht ihnen jede Hürde aus dem Weg zu räumen, schirmt sie von allen Gefahren ab. Das Ergebnis sind junge Erwachsene, die nicht im Ansatz damit klarkommen, wenn sie, dem elterlichen Schutzschild entwachsen, erstmals feststellen müssen, dass es im Leben nicht immer glatt läuft. Schon Goethe wusste: „Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen.“



Kein Kind muss sich blamieren

Nicht jeder kann ein Sieger, aber niemand muss ein Verlierer sein. Niemand muss sich vor der peer group blamieren. Es liegt in der Verantwortung eines jeden selbst, das Beste aus Niederlagen zu machen. Wobei man einschränken muss, dass bei Kindern die Eltern in besonderer Verantwortung stehen. Man kann von einem Kind nicht erwarten, dass es selbst die richtigen Schlüsse aus einer Niederlage zieht, dafür sind die Eltern zuständig. Es ist ihre Aufgabe den Kindern beizubringen, mit Niederlagen richtig umzugehen, indem sie mit ihnen darüber reden, aber auch indem sie es vorleben. Und noch mehr: Wenngleich nicht jedes Kind zum Supersportler gemacht ist, muss kein Kind sich vor lauter Unsportlichkeit blamieren. Auch wenn die eigenen Interessen der Eltern in anderen Bereichen liegen, sollte jedes Kind dazu animiert werden, sich sportlich zu betätigen. Motorische Grundlagen, die im Kindesalter erworben werden, halten das ganze Leben an. Gerade in einer Zeit, in der wir immer weniger körperlich arbeiten, in der die meiste Zeit des Tages sitzend und liegend verbracht werden und in der immer mehr Menschen unter Übergewicht leiden, ist Sport wichtig. Dabei soll jedes Kind entsprechend seiner Neigungen gefördert werden. Ob ein Kind nun Fußball, Tennis oder Golf spielt, schwimmt oder reitet, völlig egal. Entscheidend ist, dass es Spaß an Bewegung vermittelt bekommt. Die Disziplinen, in denen die BJS abgehalten werden, sind sicher für viele nicht sonderlich ansprechend, aber sie sind passend gewählt, da sie motorische Grundfähigkeiten überprüfen. Selbstverständlich kann man sich in jeder der Disziplinen der BJS spezialisieren, dennoch stellen sie Grundlagen dar, die in den meisten Sportarten abgefragt werden: Laufen, Springen, Werfen. Von daher ist es nur konsequent, dass die BJS eben in diesen Disziplinen abgehalten werden. Wenn Dr. Fink ihre Kinder vor der öffentlichen Demütigung bewahren will, gibt es einen einfachen Weg: Sie muss sie nur dazu ermuntern, sich in ihrer Freizeit sportlich zu betätigen.



Unliebsame Pflichten müssen sein

Sicher kann man nun argumentieren, dass ein verpflichtender Vergleich nicht nötig ist, dass Freiwilligkeit die Motivation der Schüler erhöhen würde. Doch wie bereits erwähnt, würde es den Kindern die Chance geben, aus ihren Niederlagen zu lernen. Hier liegt ein grundlegendes Missverständnis zu Grunde: Scheitern wird mit Versagen gleichgesetzt. Natürlich ist es nicht schön zu verlieren, niemand scheitert gerne. Doch ist es falsch, dieses Scheitern als persönliches Versagen aufzufassen. Viele Eltern vergessen, dass ihr Kind nur deshalb laufen kann, weil es unzählige Male gescheitert ist. Immer wieder ist es aufgestanden, immer wieder ist es wieder hingefallen, nie hat es aufgegeben. Wäre es nicht immer wieder gescheitert und wäre es nicht immer wieder aufgestanden, hätte es nie Laufen gelernt. Niemand ist von Anfang an perfekt in allem, was er tut. Es bedarf Übung, immerwährender Wiederholung, um besser zu werden. Diese Chance bieten die BJS einem jeden Kind, egal wie sportlich oder unsportlich es ist. Allem Unangenehmen aus dem Weg zu gehen, führt zu verweichlichten Kindern, die zu verweichlichten Erwachsenen heranwachsen. Der Weg der erfolgreichsten Menschen, egal in welchem Bereich, ist gepflastert von Niederlagen. Sie scheiterten, wieder und wieder, häufig auch in Dingen, die sie hassten. „Aus den Trümmern unserer Verzweiflung bauen wir unseren Charakter“, schrieb einst Ralph Waldo Emerson. Nicht alles, was wir in unserem Leben machen müssen, macht uns Spaß. Vieles ist unliebsam, unbequem und doch können wir uns dem nicht entziehen. Zum Erwachsenwerden gehört auch, Pflichten als solche wahrzunehmen und das Beste aus ihnen zu machen. Die Abschaffung der verpflichtenden BJS ist nur ein Beispiel dafür, wie Kindern heute die Chance genommen werden soll, ihren Charakter zu formen. Vielleicht sollte man dagegen eine Petition ins Leben rufen.


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Bilder: Paulwip pixelio.de | Nima Badley flickr.com | Dennis Skley flickr.com

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