Die Invasion der Badehosen

Zum aktuellen Stand der Men’s Physique

Vor ziemlich genau fünf Jahren verfasste ich einen Artikel zur Einführung der damals neuen Klasse Men’s Physique in Deutschland. Seitdem ist vieles passiert und klar ist: Die Klasse ist gekommen, um zu bleiben. Zeit für ein Zwischenfazit!

Kennt ihr das? Ihr lest euch etwas durch, was ihr vor einigen Jahren geschrieben habt und das Geschriebene lässt euch nicht los? So ging es mir, als ich kürzlich meinen Artikel Kritische Gedanken zur Einführung der Men's Physique aus dem Jahr 2013 gelesen habe. Damals gab der DBFV e.V. bekannt, dass die Klasse im Herbst auch national eingeführt würde, nachdem sie bereits zuvor international präsentiert wurde.

Foto: Igor Kopcek

Diese Ankündigung sorgte in der Szene für heftige Diskussionen, die ich in meinem Artikel aufzugreifen und zu gewichten versuchte, nicht ohne meine eigenen Gedanken einzubringen. Als ich das alles so las, liefen die letzten fünf Wettkampfjahre im Schnelldurchlauf durch meinen Kopf. Was von meinen damaligen Erwartungen und Befürchtungen hatte sich bewahrheitet, was nicht?

Zusammengefasst lässt sich der Artikel von damals auf die folgenden Thesen reduzieren:
  1. Bodybuilding ist mehr als das Superschwergewicht.
  2. Die Men’s Physique öffnet den Sport für eine breitere Masse.
  3. Bis bei den Wertungen eine klare Linie erkennbar ist, wird es einige Zeit brauchen.
  4. Die Wertungen werden dennoch angreifbar sein, da es weniger "harte" Kriterien als in den klassischen Bodybuildingklassen gibt.
  5. Die Meisterschaften werden durch die Einführung und Ausbreitung der neuen Klasse enorm an Länge gewinnen, was Zuschauer abschrecken wird.
Diese Thesen werde ich in der Folge kritisch prüfen.

Bodybuilding ist mehr als das Superschwergewicht

Die erste ist auch die einfachste These. Hier ist natürlich keine allgemeingültige Aussage möglich, sondern nur eine persönliche Einschätzung. An dieser hat sich jedoch nichts geändert.

Bis heute verstehe ich nicht, mit welchem Recht sich manch einer herausnimmt, festzulegen, ab wann man Bodybuilder ist. Was ist dafür nötig? Ein 50er Oberarm? 100 kg Bühnengewicht? 200 kg auf der Bank? Bauchtasche?

Ich kann mich an dieser Stelle nur selbst zitieren: "Ist es nicht seit jeher Grundgedanke unseres Sports unseren Körper zu modellieren, nach den eigenen Wünschen zu formen?" Wenn man danach geht, ist schlicht und ergreifend jeder ein Bodybuilder, der versucht, seinen Körper durch Sport und Ernährung in die ein oder andere Richtung zu verändern. Letztlich ist das alles aber ohnehin kaum von Bedeutung, denn was sind solche Bezeichnungen mehr als Schall und Rauch?

Die Men’s Physique öffnet den Sport für eine breitere Masse

Die Einführung der Men’s Physique geschah ja nicht ohne Grund. Die Verbände sahen sich zu der Zeit mit stetig sinkenden Teilnehmer- und damit auch Zuschauerzahlen konfrontiert. Regionalmeisterschaften mit 40 Teilnehmern und Teilnehmerinnen und kaum doppelt so vielen Zuschauern waren für die Verbände schlicht finanziell kaum noch tragbar. Da lag es nahe, Klassen einzuführen, die mainstreamtauglicher sind und genau das tat man mit der Bikiniklasse und der Men’s Physique.

Aus dieser Sicht war das damalige Handeln ein Volltreffer. Schaut man sich heute die Starterlisten der Meisterschaften, egal ob national oder international, egal ob Amateur oder Profi, an, so stellt man fest, dass Men’s Physique und Bikini fast immer mindestens die Hälfte der Teilnehmer stellen, häufig deutlich mehr. Jeder Starter bedeutet Einnahmen über Starterlizenzen und natürlich auch Zuschauer, sodass die Hallen heute (zumindest temporär) wieder deutlich voller sind.

Auch hinsichtlich der Außenwahrnehmung hat die Klasse positiven Effekt auf den Sport allgemein. Denn die Körper der Jungs entsprechen eben vielmehr dem, was man gemeinhin als attraktiv bezeichnet als der eines 120 kg schweren Bodybuilders. Vor allem: Diese Körper strahlen Vitalität und Gesundheit aus, ungeachtet der Frage, ob das auch wirklich so ist. Der Körper eines Big Ramy schafft das nicht. Schon gar nicht, wenn man dann noch sieht, wie er (oder jeder andere Athlet dieses Kalibers) sich kaum selbst ausziehen kann und nach fünf Stufen anfängt zu prusten wie eine Dampflock anno 1900. Will man den Sport also eben nicht als Freakshow für Versuchskanninchen der pharmazeutischen Schattenindustrie verkaufen, ist die Klasse durchaus geeignet.

Ein anderer Gedanke, der zu dieser Zeit oft zu hören war, entpuppt sich jedoch als Luftblase: Die Men’s Physique ist genausowenig eine Einstiegsklasse im Männerbereich wie es die Bikiniklasse bei den Frauen ist. Wer auch immer diese Idee hatte, er dürfte enttäuscht worden sein. Dabei wäre eine solche Entwicklung auch zutiefst verwunderlich gewesen, wenngleich die Hoffnungen bei den Männern vielleicht noch etwas berechtigtert gewesen ist als bei den Frauen. Denn sind wir mal ehrlich:

Die Bikiniklasse gefällt vielen jungen Frauen. Sportlich trainierte Athletinnen mit flachem Bauch und rundem Po, super. Der nächste Schritt wäre dann die Figurklasse (die Wellnessklasse mal außen vor, da diese ganz spezifische Anforderungen hat), die leider mehr oder weniger ausstirbt. Dafür gibt es eine Vielzahl an Gründen wie die eklatante Differenz zwischen den Niveaus auf nationaler, internationaler und Profiebene, vor allem aber auch die wenig motivierende Bühnenpräsentation. Wer sich monatelang vorbereitet, wünscht sich vielleicht dann doch mehr als vier Vierteldrehungen in gut einer Minute. Aber ich schweife ab.

Die Men’s Physique spricht primär ein bestimmtes Klientel an, das nie im Leben auf die Idee gekommen wäre, sich im Posingslip auf eine Bühne zu stellen. Sicher gibt es auch in der Klasse manchen, der eigentlich gerne ein "richtiger" Bodybuilder wäre, aber irgendwie immer Kniebeuge und Bizepscurl verwechselt, aber das ist eine Minderheit. Die meisten Athleten, die in der Men’s Physique antreten, tun das, weil das dort geforderte körperliche Ideal auch das ihre ist. Das gilt zum einen optisch, zum anderen aber auch hinsichtlich der Alltagstauglichkeit. Machen wir uns nichts vor:

Foto: Igor Kopcek

Klassisches Bodybuilding ist vieles, aber nicht alltagstauglich. Das enorme Körpergewicht fordert hier einfach seinen Tribut und darauf haben viele einfach keine Lust. Auch wollen die meisten Athleten der Men’s Physique nicht einen großen Teil des Jahres im Stile eines Michellinmännchens herumlaufen, um noch ein paar Kilo Muskeln aufzubauen, sondern bevorzugen das ganze Jahr über eine recht gleichbleibende Form. Der große Vorteil dabei: Man kann weiterhin auch andere Sportarten betreiben. Für Schwergewichtsbodybuilder ist das nahezu unmöglich, zumindest tue ich mich schwer, mir einen Roelly Winklaar auf dem Tenniscourt oder einem Fußballplatz vorzustellen.

Der Ansturm auf die Men’s Physique dürfte nicht unwesentlich auch genau damit zusammenhängen. Viele betreiben das Krafttraining eher neben ihrem eigentlichen Sport, sei das Kraftsport, Ballsport oder was auch immer. Die Men’s Physique bietet die Möglichkeit, diesen Sport mit dem Bühnensport zu vereinen.

Eine Chance, die Men’s Physique als Einstiegsklasse zu verstehen sehe ich höchstens mit Blick auf die Classic Physique. Da kann ich mir gut vorstellen, dass der ein oder andere sich von den Körpern eines David Hoffmann oder Chris Bumstedt angesprochen fühlt und motiviert ist, in diese Richtung zu trainieren.

Bis bei den Wertungen eine klare Linie erkennbar ist, wird es einige Zeit brauchen

In den vergangenen fünf Jahren habe ich unzählige Konkurrenzen in der Men’s Physique gesehen und ich bin ehrlich: Während ich in fast jeder Klasse mit sehr hoher Genauigkeit die Platzierungen vorhersagen kann, versage ich in der Klasse regelmäßig. Bis heute ist für mich persönlich keine wirklich einheitliche Linie erkennbar, was aber keine Kritik an den Kampfrichtern oder Offiziellen sein soll, dazu gleich mehr.

Nur ist dieser Punkt eine Gefahr für die Klasse, die es nicht zu unterschätzen gilt, denn wenn nachhaltig der Eindruck entsteht, dass die Wertungen weitgehend willkürlich sind, könnte das viele potenzielle Teilnehmer abschrecken. Daher möchte ich an der Stelle noch einmal meine Forderung bekräftigen, die Wertungen endlich transparent zu machen, in dem Sinne, dass jeder Athlet sehen kann, welcher Kampfrichter ihn wie bewertet hat, wie es in nahezu jeder anderen Sportart gängig ist. Dann kann man nämlich gezielt nachfragen und kein Kampfrichter kann sich hinter einem Gemeinschaftsurteil verstecken, was leider immer noch ab und zu der Fall ist.

Die Wertungen werden dennoch angreifbar sein…

…da es weniger "harte" Kriterien als in den klassischen Bodybuildingklassen gibt.

Ich hatte es eben schon angesprochen: Diese Klasse zu werten, ist brutal schwer. Schon auf regionaler Ebene hat man zum Teil über 15 Athleten in einer Klasse, international teils bis zu 50. Gehen wir jetzt mal von einer Quote von 10 bis 30 Prozent der Athleten aus, die die Bühne besser gar nicht erst betreten hätten, bleibt eine extrem hohe Zahl an Teilnehmern, die sich doch sehr ähneln. Da zeigt sich, dass die Klasse durchaus eine Reifung genossen hat. Verkappte Bodybuilder haben heute in der Klasse kaum noch eine Chance, genauso unsichere Typen, die halt doch irgendwann einmal auf die Bühne wollten oder – sorry – Jungs, die bei Tinder jede Frau nach ohne mit der Wimper zu zucken nach links wischen würde.

Um es hart zu formulieren: Im klassischen Bodybuilding kann man ein hässlicher Vogel ohne Ausstrahlung sein, wenn man deutlich breiter und härter als die anderen ist, gewinnt man im Zweifel dennoch. In der Men’s Physique würde das nie funktionieren, dafür sorgen schon die Wertungskriterien:
Körperentwicklung, Gesamteindruck, Ausstrahlung, sportlich-athletische Erscheinung, allgemeine Körperpflege, gleichmäßige Bräunung, Hautqualität.
Eine gute Form wird vorausgesetzt.
Extreme Definition, Vaskulosität, Muskeleinschnitte oder extreme Muskelmasse wie z.T. in den Bodyklassen sind keine Wertungskriterien und sind nicht erwünscht - können u.U. zu einer Abwertung führen.

Quelle: DBFV e.V.
Diese Bewertungsrichtlinien machen deutlich, dass man in dieser Klasse mehr mitbringen muss als einen guten Body. Kriterien wie die allgemeine Attraktivität und eine positive Ausstrahlung spielen eine große Rolle, sind aber natürlich immer sehr subjektiv.

Erschwerend kommt ein weiterer Punkt hinzu, mit dem sich die Kampfrichter konfrontiert sehen: Es ist unglaublich schwierig, eine Richtung vorzugeben. Selbst nach der Einführung der Muscular Men’s Physique, die all denjenigen Platz bietet, die eigentlich für die Men’s Physique schon zu muskulös sind, ist es durchaus gängig, dass in einer Klasse der breiteste Athlet gewinnt und in der nächsten der schmalste – und das völlig berechtigt.

Foto: Andreas Volmari

Die Klasse kennt eben nur Einteilungen gemäß der Körpergröße, keine Gewichtsbeschränkungen. Da kann man verbandsseitig noch so sehr auf eine klare Linie bei den Wertungen pochen, wenn in der einen Klasse der schmalste Athlet eben in Summe aller Kriterien der beste ist und in der anderen der breiteste, dann haben es beide in ihren Klassen verdient zu gewinnen. Sicher gab es solche Fälle auch schon einmal im klassischen Bodybuilding, doch sind sie hier eher die Ausnahme, weil die Muskelmasse eben eine viel größere Rolle spielt. Das bedeutet auch, dass es in der Men’s Physique kaum möglich ist, genetische Defizite durch Training auszugleichen. Sicher kann man eine schwache Brust aufbauen, aber Knochenbau, Muskelformen und derartige Aspekte spielen einfach eine viel gewichtigere Rolle als in anderen Klassen.

Und natürlich der Faktor Attraktivität und Ausstrahlung. Erstere kann man zumindest noch versuchen zu definieren, da liefert die Wissenschaft ganz gute Erkenntnisse. Demnach gefällt uns Symmetrie, insbesondere auch im Gesicht, und weiterhin Bekanntes. Dennoch ist das Kriterium natürlich vage, spielt aber im Bereich Gesamteindruck und Ausstrahlung eine bedeutende Rolle. Ausstrahlung ist aber noch viel mehr. Einzig in der Bikiniklasse spielt diese eine vergleichbar große Rolle. Du kannst rein sportlich der beste Athlet auf der Bühne sein, wenn du aber vom Typ her introvertiert bist und es unangenehm findest, wenn der Fokus auf dich gerichtet ist, bist du in der Klasse gänzlich falsch.

Das kann man nun vortrefflich kritisieren, denn sollte es nicht um die sportliche Leistung gehen und nicht darum, ob man eben bei der Auswahl der face asthetics der Eltern mehr oder weniger viel Glück hatte? Und ist Lächeln und ein wenig mit dem Kampfgericht und dem Publikum spielen wirklich ein Wertungskriterium? Schwer zu sagen, auf der anderen Seite ist die Klasse in diesem Punkt wenigstens ehrlich und gesteht via Wertungsrichtlinien ein, dass diese Aspekte eine Rolle spielen.

Das ist vergleichbar mit dem Schulunterricht: Der schüchterne Nerd, der immer gute Noten schreibt, aber sich mündlich kaum beteiligt, bekommt am Ende vielleicht doch die schlechtere Note als Prince Charming, dessen schrifliche Leistungen manchmal zu wünschen übriglassen, der aber auch ohne das fundierteste Wissen aktiv am Unterricht teilnimmt und schon in der Schule weiß, wie er Menschen um seinen Finger wickelt. Fakt ist, dass das bei jedem Lehrer funktioniert, nur gibt es Fächer, da spielt die aktive Teilhabe am Unterricht von vorneherein eine größere Rolle als in anderen, sprich es wird klar kommuniziert, dass das vorhandene Wissen alleine nicht die Gesamtbewertung ausmacht.

Egal wie wir es drehen und wenden: Die Wertungen in dieser Klasse sind schwierig. Zum einen weil es eben eine unglaublich hohe Anzahl an Athleten gibt, die von den Kampfrichtern begutachtet werden müssen und dafür nur wenig Zeit bleibt. Das erfordert ein waches Auge im Kampfgericht, aber auch einen wachen Athleten, der sofort präsent ist und die Augen von Zuschauern und vor allem Kampfrichtern direkt auf sich lenkt. Zum anderen ist die Leistungsdichte in den vorderen Rängen zumeist enorm, da entscheiden Nuancen und diese sind eben nicht immer sportlicher Natur und dadurch naturgemäß subjektiv. Einen Ausweg aus dieser Situation sehe ich jedoch nicht.

Die Meisterschaften werden durch die Einführung und Ausbreitung der neuen Klasse enorm an Länge gewinnen

Sind die Meisterschaften länger geworden? Ja, das sind sie. Zum Teil artete das in nahezu unerträgliche Marathonsitzungen aus. Dem ist man mittlerweile beigekommen, indem der gesamte Ablauf der Meisterschaften gestrafft wurde. Das Prejudging findet nur noch dann statt, wenn die Anzahl der Teilnehmer es erfordert, ganz wie ich es schon vor fünf Jahren gefordert hatte. An dieser Stelle gilt es den Verbänden ein großes Lob auszusprechen, denn durch diesen neuen Ablauf sind die Meisterschaften wieder deutlich kurzweiliger geworden. Und seien wir mal ehrlich: Ohne die "neuen" Klassen würde es vielfach keine Meisterschaft mehr geben, es sei denn, man würde diese im Keller eines Gyms austragen wollen.

International sieht das Ganze dann nochmal anders aus, da hier die Vielzahl der Klassen doch sehr viel Zeit kostet und hier in der Regel schon vor fünf Jahren sehr zeiteffizient geplant wurde.

Dennoch: Dieses Problem hat man gut in den Griff bekommen. Was bleibt, ist das Problem, dass wir auf den Meisterschaften mittlerweile häufig auf zwei Lager treffen, die kaum noch etwas miteinander zu tun haben, was sich dann auch bei den Zuschauern wiederspiegelt. Viele kommen eben wegen ihrer Bekannten, Freunde oder Familienmitglieder. Diesen Zuschauern ist der Rest der Veranstaltung im Grunde ziemlich egal, daher verschwinden die auch fix, wenn die Klasse des betreffenden Athleten durch ist. Das führt zu bekanntem Phänomen, dass beim Gesamtsiegerstechen der Männer die Halle fast leer ist. Das kann man jedoch nicht den eben beschriebenen Zuschauern zur Last legen, vielmehr zeigt es, dass das klassische Bodybuilding ein Problem mit der Mobilisierung der Zuschauer hat. Es kommen ja kaum weniger Zuschauer, weil es nun auch ein paar andere Klassen gibt, auch wenn einzelne selbsternannte Hardcorebodybuilder das gerne mal verlauten lassen.

Einige Veranstalter versuchen das Problem in den Griff zu bekommen, indem die Abfolge der Klassen durchmischt wird und die Siegerehrungen und Gesamtsiegerstechen alle ans Ende verlegt werden. Das kann durchaus ein Weg sein, wobei man hier den Königsweg noch nicht gefunden hat.

Festzuhalten bleibt, dass sich auf den Meisterschaften zwei Welten begegnen, die sich auch heute noch recht fremd sind. Wünschenswert wäre, wenn beide sich etwas öffnen würden, denn ich denke, beide können voneinander noch so einiges lernen. Dabei gilt es aber Vorturteile und Neid beiseite zu schieben. Nicht jedes Superschwergewicht ist dumm wie trockenes Weißbrot und nicht jeder Men’s Physique-Athlet postet alle zwei Sekunden total fancy Sachen in seiner Instagram-Story.

Wobei gerade im Bereich der Aktivität in sozialen Netzwerken manch eingesessener Bodybuilder durchaus so einiges von jungen Men’s Physique-Athleten lernen könnte. Wenn sich immer wieder beschwert wird, dass diese Jungs "echten" Athleten Sponsorenverträge wegnehmen und sich sogar erdreisten, Coachings anzubieten, dann kann ich da nur meinen Kopf schütteln. Natürlich sind viele dieser Athleten für Sposoren spannender als träge Schwergewichtler, die außer Fressen, Schlafen, Trainieren und Kacken nichts zu zeigen haben und das dann alle drei Wochen einmal für ihre 1.000 Follower tun. Da würde ich als Hersteller auch eher den Men’s Physique-Athleten sponsoren, der täglich Stories postet, abwechslungsreichend Content bietet und halt mal eben 100.000 Follower erreicht. Wer dabei wie viele Titel gewonnen hat oder wessen Arm wie dick ist, spielt dabei eben keinerlei Rolle.

Foto: Andreas Volmari

Und warum verkauft dann ein Men’s Physique-Athlet zehnmal so viele Coachings wie ein Schwergewichtler? Vielleicht weil er dem Ziel der Kunden sehr viel näher ist? Vielleicht weil er sogar besser weiß, wie seine Klienten dieses Ziel erreichen? Würde er damit werben, seine Kunden zum Superschwergewicht zu machen, wäre das schon deutlich fraglicher, aber so…

Natürlich habe ich hier an manchen Punkten überspitzt und selbstverständlich gibt es auf beiden Seiten solche und solche. Doch so pauschal wie die Kritik teilweise ist, so pauschal muss man auch in solchen Artikeln manchmal darauf eingehen, um die Irrationalität ebendieser Kritik deutlich zu machen. Dass es anders geht, zeigen täglich Athleten wie Tim Budesheim oder Mike Sommerfeld, um nur einige zu nennen.

Fünf Jahre nach der Einführung der Men’s Physique: ein Zwischenfazit

Der Bodybuildingsport hat sich in den vergangenen knapp zehn Jahren vielleicht mehr gewandelt und weiterentwickelt als in den fünfzig Jahren zuvor. Die Verbandsverantwortlichen hatten die Wahl, in der kuscheligen Vertrautheit der kleinen Hardcoreszene langsam vor sich hin zu siechen, um irgendwann gänzlich auszusterben oder aber den Weg hin zu mehr Mainstream und mehr Kommerz zu gehen. Man entschied sich für letzteres und war damit äußerst erfolgreich. Leider wird dieser Erfolg nicht von allen Vertretern der Szene als solcher gewertet.

Und ich bin ehrlich: Wirklich spannend finde ich die Wettkämpfe in der Klasse auch nicht. Dennoch halte ich diesen Schritt aus heutiger Sicht für absolut richtig. Die Zeit lässt sich eben nicht zurückdrehen und man muss akzeptieren, dass jede Phase ihre Zeit hat. Wenn ich von Veteranen der Szene höre, wie Ende der Achtziger und Anfang der Neuziger eine Deutsche Meisterschaft die Jahrhunderthalle in Frankfurt füllte und das "nur" mit klassischem Bodybuilding, dann finde ich das natürlich faszinierend.

Aber diese Zeit ist eben vorbei. Bodybuilding muss sich bewegen, will es als Sport auch künftig noch ansprechend für eine relevante Masse an Trainierenden sein. Dass man sich bewusst für diesen Weg entschieden hat, war mutig und konsequent. Und auch wenn es hinsichtlich der Umsetzung immer etwas zu kritisieren gibt, kann man in Summe festhalten, dass der Umgang mit dieser Klasse in recht kurzer Zeit sehr professionell geworden ist. Ewiggestrige wird das natürlich wenig interessieren, aber das ist eben der Lauf der Dinge. Aus meiner Sicht ist die Men’s Physique eindeutig eine Erfolgsgeschichte.

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