Wiederkehrende Phänomene rund um die Weihnachtszeit und den Jahreswechsel

Alle Jahre wieder

Menschen sind ja Gewohnheitstiere, das merkt man in den unterschiedlichsten Situationen. So verwundert es auch nicht, dass sich alljährlich in den Fitnessstudios das gleiche Phänomen abspielt. Kaum neigt sich der November dem Ende zu, die Weihnachtsmärkte beginnen mit Glühwein, Bratwurst und gebrannten Mandeln zu locken, Weihnachtseinkäufe und die Planung der Feiertage übernehmen die Oberhand bei der Freizeitgestaltung und Gelage mit Christstollen, Lebkuchen und Plätzchen treiben die Blutzuckerspiegel der Nation nach oben, da erscheinen einem Fitnessstudios wie Geisterschiffe. Wo sich sonst zu Stoßzeiten Schlangen an den Geräten bilden, gähnende Leere. Verzweifelt irren die Trainer umher, aufgabenlos, von den paar Terminen, die noch vereinbart werden zumeist versetzt; auf der Suche nach irgendeiner Betätigung, die ihre Schicht nicht ganz so unendlich lange wirken lässt. Doch viel zu tun ist nicht. Die, die der Weihnachtszeit und dem Wetter zum Trotz weiter fleißig trainieren kommen, sind zwar immer mal für eine kleine Plauderei zu haben, aber das sind eben auch die, die eh immer kommen und jedes Gerät im Studio am Geruch erkennen. Lethargie macht sich breit, je näher das Weihnachtsfest rückt, desto stärker wird sie.

Und dann, man ist völlig der Lethargie verfallen, plötzlich ist da Silvester. Und was wird da gemacht, außer gesoffen, geböllert und fremdgegangen? Richtig, es werden gute Vorsätze gefasst, die ganze Fresserei und Sauferei der letzten Wochen muss ja auch mal ein Ende haben und wenn schon die bequemen Hosen nicht mehr passen, spätestens dann erkennt auch der faulste Hund, dass es so nicht weitergehen kann. Der Speck muss weg! Also ab ins Fitnesscenter, schwitzen, schinden, Pfunde purzeln lassen! Mindestens 3x pro Woche und die Ernährung wird eh umgestellt: kein Junk Food mehr und Alkohol ja schon gar nicht. Jawoll, das neue Jahr wird der Gesundheit und Fitness verschrieben!

Zurück zum unseren der Lethargie verfallenen Trainern. Nach den erholsamen - wenn auch langweiligen - Wochen der Vorweihnachtszeit und der Woche zwischen Weihnachten und Silvester, bricht nun der Sturm los. Man könnte beinahe vermuten, es gäbe kostenlose Heizdecken oder ein neuer Media Markt würde eröffnen, aber nein, es sind wirklich nur von dem Glauben beseelte Menschen, dass sie ihren inneren Schweinehund nun endgültig besiegt hätten, da sie ihren Arsch vom Sofa bewegt haben um sich im Fitnessstudio anzumelden, oder sich da mal wieder blicken zu lassen, nachdem das letzte halbe Jahr zwar brav bezahlt wurde, aber die Mitgliedskarte einstaubte. Als gäbe es irgendwo ein Nest, stürmen die Menschen die Studios, hochmotiviert, voller Tatendrang und mit großen Erwartungen. Und die armen Trainer? Sie müssen ganz schnell aus dem Winterschlaf erwachen, denn - so besagt es ein Grundgesetz der Branche - die ersten drei Monate des Jahres bestimmen über den wirtschaftlichen Erfolg oder Misserfolg des Studios für das gesamte Jahr. Also mitnehmen was geht, Werbung raushauen, bis auch der Letzte geschnallt hat, dass er jetzt, genau jetzt seinen Hintern erheben muss, will er im Sommer nicht zu den bemitleidenswerten Menschen gehören, die keine Sommerfigur präsentieren können und Mitgliedschaften schreiben. Stress pur! Die Terminbücher sind überfüllt, Sonderschichten ohne Ende werden gefahren, wer jetzt nicht belastbar ist, der wird sein blaues Wunder erleben. Denn volle Studios bedeuten Wartezeiten, Mitglieder hassen Wartezeiten, volle Studios bedeuten bei dem winterlichen Wetter auch einmal etwas Dreck, Mitglieder hassen Dreck. Und da der Kunde König ist, hat der Hofdiener zu leiden.

Doch nicht nur die armen Trainer leiden, auch die Studios selbst haben zu kämpfen den Anstürmen der Massen zu trotzen. Manchmal würde man am liebsten ein Schild an die Tür hängen "Wegen Überfüllung geschlossen", doch kann sich der mutige Jüngling, der sich dies traut, eines Gespräches mit der Geschäftsleitung sicher sein und Lob wird er dabei nicht ernten. Also werden Maßnahmen ergriffen, die Menschenmassen bestmöglich zu organisieren, was einmal mehr, einmal weniger gut gelingt. Fast wäre man schon am verzweifeln, kurz vorm Aufgeben, wüsste man nicht aus der Erfahrung, dass der April und der Mai nicht fern sind. Denn, auf wundersame Weise, leeren sich die Studios auf einmal wieder. All die hochmotivierten Gefangene der guten Vorsätze, man sieht sie auf einmal nur noch 2x pro Woche im Studio, dann 1x und auf einmal hat man den Namen der Person vergessen. Dass die anfängliche Motivation schnell nachlässt, ist ein allgemeines Phänomen, in der Branche intensiv untersucht und diskutiert, da aus unmotivierten Kunden fix ehemalige Kunden werden. Doch die Neujahrsvorsätzefraktion scheint hiervon noch stärker betroffen zu sein. Man könnte vermuten, dass viele Neujahrsvorsätze nicht rational, sondern ad hoc affektiv gefasst werden. Die anfängliche Motivation, der Spaß am Neuen lässt es einen problemlos ertragen, dass die Briefmarkensammlung kaum noch Beachtung erfährt, da verhält es sich wie mit allen anderen Dingen im Leben: Beziehungen, technisches Spielzeug, Autos etc. Und plötzlich gehört man zu der großen Gruppe, deren einziger Bezug zum Studio die monatliche Abbuchung ist. Weiterhin scheint das schlechte Gewissen hier eine große Rolle zu spielen: der Dezember ist im Grunde ja wie gemacht dafür, jegliche Form von Hemmung und Zurückhaltung beim Essen zu vergessen.

Ein schlechtes Gewissen und übereilte und unüberlegte Vorsätze, eine tolle Kombination, klingt wie ein Duett von Tokio Hotel und Justin Bieber.

Bevor der Leser mich missversteht: Ich bin natürlich ein Befürworter der körperlichen Ertüchtigung. Nur sollten die Beweggründe überlegter sein, die Ziele realistisch und der Zeitpunkt bitte bitte nicht im Januar. Diese Schnellschussaktionen sind von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Seid cleverer als der Rest: Legt schon im Dezember los. So setzt die ganze Schlemmerei weniger an, denn es wäre doch schade um all die Leckereien, würde man sie links liegen lassen. Wer schuftet, darf auch mal schlemmen! Und noch ein Vorteil schon im Dezember loszulegen: Ihr seid schon per Du mit den Geräten, bevor die Massen das Studio stürmen, könnt in Stoßzeiten auch mal ausweichen und der hübschen Lady in red selbstsicher helfen und ihr die korrekte Benutzung des Butterflys demonstrieren. Und schon bahnt sich eine freiwillige Cardioeinheit an, aber das ist eine andere Geschichte…

In diesem Sinne, frohes Fest!

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