Mehr als nur süß

Was die Aminosäure Glycin alles für dich tun kann

Glycin: Eine Aminosäure, die in letzter Zeit immer häufiger erwähnt wird, wenn es um Gesundheit und Fitness geht. War Glutamin lange Zeit der Anführer der bekannten und am häufigsten supplementierten Aminosäuren, macht sich Glycin nach und nach auf seine Wirkung und Bedeutung für den menschlichen Organismus publik zu machen.

Wer nur auf Wachstum und Fettabbau fixiert ist, übersieht alle anderen positiven "Nebenwirkungen, obwohl die Voraussetzung für die Erstgenannten ein gesunder, funktionierten und im Gleichgewicht arbeitender Körper ist.

Wollen wir uns also mal ansehen, was Glycin (womit man auf herrlich seinen Kaffee süßen kann) (Michalk 2014), alles in unserem Körper leisten kann:
Glycin ist eine nicht essentielle Aminosäure - eigentlich. Mit Blick auf ihr Können sollte man sich allerdings überlegen, ob sie nicht doch eher semi-essentiell ist, denn hier hilft viel tatsächlich viel!
Sucht man in Internet Informationen über Glycin, findet man zunächst grobe Beschreibungen über ihre Leistungen:
  • "Bestandteil des Hämoglobinstoffwechsels" (Wir folgern: Teil des Sauerstofftransports - Atmen ist tatsächlich wichtig!)
  • "Bestandteil des Creatinstoffwechsels" (Kreatin sollte allen Fitnesssportlern ein Begriff sein. Kreatin liefert uns Energie in den Muskel. Ein weiter Punkt für Glycin.)
  • "Gylcin ist Bestandteil ist Bestandteil des Kollagens und ist daher wichtig für […] de[n] Aufbau von Knorpel, insbesondere Gelenkknorpel."
Da liefert uns Glycin doch gleich drei schlagende Argumente.

Neben der Eigenschaft als Helferlein in unserer DNA zu fungieren, leistet es darüber hinaus auch einen entscheidenden Beitrag bei der Regulierung des Blutzuckerspiegels, was gerade in Bezug auf die Körperfettregulierung natürlich von großen Nutzen sein kann (Gonzalez-Ortiz M, 2001).

Foto: Frank-Holger Acker

Da sollten die Ohren aufgehen. Körperfettregulation ist immer gleichermaßen interessant für Männlein und Weiblein.

Welche Wirkung entfaltet Glycin?

Durch Glycin wird das Hormon GLP-1, welches sich im Darm befindet, vermehrt ausgeschüttet und die Wirkung von Insulin gesteigert.
Das bedeutet, dass wir weniger Insulin benötigen - bei gleicher verzehrter Menge Carbs.
Das schont nicht nur unsere Bauchspeicheldrüse, sondern verhindert durch den verminderten Anstieg an Glukose im Blut auch fiesen Heißhunger. GLP-1 nimmt darüber hinaus auch positiven Einfluss auf die Freisetzung von Fett aus dem Gewebe (Villanueva-Penacarrillo 2001).
Eine glycinreiche Ernährung wirkt sich neben negativ korrelierendem Körperfettanteil ebenso positiv auf die Menge an freien Fettsäuren im Blut (sie sinken!) aus. Gleichzeitig gehen die Cholesterinwerte zurück, wohingegen dem "guten" HDL-Cholesterin eine Steigerung widerfährt.

Bereits 1980 (Kasai, Kiko et al. 1980) schrieb die Wissenschaft Glycin eine Eigenschaft zu, die bislang keine andere Aminosäure ihr Eigen nennen kann und vor allem für Kraftsportler von enormem Interesse sein sollte: Glycin stimuliert das HGH (Human Growth Hormone = Wachstumshormon).

So können wir auch nach Kindheit und Pubertät noch von den Vorteilen des Wachstumshormons profitieren - hier spielt die Dosierung von Glycin allerdings eine entscheidende Rolle. Diesbezüglich zeigten Untersuchungen (van Vught, AJAH et al. 2010), dass vor allem Gelatine als präferiert verzehrtes Protein diese Wirkung hervorrufen kann.

Wenn wir aber nunmal etwas weniger oberflächlich denken und uns auf den tieferen Zweck von Sport und Fitness besinnen, wie kann Glycin uns auch in den nächsten Jahren oder Jahrzehnten unser Leben noch unterstützen, leistungsfähig und gesund zu bleiben?

Glycin auch für Nicht-Sportler sinnvoll?

Die Wissenschaft lehrt uns Sportlern, dass neben der Verbesserung der Stabilität deiner Gelenke sowohl der Sauerstoff besser durch dein Blut, als auch die Energie besser in deine Muskeln transportiert wird. Und der Fettabbau funktioniert besser. Immer gut. Aber auch deine Großmutter kann und sollte zu Glycin greifen.

Bei Störungen der Durchblutung, die durch vorhergehende Minderdurchblutungen hervorgerufen wurde, hilft Glycin bei der Regulierung dieser und schützt darüber hinaus vor Blutvergiftungen und Blutungen im Allgemeinen. Auch bei Omas Arthrose kann Gylcin zur Verbesserung beitragen.

Gehen wir aber mal weg von den Extremen: Auch mit Problemen an den Nieren und der Leber kann Glycin gut umgehen und diese vermindern oder gar verhindern. Aber nicht nur hier wirkt es anti-inflamatorisch. Es stärkt die Immunabwehr und sorgt für unsere Zeltgesundheit - und das sollte für jeden Menschen von Interesse sein (Zhong, Zhi et al. 2003).
Es klingt ja schon fast zu schön, um wahr zu sein. Glycin wirkt wie ein Alleskönner, ein Lebensretter.
Stimmt.

Glycin hat in einer Studie (bisher allerdings nur mit Mäusen) die Tumorgröße reduzieren und gleichzeitig Muskelmasse erhalten können (Ham et al. 2014). Das ist gleich doppelt großartig, denn Muskelschwund während schwerer Erkrankungen führt meist zu einer Verschlimmerung des Krankheitsbildes. Eine positive Wirkung auf beide Faktoren, kann hier in zweifacher Hinsicht die Genesung des Patienten (sofern eine vergleichbare Wirkung beim Menschen erzielt werden kann) vorantreiben.

Betrachten wir die Wirkung von Glycin in den Zellen, hat die Wissenschaft feststellen können, dass alte Zellen, von älteren Menschen, Gene deaktivieren, die für die Funktionsfähigkeit unserer Kraftwerke, unserer Mitochondrien zuständig sind. Es handelte sich hier vor allem um glycinproduzierende Zellen. Infolgedessen kann eine Glycinsupplementierung dem Altern entgegenwirken (Hashizume, Osamu et al. 2015).

Wie viel Glycin sollte man zu sich nehmen?

Stellt sich am Ende jedoch die Frage: Wie viel soll ich nehmen?

Eine Studie aus dem Jahr 2009 (Meléndez-Hevia, Enrique et al. (2009) rechnet mit ca. 10 g, was im Vergleich zu anderen Supplementen eine ganze Menge darstellt. Für Sportler, die bereits eine proteinreiche Ernährung verfolgen, fällt die Dosierung sicherlich geringer aus.

Viel wichtiger aber als die Menge an zu supplementierendem Glycin ist jedoch: Diese Aminosäure alleine ist nicht die Lösung gegen Altern, Fettleibigkeit oder für die absolute Gesundheit. Sie leistet jedoch einen erheblichen Beitrag zu einem gesunden und aktiven Lebensstil, der bis ins hohe Alter aufrechtzuerhalten sein scheint.

Quellen

  • Gonzalez-Ortiz M (2001): Effect of Glycine on insulin secretion and action in healthy first-degree relatives of type-2 diabetes mellitus patients, Horm Metab Res., 33 (6): 358-360.
  • Ham, Daniel J et al. "Glycine administration attenuates skeletal muscle wasting in a mouse model of cancer cachexia." Clinical Nutrition 33.3 (2014): 448-458.
  • Hashizume, Osamu et al. (2015): "Epigenetic regulation of the nuclear-coded GCAT and SHMT2 genes confers human age-associated mitochondrial respiration defects." Scientific reports 5 (2015).
  • Kasai, Kikuo et al. (1980): "Glycine stimulates growth hormone release in man." Acta endocrinologica 93.3, 283286.
  • Meléndez-Hevia, Enrique et al. "A weak link in metabolism: the metabolic capacity for glycine biosynthesis does not satisfy the need for collagen synthesis." Journal of biosciences 34.6 (2009): 853872.
  • Michalk, Chris (2014): Das Handbuch zu Ihrem Körper. So erreichen Sie Ihr genetisches Maximum. edubily
  • Villanueva-Penacarrillo (2001), ML et al. "Effect of GLP-1 on lipid metabolism in human adipocytes." Hormone and metabolic research 33.2: 73-77.
  • van Vught, AJAH et al. (2010) "The effects of dietary protein on the somatotropic axis: a comparison of soy, gelatin, αlactalbumin and milk." European journal of clinical nutrition 64.5 : 441446.
  • Zhong, Zhi et al.(2003): "L-Glycine: a novel antiinflammatory, immunomodulatory, and cytoprotective agent." Current Opinion in Clinical Nutrition & Metabolic Care 6.2 : 229-240.

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