No Brain - No Gain Med #1/2010

Anatomische Grundlagen (I)

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Disclaimer - Hinweis zu Gesundheitsthemen
Jeder Körper ist individuell und daher erfordert jede Therapie eine vorausgegangene Diagnostik durch entsprechend ausgebildetes medizinisches Fachpersonal. Die Darstellungen von Krankheitsbildern und mögliche Therapieansätze sind immer als allgemeine Darstellung zu verstehen, welche individuelle Abweichungen nicht berücksichtigen kann. Entsprechende Beiträge auf Team-Andro.com dienen rein der Information und haben nicht die Intention, eine medizinische Untersuchung zu ersetzen.

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Anatomie ist die Grundlage zum Verständnis der Funktionsweise von Gelenken und den Ursachen und Therapieansätzen von Verletzungen. Im Folgenden werden Begriffserklärungen geliefert, welche für das Verständnis der folgenden Texte grundlegend sind und als bekannt vorausgesetzt werden. Darüber hinaus werden wesentliche Bestandteile des Bewegungsapparates kompakt vorgestellt. Auch diese Informationen werden künftig als bekannt vorausgesetzt.

Anatomische Nomenklatur

In der Medizin ist eine Fachsprache üblich, die in aller Regel auf dem Lateinischen beruht. Folgende Begriffe können Euch in den folgenden Artikeln begegnen:
  • Articulatio = Gelenk
  • Bursa = Schleimbeutel
  • Caput = Kopf
  • Costa = Rippe
  • Discus = Knorpelscheibe in einem Gelenk
  • Epicondylus = Gelenkknorren
  • Faszie = Hülle aus Bindegewebe
  • Kyphose = dorsale Krümmung der Wirbelsäule
  • Labrum = Lippe
  • Ligamentum = Band
  • Linea = Linie
  • Lordose = ventrale Krümmung der Wirbelsäule
  • Meniscus = Halbring
  • Musculus = Muskel
  • Os = Knochen
  • Pars = Teil
  • Periost = Knochenhaut
  • Phalanx = Finger-/Zehenglied
  • Processus = Fortsatz
  • Skoliose = Seitliche Verbiegung der Wirbelsäule
  • Spina = Dorn, StachelTendo = Sehne
  • Trochanter = Rollhügel
  • Tuber = Höcker
  • Tuberositas = Rauhigkeit

Richtungsbezeichnungen

Auch die Richtungsbezeichnungen werden in Latein angegeben. Folgend seht Ihr eine Übersicht der gängigsten Richtungsangaben. Die Anordnung erfolgt systematisch, das heißt es werden immer die Gegensatzpaare zusammen genannt:
  • anterior = vorne
  • posterior = hinten
  • dexter = rechts
  • sinister = links
  • distal = von der Körpermitte weg
  • proximal = zur Körpermitte hin
  • dorsal = rückenwärts
  • ventral = bauchwärts
  • externus = außen
  • internus = innen
  • inferior = unten
  • superior = oben
  • kaudal = fußwärts
  • kranial = kopfwärts
  • lateral = zur Seite hin
  • medial = zur Mitte hin
  • profundus = in der Tiefe
  • superficialis = oberflächlich
  • median = in der Mitte gelegen
  • viszeral = die Eingeweide betreffend

Bewegungsmöglichkeiten

Der menschliche Körper ist zu vielen verschiedenen Bewegungen fähig. Folgend sind die wesentlichsten Bewegungsmöglichkeiten aufgeführt:
  • Abduktion = Abspreitzung
  • Adduktion = Heranführung
  • Anteversion = Vorführung
  • Retroversion = Rückführung
  • Extension = Streckung
  • Flexion = Beugung
  • Pronation = Einwärtsdrehung
  • Supination = Auswärtsdrehung
  • Elevation = Heben über die Waagerechte
  • Lateralflexion = Seitwärtsneigung der Wirbelsäule
  • Innenrotation
  • Außenrotation

Körperebenen

Man unterscheidet drei Körperachsen: die Transversalachse, die Sagittalachse und die Frontalachse. Davon ausgehend kann man drei Ebenen unterscheiden, welche hier schematisch dargestellt sind:
  • Transversalebene = gelb
  • Sagittalebene = rot
  • Frontalebene = blau
Abbildung 1


Weiterhin ist die Kenntnis der grundlegenden Merkmale verschiedener wesentlicher Bestandteile des Bewegungsapparates eine elementare Voraussetzung für das Verständnis verschiedener Verletzungen.

Knorpel

Ausgehend von seiner Zellstruktur wird der Knorpel dem Stützgewebe zugeordnet, aufgrund seiner Funktion dem aktiven Bewegungssystem. Er zeichnet sich durch eine hohe Druckfestigkeit und Widerstandsfähigkeit gegenüber mechanischen Belastungen aus. Die eigentlichen Knorpelzellen (Chondrozyten) und die elastischen Fasern werden von einer großen Menge Grundsubstanz, der sogenannten Interzellularsubstanz, umlagert. Diese Substanz besteht zu ca. 70% aus Wasser, weiterhin aus Proteoglykanen und Hyaluronsäure.

Knorpel gehören zu dem sogenannten bradytrophen Gewebe, was bedeutet, dass sie eine sehr niedrige Stoffwechselaktivität haben. Sie sind nicht durchblutet und innerviert, werden also allein durch Diffussion ernährt. Aufgrund der genannten Eigenschaften dauert die Heilung eines Knorpels sehr lange, stolze 200-400 Jahre.

Man unterscheidet drei verschiedene Typen von Knorpeln.

Hyaliner Knorpel: Dieser enthält viel Grundsubstanz und viel Flüssigkeit und überzieht als Gelenkknorpel die Gelenkflächen. Diese Knorpelart ist extrem belastbar. Langfristig ist bei entsprechender Belastung eine Vergrößerung der Knorpelmasse möglich, was die Belastbarkeit erhöht. Durch Bewegung wird via Diffussion Synovialflüssigkeit in den Knorpel geleitet, wodurch dieser sich ernährt.

Faserknorpel: Der Faserknorpel enthält viel Fasergewebe und ist nur stellenweise von Knorpelgrundsubstanz durchdrungen. Aus diesem Grund ist er enorm zugfest und resistent gegen Scherkräfte. Man findet ihn beispielsweise. in den Bandscheiben und Menisken.

Elastischer Knorpel: Hier ist in die Grundsubstanz ein elastisches Fasernetz integriert, was ihn sehr biegsam macht. Ein Beispiel für einen elastischen Knorpel ist die Ohrmuschel.

Knochen

Das menschliche Skelettsystem besteht aus über 200 Knochen, die etwa 12% des Körpergewichts ausmachen. Ihre Funktion besteht im Schutz wichtiger Bestandteile (Gehirn, Knochenmark), der Stabilisierung von Weichteilen und der Funktion als Hebel für den Ansatz der Muskulatur. Knochen nehmen – je nach Funktion – verschiedene Formen an.

Der Schädel (Cranium), das Schulterblatt (Scapula) und das Brustbein (Sternum), die Rippen (Costae) und das Becken (Ossa coxae) werden als platte Knochen (Ossa plana) bezeichnet. Eine weitere wichtige Gruppe sind die Röhrenknochen (Ossa longa). Zu ihnen zählen der Oberarmknochen (Humerus), die Elle (Ulna) und die Speiche (Radius), weiter der Oberschenkelknochen (Femur), das Schienbein (Tibia) und das Wadenbein (Fibula), weiterhin die Fingerknochen. Röhrenknochen bestehen aus zwei knorpelig überzogenen Gelenkenden (Epiphysen) und dem Schaft (Diaphyse). Weiterhin existieren kurze Knochen (Ossa brevia) und luftgefüllte Knochen (Ossa pneumatica), sowie verschiedene Formen, die nicht einheitlich klassifiziert werden können (Ossa iregularia), wie die Wirbelkörper (Ventebrae).

Äußerlich wird ein Knochen von der Knochenhaut (Periost) umgeben, welche mit vielen Gefäßen und Nervenbahnen durchsetzt ist. Die eigentliche Knochensubstanz unterteilt man in einen äußeren (Substantia compacta) und einen inneren (Substantia spongosia) Teil. In den Hohlräumen (Cavitas medullaris) der Röhrenknochen befindet sich das gelbe Knochenmark, auch Fettmark genannt. Das rote Knochenmark findet man in der Substantia spongosia; es ist das wichtigste blutbildende Organ des Menschen.

Bei Belastung kann sich ein Knochen langfristig anpassen, indem die Knochenrinde (Kortikalis) durch Mineraleinlagerungen zunimmt und es zu einer Dickenzunahme der Substantia compacta kommt. Daneben kommt es zu einer Strukturveränderung der Substantia spongosia.

Knochen sind Ansatzstellen der Sehnen. Je nach Lage und Funktion sind unterschiedliche Knochenvorsprünge ausgeprägt: Rauhigkeiten (Tuberositas), Höckerchen (Tubercula), Stachel (Spinae), Fortsätze (Processus) und Rollhügel (Trochanteres).

Eine Sonderform stellen die Sesambeine (Ossa sesamoidea) dar. Am populärsten ist hier die Kniescheibe (Patella). Diese kleinen Knochen sind in eine Sehne eingelagert und sorgen somit für einen zusätzlichen Abstand zum Knochen. Durch den vergrößerten Hebel muss weniger Muskelkraft aufgebracht werden, um den Knochen zu bewegen. Weiterhin haben Sesambeine die Aufgabe die Sehnen vor Druckbelastungen zu schützen.

Gelenkkapsel

Die Gelenkkapsel (Capsula articularis) umgibt echte Gelenke und besteht aus zwei Schichten: der Membrana fibrosa und der Membrana synovialis. Erstere besteht aus kollagenem Bindegewebe und geht im Ansatzbereich der Gelenkkapsel in das Periost über. Durch sie wird die Gelenkfestigkeit definiert. Oftmals wird die Membrana fibriosa an bestimmten Stellen durch Kapselbänder (Ligamenta capsularia) verstärkt. Im Inneren der Membrana fibriosa befinden sich viele Rezeptoren, welche für die Propriozeption, also die Aufnahme und Verarbeitung afferenter Informationen über Gelenkstellung, -bewegung und –kraft durch das ZNS, elementar sind. Die Membrana synovialis verkleidet die Gelenkhöhle von innen und ist der Ort, an dem die Gelenkflüssigkeit (Synovia) gebildet wird.

Bänder

Bänder (Ligamenta) sind Bindegewebsstränge, die Knochen mit Knochen verbinden und somit den Bewegungsspielraum auf ein gesundes Maß einschränken. Bänder weisen eine sehr geringe Flexibilität auf. Populäre Beispiele sind die Kreuzbänder (Ligamenta cruciata genus). Bandverletzungen gehen in der Regel mit einem beträchtlichen Stabilitätsverlust einher.

Nervengewebe

Ohne Reizbarkeit, Erregungsleitung und Reizbeantwortung wären wir nicht lebensfähig. Nahezu jede Körperfunktion erfolgt über eine nervale Steuerung (Innervation). Das Nervengewebe besteht aus Nervenzellen, Nervenfasern und dem Nervenstützgewebe (Neuroglia) und ist dem aktiven Bewegungssystem zugeordnet. Nerven verlaufen in der Regel in Bündeln, welche das Zentrale Nervensystem (ZNS) mit der Perepherie verbinden. Man unterscheidet die Nerven in motorisch efferent, also vom Gehirn wegleitend, und sensibel afferent, also zum Gehirn hinleitend. Bei Durchtrennung eines Nervenbündels ist eine Regeneration zwar möglich, jedoch ist die Wachstumsrate sehr gering.

Jeder physiologischen Muskelkontraktion geht ein elektrischer Impuls des Nervensystems voraus. Hierbei wird der Reiz im Gehirn gebildet, in Reizleitungsbahnen und über das Rückenmark den entsprechenden Muskelfasern zugeleitet. Jede Nervenfaser versorgt dabei mehrere Muskelfasern, was als motorische Einheit zusammengefasst wird. Je nach Muskelgröße kann eine motorische Einheit bis zu mehrere Hundert Fasern umfassen, was eine starke, aber grobe Bewegung ermöglicht. Im Gegensatz dazu umfassen die motorischen Einheiten von Muskeln, die eher der Feinmotorik zugeordnet sind, nur wenige Fasern, was präzise Bewegungen ermöglicht.

Sehnen

Sehnen (Tendo) stellen die bindegewebsartige Verbindung zwischen Knochen und Muskeln, zu denen sie anatomisch betrachtet zugeordnet werden, dar. Sehnen bestehen dabei aus eng verbundenen Bündeln von Bindegewebsfasern, sind wenig durchblutet und enthalten kaum Nervenfasern. Die Verankerung im Knochen befindet sich in der Insertionsstelle, welche eine enorme Stabilität aufweist.

Zum Schutz der Sehnen existieren verschiedene Schutzstrukturen. Zunächst einmal die bereits erwähnten Sesambeine.

Eine weitere Schutzeinrichtung sind die Schleimbeutel (Bursae). Dies sind mit Flüssigkeit gefüllte Hohlräume, welche sich dort befinden, wo Muskeln und Sehnen über Knochenvorsprünge ziehen. Die Schleimbeutel fangen dabei den Druck der Sehne auf den Knochen ab.

Sehnenscheiden (Vaginae tendinum) sind Hüllen, welche mit Synovia gefüllt sind und um Sehnen liegen und somit die Gleitfähigkeit der Sehnen optimieren.

Hiermit endet unser heutiger Ausflug in die Anatomie. In der nächsten Ausgabe wenden wir uns der Skelettmuskulatur zu.

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