Betrachtung einer Studie mit Blick auf die Entwicklung dahinter

Von der Anmeldung im Studio hin zum richtigen Bodybuilder

Das Institut für Sportwissenschaften der Universität in Lausanne, Schweiz, veröffentlichte im August 2018 diese Studie mit Blick auf die Fragestellung, wie und weshalb sich Sportler (vor allem im Bereich des Bodybuildings), die sich ursprünglich nicht mit dem Hintergedanken, irgendwann einmal Bodybuilding zu betreiben und sogar „Stoff“ zu nehmen, im Fitnessstudio anmeldeten, den Gebrauch solcher Substanzen nach und nach in Erwägung zogen und sogar begannen diesen schrittweise zu normalisieren bzw. zu banalisieren. Zu diesem Zweck wurden Studienteilnehmerbeobachtungen (1,5 Jahre lang täglich etwa 100 Beobachtungen) und Interviews durchgeführt.

Was unterscheidet diese Studie von früheren mit gleicher Fragestellung?


Zunächst kritisierten die Forscher, dass einige schon vor längerer Zeit erhobene Studiendesigns Interviewer und Beobachter einsetzten, die keinerlei Bezug zum Bodybuilding hatten. Dabei konnte beobachtet werden, dass der Interviewer keinen besonders guten Zugang zu den an den Studien teilnehmenden Bodybuildern bekam, was die Ergebnisse der Interviews vermutlich hat verzerren können.


Des Weiteren wurden die bisherigen Hypothesen kritisiert und das Vorhaben geäußert, diese vor allem im Hinblick auf die moralischen, sozialen, situativen und kontextuellen Faktoren zu ergänzen. Die bisherigen Hypothesen anderer Studien lauten wie folgt:
  • Die Entwicklung zum Bodybuilding hin sei ein Resultat eines pathologisch (!) großen Verlangens nach Muskeln, das im Zusammenhang mit psychischen Ursachen, wie Zwangsstörungen, Verhaltensabhängigkeit und/oder einer Körperbildstörung stehe. Diese Krankheit wurde als „Bigorexie“ bezeichnet und sei mit einer Moralloslösung assoziiert.
  • Der Hang zum Bodybuilding resultiere (allein) aus psychosozialen Prädispositionen heraus. Darunter falle vor allem eine enorme Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper und ebenfalls eine Moralloslösung.
Des Weiteren hätten frühere Studien zusammen mit Anti-Doping Organisationen einen unnötigen Stigmatisierungsprozess gegenüber Bodybuildern herbeigeführt. Dies sei geschehen, indem die Zahlen von Steroidkonsumenten und deren Konsumverhalten ohne Berücksichtigung weiterer Faktoren dramatisiert dargestellt worden wären. Der Autor der aktuellen Studie spricht sich an dieser Stelle dafür aus, dass man Bodybuilder(innen) weniger verteufeln und anstatt dessen viel mehr verstehen versuchen sollte.

Der Weg vom normalen Fitnessstudiogänger zum Bodybuilder


Keiner der Befragten habe von Anfang an vorgehabt einmal auf einer Bühne zu stehen oder Steroide zu konsumieren. Auch gehen die Autoren davon aus, dass sich dieser Wandel in verschiedenen Stufen vollzieht, die es für sie galt nachzuvollziehen und zu verstehen.

Zunächst einmal falle auf, dass das Bodybuilding im Allgemeinen immer mehr an Akzeptanz, ja womöglich sogar an Anerkennung vor allem innerhalb der Fitnesskultur gewinne. Die Gründe hierfür führen die Forscher bis auf die 40er Jahre, in denen das Bodybuilding erst aufkam, zurück. Joe Weider gründete damals 1946 die IFBB und der erste „Mr. Olympia“ Wettkampf konnte 19 Jahre später stattfinden.

Schlau eingesetzte Medien, Filme und natürlich die Wettkämpfe selbst hätten Muskeln als ästhetisches Zeichen der Männlichkeit dargestellt und damit auch den Einsatz von Hilfsmitteln zum Muskelaufbau legitimieren können.

Hat der Einzelne dann erst mal den Gang ins Fitnessstudio gewagt, kann es passieren, dass er soziale Beziehungen zu anderen Trainierenden aufbaut, mit diesen in Interaktion tritt und dabei eine gewisse Form der Anerkennung und Wertschätzung vermittelt bekommt oder verspürt.

Dazu würden vor allem die Trainingsbereichstrennungen in den Fitnessstudios einen großen Teil beitragen. Jemand, der also ohnehin Spaß am Hanteltraining hat, tritt eher mit den zum Bodybuilding motivierenden Persönlichkeiten im Freihantelbereich in Kontakt, als jemand, der eher im CrossFit- oder im Cardiobereich Lust aufs Training bekommt.

Diese Interaktionen in Verbindung mit den dadurch verspürten positiven Gefühlen würden den Einzelnen wohl zu forcierterem Gewichtstraining bis hin zum Bodybuilding stufenweise motivieren können. Hinzu käme außerdem, dass Bodybuilder(innen) aufgrund der alltäglichen Investitionen in diesen Sport und den dadurch von der Durchschnittsbevölkerung abweichenden Lifestyle als eine eigene kleine soziale Schicht betrachtet werden können.

Immerhin ist es für die wenigsten Menschen selbstverständlich – wenn nicht eher sogar komisch – penibel auf Training, Ernährung und Regeneration zu achten. Das Zugehörigkeitsgefühl zu einer in keinem negativen Sinne von der Norm abweichenden Gruppe spiele also auch eine große Rolle auf dem Weg zum Bodybuilding. Hierbei liegt in der Studie selbst immer wieder der Fokus auf den Worten „from Outsider to Insider“.

Bleibt noch die Frage, wie sich nach der Entscheidung für das Bodybuilding auch eine Entscheidung für den Konsum von leistungssteigernden Substanzen (kurz APED für appearance and performance enhancing drug) entwickelt.

Hypothesen zum Konsum leistungssteigernder Substanzen


Die Forscher stellten drei mögliche Gründe in den Vordergrund.

Moral

Im Laufe der Trainingsjahre würde sich eine Art moralische Änderung innerhalb der Vernunft über den Umgang mit APEDs nach und nach abzeichnen. Dazu trage vor allem die Interaktion mit anderen, also das soziale Umfeld, einen großen Teil bei. Ebenso wichtig dabei sei jedoch auch die individuelle Erwartung, die der Einzelne an den APED-Konsum stellt:

Verbindet der Einzelne damit vielleicht eine Art Versprechen für sehnlichst erwartete Effekte? Diese „Bigorexie“ sei weniger eine pathologische Gegebenheit, als vielmehr eine erst von Zeit zu Zeit entstandene Obsession des Muskelaufbaus. Mit dieser geht eine Normalisierung bzw. Banalisierung - anstelle einer Objektivierung der Risiken - der APEDs einher.

Soziale Interaktion

Der Standpunkt zum APED-Konsum resultiere hauptsächlich aus den sozialen Interaktionen. Ob ein Bodybuilder sich jedoch aufgrund der Gespräche mit anderen zum APED-Gebrauch hinreißen lässt, sei wiederum von gewissen sozialen Prädispositionen und allgemeinen alltäglichen Gegebenheiten des Einzelnen abhängig. Hierunter fallen beispielsweise Schwachstellen und der Grad der Verwundbarkeit, aber auch soziale Hintergründe, wie beispielweise der Beruf.

Zur Verdeutlichung wurde in der Studie selbst das Beispiel eines Türstehers erwähnt, der eher einen massiven Körper anstreben würde, als jemand, der beruflich am PC sitzt.

APED-Anwender können den Gebrauch aber beispielweise auch durch eine Art Faszination über die Auswirkungen pharmakologischer Substanzen auf die menschliche Physiologie oder auch durch den Wunsch das Leben voll und ganz – wenn auch mit Risiken verbunden - genießen zu können, rechtfertigen.

Optimierungswille

Der banalste und wohl auch in der breiten Bevölkerung am ehesten verstandene Grund stellt natürlich eine bevorstehende Wettkampfvorbereitung dar. Hierunter fällt auch die Hypothese, dass das „Bodybuilderleben“ mit großen zeitlichen und finanziellen Investitionen verbunden ist und dieser Sport somit für den Einzelnen eine enorm große Rolle spielt.

Vielleicht scheint es in Anbetracht dessen plausibler, dass sich der ein oder andere Sportler etwas wie „Wenn ich sowieso schon so viel in diesen Sport investiere, wieso dann nicht mit den mir möglichen Mitteln das Beste rausholen?“ fragt.


Das Studiendesign


Insgesamt wurden 23 Männer und 7 Frauen im Rahmen der Studie interviewt. Dabei waren die Personen unterschiedlich alt (von 21 bis 59 Jahren) und unterschiedlich weit fortgeschritten, was die Anzahl der Trainingsjahre anging (von drei bis 40 Trainingsjahre lang).

Die Probanden wurden dabei in gewöhnliche Fitnessstudiobesucher und richtige, ambitionierte Bodybuilder, von denen die meisten Wettkämpfe bestritten und APEDs konsumierten, getrennt. Die Fragestellungen bezogen sich unter anderem vor allem auf folgende Themen:
  • Was sind die persönlichen Motive für die körperliche Aktivität im Fitnessstudio?
  • Aus welchen Gründen lässt sich der Einzelne auf das spezielle Essverhalten und den Konsum leistungssteigernder Mittel ein?
  • Wie entwickelte sich die Sportkarriere?
  • Wie sah der Lebenslauf im Allgemeinen aus?
  • Was ergab sich an sozialen Entwicklungen außerhalb des Fitnessstudios?
Dabei wurde versucht sich die retrospektiven Lebensgeschichten der Sportler nicht einfach nur erzählen zu lassen, sondern es wurde genau darauf geachtet, welche Punkte vom Erzählenden selbst wie genau in Zusammenhang mit der heutigen sportlichen Karriere des Einzelnen gesetzt und erklärt wurden.

Die Interviews ergaben, dass erstens viele der Athleten bis dato wenig Sinn in ihrem Leben erkannt hatten. Einige beschrieben ihr Leben vor dem Beginn mit dem Sport wie ein sich von Tag zu Tag wiederholendes Aufstehen, zur Arbeit gehen, nach Hause kommen und Schlafen gehen. Es war allerdings ebenso auffällig, dass sie keinerlei soziale Disposition (bspw. durch den Beruf) zu Muskeln und Stärke aufwiesen. Vielmehr sei es ihnen so vorgekommen, als hätten sie durch den Sport an Struktur, Wertschätzung, Sinn und Kontrolle gewonnen, was sie als sehr positiv bewerteten.

Zweitens bestätigte sich die Hypothese über die soziale Disposition. Bei einigen Studienteilnehmern hätten Muskulatur und Stärke schon vor Beginn mit dem Sport aus familiären oder arbeitsbedingten Gründen im Vordergrund gestanden. Oftmals habe man hier einen inneren Willen zu einer Art Körperkunst beobachten können. Außerdem wurde der eigene Körper von manchen Athleten wohl auch als soziale Ressource, um Wertschätzung zu erlangen und damit verbundenen Einklang ins Leben zu bringen, gesehen.

Die ambitionierten Bodybuilder erwähnten außerdem Gründe wie eine gewisse Neigung zum Schmerz zu haben. Man würde eine besondere Zufriedenheit nach einem richtig harten Training, das dem Körper gezeigt hat, zu was er alles fähig sein kann, verspüren.

Die Bodybuilder bestätigten mit ihren eigenen Aussagen beispielweise die Gründe der gegenseitigen Wertschätzung und Anerkennung. Man habe innerhalb der Gespräche bemerken können, dass Bodybuilder sich unter anderem über die Härte des Trainings und die Regelmäßigkeit von vier bis sieben Mal pro Woche als solche identifizierten.

Einer sprach dabei von den „3 D’s: Dedication, Determination, Discipline“. Bei Erfüllung dieser „3 D’s“ gebe es gegenseitigen Zuspruch und Anerkennung. Es sei wie eine Art Zauber, wenn man nicht mehr nur als ein „normaler“ Fitnessstudiogänger, sondern als ein „echter Bodybuilder“ eingestuft wird. Und eben dieser Zauber habe manch einem den Weg zum Bodybuilding geebnet.

Der Punkt „Körperkunst“ konnte noch ausgeweitet werden, indem einer der Interviewenden erwähnte, dass Bodybuilding kein Ende kenne. Es sei kein bis-zum-Sommer-am-Strand-Training, sondern ein stetiges, nie endendes besser, stärker, ästhetischer werden.

Als Fazit aus den Interviews lässt sich sagen, dass sich Parallelen in den Mechanismen der Einzelnen im „Aufstieg“ und der Adhärenz zum Bodybuilding zeigten. Jedoch erklären diese Mechanismen noch nicht abschließend den APED-Gebrauch.

Gründe für den APED-Konsum


Besonders günstig, um pharmakologischen Gebrauch in Erwägung zu ziehen, wirkten sich vor allem die eigene Wahrnehmung und Empfindung hinsichtlich des eigenen Körpers, die Interaktionen im Fitnessstudio sowie externe soziale Konfigurationen aus.

Heutzutage benutzen die meisten Studiosportler verschiedene Supplemente. Innerhalb der Schweizer Studie haben ausnahmslos alle, egal ob Normaltrainierende(r) oder Bodybuilder(in), auf Supplemente zurückgegriffen. Doch was genau könnten Gründe für den APED-Gebrauch mancher sein?

Man ging davon aus, dass das Ausmaß des oben erwähnten „Zaubers“ für diese weitere Entwicklung mitverantwortlich ist. Um dies zu bekräftigen, wurden die Studienteilnehmer nochmals genauer zu diesem Thema befragt. Es ergaben sich Gründe für den APED-Konsum wie, dass man durch Gespräche mit anderen dort hineinrutsche, oder, dass es fast schon ein Muss sei, um im Wettkampfsport ganz oben mitspielen zu können, weil es mittlerweile jeder tue.

Im Zusammenhang mit anderen Sportarten würde die breite Bevölkerung gar nicht wirklich über Doping nachdenken oder es überhaupt verurteilen, jedoch würden die Menschen mittlerweile schon fest damit rechnen, dass leistungssteigernde Mittel im Spiel seien, wenn sie „Bodybuilding“ hören. Da es also jeder mache und es auch ein Stück weit erwartet werde, wäre es quasi auch kein Schummeln mehr.

Richtig essen und trainieren müsse man außerdem sowieso. Durch gesundes und ausgewähltes Essen, Verzicht auf Alkohol und andere Drogen sowie durch hartes Training, werden die Risiken durch die Konsumenten selbst als weniger schlimm wahrgenommen und banalisiert, denn der Gebrauch leistungssteigernder Substanzen könne laut ihnen nicht unbedingt schlimmer sein, als ein nahezu alltäglicher Konsum von Burger, Alkohol oder Drogen eines Anderen.

Die Bodybuilder(innen) verstehen zwar auch die Risiken, rechtfertigen sie jedoch durch Insider-Wissen und medizinische Kenntnisse (selbst angeeignet oder durch den Coach/begleitenden Arzt), durch die Überwachung der Gesundheit unter ärztlicher Aufsicht und dadurch, dass sie wissen würden, woher die von ihnen konsumierten Substanzen kämen.

Es funktioniere - Erholung und Muskelwachstum würden sich, genauso wie das Selbstbewusstsein, auf ein neues Level pushen lassen und die Athleten würden bei der Wahl der genauen Substanzen sowie der Dosis auf ihren Körper hören.


Fazit


Auf dem Weg von der Anmeldung im Fitnessstudio bis hin zum Bodybuilding und dem Wettkampfsport scheinen die Athleten mehrere Stufen durchlaufen zu haben. Dabei fanden sich innerhalb der Studie als ausschlaggebende Parameter eine Mischung aus sozialem Umfeld, durchlebte soziale Erfahrungen und Interaktionen mit anderen Bodybuildern, die zunächst den Weg zur Bodybuildingaffinität zu ebnen scheinen.

Zum Bodybuilding selbst gehört ein sehr bewusster Lifestyle, durch den einige Athleten beginnen den APED-Gebrauch schrittweise zu rechtfertigen und zu banalisieren. Insgesamt scheint im Laufe der Trainingsjahre eine Veränderung der Definition von „Gesundheit“, verbunden mit einer positiv veränderten Körperwahrnehmung, stattzufinden.

Dabei scheint vielen der kurzfristige Zuspruch und das Wohlgefühl wichtiger zu sein, als die Sicht in die Zukunft. Jedoch betont die Studie auch, dass in den Köpfen der Bodybuilder(innen) keine Moralloslösung, sondern viel mehr ein Wandel der Moral passend zur Bodybuildingkultur, die genauso wenig wie ein Wandel zur Spiritualität zu verurteilen wäre, stattfinden würde.

Um die Entscheidung zum Konsum von APEDs nachvollziehen zu können, braucht es jedoch viele verschiedene wissenschaftliche Ansätze in Kombination. Dass die Forscher der Schweizer Studie kritisch gegenüber dem Erklärungsversuch, dass der Prozess rein pathologischer Natur sei, stehen, ist nicht gleichzusetzen mit der Aussage, dass kein pathologischer Zustand existieren oder daran beteiligt sein könnte.

Innerhalb dieser Studie wurde, mit dem Ziel, klarzustellen, welche Rolle die sozialen und kulturellen Einflüsse beim Entscheidungsprozess für das Bodybuilding und den APED Konsum spielen, ein soziologischer Ansatz gewählt. Laut der Forscher bleibt es bislang, trotz der die älteren Studien ergänzenden Daten, unmöglich den gesamten Prozess aus wissenschaftlicher Sicht zu verstehen. Man müsse hierfür alle soziologischen, psychologischen sowie auch pathologischen Faktoren in Verbindung betrachten und in Bezug zu ihrem individuellen Zusammenspiel bei jedem Einzelnen setzen.

Ganz gleich laufe dies bei niemandem ab, aber vielleicht konnte sich ja der ein oder andere Leser mit manchen Aussagen identifizieren und kann anhand dieses Artikels die einzelnen Puzzleteile zu seinen individuellen Beweggründen zusammensuchen und das Puzzle vervollständigen.

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