Du kannst NICHT alles schaffen!

Ein Anti-Motivationsartikel

Zwischen all den motivierenden TED Talks und Löwenkopf-Sprüchen auf Instagram kommt hier der wohl pessimistischste Artikel des gesamten Internets. Doch Wahrheiten müssen ausgesprochen werden: Du kannst leider doch nicht alles schaffen. Zumindest nicht im Sport. Aber das klingt schlimmer, als es ist.

Krafttraining und Bodybuilding: Eine harte Lektion fürs Leben


Bist du zufällig zwischen 15 und Anfang 20, während du diesen Text liest? Wenn du dieses Altersspanne schon hinter dir gelassen hast, bist du wahrscheinlich bereits ausreichend desillusioniert. Ich hoffe, dieser Text hält trotzdem für jeden ein paar Knowledge Bombs bereit.


Nach meiner Erfahrung sind es diese Jahre des Erwachsenwerdens, in denen man noch dem Glauben erliegt, alle Ziele wären schon mit ihrer Formulierung praktisch erreicht. Es war ja bislang auch noch zu wenig Zeit und zu wenig Autonomie vorhanden, um mal so richtig an den eigenen Träumen zu scheitern. Aber das kommt, versprochen!

Genau in jenem Alter haben die meisten von uns angefangen, ins Fitnessstudio zu gehen. Ich auch. Und der Sport hat mich vor allem eines gelehrt: Es kann eben nicht jeder alles schaffen. Der Löwe auf dem Motivational Meme hat in einem Punkt gelogen: Der reine Glauben an dich selbst ist nur ein Parameter von vielen, die über Erfolg und Scheitern entscheiden. Und viele davon liegen nicht in unserer Hand.

Talent und Genetik: Wir sind NICHT alle gleich


Der Psychologe Anders Ericsson sagte einmal: „Talent wird maßlos überschätzt. Ich bestreite sogar, dass es sowas wie Talent überhaupt gibt.“ Er war zu diesem Schluss gekommen, nachdem er Forschungen über die Bedeutung von Talent für den künstlerischen Erfolg von Geigenstudenten betrieben hatte. Er schlussfolgerte, dass eigentlich die investierten Übungsstunden ausschlaggebend seien. In dem Zusammenhang sind dir vielleicht die vielzitierten „10.000 Stunden bis zur Exzellenz“ bekannt.

Die Aussage mag vielen Hoffnung geben. Wenn es um Erfolge im Sport geht, kann ich Ericsson aber leider nicht zustimmen. Verwenden wir an dieser Stelle einmal Talent und Genetik der Einfachheit halber synonym. Jede Sportart erfordert körperliche Voraussetzungen, die durch unsere Genetik vorbestimmt sind.

Dabei gilt die Faustregel: Je monotoner der Sport, desto weniger können wir suboptimale Gene ausgleichen. Um ein guter Basketballspieler zu werden, sollte bekanntermaßen eine gewisse Körpergröße gegeben sein. Nun gibt es aber auch seltene Fällen von NBA-Spielern unter 1,90 Meter. Da Basketball eine komplexe Angelegenheit ist, können diese ihr Defizit durch überragende Leistungen in anderen Bereichen, z.B. im Spielverständnis, ausgleichen.

Wer sich aber beispielsweise für den 100 Meter-Sprint entscheidet, genetisch bedingt aber nur einen geringen Anteil schnellzuckender Muskelfasern aufweist, ist praktisch chancenlos. Diese Disziplin fordert nämlich nur eine Handvoll von Fähigkeiten, da kommt der Ausfall einer einzigen schon einem sportlichen Todesurteil gleich.

Auch im Kraftsport gibt es ausreichend Beispiele für simple Disziplinen, die auf die starke Ausprägung einer genetischen Voraussetzung zwingend angewiesen sind. Kraftdreikampf ist zum Beispiel vielfach eine Frage guter Hebel. Ein Mensch mit sehr kurzen Gliedmaßen wird nie im Kreuzheben überragen, einer mit langen Armen nicht im Bankdrücken.

Und natürlich ist auch Bodybuilding ein Paradebeispiel. Bekanntlich zerstört eine breite Hüfte den Gesamteindruck. Ein kurzes Schlüsselbein lässt schmal wirken usw. Und dann noch die Sache mit den Waden … hat sich dieser Ericsson eigentlich mal mit Waden beschäftigt, bevor er das Konzept „Talent“ für unwirksam erklärte?

Na ja, um zum Abschluss zu kommen: Der Körper kann durch Training natürlich beeindruckend transformiert werden. Wir sprechen hier aber vor allem vom Aufbau von Muskelmasse und neuronaler Verbindungen. Es gibt aber eben Muskelfaserverteilung, Knochenlänge, Gelenkpfannentiefe, Muskellängen, Rezeption und Vergiftungstoleranz beim Gebrauch von Doping usw., die vom Tag unserer Geburt an feststehen.

Die Rolle des Zufalls


Vor Jahren habe ich das sehr gute Buch „Überflieger“ des fantastischen Malcom Gladwell gelesen. Darin beschreibt er die unterschätzte Bedeutung des Zufalls im Zusammenhang erfolgreicher Biografien. Er führt dabei Beispiele erfolgreicher Menschen auf, die wir für Genies halten, die aber auch vielfach einfach Nutznießer des Schicksals wurden. Ich erinnere mich dunkel daran, dass beispielsweise Bill Gates durch irgendein Elternengagement schon in den 60er-Jahren Zugang zu moderner Computertechnik bekommen hatte. Klar, ein großer Denker ist er trotzdem. Aber unter derart glücklichen Fügungen hätten ihm vielleicht andere Menschen den Rang abgelaufen.

Im sportlichen Kontext wurde eine berühmte Erhebung aus den 80er-Jahren angesprochen, in der festgestellt wurde, dass auffallend viele US-amerikanische Eishockeyspieler im Januar oder Februar Geburtstag haben. Der simple Grund: Bei der Talentsichtung gilt der 1. Januar als Stichtag eines Jahrgangs. Hierdurch kann ein Nachwuchsspieler, der z.B. 5 Jahre und 11,5 Monate alt ist mit einem verglichen werden, der im Dezember geboren und dementsprechend nur knapp 5 Jahre alt ist. Das macht in diesem Alter aber noch einen großen Entwicklungsunterschied aus. Der im Januar Geborene wird also viel wahrscheinlicher einen Fuß in die Tür der Talentförderung bekommen.

Dieser sogenannte Relative Age Effect ist ein Beweis dafür, dass nicht nur Willenskraft und nicht einmal genetisches Potenzial ausreichen. Der Zufall muss uns auch in die Karten spielen. Hierzu zählt auch die Verletzungsfreiheit. Ohne Knieprobleme wäre ja bekanntlich jeder deutsche Mann Bundesligaprofi geworden. Aber Spaß beiseite: Verletzungen beenden tatsächlich sehr viele Karrieren. Ein Kreuzbandriss bei einem fünfzehnjährigen Fußballer verheilt natürlich im Normalfall vollständig. Der Betroffene könnte aber während der Verletzungspause den Antrieb verlieren. Die Einführung eines neuen Spielsystems verpassen. Für immer gegen seinen ewigen Ersatzmann ausgetauscht werden. Aus dem Bewusstsein seiner Trainer verschwinden usw.

Apropos Trainer: Unser Umfeld ist unglaublich wichtig und eben auch nur bedingt beeinflussbar. Vielleicht kommt dir eine Schwangerschaft, Vaterschaft oder ein Pflegefall in der Familie in die Quere. Und so entstehen Lücken in deiner Sportlerbiografie, die sich eben nicht in allen Fällen wieder schließen lassen.


Der „Survivorship Bias“


Wie kommt es eigentlich, dass wir immer wieder auf die Alles-ist-möglich-Leier hereinfallen? Ein Grund hierfür sind die Vorbilder der Öffentlichkeit, die uns, Hand aufs Herz, allen ein schlechtes Gewissen machen. Wenn die es geschafft haben und ich nicht, dann habe ich mich wohl einfach nicht genug angestrengt. Denn scheinbar ist das ja alles total machbar.

Wir haben es hier mit dem sogenannten Survivorship Bias zu tun - der verzerrten Wirklichkeitswahrnehmung, die dadurch entsteht, dass immer nur die „Überlebenden“ präsent sind. Hierdurch überschätzen wir die Wahrscheinlichkeit, mit der sich Erfolg einstellt. Weil es Marc Zuckerberg gibt, kann ja auch ich folgerichtig mit meinem App-Business nur zum Milliardär werden. Und weil wir die Heerscharen gescheiterter Gründer nie zu Gesicht bekommen, ist uns auch die Option des Scheiterns gar nicht gegenwärtig.

Genauso ist das natürlich auch im Sport. Markus Rühl postet immer wieder dieses Foto von vor seinem Trainingsbeginn, auf dem er 60 Kilo wiegt, und sagt damit: Ich habe mich gegen alle Widrigkeiten durchgekämpft und es geschafft. Das kannst du auch! Aber wie können wir die Botschaft vernehmen von all denen, die aus welchen Gründen auch immer gescheitert sind (darunter übrigens auch absolute Megatalente)?

Die Wahrheit verhält sich leider genau spiegelverkehrt zu unserer Wahrnehmung: Erfolg ist die Ausnahme. Scheitern ist die Regel.

Warum Sport uns Demut lernt


Wie zuvor geschrieben, habe ich die Demut vor dem Schicksal und den äußeren Umständen durch den Sport gelernt. Warum eignet sich grade der Sport perfekt dafür? Weil unsere Resultate hier so messbar sind (gut, Bodybuilding ist noch mal so eine Sache für sich). Wenn ich mir vornehme, ein Geiger auf Weltklasseniveau zu werden - wann weiß ich denn, dass ich am Ziel bin? Oder, noch wichtiger, dass ich gescheitert bin? Auch als Entrepreneur habe ich viel Deutungsspielraum über meine Zielerreichung und kann diese flexibel anpassen, um mir ja kein endgültiges Scheitern eingestehen zu müssen.

In einem objektiven Sport kann ich meine Leistungen aber genau beziffern und vergleichen. Ich sehe, wie weit meine Beuge von der Elite entfernt ist oder meine 10-Kilometer-Zeit. Und ich weiß auch, dass meine biologische Uhr gegen mich arbeitet und ich definitiv nicht mehr alles schaffen kann.


Du kannst nicht alles schaffen - macht aber auch nichts


Bis hierhin von der Überschrift bis zum letzten Abschnitt ein sehr deprimierender Artikel. Dabei ist es doch gar nicht so schlimm, nicht alles zu schaffen.

Sieh es mal so: Wenn du in einer Sache nicht brillant werden kannst, dann musst du dich auch nicht aus Angst, deine Begabung zu vergeuden, darauf versteifen. Alles auf eine Karte zu setzen und in einer spezifischen Nische 100% anzustreben, ist ohnehin sehr riskant. Stattdessen kannst du frei nach links und rechts schauen und dir in vielen Gebieten ein 80- bis 90%-Niveau erarbeiten. Denn das schafft jeder unter allen Umständen.

Es gibt da dieses Konzept des I-Menschen und m-Menschen. Dabei geht es tatsächlich um die Form dieser Buchstaben: Der I-Mensch hat nur eine Säule, sprich nur eine Fähigkeit, die sehr tief entwickelt ist. Der m-Mensch hat gleich drei (es können sogar noch mehr sein, aber es gibt keinen entsprechend geformten Buchstaben im Alphabet), die etwas flacher ausfallen, dafür aber von einem soliden Dach, z.B. Menschenkenntnis oder Resilienz, überbaut werden. Das m ist der Schlüssel zu einem erfüllten Leben mit breitgestreutem und damit vertretbarem Risiko. Versuch dich mal daran. Das kannst du schaffen - diesmal wirklich!

Und schließlich gilt auch: Es wäre sehr still im Wald, wenn nur die talentiertesten Vögel singen würden.

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