Nur für den Pump?

Arginin

Im nächsten Teil der Aminosäurenreihe wollen wir uns mit Arginin beschäftigen, einer semi-essentiellen proteinogenen Aminosäure. Ich lehne mich nun bewusst weit aus dem Fenster, wenn ich behaupte, dass Arginin mittlerweile in Mode gekommen ist unter den Bodybuildern. Immer mehr Sportler nutzen Arginin als Nahrungsergänzung und immer mehr Nahrungsergänzungsmittelhersteller nehmen Arginin in ihr Programm mit auf. Mittlerweile gibt es eine Vielzahl an unterschiedlichen Produkten auf dem Markt, die immer ausgefallenere Formen dieser Aminosäure in immer spektakulärere Kombinationen und Produkte verpacken.

Arginin-HCL, Arginin-Alpha-Ketoglutarat, Arginin-Keto-Isocaproate, Di-Arginin-Malat…und das um nur einige zu nennen. Doch was bringt uns diese Aminosäure wirklich? Hat sie überhaupt messbaren Nutzen für Bodybuilder oder ist es schlichtweg das gut organisierte Marketing, das uns im Glauben lässt, diese Ergänzung kaufen zu müssen, wenn es uns um einen muskulösen und schlanken Körper geht? Vorweg, es trifft sicherlich beides zu.

Wie zu Begin des Textes bereits erwähnt zählt Arginin zu den semi-essentiellen Aminosäuren. Das bedeutet, dass Arginin zu bestimmten Lebenszeitpunkten oder in bestimmten Situationen essentiell werden kann. Um ein Beispiel zu nennen:

Für Erwachsene ist Arginin bei ausreichender Versorgung mit essentiellen Aminosäuren über die Ernährung streng genommen nicht essentiell oder entbehrlich. Bei Säuglingen ist die Situation jedoch eine andere. Für Neugeborene ist Arginin von enormer Bedeutung und essentiell. Bei erwachsenen Personen ist ein Anstieg des Arginin-Bedarfes speziell bei Infekten oder in katabolen Zuständen zu beobachten.

Im Anbetracht verschiedener Studienergebnisse ist es jedoch fraglich, ob Arginin nicht auch als essentielle Aminosäure eingestuft werden sollte. Wu et al. berichten in einem Review im Jahre 2000 über zahlreiche positive Eigenschaften auf die Gesundheit, welche durch Arginin zustande kommen. Hierbei handelt es sich neben einer verbesserten Wundheilung und einer Stimulierung des Immunsystems auch um eine geförderte Heilung von reversiblen Erkrankungen und Schädigungen im Bereich des Herz-Kreislauf-Systems, der Leber, der Nieren und auch des Magen-Darm-Traktes.

So ist es nicht verwunderlich, dass Arginin sogar in der so genannten Nierendiät nur noch schwer wegzudenken ist und das, obwohl eine solche Diät streng proteinarm gestaltet werden sollte. Die erlaubte Proteinmenge sollte dann eine möglichst hohe biologische Wertigkeit aufweisen. Wer sich mit diesem Thema schon einmal ausgiebiger beschäftigt hat, der wird wissen, dass sich die biologische Wertigkeit eines Proteins aus dessen Aminosäurenzusammensetzung ergibt.

Je mehr essentielle Aminsäuren vorhanden sind, in möglichst gutem Verhältnis, desto höher die biologische Wertigkeit. Da Arginin jedoch, wie wir schon festgestellt haben, keine essentielle Aminosäure darstellt, dürfte diese dann, rein theoretischer Natur, auch keine all zu große Rolle spielen. Das Gegenteil ist jedoch der Fall.

Sogar aufgetretene cardiovaskuläre Schäden, welche durch verschiedene exogene Einflussfaktoren, wie z.B. Rauchen, entstanden sind, oder aber auf erhöhte Cholesterinspiegel oder Insulinresistenz mit eventuell auftretendem Diabetes mellitus, konnten laut einer weiteren Veröffentlichung von Wu et al. durch die Zufuhr von Arginin teilweise gelindert werden.

Doch auch ohne dramatische Vorerkrankung kann Arginin seine positiven Dienste erweisen. Für Sportler steht hierbei hauptsächlich der Einfluss dieser Aminosäure auf das Immunsystem im Vordergrund. Die Wissenschaftler um Lu konnten in einer Untersuchung 1993 eine gesteigerte Zahl an Lymphozyten und eine verbesserte Funktionsfähigkeit von Fresszellen nach einer Arginingabe von 2% der täglich aufgenommenen Nahrungsmenge bei Verbrennungsopfern feststellen. Interessant wird dies für den Bodybuilding- und Sportbegeisterten speziell nach intensiven Trainingseinheiten, welche zu einer Schwächung des Immunsystems führen können.

Auch während weiterer Zeiten erhöhter Infektanfälligkeit, wie z.B. während kalorienreduzierter Diäten, kann Arginin dabei helfen, die Infektanfälligkeit durch eine Stärkung des Immunsystems zu minimieren. Für Wettkampfbodybuilder oder andere Hochleistungssportler in Wettkampfvorbereitung ist dieser Fakt natürlich von enormer Bedeutung, denn abgesehen von ernsthaften gesundheitlichen Störungen oder Verletzungen, gibt es nichts, was eine Vorbereitungsphase stärker stören kann, als eine Grippe oder Erkältungskrankheit.

Trotz all der positiven Nachrichten in Bezug auf Arginin und Immunsystem sollte auf eine euphorische Supplementierung in hohen Dosen verzichtet werden. Grund hierfür ist, dass diesbezüglich auch negative Studienergebnisse vorliegen. Bei einer Überdosierung an Arginin konnten Wiebke et al. eine Schwächung der Immunreaktionen feststellen, welche jedoch als reversibel gelten.

Ein Anzeichen dafür könnte die Tatsache sein, dass hohe Arginin-Dosierungen vermehrt zum Auftreten von Herpesentzündungen führen können. Als Randbemerkung sei hier aufgeführt, dass sich dies durch eine parallele Zufuhr der Aminosäure Lysin normalerweise vermeiden bzw. bekämpfen lässt.

Die Lysingabe schützt dabei aber nicht vor einer Schwächung des Immunsystems durch Arginin-Überdosierungen! Bei richtiger Anwendung, welche sich im Bereich von 3-5g Arginin täglich zusätzlich zur normalen Nahrungsaufnahme befinden sollte, ist Arginin jedoch sicherlich die Aminosäure, welche den stärksten Einfluss auf die Immunfunktion im menschlichen Körper hat.

Dass Arginin vor allem im Bodybuilding so beliebt ist, verdankt es jedoch nicht seiner positiven Eigenschaften auf die Gesundheit, sondern auf dessen gefäßerweiternde Wirkung, welche letztlich auch wieder positiv im gesundheitlichen Bereich bewertet werden darf und weshalb Arginin auch häufig zu medizinischen Zwecken eingesetzt wird.

In den Endothelzellen, also den Zellen der Blutgefäße, wird Arginin durch Hilfe des Enzyms NO-Synthease in Stickoxid umgewandelt, welches wiederum für die Erweiterung der Gefäße verantwortlich ist. Der Bodybuilder oder Kraftsportler verspürt dadurch einen verstärkten Pump im Training.

Durch die eintretende verbesserte Durchblutung, können natürlich auch Muskelzellen besser mit Blut beliefert werden, was wiederum zu einem prallen und vollen Muskelgefühl führt. Die meisten Bodybuilder benutzen Arginin zu diesem Zweck. Sie profitieren sozusagen indirekt oder unwissentlich vom Arginin-Effekt, denn der reine Pump ist unter genauer Betrachtung nicht mehr als Spielerei.

Durch die verstärkte Blutzufuhr zur jeweiligen Zielmuskulatur kommt es jedoch logischerweise auch zu einem verbesserten Transport weiterer Nährstoffe zu den Muskelzellen. So ist es durchaus sinnvoll, Arginin mit weiteren Nährstoffen wie z.B. essentiellen Aminosäuren, Glukose oder auch Creatin zu kombinieren. Speziell das Zusammenspiel von Arginin und Glukose führt zu einer stark erhöhten Blutflussrate, denn auch das Hormon Insulin führt zu einer besseren Durchblutung und einer verstärkten Nährstoffeinlagerung.

Wer jedoch eine unmittelbare Verstärkung oder Maximierung der Vaskulösität anstrebt, der sollte beim Einsatz von Arginin unter Umständen Vorsicht walten lassen. So ist es durchaus auch möglich, dass dieser Versuch in der anderen Richtung endet. Durch die Gefäßerweiterung kann es zu einem Abfall des Blutdruckes kommen. Für eine pralle Muskulatur eher ungünstig. Es sei denn die Muskulatur wurde oder wird frisch trainiert oder beansprucht.

Bodybuilder, welche sich auf der Wettkampfbühne präsentieren wollen, sollten also vor einem Einsatz von Arginin unmittelbar vor dem Auftritt, zunächst in der Vorbereitung mit einer Arginin-Zufuhr experimentieren. Schließlich wäre es ärgerlich, eine sonst hervorragende Form allein durch den gut gemeinten Einsatz einer einzelnen Aminosäure zu ruinieren. Individuelle Reaktionen müssen dringend getestet werden!

Da Arginin aus Ornithin gebildet werden kann und umgekehrt, wurden in der Vergangenheit verstärkt Nahrungsergänzungen mit dieser Kombination auf den Markt gebracht. Die meisten unter Begriffen wie Night-Amino-Acid-Formula oder ähnlichem. Hintergrund ist hier hauptsächlich die Annahme, dass sich durch Arginin bzw. die Kombination Arginin-Ornithin eine erhöhte Stimulierung der Wachstumshormonsekretion erreichen lässt. Da die Produkte, welche diese Aminosäurenkombination enthalten, so schnell wieder von der Bildoberfläche verschwanden, wie sie gekommen waren, lässt sich daraus rückschließen, dass dieser Effekt nicht eintritt bzw. sich nicht spürbar bemerkbar macht.

Und tatsächlich, der Mythos der HGH-Stimulierung durch Arginin kann ad acta gelegt werden. Zwar kann ein Anstieg des Wachstumshormonspiegels bei hoher Arginin-Zufuhr beobachtet werden, jedoch nur bei sehr hohen Dosierungen und intravenöser Gabe. Die Effekte durch eine orale Zufuhr bleiben unbestätigt und umstritten und können in der Praxis nicht bestätigt werden.

Was jedoch bestätigt werden konnte, ist eine mögliche Leistungssteigerung durch eine regelmäßige Arginineinnahme. So konnte in einer Studie ein deutliche Leistungssteigerung von 8% bei Skilangläufern nach einer dreiwöchigen Supplementierungsphase mit täglich 3g Arginin, verteilt auf drei Einzelgaben zu je 1g, beobachtet werden. Auch eine Erhöhung des IGF-1-Spiegels konnte durch eine orale Zufuhr von Arginin bestätigt werden, was indirekt wieder auf eine mögliche Wachstumshormon stimulierende Wirkung hinweist.

Doch auch hier wurden enorme Dosierungen von 17g Arginin täglich verwendet, welche wiederum in anderen, bereits angesprochenen Studien, zu einem negativen Effekt auf das Immunsystem führen können. Eine derartige isolierte Zufuhr ist unter Eigenregie zwar nicht zu empfehlen und sollte auch unter allen Umständen vermieden werden, könnte jedoch möglicherweise zu einem verstärkten Fettabbau bzw. einer verstärkten Fettfreisetzung und -nutzung, durch die Anregung der Lipolyse und eine Stimulation von Glukagon, führen. Zusätzlich besitzt Arginin einen gewissen diuretischen Effekt, welcher sich in Sachen Form und Optik bezahlt machen könnte. Doch auch hier sei nochmals auf die mögliche Verminderung des Blutdruckes hingewiesen, welche den optischen Effekt wieder wett machen könnte.

Wer das Potential von Arginin auch außerhalb der Sportwelt testen möchte, der sollte einen Selbstversuch mit ca. 5g Arginin ca. eine Stunde auf nüchternen Magen vor sexueller Aktivität testen. Die gefäßerweiternde Wirkung kann sich auch positiv auf die Errektionsfähigkeit des Mannes auswirken. Darüber hinaus enthält die Samenflüssigkeit große Mengen an Arginin, sodass die Spermiendichte und -anzahl möglicherweise durch eine regelmäßige Argininverabreichung beeinflusst werden kann. Wer weitergehende Probleme im Bereich der Genitalien bzw. der Harnblase hat, kann diese auch mit Arginin bekämpfen. Linderungen von Schmerzen bei Harnwegsentzündungen konnten Korting et al. und Smith et al. beobachten.

Doch auch wenn die hohe isolierte Zufuhr von Arginin abzulehnen ist, ernsthafte Nebenwirkungen sind dennoch nicht zu erwarten. Eine Verminderung der Immunaktivität, ein Ansteigen des Risikos des Wachstums bestimmter Herpesviren, sowie verstärkt auftretende Schlafstörungen sind die wohl bedeutendsten Nebenwirkungen, die in Einzelfällen auftreten können.

Schwerwiegende Nebenwirkungen wie Vergiftungserscheinungen konnten in Tierversuchen erst bei Dosierungen von über 5g Arginin pro Kilogramm Körpergewicht beobachtet werden. Für einen 100kg schweren Bodybuilder würde dies einen Argininkonsum von über 500g täglich bedeuten. Sicherlich eher als unrealistisch einzustufen.

Personen, welche mit einem niedrigen Blutdruck zu kämpfen haben, sollten sich zunächst eher langsam an eine Arginin-Supplementierung herantasten. Eine Einstiegsdosierung von 2-3g täglich auf möglichst nüchternen Magen kann hier empfohlen werden. Treten keine weiteren Nebenwirkungen, wie etwa ein weiteres Absinken des Blutdrucks, Kreislaufbeschwerden oder allgemeines Unwohlsein auf, kann die Gabe auf 5g, oder unter Umständen mehr, erfolgen.

Bei der Einnahme von blutdrucksenkenden Medikamenten sollte vor der Einnahme von Arginin der jeweilig zuständige Arzt konfrontiert werden. Eine Wechselwirkung mit derartiger medikamentöser Zufuhr ist nicht ausgeschlossen und kann die eintretende Wirkung in manchen Fällen verstärken, sodass eine zusätzliche Argininzufuhr entweder kontraindiziert sein kann, oder aber zumindest die Medikamentendosierung neu eingestellt werden sollte.

Wer seine Arginin-Zufuhr über natürliche Lebensmittel steigern möchte, der kann dies über den verstärkten Genuss verschiedener Nüsse wie Mandeln, Haselnüsse, Erdnüsse (streng genommen eine Hülsenfrucht und keine Nuss!) oder Paranüsse tun. Auch Sojaprotein, Weizenkeimprotein oder Haferprotein ist reich an Arginin. Wer Arginin zur Steigerung der biologischen Wertigkeit einsetzen möchte, der sollte z.B. bei auf 100g Casein 4g Arginin oder auf 100g Molkenprotein 5g Arginin dosieren. 1 Liter Milch kann mit 1,5g Arginin angereichert werden um die Wertigkeit zu erhöhen.

Abschließend lässt sich nun also zusammenfassen, dass eine Arginin-Zufuhr über die täglich über die Ernährung zugeführte Menge durchaus sinnvoll sein kann, von den meisten Anwendern jedoch missverstanden wird. Dies gilt natürlich auch für die Nahrungsergänzungsmittelfirmen, welche Arginin vertreiben.

Diese leben zwar nicht in dem Missverständnis oder der Unwissenheit der meisten Anwender, verkaufen ihre Produkte jedoch meist nur unter dem Gesichtspunkt des verstärkten Pumps. In diesem Sinne schließt sich auch hier wieder der Kreis bei der Frage, ob es sich bei einer Arginin-Zufuhr um erhöhten Nutzen oder verstärktem marketingtechnischem Denken handelt, und der zusätzlichen Antwort, dass doch irgendwie beides der Fall ist!

Der Autor dieses Textes besitzt einen Bachelor-Grad in Ernährungsberatung und ist im Bereich des Ernährungscoachings vor allem für (Leistungs-)Sportler tätig. Weitere Informationen sind unter www.logisch-ernaehren.de erhältlich.

Literaturverzeichnis

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  • Cartledge J, Minhas S, Eardley I.The role of nitric oxide in penile erection. Expert Opin Pharmacother. 2001 Jan;2(1):95-107. Review.
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