Ein anderer Blick

Arnold Schwarzenegger: Der am meisten überschätzte Bodybuilder aller Zeiten?

Wer Passanten auf der Straße nach einem ihnen bekannten Bodybuilder fragt, wird garantiert einen Namen zu hören bekommen: Arnold Schwarzenegger. Der Österreicher wird wohl für immer das Symbolbild des Bodybuildings bleiben. Doch unter Kennern sind durchaus kritische Stimmen zu vernehmen: Ist Schwarzenegger nicht nur der berühmteste, sondern auch der am meisten überschätzte Bodybuilder aller Zeiten?

Foto: Faz.net

Schwarzeneggers größte Erfolge als Bodybuilder


Schwarzeneggers gesamter Lebenslauf liest sich eindrucksvoll: Filmstar, Politiker, Unternehmer, Bestsellerautor … wir haben es hier mit dem vielleicht vielseitigsten Promi der letzten 100 Jahre zu tun. Und auch im Bodybuilding zählt Schwarzenegger bis heute zu den höchstdekoriertesten Vertretern.

In den späten 60er-Jahren gewann er insgesamt fünfmal den Titel Mr. Universe sowohl in der NABBA als auch im IFFB. Den Legendenstatus verdiente er sich durch sieben Siege beim Mr. Olympia. Von 1970 bis 1975 sicherte er sich die Sandow in einer eindrucksvollen Siegesserie sechsmal in Folge. Gemessen an Mr. Olympia-Platzierungen landet Schwarzenegger damit auf Platz drei der ewigen Bestenliste.

Der Gottvater der Ästhetik?


Bodybuilding-Fans sehen in Schwarzenegger viel mehr als eine Sammlung von Pokalen und Medaillen. Für viele steht er für eine Ästhetik, die es nach ihm so nie wieder gegeben hat. Nostalgisch wird immer noch von Schwarzeneggers Proportionen, seiner Ausgewogenheit, der Perfektion des Oberkörpers und nicht zuletzt von der bombastischen Ausstrahlung, mit der er sein Paket auf die Bühne brachte, geschwärmt. Die heutige Generation der Schwergewichtsbodybuilder sei im Vergleich nur noch eine Ansammlung von Freaks ohne Maß und ästhetischen Selbstanspruch.

Hätte Schwarzenegger heute noch eine Chance?


Diese Frage wird im Internet heiß diskutiert. Dabei sollte klar sein: Die Physik, die der junge Schwarzenegger zu aktiven Zeiten präsentierte, kann mit heutigen Standards nicht mehr mithalten. Nicht einmal annähernd.

Mit 1,88 Meter zählt Schwarzenegger zu den größten Profibodybuildern, die es jemals gab. Mit dieser Größe die heute gefragte massige Optik zu erzielen, ist ein schwieriges Unterfangen. Mit rund 106 Kilogramm brachte er ein Gewicht auf die Bühne, das mittlerweile selbst von 1,75 Meter-Athleten übertroffen wird. Die moderne „Mutanten-Erscheinung“ könnte er dem Publikum also nicht bieten.

Dann sind da noch Schwarzeneggers Beine, bekanntlich die größte Schwäche des Superstars. Neben dem brachialen Oberkörper ging sein Unterkörper stets sang- und klanglos unter. Die begehrte X-Form blieb ihm verwehrt, denn der Aufbau wirklich massiver Oberschenkel gelang trotz vielbeachteter Methodik nie so ganz.

Und dann ist da natürlich die Sache mit dem Körperfettanteil. Von der Härte heutiger Bodybuilder war Schwarzenegger meilenweit entfernt. Streifen im Gluteus, wie sie heute selbst auf nationaler Ebene im Natural-Bodybuilding der Standard sind? Fehlanzeige. Neben den Bodybuildern der Neuzeit würde Schwarzenegger „aalglatt“ daherkommen, wie ein Hobbysportler nach einer kurzen Stranddiät.

Ein Mr. Olympia ohne Gegner?


Ein kleines Detail wird in Schwarzeneggers Biografie häufig ausgespart: Den Mr. Olympia 1971 gewann er quasi folgerichtig als einziger Teilnehmer, denn alle Konkurrenten waren kurz zuvor aufgrund einer verbotenen Teilnahme an einem konkurrierenden NABBA-Wettkampf disqualifiziert worden. Und auch im Vorjahr, dem Jahr seines ersten Titelgewinns, waren nur drei Bodybuilder in seiner Klasse angetreten.

Lediglich bei seinem Comeback 1980 hatte er ein mit 16 Teilnehmern nennenswertes Feld hinter sich gelassen. In späteren Jahrgängen waren bis zu 25 Athleten (2002) in Las Vegas aufgelaufen.

Neben der Quantität ist natürlich auch die Qualität der Athleten heute ein völlig andere. Mit dem Einzug des Bodybuildings in den Mainstream hat die Leistungsdichte extrem zugenommen. Ausnahmetalente hat es schon immer gegeben. Doch insbesondere durch die Präsenz des Sports in den Sozialen Medien ist nun auch eine realistische Wahrscheinlichkeit vorhanden, dass diese auch einen Zugang finden.

Gegenwärtig ist allein die Qualifikation für den Mr. Olympia eine große Errungenschaft. Eine knallharte Konkurrenzsituation, der sich Schwarzenegger nie stellen musste.

1980 – ein umstrittener Titel


Schwarzeneggers Sieg beim Mr. Olympia 1980 ist bis heute, gelinde gesagt, umstritten. Nach mehrjähriger Wettkampfabstinenz zugunsten seiner Schauspielkarriere war Schwarzenegger recht spontan mit einer Vorbereitungszeit von nur wenigen Wochen angetreten. Den Wettkampf hatte er eigentlich nur im Vorbeigehen mitgenommen, da er ohnehin für seine berühmte Rolle in „Conan der Barbar“ in Form kommen musste.

Entsprechend hätte seine Leistung eigentlich nicht für einen Sieg reichen dürfen. Doch Arnold wickelte die Jury durch exzessives Posing um den Finger – und auch sein großer Name dürfte die Entscheidung ins Subjektive gekippt haben. Bei der Ergebnisverkündung ließ sogar der Zuschauerraum einigen Unmut gegenüber dem einstigen Publikumsliebling von sich hören.


Gute Vermarktung (und ein Hauch Rassismus)?


Hat sich Schwarzenegger seine Titel eher durch Charisma und mediale Omnipräsenz denn durch eine sportliche Leistung verdient? Seine Filmkarriere hatte eigentlich erst Mitte der 70er-Jahre, nach Beendigung seiner Laufbahn als Bodybuilder, so richtig abgehoben. Der Promibonus sollte also vom beschrieben 1980er-Titel abgesehen nicht allzu sehr gezogen haben.

Aber klar, Schwarzenegger war schon immer ein extrovertierter Mensch. Kein asketischer Sportler und stummer Arbeiter, sondern ein Sunnyboy, der das Leben inklusive Frauen und Partys zu leben wusste. Er ließ die Öffentlichkeit gern daran teilhaben – und das schon lange vor dem Aufkommen der Instagram-Story! Die Fans kannten und liebten ihn. Und Schiedsrichter enttäuschen Fans nicht gern.

Manch einer wittert gar einen Hauch Rassismus in Schwarzeneggers guten Platzierungen. Dunkelhäutige und lateinamerikanische Athleten hätten keine Chance gegen dieses Idealbild des stattlichen, weißen Mannes gehabt.

Fazit


Schließen wir an dieser Stelle mit drei Botschaften.

Erstens: Bodybuilding ist und war schon immer ein politischer Sport. Titelverteidigung, Sponsoren, Nationalitäten, persönliche Beziehungen, all das übt auch heute noch Einfluss auf die Entscheidung des Kampfgerichtes aus. Selbiges gilt für das Charisma – hey, es ist schließlich ein Präsentationssport! Vielleicht wurde Schwarzenegger die ein oder andere Platzierung, sagen wir mal: großzügig überlassen. Er ist damit aber bei Weitem nicht der einzige Glückliche.

Zweitens: Sportarten entwickeln sich weiter. Wer die Küren olympischer Turner von vor 50 Jahren mit den heutigen vergleicht, wird unübersehbare Unterschiede erkennen. Die deutschen Fußballweltmeister von 1974 würden heute wohl gegen die C-Jugend des VfL Bochums verlieren. Die Material- und Trainingswissenschaft bleibt eben nicht auf der Stelle stehen. Im Bodybuilding kommt noch ein immer hemmungsloserer Umgang mit Heilkräutern hinzu. Die Frage ist eher, ob Schwarzenegger mit den Möglichkeiten von heute auch mit den Bodybuildern von heute mithalten könnte, alle anderen Vergleiche sind unfair. Und genau das ist ihm aufgrund seiner herausragenden Arbeitsmoral durchaus zuzutrauen.

Drittens: Ob konkurrenzfähig oder nicht, kaum ein Bodybuilder hat jemals so viel für den Sport getan wie Arnold Schwarzenegger. Bis heute investiert er unheimlich viel in das Vorankommen des Bodybuildings. Er hat die renommierte Arnold Classic ins Leben gerufen und zeigt auch im Alter von 75 Jahren immer noch regelmäßig Präsenz. Er hat schon viele Generation zum Einstieg ins Bodybuilding inspiriert und tut dies auch weiterhin. Und Schwarzenegger hat sogar eine breite Bevölkerung mit ins Boot geholt, hat die „Muckimänner“ gesellschaftsfähiger gemacht. Spätestens mit seinem Einstieg in die Politik konnte er beweisen, dass Bodybuilding und Intellekt sich nicht gegenseitig ausschließen – sondern sich, im Gegenteil, sogar beflügeln können.

Nach oben