Alles kalter Kaffee?

Artgerechte Ernährung: Eine Abrechnung mit der DGE?

"Die Menge wird sich immer denen zuwenden, die ihr von absoluten Wahrheiten erzählen, und wird die anderen verachten." - Gustave Le Bon

Vor inzwischen über zwei Jahren bot Team Andro dem Thema der Artgerechten Ernährung eine Plattform. Über ein Jahr hinweg wurde eine umfangreiche Artikelserie zu Themen wie Fleisch, Milch und Kohlenhydraten veröffentlicht, aus der die Leser versuchten Anhaltspunkte für ihre optimale Ernährung zu ziehen. Das Thema selbst war bereits damals keinesfalls noch nie dagewesen oder gar revolutionär, aber dennoch für viele Leser sicherlich neu. Zeit, mit etwas Abstand einen erneuten Blick auf die Thematik zu werfen.

Alles kalter Kaffee?

Wie einleitend angedeutet, ist die Auseinandersetzung mit und die Suche nach einer evolutionsbedingten Ernährung nicht neu. Ohne an dieser Stelle einen zu großen Einblick in die Geschichte der Ernährungskonzepte zu bieten, wie ich es sonst einführend in meinen Seminaren tue, wäre es ein Trugschluss, zu glauben, dass wir zwischen dem ersten Paleo-Ernährungsbuch von 1988 bis 2013 keinerlei Arbeiten zu einer Artgerechten Ernährung finden würden.

Ganz im Gegenteil waren die Veröffentlichungen bereits 2005 so zahlreich, dass der Ökotrophologe Alexander Ströhle im Rahmen einer Kasseler Fachtagung zu dieser Thematik einen ganzen Vortrag widmete.

Die Kernelemente artgerechter Ernährungskonzepte waren damals wie heute:
  • langfristige Gesundheit
  • physische und psychische Leistungsfähigkeit
  • Wohlbefinden
  • Maximierung der Lebensdauer.
Dies führte dazu, dass
"[...] populär-wissenschaftlich dargebotene 'Ernährungsratgeber', die das Prädikat evolutionsbiologischer Fundierung tragen, en vogue [waren]" (Ströhle 2005: 34 – Hervorhebung Ströhle).
Auch daran hat sich bis heute augenscheinlich nichts geändert.


In Zeiten, in denen Experten den Begriff Morbus Google im Zusammenhang mit Ernährungswehwehchen geprägt haben, da immer mehr Menschen auf der Suche nach dem heiligen Gral der Nahrungszusammenstellung durch das Internet pilgern, wird allem, was dem offiziellen DGE-Regime widerspricht, andächtig gelauscht.

Die DGE hat ein hausgemachtes Problem

Das Problem ist dabei in gewissen Rahmen hausgemacht, wie man durchaus kritisch anmerken könnte. Auch wenn die DGE erst 1955 gegründet wurde, feiern ihre Empfehlungen bereits das über 100-jährige Jubiläum.

Was wie eine schlechte Adaption eines Witzes über die Queen und ihre Hüte wirkt, ist die zugegeben sehr knappe Zusammenfassung des aktuellen Standes: Streng genommen gehen die heutigen Empfehlungen der DGE auf das Jahr 1859 zurück, als der Niederländer Jakob Moleschott Ernährungsgewohnheiten von Bauern, Landarbeitern und Eisenbahnarbeitern untersuchte. Die Kalorienzufuhr setzte sich damals aus 20 % Eiweiß, 25 % Fett und 55 % Kohlenhydraten zusammen.

Die aktuellen DGE Empfehlungen kombinieren dagegen 15 % Eiweiß, 30 % Fett und 55 % Kohlenhydraten und schwanken um plus / minus 5 Prozent bei den jeweiligen Energieträgern, wobei in der Regel das Protein in der Menge beschnitten und damit auf bis zu 10 % reduziert wird.
Ohne die Hintergründe an dieser Stelle zu beleuchten, was im Großteil der Literatur oft nur einseitig durchgeführt wird, muss festgestellt werden, dass die ESSENTIELLEN Nährstoffe mit diesen Empfehlungen durchaus in einem akzeptablen, wenn auch nicht optimalen, Rahmen aufnehmbar sind!
Denn darin lag ursprünglich der Grundgedanke der DGE Empfehlungen.

Nach dem Krieg sollten für die Gesellschaft in erster Linie Vorgaben entwickelt werden, die die Grundversorgung der Bevölkerung gewährleisteten. Erst ein paar Jahrzehnte später wurde die DGE mit einer neuen Aufgabe konfrontiert. In Zeiten des Überflusses verschoben sich die Ansprüche an die Empfehlungen immer stärker in den präventiven Bereich.

Wenn ich eine subjektive Einschätzung geben müsste, würde ich sagen, dass der Überfluss zu schnell anstieg und die DGE es verpasst rechtzeitig ihre Vorgaben anzupassen.

Ein Blick zu den niederländischen Nachbarn

Das Health Council of Netherlands empfahl beispielsweise bereits 2004 eine Zusammensetzung von bis zu 25 % Eiweiß, 20 – 40 % Fett und mindestens 40 % Kohlenhydrate. Bei einer Kalorienzufuhr von 2500 kcal könnte man diese gemäß den niederländischen Vorgaben mit 156 g Protein, 95 g Fett und 250 Kohlenhydrate füllen. – Ein, wie ich behaupten würde, durchaus zeitgemäßer Rahmen, in dem sich auch naturale Bodybuilder entwickeln können.
Die Niederlande stehen mit diesen Empfehlungen durchaus nicht allein da. In der allgemeinen Fachliteratur ist eine Absenkung der Kohlenhydrate auf 40 bis 45 % zu Gunsten des Proteinanteils bereits lange als sinnvolle Veränderung bekannt. Dafür bedarf es keiner artgerechten Ratgeber.

Die DGE dagegen tut sich seit Jahren schwer, von ihren Empfehlungen abzuweichen und moderate Anhebungen der Fettwerte (zum Nachteil des Proteins) sind sicherlich kein unglaublicher Fortschritt, der sich zudem erst in der jüngeren Vergangenheit begeben hat.

Alle auf einen: das arme Protein?

Heißt das, wir sollten mehr Protein zu uns nehmen, mehr Fleisch auf den Teller bekommen und weiter an unserer Veganer-Witze-Sammlung arbeiten? Natürlich nicht! Das Problem ist, dass die meisten Menschen (auch hier) nur in Extremen denken:

Proteinminimalisten weisen mit Recht auf 0,8 Gramm als ausreichende Proteinmenge hin. Allerdings ist mit diesem Schwarz-Weiß-Denken lediglich der Stickstoffverlust (und damit das potentielle tägliche Aminosäurendefizit) abgedeckt. Muskelaufbau, Aminosäurenzusammensetzung und diverse potentielle gesundheitliche Vorteile durch eine stärkere Fokussierung auf den Nährstoff Eiweiß werden dabei außer Acht gelassen.

Im gegenüberliegenden Graben liegen die (Internet-)Bodybuilder, die sich nicht bewusst sind, dass der Körper täglich ca. 300 Gramm Eiweiß auf- und abbaut und knapp 400 Gramm Proteinbestandteile jederzeit durch seinen Blut befördert. In der Konsequenz produziert der Körper bei manch einem Trainierenden mehr Stresshormone, wenn der abendliche Casein-Shake einmal vergessen wurde, als die Prüfung zum zweiten Staatsexamen bei angehenden Volljuristen.
Fakt ist: Zwei Gramm Protein je Kilogramm Körpergewicht sind eine sichere Obergrenze, mit der bei ausgewogener Proteinquellenzusammenstellung in der Regel alles abgedeckt ist: vom Überleben, über Gesundheit bis #Gainz.
Die Vorteil eines möglichen Timings oder der potentielle Nutzen spezifisch eingesetzter Aminosäuren soll an dieser Stelle außen vor bleiben.

Wer 2 Gramm Protein abdeckt, darf sich darüber Gedanken machen, welche Quellen er nutzt oder ob seine Mikros nicht möglicherweise zum Flaschenhals werden, aber nicht, ob er vielleicht doch noch irgendwo einen Shake dazwischen pressen kann. Daran ändern auch keine ominösen russischen Studien etwas, mit denen Supplementshops noch vor einigen Jahren aktiv warben (und es aus gutem Grund nicht mehr dürfen).

Wo der Grund darin liegt, dass die DGE sich damit schwer tut, die Empfehlungen von Protein anzuheben, kann nur gemutmaßt werden. Von Lobbyismus bis hin zum Problem, dass viele Verbraucher mehr Protein in Form von fettigem (verarbeiteten) Schweinefleisch zu sich nehmen würden, gibt es sicherlich eine Reihe an Faktoren, die letztendlich die Wahrheit beeinflussen. Aber das soll nicht Thema dieses Artikels sein.


Stell dir vor die DGE macht Empfehlungen und keiner hält sich dran...

Aber ein reines DGE-Bashing, wie es offenbar sehr populär zu sein scheint, wäre deutlich zu einfach. Betrachtet man dagegen die Auflistung ► Vollwertig essen und trinken nach den 10 Regeln der DGE, liest sich die Liste kaum anders, als das, was von Bodybuildern gerne gepredigt wird.

Vielfältige Lebensmittel, Gemüse und Obst, Zucker und Salz in Maßen, reichlich Flüssigkeit, Milchprodukte täglich, Fisch ein- bis zweimal wöchentlich, Fleisch in Maßen, schonende Zubereitung und ausreichend Bewegung. Dazu reichlich Nudeln und Reis, das sind alles Grundpfeiler, mit denen sich vermutlich jeder Bodybuilder anfreunden kann, denn Fleisch in Maßen ist keinesfalls weiter definiert, außer dass auf fettarme Varianten verwiesen wird.

Das Problem besteht wohl viel eher darin, dass sich kaum jemand daran hält. Andernfalls wären Kuchenauslagen bei dem Bäcker an jeder Ecke kleiner, würden Proteinshakes statt Süßigkeiten im Kassenbereich ausliegen und diverse Fitnessketten hätten ein ernstzunehmendes Problem. Man stelle sich vor, die ganzen Karteileichen würde tatsächlich zum regelmäßigen Training kommen.

Wie die Wahrheit im Einzelnen aussieht, lässt sich nur mutmaßen. Es ist bekannt, dass die Deutschen in der Regel zu wenig Ballaststoffe zu sich nehmen und durchschnittlich große Mengen an gesättigten Fettsäuren. Auch der hohe Salzkonsum in der Durchschnittsbevölkerung wird nicht auf eine handvoll Bodybuilder beim Entladen oder übergroße Salzstreuer in deutschen Haushalten zurückzuführen sein.

Bevor die DGE-Empfehlungen per se kritisiert werden und dies als Grundlage einer Befürwortung artgerechter, veganer oder sonst wie benannter Ernährung herangezogen wird, sollte man sich zunächst bewusst sein, dass der Großteil der Bevölkerung, der Ernährungsdefizite und gesundheitliche Probleme (im Alter) aufweist, bereits die Basics nicht einhält. Diesen Teil der Bevölkerung dann als Referenz für (zum Teil radikale) Veränderungen heranzuziehen, ist geradezu lächerlich.

Was das wiederum für Bodybuilder bedeutet und warum es dennoch unzählige positive Erfahrungen mit "artgerechten" Ernährungsanpassungen gibt, schauen wir uns im folgenden Teil an.

Hinweis: Der Autor dieses Artikels bietet individuelle Trainings- und Ernährungsberatung und -betreuung an. Weiteres erfahrt ihr unter ► become-fit.de oder schaut einfach auf seinem ► Instragram-Account vorbei.

Literatur

  • Biesalski, Hans Konrad (2015): Mikronährstoffe als Motor der Evolution. Springer: Heidelberg.
  • Dostert, Anja (2013): Die verrückte Geschichte der Diät. Amazon Distribution: Leipzig.
  • Gronder, Ulrike / Worm, Nicolai (2010): Mehr Fett! Systemed Verlag: Lünen.
  • Hahn, Andreas / Ströhle, Alexander / Wolters, Maike (2006): Ernährung. Physiologische Grundlagen, Prävention, Therapie. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft: Stuttgart.
  • Leitzmann, Claus / Müller, Claus / Michel, Petra / Brehme, Ute / Triebel, Thamar / Hahn, Andreas / Laube, Heinrich (2009): Ernährung in Prävention und Therapie. Hippokrates Verlag: Stuttgart.
  • Rehner, Getrud / Daniel, Hannelore (2010): Biochemie der Ernährung. Heidelberg: Spektrum Verlag.
  • Schwarz, Mathias (2005): Ernährungsempfehlungen auf dem Prüfstand. In: Schwarz, Mathias (Hrsg.): Fleisch oder Nudeln. Ernährungsempfehlungen auf Schlingerkurs? Kassel University Press GmbH: Kassel, S. 10 – 32.
  • Ströhle, Alexander (2005): Was die Evolution (nicht) lehrt oder: Paläolithische Nahrung für paläolithische Gene? In: Schwarz, Mathias (Hrsg.): Fleisch oder Nudeln. Ernährungsempfehlungen auf Schlingerkurs? Kassel University Press GmbH: Kassel, S. 33 – 48.
  • Wührer, Klaus (2015): Prophylaxe und Therapie durch Artgerechte Ernährung. Caveman Verlag: Ortenburg.

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