Hör mir auf mit Studien...

Artgerechte Ernährung: … für Bodybuilder?

Nachdem im ► ersten Teil Empfehlungen der DGE hinterfragt wurden, soll in diesem Teil kurz angeschnitten werden, ob eine Optimierung der Ernährung nach artgerechten Standards für (Hobby-)Bodybuilder sinnvoll sein könnte. Die Antwort darauf ist keinesfalls pauschal zu geben und auch Studienergebnisse können darüber nicht hinwegtäuschen.

Studien beweisen...

...oftmals leider einen Scheiß. Wer die Studienergebnisse von Untersuchungen mit (manchmal nicht mal einer Handvoll) adipösen oder kranken Personen 1 zu 1 auf gesunde, junge, sporttreibende Menschen überträgt, hat so viel Ahnung von empirischen Untersuchungen, wie Kühe vom Stricken.

Das Problem ist, dass die Leute, die da ihre Ergebnisse zusammentragen, nicht selten selbst strickende Kühe sind.
Ein paar einführende Vorlesungen zur empirischen Sozialforschung (wenn überhaupt) befähigen zur Umsetzung von Erhebungen wie die Führerscheinprüfung zum Formel 1 Rennen fahren.
Dies führt dazu, dass im Ergebnis bei dem ein oder anderen Trainierenden ein Infragestellen von gut gesicherten Erkenntnissen oder einem völligen Abtun von allem, was nicht bereits Arnold Schwarzenegger durchführte, zu beobachten ist.

Das heißt natürlich nicht, dass alle Studien totaler Unsinn sind. Ganz im Gegenteil gibt es bei Berufungen zu einer Professur an deutschen Universitäten nicht umsonst eine Kategorisierung der Veröffentlichungen. Kleiner Tipp: das Internet ist ungefähr so viel Wert, wie (per BoD) selbst publizierte Ergebnisse. Bunte Buchcover, reißerische Titel oder Preise bis maximal 30 Euro sollten darüber hinaus zumindest bewusst wahrgenommen werden.

Das bedeutet nicht, dass die Wahrheit lediglich in kryptischen Schriften für Medizinstudenten im 8. Semester oder englischsprachigen Studien, bei denen jedes zweite Wort einen Fachterminus darstellt, versteckt wäre. Nur darf der Leser dazu angehalten werden, neugierig zu bleiben und Fragen zu stellen. – Auch dieser Text steht schließlich lediglich im Internet.

Foto von r. nial bradshaw / CC BY
Das wiederum führt natürlich zu zwei Problemen:
  • Zum einen gehen anekdotische Schätzungen davon aus, dass sich das menschliche Wissen alle 10 Jahre verdoppelt.
  • Zum anderen stellte die Bücherindustrie bereits vor über einem dutzend Jahren fest, dass, überspitzt gesagt, jeder schreibt und kaum einer liest.
Allein dieser Satz wird von den meisten "Anklickern" entweder nicht wahrgenommen, weil sie den Text lediglich überfliegen, oder bereits oben rechts das X gedrückt hatten, da ihre Erwartungen nicht erfüllt wurden. Gemäß Wolf Schneider hat ein Autor knapp 350 Zeichen "Zeit" den Leser für seinen Text zu gewinnen. Was das mit der eigentlichen Thematik zu tun hat?
Nun, so wie sich der Großteil der Deutschen für einen überdurchschnittlich guten Autofahrer hält, glauben viele, die das Wort biologische Wertigkeit korrekt aussprechen können, gut über Ernährung informiert zu sein.

Um dann vor Zucker zu warnen, aber im nächsten Augenblick das neuste Kohlenhydratpulver aus dem Schrank zu holen. Das ist nicht despektierlich gemeint! Nur sollte man nicht erwarten, die Antwort auf all seine individuelle Fragen in einem einzelnen Buch, einer einzelnen Studie oder einem einzelnen Artikel im Internet zu finden. Kauft euch ein zweites, oder ein drittes... immer mal wieder. Lest, bleibt neugierig und stellt Fragen, und denkt darüber nach, wenn ihr keine zufriedenstellende Antwort bekommen solltet.

Eine Antwort ist selten "ganz einfach"

Dies wiederum trieb ohne Frage nicht wenige in die Arme artgerechter Empfehlungen, was auch immer darunter zu verstehen ist, denn DIE artgerechte Ernährung gibt es genauso wenig wie ein einheitliches Konzept. Was es auf Team Andro zu lesen gibt, ist bei Klaus Wührer vielleicht schon ganz anders zu finden und Paleo-Anhänger haben eventuell in gewissen Punkten eine dritte Interpretation.

Was es dagegen gibt, sind nicht wegzudiskutierende Grundlagen, die aber zum Großteil auch von der DGE abgeschrieben sein könnten.
Wie sich das jeweilige Konzept zusammensetzt, ist im Detail durchaus unterschiedlich, aber eines ist allen evolutionsbedingten Ernährungsweisen gemeinsam: eine induktive Herangehensweise.
Das bedeutet, vom Besonderen wird auf das Allgemeine geschlossen. Von einzelnen Völkern oder selektiv gewählten Studienergebnissen an fetten oder kranken Personen auf die gesamte Menschheit.

Dass dies, höflich gesagt, ziemlicher Unsinn sein kann, soll im Folgenden noch erläutert werden.
Zunächst aber nochmal ein Hinweis: Es sollen damit keine (physiologischen) Grundlagen in Frage gestellt werden! Das Problem ist mehr, dass man sich oftmals mit monokausalen Informationen verzettelt, in Details verliert und vergisst, dass das Drehen an einem Rad in der Regel auch (viele) andere in Bewegung setzt.
Wer eigenverantwortlich seine Ernährung modifiziert oder sogar relativ ungewöhnliche Maßnahmen trifft, sollte die Frage beantworten können, was durch die gewählte Maßnahme ebenfalls beeinflusst werden könnte.
Der menschliche Körper kann auf fast 50 verschiedene Stoffe nicht verzichten. Das sind eine Menge Rädchen, die da in Bewegung geraten können.
Hinzu kommen unzählige weitere semi- oder nicht essentielle Stoffe. Schier unüberschaubar?

Korrekt, deshalb funktioniert unser Körper in der Regel (die Ausnahmen im dritten Teil!) auch recht gut, wenn man sich an simple Basics hält.

Kann es eine Artgerechte Bodybuildingernährung geben?

Aber was ist mit dem Thema maximale Speicherung körpereigenen Proteins bei minimalem Körperfettanteil, besser bekannt als Bodybuilding? Kann es so etwas wie eine Artgerechte Bodybuildingernährung geben?

Streng genommen müsste es dafür ein Volk der Bodybuilder gegeben haben, an dem man sich orientieren könnte, denn die eine evolutionsbedingte Ernährung existiert, wie bereits angesprochen, nicht. Weder bis zur unsäglichen Zeit um 10.000 vor Christus, bevor Milch und Getreide an Bedeutung gewannen, noch zur Zeit der Paleo-Ernährung. Erst Recht gab es keine Kokosmilch in Dosen, Mandeln in 100 Gramm Packungen oder Honig in Gläsern.

Foto von NatalieMaynor / CC BY

Doch davon mal abgesehen, ist die Maximierung des nackt gut Aussehens, was viele anstreben, ebenfalls alles andere als artgerecht – nicht nur, weil der Waschbrettbauch sowieso unter der Bauchbehaarung nicht sichtbar gewesen wäre.
Der bei Männern ab 25 Jahren mit 20 % als normal bezeichnete KFA ist in Kombination mit einem BMI von 25 ist weit davon entfernt, was man als Mens Health Covermodel bezeichnen würde. – Und dennoch wird selbst diese Hürde von einem nicht geringen Teil der Bevölkerung längst nicht mehr erreicht!

"Evolutionsbedingtes nackt gut Aussehen", wie wir es heute in der westlichen Welt anstreben, hat sich erst mit Beginn des 20. Jahrhunderts vollkommen etabliert.
Natürlich gab es bereits davor Schönheitsideale, aber die waren in einigen Epochen eng mit Diabetes, Verstopfungen und Bluthochdruck verbunden, also nicht unbedingt das, was heutige (evolutionsbedingte) Ernährungskonzepte anstreben.

Eine artgerechte Bodybuildingernährung wirkt daher nicht nur wie eine ungewöhnliche Sprachkombination, sondern ist es auch. Bodybuilder sind praktisch nie die Konsumentengruppe, die man bei Studiendesigns oder beim Verfassen ganzer Bücher in Betracht zog.

Und wer dann an Studien denkt, in denen Probanden untersucht wurden, die bereits einige Jahre Kraftsport oder Bodybuilding durchführen, kann sich von der Vorstellung einer Ansammlung an leanen (Wettkampf-)Athleten verabschieden. Dieser Hinweis besagt erst einmal nur, dass die Teilnehmer bereits seit längerem eine Fitnessstudiomitgliedschaft besaßen.

Finger weg vom "artgerecht"?

Das bedeutet nicht, dass (Hobby-)Bodybuilder von "artgerechten" Ernährungsanpassungen nicht profitieren könnten. Das Gegenteil ist wohl eher der Fall.
Wer sich allerdings bei jeder Maßnahme lediglich fragt, wie viel Zentimeter Bizepsumfang diese bringt, hat nicht verstanden, dass sein Leben auch über die Freibadsaison hinaus weiterläuft.
Auf der anderen Seite befinden sich Diskussionen um 1 Gramm mehr oder weniger von Nährstoff XY teilweise auf demselben Niveau wie das im ► ersten Artikel beschriebene Protein-Phänomen. Wenn der Bedarf gedeckt ist, führt die Maximierung der Supplementspirale höchstens zu placebo-behafteten Ergebnissen.

Aber es gibt doch genügend (anekdotische) Beweise für Menschen, die tatsächlich positive Veränderungen erfuhren? Selbst Menschen, die sich zuvor bereits gesund ernährten, profitierten zum Teil von "radikalen" Veränderungen? – Korrekt! Warum diese Einzelfälle auch nicht ins Reich der Mythen und Placebos geschickt werden sollten und was dies für die artgerechten Ernährungsvorschläge bedeutet, soll schließlich im letzten Teil angesprochen werden.

Hinweis: Der Autor dieses Artikels bietet individuelle Trainings- und Ernährungsberatung und -betreuung an. Weiteres erfahrt ihr unter ► become-fit.de oder schaut einfach auf seinem ► Instragram-Account vorbei.

Literatur

  • Biesalski, Hans Konrad (2015): Mikronährstoffe als Motor der Evolution. Springer: Heidelberg.
  • Dostert, Anja (2013): Die verrückte Geschichte der Diät. Amazon Distribution: Leipzig.
  • Gronder, Ulrike / Worm, Nicolai (2010): Mehr Fett! Systemed Verlag: Lünen.
  • Hahn, Andreas / Ströhle, Alexander / Wolters, Maike (2006): Ernährung. Physiologische Grundlagen, Prävention, Therapie. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft: Stuttgart.
  • Leitzmann, Claus / Müller, Claus / Michel, Petra / Brehme, Ute / Triebel, Thamar / Hahn, Andreas / Laube, Heinrich (2009): Ernährung in Prävention und Therapie. Hippokrates Verlag: Stuttgart.
  • Rehner, Getrud / Daniel, Hannelore (2010): Biochemie der Ernährung. Heidelberg: Spektrum Verlag.
  • Schwarz, Mathias (2005): Ernährungsempfehlungen auf dem Prüfstand. In: Schwarz, Mathias (Hrsg.): Fleisch oder Nudeln. Ernährungsempfehlungen auf Schlingerkurs? Kassel University Press GmbH: Kassel, S. 10 – 32.
  • Ströhle, Alexander (2005): Was die Evolution (nicht) lehrt oder: Paläolithische Nahrung für paläolithische Gene? In: Schwarz, Mathias (Hrsg.): Fleisch oder Nudeln. Ernährungsempfehlungen auf Schlingerkurs? Kassel University Press GmbH: Kassel, S. 33 – 48.
  • Wührer, Klaus (2015): Prophylaxe und Therapie durch Artgerechte Ernährung. Caveman Verlag: Ortenburg.

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