SNPs

Artgerechte Ernährung: Alles Marketing und Hokus Pokus?

Nachdem wir im ► ersten Teil ein wenig auf die Kritik an Ernährungsvorgaben der DGE eingegangen waren, stand im ► zweiten Teil die Frage im Raum, ob Bodybuilder sich artgerecht ernähren sollten. Den Abschluss bildete der Hinweis, dass viele Gedanken von evolutionsbedingten Ernährungskonzepten interessant sind und bei einigen zu tatsächlich spürbaren gesundheitlichen Verbesserungen führen... die bei anderen wiederum ausbleiben. Schauen wir uns an, warum dies so ist.

Alles einsteigen! Die Abschaffung der natürlichen Auslese?

Warum gibt es also immer wieder Beispiele für Menschen, die mit (zum Teil extremen) Maßnahmen tatsächliche Verbesserungen erzielten, die weit weg von Placeboeffekten einzuordnen wären. Wir sind genetisch doch schließlich seit unzähligen Jahrtausenden unverändert, wie immer wieder argumentiert wird? Jetzt wird es spannend!

Polymorphismus

Auch wenn der genetische Code relativ unverändert ist, kann dieser in verschiedenen Varianten vorkommen. Das Ergebnis sind unter anderem morphologische Unterschiede in der Bevölkerung. Vereinfacht gesagt: Wir sind keine Klone, die alle gleich aussehen. Selbst eineiige Zwillinge, die die gleiche Variation besitzen, weisen Unterschiede auf, auch wenn diese für Außenstehende bei einer ersten Betrachtung manchmal schwer zu erkennen sind.
Diese Variationen haben nicht nur Einfluss auf unsere Optik, sondern auch den Stoffwechsel!
Die Veränderung eines einzelnen Nucleotids in einem Gen wird als single nucleotide polymorphismus (SNP) bezeichnet. Es sind über 1 Million (!) solcher SNPs bekannt und jeder, der diese Zeilen liest, besitzt gemäß Hans Konrad Biesalski schätzungsweise 50.000 (!!) SNPs.

Foto von Michael Knowles / CC BY

Die meisten davon sind ohne Bedeutung für die Praxis. Liegt das SNP jedoch in einer Region, die für das Ablesen eines bestimmten Proteins verantwortlich ist, kann dies zu einer mehr oder weniger starken Funktionseinschränkung führen.

Sind beispielsweise von einem anders entwickelten Enzym Cofaktoren wie Vitamine abhängig, benötigt das Individuum davon mehr oder weniger, als der Durchschnitt, um ordnungsgemäß zu funktionieren. Vor allem für Vitamin C, D, K oder auch Folsäure sind solche SNPs bekannt.

SNPs und Mikronährstoffmängel

Entsteht nun durch die Ernährung ein Mangel an solch einem Cofaktor, bemerken zuerst die Personen mit entsprechendem SNP Veränderungen. Solange diese Veränderungen jedoch nicht dazu führen, dass die Person stirbt bzw. sich nicht Fortpflanzen kann, wird das jeweilige SNP evolutionär betrachtet auch nicht aussortiert.

Wer nun noch weiß, dass sich in den letzten 100 Jahren die Gesundheitsversorgung drastisch verbessert hat und der immense Rückgang der Sterberate auch beträchtlich durch die gesunkene Säuglingssterblichkeit beeinflusst wird, kann sich möglicherweise vorstellen, dass der ein oder andere, der heutzutage Flatterschiss bei Milch bekommt, vor knapp 8.000 Jahren weniger häufig zum Zug gekommen wäre, als seine milchtrinkenden Mitmenschen im Norden. Aus diesem Grund produzieren die meisten der Leser dieser Zeile auch heute noch mehr Laktase als ganz China, was ebenfalls auf ein SNP zurückzuführen ist.

Diese kleine Überspitzung soll verdeutlichen, dass aus individuellen Erfahrungen keine Rückschlüsse auf die Gesamtheit der Bevölkerung gezogen werden können und die Suche nach einer Glutenunverträglichkeit, während man gleichzeitig Stress im Beruf und zu wenig körperliche Bewegung auslebt, davon zeugt, dass man möglicherweise nur von der Wand bis zur Tapete denkt.

Das ist natürlich nicht sexy und lässt sich schlecht lukrativ vermarkten. Passend schrieb der französische Massen-Soziologe Gustave Le Bon:
"Nie haben die Massen nach Wahrheit gedürstet. Von den Tatsachen, die ihnen mißfallen, wenden sie sich ab und ziehen es vor, den Irrtum zu vergöttern, wenn er sie zu verführen vermag. Wer sie zu täuschen versteht, wird leicht ihr Herr, wer sie aufzuklären sucht, stets ihr Opfer."
Dem Großteil der Bevölkerung würde es vermutlich bereits super gehen, wenn sie sich einfach mal an die Vorgaben der DGE konsequent halten und, anstatt in Extremen zu denken, ein Not 2 Much Calories befolgen würden.

Was übrig bleibt, wäre ein deutlich geringer Teil an Personen, die tatsächlich einen ernstzunehmenden Mehrbedarf oder besondere Ernährungsweisen benötigten. Aber das wäre ziemlich unlukrativ. Niemand will dafür Geld ausgeben, zu hören, was er vielleicht bereits weiß, aber nicht bereit ist, umzusetzen.

Artgerechte Ernährung: Alles Marketing und Hokus Pokus?

Welches Fazit sollten (junge) Trainierende, die die Maximierung der körpereigenen Proteinspeicherung anstreben, also ziehen? Weiterhin nur Reis mit Hähnchen, während man kopfschüttelnd polemische Hasstiraden gegen alles und jeden schwingt, der versucht mit evolutionären oder biochemischen Argumenten [s]eine [andere] Sichtweise auf die Ernährung darzustellen? – Auf keinen Fall!

Viel mehr kann man es den inzwischen unüberschaubar vielen Autoren, die sich abseits der DGE-Empfehlungen positionieren, vor allem zu Gute halten, dass zu einem Umdenken angeregt wurde. Zumindest bei einigen. Alles mit der Unterstellung finanzieller Interessen abzutun, zeugt dagegen von wenig Einblick sowie gesundheitsbezogener Weitsicht und wäre keinen Deut besser, als das in einigen Kreisen äußerst salonfähige DGE Bashing.

In der qualitativen Sozialforschung gibt es einen Grundgedanken bei der Auseinandersetzung mit einem (neuen) Thema. Vereinfacht dargestellt: Hat man eine Position kennengelernt, beschäftigt man sich im Anschluss mit der möglichst entgegengesetzten Ansicht. Wie ein Pendel, das angezogen wird und sich am Anfang von einem Extrem zum anderen bewegt, soll der Stillstand in der Mitte stattfinden.

Wie sich diese Mitte für die Ernährung des Einzelnen gestaltet, ist letztendlich durchaus individuell. Gäbe es Königslösungen, würde jeder Wettkampfbodybuilder bei jedem Wettkampf genauso oder besser als beim letzten auf der Bühne stehen (und das Mutmaßen im Vorfeld, wer gewinnen wird, wäre tatsächlich eine sinnvolle Freizeitgestaltung).
Darüber hinaus sollten auch viele Trainierende lernen ihre Scheuklappen abzulegen und sich bewusst werden, dass vor allem der berufliche und private Alltag den Löwenanteil an langfristiger Gesundheit trägt. Nicht artgerechte Ernährung, sondern artgerechter Lifestyle sollte die Devise lauten.
Damit ist nicht das Nahrung jagen in Lendenshorts gemeint, sondern eine aktive Stressbewältigung und eine zufriedenstellende Lebensgestaltung.

Wir alle tun gut daran, jeden Tag ein klein wenig demütig und offen für neue Perspektiven zu sein – in jeder Lebenslage. Nur wer glaubt, dass sein Pendel zum Stillstand gekommen wäre, ist tatsächlich festgefahren in seinen Ansichten.

Hinweis: Der Autor dieses Artikels bietet individuelle Trainings- und Ernährungsberatung und -betreuung an. Weiteres erfahrt ihr unter ► become-fit.de oder schaut einfach auf seinem ► Instragram-Account vorbei.

Literatur:

  • Biesalski, Hans Konrad ( 2015): Mikronährstoffe als Motor der Evolution. Springer: Heidelberg.
  • Dostert, Anja (2013): Die verrückte Geschichte der Diät. Amazon Distribution: Leipzig.
  • Gronder, Ulrike / Worm, Nicolai (2010): Mehr Fett! Systemed Verlag: Lünen.
  • Hahn, Andreas / Ströhle, Alexander / Wolters, Maike (2006): Ernährung. Physiologische Grundlagen, Prävention, Therapie. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft: Stuttgart.
  • Leitzmann, Claus / Müller, Claus / Michel, Petra / Brehme, Ute / Triebel, Thamar / Hahn, Andreas / Laube, Heinrich (2009): Ernährung in Prävention und Therapie. Hippokrates Verlag: Stuttgart.
  • Rehner, Getrud / Daniel, Hannelore (2010): Biochemie der Ernährung. Heidelberg: Spektrum Verlag.
  • Schwarz, Mathias (2005): Ernährungsempfehlungen auf dem Prüfstand. In: Schwarz, Mathias (Hrsg.): Fleisch oder Nudeln. Ernährungsempfehlungen auf Schlingerkurs? Kassel University Press GmbH: Kassel, S. 10 – 32.
  • Ströhle, Alexander (2005): Fleisch oder Nudeln: Ernährungsempfehlungen auf dem Schlingerkurs. In: Schwarz, Mathias (Hrsg.): Fleisch oder Nudeln. Ernährungsempfehlungen auf Schlingerkurs? Kassel University Press GmbH: Kassel, S. 33 – 48.
  • Wührer, Klaus (2015): Prophylaxe und Therapie durch Artgerechte Ernährung. Caveman Verlag: Ortenburg.

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