CF am anderen Ende der Welt

Barbell Business in Singapur (III)

Übrigens steckt hinter unserem Namen Set Free CrossFit keine Geschichte. Die Idee fiel eines Tages quasi vom Himmel und wurde vom CrossFit HQ persönlich gegenüber unserem Alternativvorschlag (CrossFit 65 – symbolisch für die Telefonvorwahl Singapurs) favorisiert. Set Free CrossFit im westlichen Hafengebiet des Inselstaates ist nun das Zuhause einer wachsenden Anhängerschaft des "Sports of Fitness".

Genauer gesagt, können wir, während ich diese Zeilen schreibe, nach knapp zweieinhalb Monaten im Business stolze 63 Mitglieder unser Eigen nennen. Ich weiß, das ist die durchschnittliche Anzahl allein der Menschen im Freihantelbereich deines McFits zu jedem beliebigen Zeitpunkt – außerhalb der Stoßzeiten wohlgemerkt. Für eine Box sind wir aber nahezu raketengleich durchgestartet. Vergleichbare CrossFit-Gyms in Singapur dümpeln immer noch um die 70-Mitglieder-Marke herum. Mehr als 4 Jahre nach ihrer Eröffnung. Unsere Kapazitäten sind auf 150 bis, mit viel gutem Willen, 170 Member ausgelegt. Ein Aufnahmestopp eines Tages einmal, das scheint auf einmal gar nicht mehr so unrealistisch.

Foto: Cegoh / CC BY

Erfolgsgeheimnisse – ich gebe jetzt schlaue Business-Tipps

Nein, tue ich natürlich nicht. Und wir sind auch noch längst nicht an einem Punkt, an dem wir auch nur in die Nähe von Zufriedenheit geraten dürfen.

Ich glaube ja aller Zweifler zum trotz daran, dass CrossFit sich selber verkauft. Ja, wir überweisen 3.000 $ pro Jahr gen Kalifornien. Aber ich weiß, dass es in ein begnadetes Marketing-Team fließt, das uns praktisch jede Arbeit in dieser Richtung abnimmt. Die Leute sind verrückt danach. Langjährige Pumper wollen jetzt Athleten werden. Mädchen wollen das Gewichtheben lernen und ernsthafte Muskeln aufbauen. Büromenschen suchen nach dem kleinen bisschen Abenteuer nach Feierabend. Wir müssen quasi nur noch unsere Tore öffnen.

Aber natürlich bleibt es unsere Aufgabe, eine Interpretation von CrossFit anzubieten, die die Menschen mit ihrer jeweiligen Intention abholt. Man entwickelt ein Gespür für die verschiedenen Beweggründe in dem Moment, in dem ein potenziell interessierter Kunde zur Tür hereintritt. Dann muss man sein Produkt schnell und flexibel verkaufen: An den jungen Mann, der bereits vollständig im Reebok CrossFit-Lizenz Outfit erscheint, als die knallharte Wettkampfsportart, die ihn täglich an die Grenze treibt und so zur Menschmaschine schmiedet. Oder an die leicht pummelige Mittvierzigerin als ein Gemeinschaftserlebnis, bei dem alle zusammen Spaß haben und nebenbei noch "die Fettverbrennung ankurbeln". Für jeden ist etwas dabei.

Die Menschen sind bunt!

Singapur ist bekannt für die Vielfalt seiner Einwohner, und das spiegelt auch unsere Kundenstruktur wieder. Direkt in einem Businesspark gelegen – die Südostasien-Zentralen von Unternehmen wie Google, Nike, Deutsche Bank, Unilever, SAP, Unilever oder Hewlett Packard sind in weniger als 10 Minuten fußläufig erreichbar – sprechen wir vor allem die Schreibtischtäter an.

Einer der interessantesten Aspekte unserer Arbeit besteht in dem Kontakt mit hierarchisch ganz hoch eingestellten Managern, die Millionenbudgets und hunderte Mitarbeiter unter sich verantworten, ihren eigenen Körper aber nicht im Ansatz kontrollieren können. Wir erden.

Eine beruhigende Gewissheit bestätigt sich noch einmal: Ein athletischer Körper ist doch das größte Statussymbol, das du besitzen kannst. Du kannst ihn nicht kaufen, erschleichen, stehlen, erben ... er ist ein pures Spiegelbild deiner Bemühungen. Hier stehen wir alle an der gleichen Startlinie.

Natürlich ist Set Free CrossFit nicht eine reine Ansammlung weißer "Expats" (von Expatriate – auslandsentsandte Mitarbeiter). Der überwiegende Anteil unserer Mitglieder ist doch recht "local".

Und wie sind sie denn nun, die Singapurianer?

Vielleicht hat der ein oder andere mitbekommen, dass Singapur die jüngste PISA-Studio für sich entscheiden konnte. Bildung ist hier alles: So wie sich in Deutschland an jeder Ecke ein Bäcker oder eine Apotheke niederlässt, tun es in Singapur Nachhilfe- und Frühförderzentren. Akadamischer Drill. Wer braucht schon Kindheit? Aus meinen Beobachtungen wage ich einige typische Charakterzüge zu schließen, die Folge dieser Praktiken sind:
  • Sie tun, was man ihnen sagt. Insbesondere die chinesische Bevölkerungsgruppe hat schon etwas Roboterhaftes an sich. Das macht die Kursleitung natürlich einfacher. Was fehlt, ist die intrinsische Motivation zur Extrameile und Extraarbeit, die ein erfolgreicher Sportler ja in jeder Disziplin mitbringen muss.
  • Ihre Softskills sind ... anders. Man ist nett und höflich. Aber es bleibt eine Ellenbogengesellschaft. Ich habe den Eindruck, Networking ist hier wichtiger als wirklich tiefe zwischenmenschliche Beziehungen. Allein die Art, in der "Freunde" Gespräche führen, wirkt auf den Außenstehenden sehr oberflächlich, nahezu hektisch und aneinander desinteressiert. Muss wohl aber noch ein wenig länger observieren, bevor ich hier jemandem Unrecht tue. Zuspätkommen ist hier aber auf jeden Fall ein großes Problem!
  • Sie tun sich recht schwer mit dem CrossFit. Wie gesagt: Der Druck zur Akademisierung ist hier so groß, dass für Sport im Kindesalter keine Reserven eingeplant sind. Braucht man nicht, weg damit (Der derzeitige Nationalheld Josep Schooling – ihr erinnert euch, der Schwimmer, der in Rio 2016 Michael Phelps besiegte und das erste Olympische Gold in der Geschichte Singapurs gewann – hat nicht umsonst in Ermangelung notwendiger Förderungen sein Leben überwiegend in den USA verbracht). Wer im Erwachsenenalter eine Biographie in Inaktivität aufzuholen versucht, stößt in der Regel früh an Grenzen, die erstmal mühsam verschoben werden müssen. Koordinative und muskuläre Grundlagen der Kindheit fehlen oftmals komplett. Schon bis zur ersten brauchbaren Kniebeuge ohne Gewicht, ist es manchmal ein weiter Weg (nicht, dass die deutschen und europäischen Kinder durch Überaktivität glänzen würden an dieser Stelle! Aber zumindest für Spielplatz, Radfahren und Fußball habe wir doch alle Zeit gefunden).
Es gibt zudem mentale und kulturelle Unterschiede zwischen den Ethnien. Menschen chinesischen Ursprungs – das ist der überwiegende Anteil hier – sind eher die stillen, harten Arbeiter. Menschen mit indischen Wurzeln reden in erster Linie gern, vor allem über sich selbst. Malaien sind sowas wie die Südeuropaer Asiens: Morgen ist auch noch ein Tag!

Aber das klingt alles so viel schlimmer, als es ist. Im Großen und Ganzen haben wir eine super-freundliche Gruppe zusammen bekommen, mit denen jedes Training Spaß macht, die ihre Freunde und Kollegen mitbringen und uns fleißig auf Social Media verbreiten (übrigens auch ein positiver Nebeneffekt im Machtkreis einer starken Marke: Zum CrossFit zu gehen, ist in jeder Peergroup mehr als vorzeigbar und unser Blackboard landet täglich mehrfach auf Facebook und Instagram. Die beste Werbung, die wir uns wünschen können.).

Am Ende hat man als Box-Owner selbst in der Hand, wie sich der Kundenstamm zusammensetzt. Du magst anfänglich davon tagträumen, den nächsten Rich Froning oder eine Gruppe Dottirs um dich zu versammeln. Oder einfach alles zu schlucken, was irgendwie Geld aus dem Portmonnaie holt.

Die wahre Freude am Job resultiert aber viel mehr aus unseren Stay at Home-Moms, Studenten und Bänkern. Die Mischung macht‘s. Wir starten auf jeden Fall glücklich gen dreistellige Mitgliederzahl (#dreambig)!

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