Über Rückschläge

Barbell Business in Singapur (IV)

Mittlerweile bin ich schon so lange hier in Südostasien, dass mir selbst die 28 Grad-Nächte nicht mehr irritierend erscheinen. Set Free CrossFit wächst und gedeiht – mit Höhen und Tiefen und Kinderkrankheiten. Aber erst das macht es ja interessant! Reden wir doch heute einmal ganz offen über die Fails, in die wir in 4 Monaten Barbell Business schon hinein gerutscht sind.

So wie auf Instagram ja alle einen einstelligen Körperfettanteil haben, sich von Avocado und schwarzem Kaffee ernähren und trotzdem locker ihr zweifaches Körpergewicht auf Wiederholungen beugen, kommt man auch schnell zu der Ansicht, erfolgreiche Unternehmen hätten von Anfang an einen ultimativen Durchmarsch hingelegt. Suggeriert die Presse irgendwie. All diese U30-Milliardäre, die sind doch einfach mit dem richtigen Riecher geboren. Null-Fehler-Unternehmerpersönlichkeiten.


Was haben Instagram und diese Titelgeschichten vom "Business Punk" oder der "Wirtschaftswoche" gemeinsam? Sie zeigen nie, was hinter den Kulissen geschah. Am Ende des Tages wissen wir natürlich alle, dass niemand vor Fehlern gefeit ist, auch Durchstarter und Weltmarktführer nicht. Schließlich haben selbst Firmen wie VW (Phaeton) oder Microsoft (Windows 8), die gewiss die genialsten Köpfen aus dem Bereich Marktforschung und Produktentwicklung vereinen, schon Flops völlig am Kunden vorbei produziert. Hinzu kommen peinliche Werbeaktionen, Produktrückrufe und diverse andere Pannen und Skandale.

So schlagen auch mein Freund und ich uns in unserer bescheidenen Zweimannshow per Trial and Error durch. Aber bekanntlich macht man ja keine Fehler, sondern lernt nur, wie man es nicht macht! Hier mal kleine Auszüge aus unseren Reinfällen:

Event Sponsoring – ein Schuss in den Ofen

Ofen deshalb, weil die nicht-klimatisierte Sporthalle des durch uns unterstützten Events sich dermaßen aufgeheizt hatte, dass das ohnehin spärlich anwesende Publikum sehr früh das Weite suchte. Aber der Reihe nach.

Eine in der singapurischen Gewichtheber-Szene sehr engagierte Dame war mit der Bitte an uns herangetreten, einen "Wettkampf auf nationaler Ebene" zu sponsoren. Erbeten wurden Preise für insgesamt 55 Medailliengewinner. Klang nach einer großen Nummer! Wir stellten Preispakte mit den bekanntlich sehr kostspieligen Accessoires unseres Partners Eleiko zur Verfügung – allein der Versand aus Schweden hatte ein Vermögen gekostet, aber man will ja seinen Namen irgendwie rausbringen.

Kurz vor Wettkampferöffnung wurde uns mitgeteilt, dass sich insgesamt nur 45 Teilnehmer eingefunden hatten. Eigentlich nicht überraschend – man kennt ja in etwa den Zulauf zum Olympischen Gewichtheben in Deutschland, da hätte man schnell überschlagen sollen, wie viele Wettkämpfer sich in einem kleinen Inselstaat mit seinen 6 Millionen Einwohnern auf die Plattform begeben würden.

Erschwerend kam hinzu, dass die Veranstaltung mit keinem Cent irgendwo beworben wurde und lediglich eine kleine Notiz auf der ("sicher hochfrequentierten") Homepage der Singapore Weightlifting Federation SWF erhalten hatte. So wurden unsere Preise kurzerhand zu Starterpaketen umgewandelt.

Weder tauchte unser Logo irgendwo auf der Wettkampfstätte auf, noch wurde ein offizielles Wort des Dankes an uns gerichtet. Ich weiß nicht, ob wir jemals einen vierstelligen Betrag so sinnlos ausgegeben haben.

Produktverkauf – wir sammeln jetzt Ladenhüter

Solltest du jemals ein Geschäft gleich welcher Art eröffnen, sei darauf vorbereitet, dass jeder irgendwie branchennahe Anbieter dein Freund sein will. Man könnte sich ja über deinen Kundenstamm irgendwie neue Absatzwege erschleichen.

So sind auch wir Partner eines recht sympathischen, lesbischen Pärchens geworden (Singapur ist übrigens eine Art Köln Asiens), das einen in Singapur einzigartigen Shop für Paleo- Lebensmittel betreibt. Ich bin ja selber recht angetan von Paleo, wenn auch nicht so ganz engagiert in der praktischen Umsetzung, also haben wir uns als Vertriebspartner zur Verfügung gestellt. Zunächst allein für den angeblichen Bestseller "Beef Jerky", Paleo-konformes Trockenfleisch, 40 Gramm für 7.90 $ (rund 5,40 Euro).

In zweieinhalb Monaten Warenpräsentation haben wir noch nicht eine einzige Tüte verkauft! Ich höre sie noch davon reden, wie schnell sich das Produkt in anderen CrossFit-Boxen drehen würde. Sogar von "zahlreichen Personen in unserer Nachbarschaft" war die Rede, die schon nach einem Pick Up-Point gefragt hatten, um die Versandkosten des Onlineshops zu sparen.

Oh man, ich hätte auf meinen Instinkt vertrauen sollen! Oder zumindest gewissenhaft analysieren, dass in einer Stadt, in der Menschen 3 $ für ein opulentes Mittagessen bezahlen (dies ist tatsächlich der Durchschnittspreis in den typischen Hawker Centern, in denen die meisten Einheimischen asiatische Traditionsküche zum Schleuderpreis essen), eine Handvoll Trockenfleisch für mehr als das Doppelte keine Absatzchancen haben würde.

Gott sei Dank sind wir auf Anfragen eines vergleichbaren Anbieters, der "Nussmischungen, die sich perfekt als Topping für Müslies oder Smoothies eignen", zum dreifachen Preis eines Mittagessens anbietet, damals nicht angesprungen.

Influencer Marketing – Undank ist der Welt Lohn

Aus vorheriger Profession weiß ich um die Wichtigkeit des sogenannten Influencer Marketings. An die Tatsache, dass irritierende Teenager ab 10k Followern mehrere Akademikermonatslöhne für einen einzigen Insta-Post fordern, habe ich mich gewöhnt. Und das ist hier in Singapur nicht anders. Bislang weigern wir uns standhaft, Investitionen dieser Art zu tätigen, indes angefragt haben wir aus Neugier natürlich schon.

Kürzlich trat ein Fotograf an uns heran, der noch eine Location für ein Fotoprojekt mit der Gruppe "Team Strong Silver" suchte. Es handelt sich hierbei um eine Gruppe älterer Herren jenseits der 60, die sich durch eine Mischung aus Calisthenics und Bodybuilding fit halten. Da ihr Facebook-Auftritt sagenhafte 12.000 Abonnenten sein Eigen nennt, stellten wir Box, Zeit (immerhin ein kompletter Sonntag) und Reinigungsservice kostenlos zur Verfügung, mit der Bitte um Erwähnung in den Sozialen Medien.

Am Ende des Shootings waren 90 % der Fotos vor einer schwarzen Leinwand aufgenommen worden, so dass sich die Darstellung unserer Räumlichkeit doch sehr in Grenzen hielt. Der bislang einzige Post eines seilkletternden Rentners war ohne jedwegen Verweis auf Set Free CrossFit geschehen. Nun ja, vertraglich abgesichert hatten wir ja auch nichts (was übrigens – du magst es vermutet haben – auch für das Sponsoring dieses Gewichtheberwettkampfes galt).

Dies mag ohnehin eine sehr untergeordnete Rolle spielen. Erst im Nachhinein war mir aufgefallen, dass sämtlicher geposteter Content des Strong Silver-Teams eine wirklich mickrige Like-Zahl nach sich zog, irgendwas im unteren bis mittleren zweistelligen Bereich. Und das bei doch angeblich 12.000 Fans? Scheinbar ist zu dieser Generation von kommerziellen Facebook-Nutzern noch nicht durchgedrungen, dass schlecht gesetzte Ads nur zu toten Likes von Fakeaccounts führen, die nie wieder mit dir interagieren werden.

Eine CrossFit-Box aufzuziehen bringt viele falsche Versprechungen und Enttäuschungen mit sich. All die Unternehmen aus den umliegenden Bürogebäuden, die an uns herantraten mit der Bitte um Corporate Rates "für mindestens 50 Kollegen, die regelmäßig bei euch trainieren würden". Bestehende Mitglieder, die ihre Freunde zum Probetraining schleifen – vielen Dank dafür, aber ohne wenigstens ein bisschen Eigenmotivation nimmt langfristig niemand 250 $ Mitgliedsbeitrag in die Hand. Flyeraktionen mit 0%iger Rücklaufrate. Diverse im Affekt geschehene Privatstunden-Anfragen, die im Sande verliefen. Und so weiter.
So oft waren die Dollarzeichen in unseren Augen aufgeflackert und kläglich wieder erloschen. Es braucht viel Frustrationstoleranz und: Geduld! Aber die hat man sich als Eisensportler ja zum Glück im Laufe der Zeit angeignet.
Wir geben nicht auf und haben trotz aller entmutigenden Erfahrungen neue Projekt in Angriff genommen: Nike hat uns um Mithilfe gebeten, den weltweit populären Gewichtheberschuh Romaleo 3 in Singapur abzusetzen.

Die Nike-Firmenpolitik schreibt eine Mindestimportmenge von 250 Exemplaren für jeden Ländermarkt vor. Ob es uns gelingt, diese Menge in der Lion City innerhalb eines Jahres unter die Leute zu bringen (der Verkaufspreis wird sich jenseits der 300 $ bewegen), steht noch in den Sternen. Wir setzen große Hoffnungen in die Powerlifting-Szene, die hier so stark ist, dass sogar mehrere kommerzielle, reine Powerlifting-Gyms überleben können.

Des Weiteren bestehen Ambitionen, Veranstaltungen der Eleiko-Seminarreihen in unsere vier Wände zu bringen. 16 Teilnehmer pro Wochenendkurs sollten sich rekrutieren lassen ... vermute ich zumindest. Es wird auf jeden Fall nicht langweilig mit uns.

Nach oben