6 Arten von Mitgliedern

Barbell Business in Singapur (V)

Das erste halbe Jahr Set Free CrossFit ist schon rum. Mir wurde einst gesagt, dass die Zeit in Singapur besonders schnell vergehe, was meiner Theorie nach an der Abwesenheit von Jahreszeiten liegt – die ewig gleichen Temperaturen erzeugen stets das Gefühl in mir, ständig im Juli festzustecken. Beim Blick auf den Kalender zucke ich dann jedes Mal zusammen. So lange schon Südostasien!

Mittlerweile habe ich schon teilweise den lokalen Slang adaptiert, ein sehr vereinfachtes Englisch, bei dem Verben und Eigennamen aneinandergereiht und mit undefinierten Lauten aus dem chinesischen Sprachraum kombiniert werden. Das klingt erstmal regelrecht hässlich, mittlerweile habe ich jedoch die Effizient dieses Dialektes kennen und zu schätzen gelernt.

Apropos Sprechen: Das ist eigentlich eine der Hauptaufgaben eines Boxbesitzers. Die Menschen kommen für ihre "best hour of the day" zu unserer Tür herein. Und das beschränkt sich nicht auf die körperliche Ertüchtigung. Es ist mehr diese "Customer Experience", über die man dieser Tage so viel spricht. Das Gesamtbild muss erstens stimmen und sich zweitens atmosphärisch deutlich vom gewöhnlichen Fitnessstudio abheben. Wissen, in welchem Stadtviertel unsere Mitglieder wohnen, wie alt ihre Kinder sind, wann und wohin sie in den Urlaub fahren. Oder auch, wann sie das letzte Mal zum Training gekommen sind. Zu lange her? Da muss nachgefragt werden – besorgt wohlgemerkt, nicht fordernd. Jeder soll sich besonders fühlen.

Ich will ehrlich sein: Natürlich habe auch ich meine schlechten Tage, manchmal aus irgendeinem Anlass, manchmal einfach nur so, weil Dienstag ist. Da sehe ich all die Leute zur Tür herein kommen – zu Stoßzeiten 20 bis 30 Anwesende auf einmal – und fühle mich postum müde. Ich muss natürlich ob der Tatsache glücklich sein, dass wir mittlerweile täglich volles Haus haben. Aber manchmal ist der ständige Smalltalk, die stundenlange Aufmerksamkeit, Wachsamkeit... kräftezerrend. Es hilft, dass wir eine menschlich hervorragende Truppe zusammen bekommen haben, die sich auch mal selbst zu unterhalten weiß.

Foto: Frank-Holger Acker

6 Arten von Mitgliedern

Nachdem ich nun also jahrelang auf der Seite des Konsumentenseite der Branche stand, bin ich schlussendlich zum Dienstleister geworden. Das Internet is ja voll von solchen "5 Typen, die es auch in deinem Studio gibt"-Listen, aber aus Anbietersicht nimmt man Dinge noch einmal anders wahr. Da gibt es nicht nur "lustig" oder "nervig", sondern auch "unternehmerisch wertvoll" oder gar "gefährlich für das Business". Hier einmal der (gewiss unvollständige) Versuch einer Typologie:

#1: Der gemeine Büromensch

Der gewöhnliche Büroarbeiter sucht einen Ausgleich zu den vorangegangenen 8 Stunden, der sich nicht in einem Excelsheet erfassen lässt. Er ist durchaus ambitioniert und hat schon das ein oder andere Rich Froning-Video auf YouTube gesehen, weiß aber auch, dass seine eigenen Entwicklungsmöglichkeiten neben Beruf und Familie begrenzt sind. Er ist dankbar für kleine Fortschritte, hinterfragt weder Coaching noch Programming und kauft jedes Mal einen Proteinriegel und das Wasser mit der hohen Gewinnmarge. Ein Volltreffer von einem Mitglied also!

#2: Die Stay-at-home-Mom

Dieser Mitglieder-Typ verkörpert, wofür CrossFit im Jahre 2017 steht: Kein schweres Eisenscheppern in dreckigen Garagen, ausgeführt von ehemaligen (oder noch aktiven) Sondereinsatzkommando-Soldaten, sondern ein nettes Beisammensein und Training, das uns einfach ein bisschen fitter für den Alltag machen soll. Nicht mehr, nicht weniger.

Die Stay-at-home-Mom, beziehungsweise Hausfrau, die etwas für Figur und sich tun möchte, hat es mit dem Joggen, Fitnessstudio und Bootcamp versucht und konnte nie bei der Stange bleiben. In der CrossFit-Box gelingt dies endlich, dafür sorgt die Gemeinschaft, zu der sie selber einen großen Beitrag leistet – stets gut gelaunt, positiv und immer für selbstgebackenen Kuchen gut.

Sie scalt Workouts bis zur Unkenntlichkeit herunter und entwickelt sich jahrelang überhaupt nicht weiter. Dennoch lieben wir die Stay-at-home-Moms! Sie sind das pflegeleichte, finanzielle Rückgrat jeder Box.

#3: Der Competitor

Schwieriger Kanditat! Der Competitor träumt vom großen Wurf in diesem Sport. Er investiert jeden Cent in die neuste Ausrüstung und Reebok-Bekleidung und jede Minute in das oftmals bedingt zielführende Training. Sein Social Media-Profil besteht aus reposteten Videos der CrossFit-Mainsite, die wir so und so schon alle zehnmal gesehen haben, und Fotos von seinem eigenen Tun, stets begleitet von bedeutungsschweren Zitaten und Hashtags.

Der Competitor weist aus Sicht des Geschäftsinhabers ein schlechtes Aufwand-Nutzen-Verhältnis auf. Er zahlt den Standardpreis, nutzt die Räumlichkeiten aber doppelt und dreifach, kommt früh, geht spät, verwendet drei Langhanteln auf einmal und fragt nach Open Gym-Nutzung außerhalb der Geschäftszeiten.

Heikel sind aber jene Mitglieder, die dein eigenes Programming hinterfragen, sobald ein PR verfehlt wird oder eine kleine Blessur eintritt. Generell gilt: Auch nur eine Person, die deine Trainingsplanung hinterfragt, kann der potenzielle faule Apfel sein, der die gesamte Kiste ansteckt. Zumal der Competitor häufig bereits den Muscle Up erlernt hat und damit dem Durchschnittsmitglied als Vorbild und Meinungsmacher gilt. Was mich übrigens auf einen weiteren Risikofaktor bringt: Der Competitor coacht auch gern ungebeten mittels YoutTube- und Instagram-Wissen. Kunden zum Wegrennen!

#4: Der PT-Kandidat

Vielleicht ist dies ein Singapur-Phänomen. Personal Training-Kandidaten sind hier zumeist australische Niederlassungsmanager – Down under soll der Markt mit noch mehr "Fitnesstrainern" überschwemmt sein, so dass die Preise für Personal Training in Massenprodukt-Dimensionen gefallen sind.

PT-Anhänger nehmen A) an, dass ein monetäres Investment, also auch solches in die eigene physische Leistungsfähigkeit, sich schon irgendwie bezahlt machen wird, und wollen B) einfach nur mit jemandem reden. Sie brauchen deine ungeteilte Aufmerksamkeit. Sport ist dabei nebensächlich.

Wir bieten übrigens, im Gegensatz zu vielen anderen Boxen, gar kein Personal Training an. Unseres Erachtens nach profitiert der gewöhnliche Hobbysportler mehr von der Gruppendynamik, einigen gut platzierten Hinweisen und viel Eigeninitiative, als von einem einstündigen, getarnten Plausch.

Dennoch haben wir diesen Typen Mensch hier, und sie sind ermüdend, aber zumeist freundlich und zahlungskräftig.

#5: Der Rabatt-Jäger

Wenn ich eins aus diesem Business-Abenteuer mitnehme, dann Härte, und wenn ich eins verloren habe, dann Mitleid. Wenn es um Geld geht, hört die Freundschaft eben bekanntlich auf.

Ich stellte schnell fest, dass jeder einen Grund findet, warum er oder sie sich für einen Rabatt qualifizieren könnte. "Ich bin Reservist in der Army, kann ich denn euren Militär-Rabatt bekommen?" – In Singapur ist übrigens jeder Mann nach dem zweijährigen (!) Grundwehrdienst Reservist bis ans Ende seines Berufslebens.

"Wenn Soldaten Rabatt bekommen, warum dann nicht auch Krankenschwestern? Ist unsere Arbeit kein ebenso wertvoller Dienst an der Gesellschaft?"

"Ich mache da noch so ein Fernstudium neben dem Beruf. Wie sieht es aus dem Studentenrabatt?"

"Ich bin eine Woche pro Monat auf Geschäftsreise. Was kann man da machen?"

"Ich habe grade meinen Monatsbeitrag entrichtet, da fiel mir auf, dass ich ja bald für zwei Wochen in den Urlaub fahre. Könnt ihr da bitte einfach einfrieren?"

"Meines Bruders Schwesters Nachbar möchte auch Mitglied bei euch werden. Gibt es sowas wie Partner-Discount?"

Ein einziges Mal gewährten wir einem 17-Jährigen aus schwierigen Verhältnissen einen enormen Preisnachlass. Er entpuppte sich später als Starkraucher (eine Schachtel Zigaretten kostet umgerechnet etwa 8,40 €), worauf wir einen weiteren Rabatt verweigerten. Wir sahen ihn nie wieder.

Foto: Frank-Holger Acker

#6: Der Eingeschüchterte

Der Eingeschüchterte kann männlich oder weiblich sein und ist entweder sehr übergewichtig oder unvorstellbar schwach und unfit. Sie wähnen alle Augen ständig auf sich, fühlen sich durchgängig unwohl und beschämt und haben garantiert nicht ihre best hour of the day –größten Respekt an die Bereitschaft, dennoch ihr Leben zu ändern und CrossFit ist gewiss nicht der einfachste Weg, dieses Projekt in Angriff zu nehmen.

So herzlos dies klingen mag: Von unserem Standpunkt aus sind diese Mitglieder sehr wertvoll. Anfänglich ist nämlich erst einmal so gut wie jeder unsicher, ob er den Anforderungen dieses Sports genügt, und die Anwesenheit offensichtlich völlig unathletischer Menschen signalisiert eindeutig: CrossFit ist wirklich für jeden gemacht!

Weitere in Singapur

Weiter geht´s also im unverändert heißen Singapur. Die Stimmung schwankt, die Hoffnung auch, aber zumindest die Lernkurve ist unverändert steil geblieben. Und eine sehr positive Entwicklung gibt es noch zu berichten: Wir haben erstmalig in Humankapital investieren können!

Nach langem Suchen ist uns Stela zugelaufen, eine kurz vor der 40 stehende studierte Psychologin aus Brasilien, mehrjährige Coaching-Erfahrung, Herzblut-CrossFitterin und ein sehr südamerikanisches Energielevel. Stela muss man einfach lieben! Und auch wenn dies regelrecht dramatisch klingen mag: Stela hat unser Leben verbessert. Nicht nur, weil sie und ihr südafrikanischer Lebensgefährte gute Freunde geworden sind, sondern auch, weil jede Entlastung so ungemein wertvoll ist.

Ich rate grundsätzlich jedem, der mit der Geschäftseröffnung liebäugelt, bloß jede sich bietende Hilfe von außen anzunehmen. Ich kenne das Gefühl, die Kontrolle behalten zu wollen, Dinge nach den eigenen Vorstellungen zu gestalten, das war ja schließlich einst das Hauptmotiv zur Selbstständigkeit. Dennoch ist niemand eine Insel.

Die Gefahr, sich in der eigenen Gedankenwelt festzufahren und schließlich auszubrennen, weil man die eigenen Kräfte überschätzte, ist allgegenwärtig. Und deswegen haben wir Stela, Dex, der uns etwas mit unseren Social Media-Accounts zur Hand geht, Gabriel, der immer Sonntags aus freien Stücken Blogposts für uns verfasst, sowie zwei Raumreiniger. Noch vor wenigen Monaten hätte ich ein "Das schafft man doch alles selber!" ausgerufen.

Jetzt fühle ich mich aber so viel besser in meinem kleinen Netzwerk. Ich kann mich wieder mehr auf Dinge fokussieren, die unseren Mitgliedern tatsächlichen Mehrwert bieten, und das ist eben am Ende des Tages das Programming, Coaching und... Plaudern eben.

Ich denke, wir sind auf einem guten Weg zu nachhaltigen Lösungen - denn alles Wertvolle im Leben ist kein Sprint, sondern ein Ultramarathon.

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