Jammern auf hohem Niveau?

Beitragserhöhung bei McFit: Alles halb so schlimm?

Erst Corona und dann auch noch das! Der deutsche Fitness-Discounter schlechthin kündigt aus der Kalten eine Anhebung seiner Mitgliedsbeiträge an. Das erhitzt die Gemüter. Zurecht? Oder sind hier wieder nur die Mecker-Deutschen mit ihrer Geiz-ist-geil-Mentalität am Werk?

Das ändert sich bei der Preisgestaltung von McFit


Tattag ist der 23. März 2022. Da sendete McFit eine E-Mail an alle Bestandskunden mit der Mitteilung, dass alle 19,90€ Basic-Verträge auf 24,90€ erhöht werden – und zwar schon mit Wirkung vom 01. April! Alle danach abgeschlossenen Neuverträge werden selbstverständlich auch nur noch zum Preis von 24,90€ angeboten. Gleichzeitig wird das Serviceangebot für Basic-Kunden ausgebaut, u.a. um die Nutzung von Premiumstudios der Marken Gold’s Gym und John Reed, die wie McFit zur RSG Group gehören, oder durch die Friends Option.


Darum tut das so weh


„Eine Erhöhung um den Wert eines Döners, mein Gott!“ mag man jetzt denken. Allerdings interessiert den Verbraucher ja in erster Linie die relative Preissteigerung, und die fällt hier mit 25 Prozent schon ziemlich happig aus. Nervig ist offensichtlich auch die Kurzfristigkeit der Bekanntgabe und der ungünstige Zeitpunkt: Nachdem viele Kunden die Studioschließung im Lockdown monatelang solidarisch mitfinanziert haben, erscheint die Beitragsanpassung doch ziemlich undankbar.

Die Gründe für die Beitragserhöhung


Die Gründe für die Preissteigung sind offensichtlich:
  • Umsatzeinbußen während der Corona-Pandemie: Seit 2020 ist vor allem das Neukundengeschäft der Fitnessstudios immer wieder monatelang zum Erliegen gekommen. Das konnten die Mitglieder, die ihre Beiträge großzügig weiter zahlten, nicht aufwiegen.
  • Weiterhin schleppendes Geschäft: Nun sind die Gyms zwar schon seit dem Frühjahr 2021 relativ stabil geöffnet, doch ein Unternehmen von der Größe McFits muss erstens eine mehrjährige Erholungsphase von derartigen Geschehnissen einplanen. Zweitens hat sich einiges verändert auf dem Fitnessmarkt. Nachdem die Entwicklung der Mitgliederzahlen seit über zehn Jahren nur eine Richtung, nämlich nach oben, kannte, ist sie seit 2020 erstmalig wieder rückläufig. 2G-Bestimmungen und Hygieneauflagen hielten monatelang die Kunden fern. Zudem haben viele einstige Studiogänger mittlerweile auf das Training zuhause oder in Outdoor-Parks umgestellt.
  • Die Inflation: Alles wird teurer. Während ich das hier schreibe, liegt die Inflation in Deutschland bei 7 Prozent und damit mehr als dreimal so hoch, wie sie nach der europäischen Geldpolitik eigentlich sein sollte. Darunter leidet natürlich auch McFit. Beispielshaft seien hier die gestiegenen Energiepreise als zentraler Inflationstreiber genannt. Schon die Heizkosten der durchweg sehr großflächigen Studios der Ketten dürften eine Weitergabe der explodierenden Kosten an den Endverbraucher beinah im Alleingang rechtfertigen.
  • Der Mindestlohn: Nach Beschluss der Bundesregierung wird der Mindestlohn zum 1. Juli auf 10,45 Euro pro Stunde angehoben. Ich habe jetzt kein Insiderwissen, kann mir aber durchaus vorstellen, dass dies durchaus für den einen oder anderen Personalposten ebenfalls Mehrkosten bedeutet. Ich lasse mich aber natürlich hier gern eines Besseren belehren.
  • Die Konkurrenz: McFit war lange Zeit Pionier und Monopolist im Discount-Bereich. Mittlerweile gibt es eine unüberschaubar große Anzahl an Billigketten in jeder Stadt, die McFit zusätzlich die Mitglieder abgräbt. Die goldenen Jahre des ewigen Wachstums sind definitiv gezählt.
  • Mehr Verbraucherschutz bei Verträgen: Das jahrelang bewährte Geschäftsmodell des Knebelvertrags und die damit verbundene Finanzierung durch Karteileichen ist Geschichte. Seit dem Frühjahr 2022 ist ein neues Verbraucherschutzgesetz in Kraft, nachdem sich Verträge nach ihrem Ablauf nicht mehr automatisch um ein Jahr verlängern dürfen. Stattdessen wird eine nur noch einmonatige Kündigungsfrist verpflichtend. Das rüttelt an der finanziellen Basis der Discountstudios. McFit hat aber auch schon von selbst die Notwendigkeit flexiblerer Verträge erkannt. Der Flex-Tarif, der von Anfang an zu jedem Monatsende gekündigt werden kann, zählt seit der Corona-Pandemie zum festen Angebot des Studios.
  • Große Pläne: Schon mit der Gründung von McFit hat der Bamberger Rainer Schaller den einst so versnobten Fitnessmarkt revolutioniert. Die RSG Group denkt weiterhin nicht kleiner als in Visionen. Der Zukauf von Marken wie dem Gold’s Gym, die Expansion ins Ausland und Megaprojekte wie das „Mirai“ in Oberhausen, das einmal das größte Fitnessstudio der Welt werden soll (beitragsfrei übrigens!), müssen ja auch irgendwie gegenfinanziert werden.

So kann man der Beitragssteigerung entkommen


Darf McFit das überhaupt? Natürlich nicht. Preissteigerungen bestehender Verträge sind auch gemäß der AGB des Unternehmens nicht zulässig. Wer bereits McFit-Kunde ist, kann der Betragserhöhung durch eine formlose Email widersprechen. Die genannten neu eingeführten Vertragsvorteile werden dann natürlich nicht gewährt. Ansonsten gilt noch das Sonderkündigungsrecht.

Alles halb so schlimm?


Bei allem Gejammer über die das Gebaren von McFit sei doch noch einmal angemerkt, dass es die Studios doch wirklich seit nun mehr zwei Jahren sehr schwer haben, und das völlig unverschuldet. Weder Covid-19 noch die Ölkrise gehen auf die Kappe der Gyms.

Und 25 Euro für ein top ausgestattetes 24/7-Studio könnte auch schlechter sein. Aus meinen Erfahrungen im Ausland kann ich sagen, dass wir Deutschen es im Vergleich immer noch sehr gut getroffen haben.

Übrigens handelt es sich hier natürlich auch nicht um die erste Preissteigerung in der Geschichte des Discounters. Das Unternehmen ist in den 90er-Jahren mit 15 Euro an den Start gegangen. Das war nach einer Marktstudio der Maximalbeitrag, den Menschen auch dann zu zahlen bereit sind, wenn sie das Studio „aus Gründen“ gar nicht in Anspruch nehmen (man sieht also, auf welche Strategie McFit von Beginn an gesetzt hat).

Wir liegen nun also ganze 10 Euro über dem Ursprung, aber völlige Preisstabilität über mehr als 20 Jahre wäre auch wirklich zu viel verlangt. Und gewöhnt hat mich sich ja auch daran. Das tun wir letztendlich immer. Ich habe mich selber neulich dabei erwischt, wie ich einen Benzinpreis von „nur noch“ 2,06 Euro als Anlass empfunden habe, schnell noch mal vollzutanken.

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