Geschichte des Bodybuildings

Vom Bodybuilder-Jesus zum perfekten Gesamtpaket

Wer heute behauptet, dass Bodybuilding etwas mit dem zarten Bewegen der Butterfly-Maschine im Rehasport gemein hat, der begibt sich auf dünnes Eis. Wer das nächste Mal auf einer Meisterschaft oder bei größeren Veranstaltungen "Pfui" brüllt und nun endlich die Kraftakte wie das einarmige über den Kopf Stemmen einer 90 Kilohantel oder das Verbiegen von Eisenstangen erwartet, der würde wahrscheinlich freundlich ermahnt, dass es sich beim Bodybuilding um eine Form der körperlichen Ausgestaltung, um Posen und das perfekte Paket drehe und nicht um Kraftakte. Das sich heute eine Bewegung wie das Pumpen für Erlösung und die Verehrung Jesus als Bodybuilder durchsetzen würde, ist sehr unwahrscheinlich. Doch alles Erwähnte hat das ausgeformt, was wir heute als Bodybuilding bezeichnen.

Interessiert? Dann begeben wir uns gemeinsam zurück in eine Zeit, als Muskelmasse von protestantischen Pfarrern gepredigt wurde und Frauen nach dem erstmaligen Anblick eines Bodybuilders in Ohnmacht fielen. In die Anfänge des heutigen Bodybuildings, zurück an den Anfang des 20. Jahrhunderts.

Bodybuilding-Wettkämpfe der deutschen Lebensreformbewegung, das Foto stammt aus dem Archiv des Vereines für Körperkultur 1901 e.V. Datum der Ausgabe der "Bunte Woche" ist unbekannt, wahrscheinlich Mitte der 1910er oder Anfang der 1920er Jahre.

Die idealen Körper zu dieser Zeit waren dünn.1 Während die Arbeiter, Bergbauer und hart körperlich arbeitenden Menschen nach Schichtende in die Gewichtheberklubs eilten, um ihre Stärke, Kraft und ihre Muskeln weiter auszubauen2, waren die Kaufleute, Ingenieure, Beamte, die sogenannte Mittelschicht, zuhause und tranken Tee. Was die geistig arbeitenden Menschen der Zeit in den USA, England und Deutschland nach der Arbeit genau taten, war vielleicht nicht Tee trinken, aber sie gingen eben nicht in das Fitnessstudio, um Eisen zu schwingen. Muskeln und Kraft war nach der Ansicht der Mittelschicht etwas für die körperlich arbeitenden Menschen, die sogenannten "Proletarier".

Doch das sollte sich dank des Bodybuildings ändern.
Im westlichen Europa und den USA tourten Kraftmenschen und Bodybuilder mit einem damals schwer zu unterscheidendem Mischmasch aus Gewichtheben und Posen im Programm durch das Land und stellten auf den Bühnen der Varietés ihre Kraft und ihre Körper zur Schau.
Das fiel vor allem in Amerika, seit jeher das Land des Bodybuildings, auf fruchtbaren Boden. Die Menschen waren begeistert von den Körpern der Bodybuilder, zum Beispiel eines Lionel Strongfort3 (gebürtiger Berliner namens Max Unger) oder eines Eugen Sandow.

Bei Sandow konnten die faszinierten Damen nach dem Posing für viel Geld die Muskeln befühlen. Manche fielen bei diesem Kontakt mit seinem Bodybuilder Körper glatt in Ohnmacht.4 Nur in Neuseeland rief eine schockierte und enttäuschte Dame beim Anblick seines Muskelkörpers aus: "Wie, er ist nur ein Mann!"5 Es kommt eben darauf an, wen Frau zuhause hat.

Und der angepriesene Muskelapostel Jesus? Protestantische Prediger in England kamen im 19. Jahrhundert auf die Idee, dass sich Sport und Muskelaufbau perfekt als Köder für ein religiöses Leben anboten. Darauf stießen sie die Bewegungen der Muscular Christianity an. Es wurden Vereinigungen wie die YMCA gegründet und neben der versprochenen Heilsbringung durch hartes Training, sollten die Mitglieder enthaltsam und gottesfürchtig sein.6 Durch ihre Einbeziehung von Übungen aus dem Gewichtheben und den Muskelmaschinen der Reha-Gymnastik wurden die frühen Bodybuilder zu perfekten Vorbildern.

Neben der Verwurzelung im protestantischen Glauben fand der muskulöse Körper Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts Einzug in die Lebensplanungen der weißen, amerikanischen Mittelschicht. Wer trainierte, war nicht nur guter Christ, sondern kämpfte an der Muskelfront gegen aufbegehrende und Rechte fordernde Frauen und gegen die angebliche Vorherrschaft der "Rassen" in den USA. Ein muskulöser Körper war nun alles andere als "proletarisch", sondern der Ausdruck der männlichen Kraft der weißen "Rasse".7 Ja, ein wesentlicher Grundpfeiler des, vor allem in den USA ausgeprägten, frühen Bodybuildings war ein christlich fundierter Rassismus.

Zum Glück sind wir heute weiter. Dabei war das damals weltweit erfolgreichste Bodybuilding Trainingssystem und der dahinterstehende Arnold Schwarzenegger des frühen 20. Jahrhunderts, Eugen Sandow, weit entfernt von dieser rassistischen Auslegung des Bodybuildings. Hinter seinen Fitnessstudios, Trainingsbüchern und seinen per Brief versandten individuellen Trainingsplänen stand der Anspruch, die Menschenrasse an sich zu verbessern. Durch Bodybuilding sollte kein Rassismus gefestigt werden, sondern alle Menschen eine höhere Stufe der Menschlichkeit erreichen, so wie in der griechischen Mythologie sich zu Halbgöttern entwickeln.8

So tourte Sandow durch die Welt und zeigte den Menschen in Asien, Amerika und Afrika wie sie vom Standpunkt ihres individuellen Körperaufbaus eine herausragende Muskelmasse erreichen könnten. Hierbei bitte an die Muskelverhältnisse des frühen 20. Jahrhunderts denken und nicht Coleman in Sandows Fitnessstudios "leight weight" brüllen hören.

Mit Sandow vollzog sich die Wandlung des Bodybuildings von einer Ideologie zu einem weltweitem Businness. Auf diesen Zug sprang auch der Vater eines geliebten Gerätes in jedem guten Fitnessstudio auf, George Hackenschmidt. Ein Mann, der um seine Masse zu erreichen, und zwar vegetarisch lebte, in seinem Leben aber an die zehntausend Liter Milch getrunken haben muss.9

Das riesige Bodybuilding-Businness Sandows endete jäh mit seinem Tod im Jahr 1925. Doch er hatte seine Schuldigkeit getan. Überall auf der Welt verkauften nationale Bodybuilder ihre Nahrungsergänzungsmittel, ihre Fitnessstudiomitgliedschaften und sich selber als Personal Trainer. In Frankreich der Bodybuilder Edmond Desbonnet10, in den USA Bernarr McFadden11, Charles Atlas12 und später Weider. Und in Deutschland?

Freikörper Bodybuilding, heute vielleicht Crossfit?, im Stuttgarter Licht- und Luftbad um 1910. Entnommen aus der Berliner Zeitschrift Kraft und Schönheit.

Sandow war zwar gebürtiger Deutscher, betrieb sein Imperium allerdings aus England und hatte mit dem Kaiserreich und der späteren Weimarer Republik wenig zu tun. Man musste auf Arnold Schwarzenegger warten, um wieder annähernd eine weltweite Begeisterungswelle für das Bodybuilding auszulösen. Im Deutschland des frühen 20. Jahrhunderts kam das Bodybuilding in die Bewegung der Lebensreform. Lebensreform?

Die Lebensreform war verkürzt gesagt eine Öko- und alternativ Bewegung zum damaligen Stadtleben. Man wollte mehr Grün, gutes Essen, die ersten Reformhäuser kamen auf, und viel mehr Freiheit in der Bekleidung. Hier liegt der Ursprung der deutschen FKK-Bewegung. Unsere Vorfahren wollten sich nackt an der Sonne räkeln, sich durch Licht und Luft den Pelz verbrennen um damit der stickigen Atmosphäre der Städte zu Entgehen.13

In diese städtische Bewegung der Mittelklasse platzte das Bodybuilding und wurde national aufbereitet. Gewichte und Hanteln sollten nicht wie bei Sandow mit nacktem Oberkörper im Fitnessstudio oder in den eigenen Vier-Wänden geschwungen werden, sondern völlig nackt und draußen an der frischen Luft.

In den sogenannten Licht- und Luftbädern wurden "Muskelkonkurrenzen" oder Bodybuilding-Wettkämpfe ausgetragen. Doch schnell fand das deutsche Bodybuilding wieder eine ideologische Aufladung. Richard Ungewitter und andere Vertreter der äußersten Rechten politischen Bewegung des Kaiserreiches und der frühen Weimarer Republik, die sogenannten "völkischen", wollten den "arischen" Körper muskulös und nackt sehen.14 Womit man nicht weit vom Nationalsozialismus wäre und das Bodybuilding in seiner ursprünglichen, von Sandow angeregten Form, nur noch sehr begrenzt praktiziert wurde. Die ideologische Aufladung des Körpers war Usus geworden. Es wird noch Jahrzehnte dauern bis aus der USA das Bodybuilding in neuer Frische nach Deutschland überschwappte.

Speiste sich das frühe Bodybuilding aus einem christlich fundiertem Rassismus, so wurde es von Bodybuildern wie Eugen Sandow entideologisiert und weltweit verbreitet. Nachdem das Bodybuilding in den jeweiligen Ländern angelangt war, wurden nationale Ausrichtungen sichtbar. In Deutschland wurde das Bodybuilding nackt und aus den Fitnessstudios ausgelagert, später erneut ideologisiert und zur Rechtfertigung des "arischen" Körpers zwangsverwendet.

Halten wir hier erst einmal ein und fragen uns, was sind die Ideen hinter dem heutigen Bodybuilding? Was steckt hinter der harten Arbeit an der perfekten Muskelmasse und dem perfekten Paket? Dafür gibt es zahlreiche soziologische Erklärungen, aber ich glaube, jeder kann sich selber Fragen, was sieht er hinter seiner Vorstellung von Bodybuilding und wie wird man in hundert Jahren über unser Bodybuilding schreiben?

Nachweise

  1. Müllner, Rudolf: Discoures on the Production of the Athletic Lean Body in Central Europe around 1900, in: The Journal of History of Sport 31/15, 2014, S. 1896-1908.
  2. Siehe zum Beispiel den 1. Athleten-Club Cottbus, dazu: Kopietz, Matthias: Kühn – Kernig – Kraftvoll – Kunstvoll. Aus der Geschichte des 1. Athleten-Club Cottbus (1896-1914), in: Cottbuser Heimatkurier 2017.
  3. Einige Daten zu Strongfort: Dietrich, Conny: Berufsathleten und Athletenfiguren. Antikenrezeption in der bildenden Kunst um 1900. Lionel Strongfort und Max Klingers Kniender "Athlet", in: Nikephoros. Zeitschrift für Sport und Kultur im Altertum 21, 2008, S. 31-40.
  4. Chapman, David L.: Sandow the Magnificent. Eugen Sandow and the Beginnings of Bodybuilding, Urbana und Chicago 2006, S. 60 und 75.
  5. Chapman, David L.: Sandow the Magnificent. Eugen Sandow and the Beginnings of Bodybuilding, Urbana und Chicago 2006, S. 145.
  6. Palella, John M.: "For a Love of Beauty and Strength": A History of Muscularity, Masculinities & American Culture 1880-1973, Dissertation, University of Albany 2016, S.30-33.
  7. Lindsey, Rachel McBride: "The Mirror of All Perfection": Jesus and the Strongman in America, 1893-1920, in: American Quarterly 68/1, 2016, S. 23-47.
  8. Sandow, Eugen: Body Building, or Man in the Making, London 1904, S. 8.
  9. Biographisches zu Hackenschmidt: Maxcy, Spencer/ Terry Todd: Muscles, Memory: and George Hackenschmidt, in: Iron Game History 2/3, 1992, S. 10-15.
  10. Budd, Anton: Heroic Bodies: Phyiscal Culture Commerce and the Promise of the perfect Self, 1898-1918, Dissertation, University of New Jersey 1992, S. 27-28.
  11. Arbeit über MacFaddens Bodybuilding Imperium: Fitzpatrick, Shanon: Pulp Empire: Mcfadden Publications, Transnational America, and the Global Popular, Dissertation, University of California 2013.
  12. Zu Charles Atlas: Golden, Janet/Toon, Elizabeth: "Live Clean, Think Clean, and Don´t Go to Burlesque Shows": Charles Atlas as Health Advisor, in: Journal of the History of Medicine and Allied Sciences 57/1, 2002, S. 39-60.
  13. Eine aktuelle Übersichtsuntersuchung zur Lebensreform: Wedemeyer-Kolwe, Bernd: Aufbruch. Die Lebensreform in Deutschland, Darmstadt 2017.
  14. Zur völkischen Bewegung siehe: Ulbricht, Justus H./ Schmitz, Walter/ Puschner, Uwe (Hg.): Handbuch der "Völkischen Bewegung" 1871-1918, München 1999.

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