Was machst du aus deiner Freiheit?

Bodybuilding als Ausdruck selbstverantwortlichen Handelns

Ich blättere durch meine Fotoalben und sehe mir all die Schlaglichter aus dreißig Jahren Reisen an: den jordanischen Wüsten-Polizisten, der bei 40 Grad in seiner Filzuniform nebenbei Batterien verkauft; den ukrainischen Opa, der sich mühsam mit seinem Pferdefuhrwerk über löchrige Straßen quält; den New Yorker Geschäftsmann, der mit Laptop auf dem Schoß zwölf Stunden bei laufender Klimaanlage in sein Auto gepfercht ist - und noch viele Beispiele mehr, die mir zeigen, wie frei mein eigenes Leben in der europäischen Mittelschicht ist.

Es gibt nur wenige historische Beispiele, in denen der durchschnittliche Staatsbürger so viel Freizeit, sowie finanzielle und gesundheitliche Absicherung hatte, wie wir Mitteleuropäer heutzutage. Man mag mir den plakativen Ausdruck verzeihen, aber: Uns geht es im Schnitt verdammt gut!

Doch damit tut sich eine schwerwiegende Frage auf: Was fange ich mit diesem Wohlstand an? Was mache ich mit all der Freizeit, dem gesparten Geld und der Gesundheitsversorgung? Ist man nicht blöd, wenn man all diese Sicherheiten nicht dazu nutzt, jeden Tag wie die Made im Speck zu verbringen?

Foto: Matthias Busse

Freiheit ist kein Naturgesetz


Niemand kommt mit dem Recht auf die Welt, ohne Gegenleistung jeden Tag satt und sicher ins warme Bettchen gehen zu können. Die Geschichte zeigt, dass die allgemeine Freiheit immer blutig erkämpft werden musste, z.B. von 300 Spartiaten am Thermopylenpass oder von fast schutzlos den deutschen Gewehrsalven ausgelieferten US-Amerikanern am D-Day. Oder von meinen Eltern im Herbst 1989 an der Leipziger Nikolaikirche. Und auch wenn das vor diesen historischen Umwälzungen jetzt marginal erscheinen mag, aber ich glaube:
Bodybuilding ist eine Wertschätzung dieser Freiheit!
Ernsthaftes Bodybuilding ist ein harter Sport, wobei das Training dafür wohl noch der leichtere Teil davon ist - jedenfalls hält Krafttraining vom Anstrengungsgrad keinem Vergleich mit ambitionierten Ausdauer- oder Kampfsportarten stand.

Was den Sport des Bodybuildings aber wirklich heraushebt, ist der selbstgewählte Verzicht! Und da landen wir wieder beim Thema Freiheit:
Im Grunde hat fast jeder von uns die Möglichkeit, in Ruhe vor dem Fernseher zu verfetten und nach 20 Jahren dann kostenlos vom Krankenwagen abgeholt zu werden.
Die Entscheidung für Verzicht, bewusste Nahrungsmittelauswahl, rechtzeitiges Zubettgehen, aufwändiges Kochen oder geschmackliche Einschränkungen erscheint vor diesem Hintergrund umso bewundernswerter!

Freiheit bedeutet also Verantwortung für die eigenen Entscheidungen - und Bodybuilding ist ein perfektes Beispiel dafür, dass man sich auf vielen verschiedenen Ebenen gleichzeitig für den harten Weg entschieden hat. Es steht für die Erkenntnis, dass der kurzfristig steinige Pfad am Schluss zu einem höheren Ziel führt, analog zu einer schwierigen Bergbesteigung. Und unterwegs immer diese fragenden Blicke: „Warum tut der sich das an?“

Warum tun wir uns das an? Weil wir frei sind! Und das ist ein herrliches Gefühl, welches man auch erst wirklich spüren kann, wenn man nach monatelangem Verzicht ein selbstgestecktes Ziel erreicht hat!

Depressionen und Wohlstand


Ich habe mich oft gefragt, weshalb die Fälle von Depressionen mit steigendem Wohlstand zunehmen. Ich kenne so viele Mittzwanziger, die alles haben und trotzdem niemals glücklich sind. Und kaum fehlt mal ein winziges Teil ihres Schlaraffenlandes, verfallen sie in eine depressive Verstimmung. Wer jetzt nicht weiß, was ich damit meine, muss sich nur mal einen handelsüblichen aktuellen Deutschpop-Song anhören.

So leid mir jeder einzelne Fall von Melancholie tut: Das ist aller bisherigen Kenntnis nach hauptsächlich hausgemachte Not. Denn ich bin der Überzeugung: zum Glücklichsein gehört spürbare Kontrolle über sein eigenes Leben. Und Kontrolle setzt aktives Handeln voraus. Je mehr Freiheit das Individuum hat, umso aktiver kann es selbstbestimmt handeln. Schaut man demnächst also mal wieder in so ein fragendes Mondgesicht: „Warum tut der sich das an?“, dann darf man selbstbewusst antworten: „Weil mich der harte Weg glücklich macht!“

In einer weitgehend freien Umwelt trifft man allerdings auf Herausforderungen, die sich erst durch die Wahlmöglichkeiten ergeben.

Die Verantwortung für Fehlentscheidungen


In der Mitte des Lebens ereilt manche Menschen eine Midlife-Crisis. Dieses Phänomen entsteht durch das Gefühl, etwas verpasst zu haben, während man sich parallel bewusstwird, dass man wegen Alterungsprozessen nicht mehr ewig Zeit hat. Dahingehend ist Bodybuilding sehr interessant, denn einerseits hält es die Alterungserscheinungen wirksam auf, andererseits verzichtet man in jungen Jahren oft schon auf Party, Rausch und Fressorgien. Umso wichtiger ist es also, ein individuell gesundes Verhältnis von Aufwand und Nutzen zu finden, gerade für die U30-Fraktion.

Ich selbst habe beispielsweise immer sehr gern trainiert. Man kann sich darum streiten, ob man als 18-jähriger einen 5er-Split mit extra Arm-Tag braucht - aber mich hat Training einfach glücklich gemacht.

Irgendwann wurde mir dann bewusst, dass ich nicht das Potenzial für einen Pokal habe, also war ich nicht mehr ganz so streng bei den Themen Ernährung und Schlaf. Ich würde heute definitiv bereuen, immer dann im Bett gelegen zu haben, während anderswo die ganzen geilen Geschichten passiert sind. Aber genauso sicher würde ein Wettkampfathlet bereuen, zu einer mittelmäßigen Party gegangen zu sein, die ihn im Nachhinein den Sieg gekostet hat.

Das Problem, für sein Unglück selber verantwortlich zu sein


Je mehr Freiheit man hat, umso weniger kann man die Verantwortung auf Fremdeinflüsse abschieben. Wenn ich mich nicht gesund ernähre, kann ich als Mitteleuropäer nicht sagen: Ich hatte
keinen Zugang zu gesunden Lebensmitteln. Man kann sich auch nicht mehr auf schlechte Trainingsgeräte berufen, seit es Therabänder, öffentliche Calisthenics-Parks und erschwingliche Kurzhanteln gibt. Zudem steht alles, was man wissen muss, kostenfrei im Internet.

Wer wirklich will, findet leicht einen Weg. Das ist hart für Leute, die es gewohnt sind, mit Ausreden und Schwafelei durchs Leben zu kommen. Dadurch liebe ich den Sport aber umso mehr: er zeigt verhältnismäßig ehrlich, wer sich jahrelang den Hintern aufgerissen hat. Und darauf kann man sehr stolz sein.

Foto: Andreas Volmari

Man muss sich mutig seinen Ängsten stellen


Sobald die ersten Ergebnisse des harten Wegs sichtbar werden (Gewichtsabnahme, Muskulatur, Schönheit etc.), erregt man unumgänglich Reaktionen von Leuten des leichten Wegs. Und das muss man erstmal aushalten. Ich stelle mir da beispielsweise eine Gruppe mittelalter Frauen vor, die sich regelmäßig bei mehreren Stückchen Kuchen über den Diätwahn der Hollywood-Sternchen auslässt. Plötzlich merkt die Gruppe aber, wie sich eines ihrer Mitglieder beim Essen kontrolliert und schlank wird. Was wird wohl die Reaktion sein, wenn man dermaßen den Spiegel vorgehalten bekommt? Wie hoch wird der Druck der schlankeren Frau, sich zwischen sozialer Akzeptanz und körperlichem Wohlbefinden entscheiden zu müssen? Hält sie den nun doppelt harten Weg durch?
Großes Angstpotenzial ergibt sich an sich auch durch Veränderung. Konstanz gibt Sicherheit - wer in alten Bahnen bleibt, muss nicht flexibel auf Änderungen reagieren und macht sich nicht ungewollt zum Obst.
Ich erinnere mich noch an die unangenehme Situation, als ich zum ersten Mal zu einem Kraftdreikampf-Verein gegangen bin und dachte: hier gehörst du nicht her, bist doch viel zu schwach und fühlst dich klein.

Ich wäre beim Anblick dieser starken Typen am liebsten sofort wieder umgedreht - aber ich habe mich überwunden und war nach einem Jahr selber einer der starken Typen. Fast hätte mich meine Angst, ausgelacht zu werden, oder leistungsmäßig zu enttäuschen, davon abgehalten, meine Freiheit zu nutzen.

Alleine wird man es nicht schaffen


Gerade im Kraftdreikampf hatte ich auch immer viel Angst vor Verletzungen, was mich oft zurückgehalten hat. Ohne meine Trainingspartner und deren gutes Zureden wäre ich weit unter meinen Möglichkeiten geblieben. Im Alleingang hätte ich es einfach nicht geschafft, meinen Verletzungsängsten bei schweren Kniebeugen entgegenzutreten.

Freiheit bekommt man nicht geschenkt, sie muss erkämpft werden - und das braucht viele starke Mitstreiter. Kampfgenossen zu finden, ist heute aber definitiv schwerer als früher. Die Möglichkeiten, sich ohne negative Begleiterscheinungen von seiner Umwelt abzukapseln, sind omnipräsent: als Beispiel möchte ich hier den Trainierenden nennen, der sich durch riesige Kopfhörer, Satzpausen am Handy und völlige Emotionslosigkeit seiner Umwelt gegenüber auszeichnet. Es ist einfach kaum noch nötig für das aktuelle Leben, besonders sozialverträglich zu sein. Trotzdem sollte man es nicht aufgeben, Gleichgesinnte zu suchen und anzusprechen.

Freiheit ist teuer


Ein passives Leben kostet viel weniger Geld und Energie als ein aktiv selbstbestimmtes. Nicht nur ist der Unterhalt von Hobbies und Bildung kostenintensiv - ein aktiver Mensch macht auch mehr Fehler. Und die können richtig teuer werden. Ich weiß nicht, wie oft ich schon Lehrgeld für meine Fehlentscheidungen zahlen musste.

Bodybuilding hingegen kostet relativ viel Energie. Oft muss man das Training wegen anderer Verbindlichkeiten irgendwo dazwischenschieben, während sich ein Nichttrainierender in der gleichen Zeit ausruhen kann. Über längere Trainingsphasen kulminiert auch eine gewisse Erschöpfung, so dass das Ruhebedürfnis nochmal mehr steigt. Insbesondere, wenn man gern hart und viel trainiert, kommt man darum gar nicht herum.

Aber auch, wenn der Stress im Leben durch Veränderungen und Entwicklung zunimmt, steigt die Erschöpfung an. Obwohl man genauso trainiert, wie früher, verpackt man die Ermüdung nicht mehr so gut. Der Eintritt ins Berufs- oder Familienleben sind Meilensteine auf dem Weg eines Bodybuilders - und ganz oft trennt sich hier die Spreu vom Weizen: Wer macht trotz Stresses und weniger Erholungsmöglichkeiten weiter, so gut es eben geht - und wer ergibt sich seinem Schicksal unter dem Einfluss weniger zur Verfügung stehender Energie?
6. Freiheit bedeutet, zu akzeptieren, dass man nicht alles geschenkt bekommt

Viele Menschen glauben, Freiheit bedeute, tun zu können, was immer man will. Aber ich würde es etwas anders definieren: Freiheit bedeutet, nicht tun zu müssen, was man nicht tun will. Damit wird klar, dass die Freiheit per se kein Paradies ist, in dem man alles einfach so tun kann, wonach einem der Sinn steht - und falls man etwas aus Zeit-, Geld- oder körperlichen Gründen nicht tun kann, verwechselt man das gleich mit beschränkter Freiheit.

Aber die Natur ist auf das Überleben des am besten Angepassten ausgelegt, von daher befindet sie sich in einem ewigen Wettkampf. Auch wenn wir das vielleicht nicht so unmittelbar spüren, aber wir stehen in permanenter wirtschaftlicher und sozialer Konkurrenz. Das ist ein unumstößliches Naturgesetz und die persönliche Freiheit bewegt sich nur in diesen natürlichen Grenzen.

Fazit


Bodybuilding kann viel mehr sein, als nur stumpfes Gewichteheben und Shakes trinken. Bodybuilding kann eine Kunst- und Ausdrucksform sein, in der der Sportler zum Schöpfer wird und mehr aus den ihm geschenkten paar Erdenjahren macht, als nur von Verbindlichkeit zu Verbindlichkeit zu hetzen, bis er stirbt.

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