Fluch oder Segen?

Bodybuilding nach einer Magersucht

Von Anorexie zu Orthorexie. Vom Hungern zum Cleaneating. Vom zwanghaften Spazierengehen zum Hanteltraining. Von Abführmitteln zum Whey-Shake. Warum das Fitness-Training nach einer Magersucht oft ein erster wichtiger Schritt ist, es für innere Zufriedenheit und wahre Erfüllung im Leben aber noch mehr braucht. „Trainiere deine Muskeln, aber vergiss das Mindset nicht!“ - Ein Bericht einer ehemals Betroffenen.

Wenn das Krafttraining dir das Leben rettet


An erster Stelle möchte ich mich bei Team Andro bedanken. Das mag nun ein wenig dramatisch klingen, doch ich weiß tatsächlich nicht, ob ich ohne diese Community und den Halt, den mir dieses Forum einstmals gab, noch existieren würde. Mir wurde damals ein drittes Mal die Aufnahme in eine stationäre Klinik nahegelegt – nachdem ich schon zwei erfolglose Aufenthalte hinter mir hatte und erneut mit einem zu niedrigeren Gewicht und schlechten Blutwerten bei der ärztlichen Kontrolle erschien – als ich entschloss, dem Ganzen ein Ende zu setzen.

„Nie wieder. Das ist nicht das Leben, das ich führen will. Ich möchte nie wieder in die Klinik müssen, sondern mein Leben ab nun wieder selbst in die Hand nehmen. Ich möchte fit und sportlich, nicht mehr mager und schwach sein. Und je eher ich damit anfange, desto besser für meine Zukunft.“ Damit war für mich die Entscheidung gefallen (wir Ex-Betroffenen nennen das gerne den „Klick“-Moment), mich ab heute um den Aufbau meiner Muskulatur und meines Lebens zu kümmern. Dass es ab da an nur steil bergauf ging und ich keinen Tag mehr mit Selbstzweifeln und alten Gedanken zu kämpfen hatte, wäre gelogen. Doch meinen Willen und meinen Ehrgeiz nutzte ich ab diesem Zeitpunkt für meine neue Aufgabe: Richtiges Krafttraining und eine gut geplante, nährstoffreiche Ernährung, um Muskulatur aufzubauen.


In meinem damaligen Umfeld kannte ich niemanden, der sich gut mit Fitnesstraining, Muskelaufbau, Sportler-Ernährung - und dies schon gar nicht in Kombination mit Untergewicht oder einer Essstörung - auskannte. Mir blieb also nichts anders übrig, als die Suchmaschine anzuwerfen und siehe da – ich hätte nicht geahnt, dass ich die nachfolgenden Wochen und Monate so viele Stunden auf einer Bodybuilding-Plattform verbringen werde und dies einen großen Teil meines Lebens ausmachen würde. Ja, eine Zeit lang war dies meine „neue, virtuelle soziale Welt“, die mir allerdings im echten Leben einen gesünderen und fitteren Körper verschaffte und dafür bin ich heute unglaublich dankbar.

Um meine Geschichte soll es hier aber gar nicht im Detail gehen. Wer da etwas mehr Interesse hat – oder jemanden kennt, der mit diesem Thema aktuell kämpft – dem kann ich mein Buch „Leben macht stärker: Trainingsziel statt Hungerspiel“ oder meinen Blog energy4soul nahelegen. Ich möchte hier mehr die Vorteile und das bewusste Leben vom Fitness-Lifestyle nach einer Magersucht darstellen. Denn so unterstützend es für die körperliche Entwicklung auch ist, so darf man die „Sucht-Verlagerung“ nicht unterschätzen und muss sich bei dem Ganzen eines bewusst werden: Wer von Anorexie in die Orthorexie und den Fitness-Wahn rutscht, hat körperlich zwar einen wahnsinnigen Fortschritt gemacht, die seelische Gesundheit und das Reflektieren, wofür diese Krankheit wirklich stand und was eigentlich aufzuarbeiten wäre, wurde aber etwas vernachlässigt.

Ganz viel Bewusstseinsarbeit gehört hier dazu. Es gibt diverse Methoden und Praktiken hierzu. Denn genau so, wie man die Muskulatur trainieren kann, so lässt sich auch das Mindset trainieren. Reflektieren, aufarbeiten, Beschäftigung mit der menschlichen Psyche, etc. Nicht umsonst habe ich nach meiner Fitness- und Ernährungstrainer-Ausbildung auch noch die Ausbildung zur psychologischen Beraterin drangehängt. Ich wollte das Gesamtpaket – Körper UND Seele – denn bei einer Magersucht (oder einem stark ausgeprägten Adonis-Komplex) geht es nie nur ums Essen oder den Körper an sich.

Nun, auch wenn ich rückblickend einige Dinge anders gemacht hätte und mich aus heutiger Sicht viel eher auch um den Part „Seele“, statt anfangs so stark nur um den Part „Körper“ gekümmert hätte, so war dieser erste Schritt im Prozess des Regenerierens nach einer tödlichen Krankheit sehr wichtig. Wenn ich heute mit Betroffenen zusammenarbeite, verbinde ich gleich alle Aspekte: Training, Ernährung und Persönlichkeitsentwicklung. Damals hätte ich einen Menschen wie mich gebraucht, der mir einige Dinge früher beibringt und bewusst macht.

Was bringt dir das Krafttraining nach der Magersucht


Die nachfolgenden Punkte sollen nun eine grobe Übersicht darüber geben, was das Bodybuilding nach einer Magersucht für einen Mehrwert hat, aber auch, was es nicht ersetzt.

Muskelaufbau

Die abgebaute Muskulatur wird nach der Mangelernährung wieder aufgebaut – und mit entsprechendem Training meist noch mehr. Das sorgt für einen sportlichen Look und formt deinen Körper.

Was Betroffene am wenigsten wollen: „fett und faul werden“. Nein, sie wollen fit, sportlich und stärker werden. Nicht zuletzt aufgrund des Bewegungsverbots und den „Mästungs-Aktionen“ aus Krankenhäusern und Klinik-Konzepten (sofort von 1000 auf 3000 Kalorien, Proteinriegel-Verbote, zwanghaftes am Tisch sitzen bleiben, etc.) sind die Rückfallquoten leider enorm hoch. Betroffene fühlen sich unwohl, fett und faul und fallen schnell in alte Muster zurück. So ging es mir nach meinen zwei Aufenthalten auch. Der andere Weg – über das Krafttraining und einer sportlergerechten Ernährung – und der damit verbundene Wunsch, fit und sportlich zu sein, gibt neue Kraft und Zuversicht. Es baut genau die Muskulatur auf, die durch die Mangelernährung abhandengekommen ist und im besten Fall – wenn das Basislevel wieder erreicht ist – noch darüber hinaus. Wir wissen alle, dass sportliche 60 kg anders aussehen als „faule“ 60 kg. Das kann ich aus eigener Erfahrung ebenso bestätigen und genau das motiviert. Die Zahl auf der Waage verliert damit zunehmend an Bedeutung.

FIT sein fühlt sich so viel besser an als SCHWACH sein!

Wenn Betroffene es einmal geschafft haben, über ihren Schatten zu springen und sich der Angst der Zunahme durch den Kraftaufbau stellen, wollen sie meist gar nicht mehr zurück. Sie müssen FÜHLEN, wie es ist, durch den Trainingsfortschritt mehr Energie und Muskulatur aus eigener Kraft aufzubauen, nach einem richtig geilen Training aus dem Gym zu gehen und zu sagen: „Boah, dafür lohnen sich die Kalorien wirklich“. Die Kraft, die das Essen nach so langer Zeit gibt, gibt so einen Schub, sodass man irgendwann an den Punkt kommt, sich zu fragen, wie man es jemals anders wollte und warum man so viel Angst vor der Zunahme hatte.

Hinzu kommt, dass es bei nahezu allen Betroffenen irgendwann den Zeitpunkt gibt, an dem sie wesentlich mehr essen und damit trotzdem ihr Gewicht halten können. Durch die (zuvor) fehlende Wahrnehmung für „normale Mengen“ kann man das vor solch einer Umstellung einfach nicht glauben. All das führt dazu, dass das Ganze eine positive Wende nimmt. „Angst beginnt im Kopf, Mut auch!“ Das Krafttraining gibt den ersten Push und unterstützt über die Hürde der Zunahme.

Es gibt Selbstvertrauen. Ziele motivieren!

Ich denke, du kennst das, wenn du wochenlang richtig im Training bist, eine gute Einheit nach der nächsten absolvierst und im Spiegel die ersten Fortschritte siehst. Das motoviert ungemein. Nicht zuletzt deshalb, weil es dir mehr Selbstvertrauen und Zuversicht gibt, Ziele aus eigener Kraft zu erreichen. Einen Plan durchzuziehen. Vorgenommenes zu schaffen.

Ja, auch wenn es im Bodybuilding viel um die Optik geht, so hat das Dranbleiben dieses Zieles selten nur mit dieser Oberflächlichkeit zu tun. Es macht auch mit deinem Inneren etwas. Jedes Ziel und jede Hürde, die man überwindet, stärkt das Selbstbewusstsein und die Zuversicht, Dinge im Leben erreichen zu können. Den Ehrgeiz, den du nun ins Training steckst, zeigt, was für ein Mensch du bist und dass du jeden Lebensbereich hinkriegst, wenn du wirklich dranbleibst. Im Job, in deiner Beziehung, in anderen Sportarten. Ein Ziel, ein Plan, dazu Willen und Umsetzungsvermögen. Das ist ein generischer Ansatz. Das Training ist eben immer nur ein Teil des Lebens, das aus mehreren Bereichen besteht und diese Eigenschaften lassen sich auf alle übertragen.

Das Essen fällt leichter: „Ich brauche Energie fürs Training und den Aufbau der Muskulatur.“

Die Angst vor dem Mehr an Kalorien sitzt bei Magersüchtigen meist tief. Oft ist es genau das gesetzte Ziel des Muskelaufbaus, das diesem Muster ein Ende setzt. Je mehr man sich mit der Materie beschäftigt, desto mehr leuchtet einem über die kognitive Ebene ein, dass ein ständig striktes Kaloriendefizit nicht wesentlich zum Aufbau der Muskulatur oder viel (Lebens-)Energie führt.

Das eigene Untergewicht und das ständige Schwächegefühl sowie der magere Körper im Spiegel (den man nach einiger Zeit und Eingeständnis der Sucht dann doch irgendwann wahrnimmt) bestätigen dies noch. So kann es also nicht weitergehen – Augen zu und durch, mehr Essen, Gas geben im Gym, damit es mit dem Aufbau auch was wird.

Ein Training mit ausreichend Nahrung die Tage zuvor macht einfach viel mehr Spaß, als Einheiten während einer Reduktionsdiät. Die Energielosigkeit, mit der Betroffene nach Monaten oder Jahren des Hungerns meist zu kämpfen haben, hemmt den Trainingsfortschritt. Durch den Wunsch des Muskelaufbaus fällt das Essen leichter. Nach und nach steigt das Bewusstsein, dass in Zeiten mit mehr Nahrung das Training mit Power viel mehr Freude macht und auch die entsprechenden Fortschritte bringt. Das gibt Motivation und die Kraft, um durchzuhalten.


Osteoporose entgegenwirken

Die gesundheitlichen Aspekte einer zu langen und strikten Reduktionsdiät sind nicht zu unterschätzen. Meist leiden Betroffene neben Ausbleiben der Periode und Haarausfall an einer Vorstufe von Osteoporose. Das Krafttraining und die entsprechende Ernährung sind natürlich das A und O für starke Knochen und Muskeln. Kurzfristig steht der gesundheitliche Aspekt bei Betroffenen zwar meist noch nicht im Vordergrund, da der Fokus auf dem „fitten Körper“ liegt, aber zumindest ist es ein weiterer Faktor, der etwas wachrüttelt.

Auf lange Sicht – und je bewusster man lebt und sich immer mehr auch um das Thema Mindset kümmert – desto mehr wird früher oder später auch der Faktor „Sport vor allem auch für die Gesundheit, statt nur für die Optik“ in den Vordergrund rücken.

Was bringt dir das Krafttraining nach der Magersucht NICHT


Kommen wir nun aber zu dem Punkt, den ich zu Beginn schon angesprochen hatte: Ja, das Training und der Fokus auf den Muskelaufbau helfen ungemein. Das allein reicht aber nicht, um wirklich „ganzheitlich“ – körperlich UND seelisch – gesund zu werden. Deshalb hier noch die Punkte, die einem auch bewusst sein sollten, dass das Krafttraining allein nicht ausreicht und man nach einem Suchtverhalten noch einiges mehr zu berücksichtigen hat.

Automatisch mehr Zufriedenheit

Nur, weil man mehr isst und trainiert, heißt das nicht automatisch, dass man dadurch ausgeglichener und zufriedener mit sich selbst ist. Man sieht das in der „von perfekten Fitness-Models umgebenen Szene“ ja sehr häufig. Jeder Millimeter des Körpers muss perfektioniert werden, die Tage verbringt man zwischen Spiegel und Waage und jedes Gramm Fett zu viel sorgt bei manchen für Unzufriedenheit. Fitness-Influencerinnen heulen in Diät-Vlogs in die Kamera, weil sie Lust auf Schokolade hätten, aber die Falte am Bauch noch zu groß ist. Auch wenn ich oben geschrieben habe, dass das Selbstvertrauen steigt, so steigt nicht automatisch auch die innere Zufriedenheit mit sich selbst oder gar dem eigenen Körper.

Ich habe nichts gegen Wettkampfvorbereitungen. Im Gegenteil, ich denke sogar, dass das eine wertvolle Erfahrung sein kann. Doch ob man sein Leben lang nur zwischen Aufbau und Diät leben will und mit ständiger Unzufriedenheit oder gar aus „Selbsthass“ seinen Körper trainiert, dies sei jedem selbst überlassen. Hier plädiere ich wieder an das Mindset Training: Ziele stecken schön und gut, aber niemals sollten Gesundheit oder Lebensgefühl langfristig der Preis dafür sein.

Und weil es zum Thema eigene, innere Zufriedenheit passt: Auch der Vergleich mit anderen hört meist nicht sofort auf. Statt mit TV-Show-Models, vergleichen sich viele dann eben mit Damen aus der Fitness-Szene und fühlen sich dann minderwertig. Man sieht also: Es gehört auch einiges an „innerem Training“ dazu, um sich von äußeren Umständen nicht zu sehr beeinflussen zu lassen.

Dass sich all deine Probleme automatisch in Luft auflösen.

Eine Essstörung steht für etwas tiefer Liegendes. Wenn du nur an der Oberfläche kratzt, jetzt einfach ein paar Hanteln schupfst und die Zahl auf der Waage nun schon mehr zeigt, heißt das nicht, dass sich all deine dahinterliegenden Themen aufgelöst haben. Ich empfehle immer, regelmäßig zu reflektieren, ob all die täglichen Gewohnheiten und Menschen in deinem Umfeld dir wirklich guttun. Womit und mit wem man die meiste Zeit verbringt und was man aus diesem Leben machen möchte. Details zu diesem Punkt und ein paar Übungen dazu gibt es ebenso in meinem Buch.

Verständnis deines Umfelds

Vor allem meine Mutter hat meine damalige „Sucht-Verlagerung“ gut erkannt, und dennoch akzeptiert. Sie hat gemerkt, dass es mir zunehmend besser ging, ich zunahm, also hat sie mich einfach mein Ding machen lassen. Generell würde ich sagen, dass ich über diesen Zeitraum sehr erwachsen wurde und mich immer mehr entwickelt hatte, erst äußerlich, dann innerlich. Dennoch ist es so, dass die meisten Betroffenen in nahem Verwandten-Umfeld etwas auf Unverständnis stoßen und damit zu kämpfen haben, sich zu erklären, wenn sie von der Magersucht in die Fitness-Szene wechseln. Erst vor kurzem schrieb ich mit einem Mädel darüber, das derzeit genau diese Diskussion mit ihrer Mutter führt.

Es ist aber auch nachvollziehbar. Für „Otto-Normalbürger“ ist dieses Bodybuilding eine eigene Welt. Ich rate hier immer, auf das eigene Bauchgefühl zu hören, ehrlich zu sich selbst zu sein und sich vor allem bewusst zu machen, dass das vielleicht nur eine Zwischenstation am Weg des Gesundwerdens ist – und dies dann auch so dem Umfeld entsprechend zu kommunizieren. Fitness und Bodybuilding sind schön und gut – ich trainiere nun selbst seit 11 Jahren und das Krafttraining wird immer Teil meines Lebens bleiben – aber weder die Ernährung noch der Sport nehmen mehr einen so großen Stellenwert in meinem Leben ein, dass sich der ganze Tag danach richtet. Das war mal anders, es wird mir zwar auch immer wichtig bleiben, mich ausreichend zu bewegen und meine Muskulatur ausreichend zu trainieren, aber ich ordne es nicht mehr meinem kompletten restlichen Leben unter.


Deshalb, long story short


Nutze das Krafttraining als Unterstützung bei der gesunden Zunahme, mache dir aber immer wieder bewusst, dass das Leben noch sehr viel mehr zu bieten hat.


Hinweis: Mehr zur Autorin, ihrem Buch und dem individuellen Betreuungsangebot findest du unter www.energy4soul.at. Fragen zum Thema Magersucht und Essstörungen gerne an info [at] energy4soul [dot] at.

Nach oben