Bodybuilding-Weisheiten im Fokus:

Bodybuilding: Schlägt harte Arbeit das Talent? (I)

Ich beschäftige mich gern mit althergebrachten Sinnsprüchen und Weisheiten. Sie geben in knapper Form das wider, was Generationen von Gleichgesonnenen vor meiner Zeit erfahren durften. Mit der fortschreitenden Zeit und der technischen Entwicklung müssen es sich die vormals allgemeingültigen Bauernregeln aber gefallen lassen, dass man sie kritisch auf den Prüfstand stellt.

Eine dieser Parolen schnappte ich während eines Interviews auf, das ein bekannter Fußball-Bundesliga-Trainer gab. Er antwortete auf die Frage, was den Erfolg seiner Mannschaft ausmacht, sinngemäß: "Talent interessiert mich nicht, mich beeindruckt nur harte Arbeit!"

Allein die Tatsache, dass ein Fußball-Bundesliga-Spieler seine Jugend und Kindheit auf dem Bolzplatz verbracht hat und irgendwann einmal von einem Talent-Scout gesichtet worden ist, machte mich stutzig. Harte Arbeit kann nicht alles sein!

Foto: Matthias Busse

Null Erfolg trotz harter Arbeit im Gym

Zurück im Gym zog sich neben mir gerade das Paradebeispiel für meine Antithese um: Er ist Anfang 20, trägt Otomix, die passenden Ronnie-Coleman-Beinpresse-Gedächtnis-Leggings und ein Kapuzen-Sweatshirt mit dem Bild eines bösen Mannes, der eine Eisenstange verbiegt. All das wirkt an diesem pausbäckigen West-Sandmännchen-Verschnitt leicht lächerlich - aber er will wahrscheinlich einfach nur demonstrieren, wie ernst es ihm ist.

Wie der Zufall es will, führt unser beider Weg zu den Powerracks. Ich habe ihn schon oft beugen sehen und der Umstand, dass er mal wieder nur 60 kg für endlose Sätze auflegt, lässt mich ihn ansprechen:

"Hey, du warst doch beim Beugen schon mal auf 90 kg im Satz, oder?" Antwort: "Ja, aber irgendwie ging es nicht weiter, da bin ich mit dem Gewicht runter und verbessere nochmal die Technik."

Da ich dieses Phänomen von mir selbst kenne, teilte ich ihm meine Beobachtung mit: "Du gehst seit Monaten immer wieder auf 60 runter, so wird man nicht stärker!" - "Ja, aber alles bringt nichts. Ich mach bis zum Umfallen Kniebeugen, aber ich werd' nicht besser. Ich trainiere so viel und hart und essen tue ich auch wie ein Scheunendrescher, trotzdem wird nix."

Kurz nach unserem Gespräch sah ich mich mit interessierten Augen im Freihantel-Bereich unseres Gyms um. Ich kenne die meisten seit Jahren und muss sagen: Die allerwenigsten haben sich nach ihren anfänglichen Erfolgen (so es diese überhaupt gab!) wirklich verbessert. Und diejenigen, die sich kontinuierlich verbessern, leisten sehr viel in den Grundübungen. Ist das dem Talent zuzuschreiben? Oder arbeiten sie hart?

Wer hat denn nun wirklich Talent?

Oft drehen sich unsere Gespräche im Gym darum, wer besonders mit Talent gesegnet wurde. Dabei fällt auf: Selbst wenn ein Trainierender von anderen als relativ talentiert eingestuft wird, verweist er bei ebenso gesegneten auf völlig andere Fähigkeiten.

Nehmen wir z.B. meinen Studioleiter: Kann essen, was er will - immer ultradefiniert! Dazu hat er riesige Schultern! Ihm fehlt aber das, was er an sich vermisst: die Grundmasse! Ein massiger Typ beneidet hingegen die Symmetrie eines Dritten, welche ihn 10 kg schwerer aussehen lässt, als er tatsächlich wiegt.

Was macht also Talent aus? Das rein Äußere kann es auch nicht sein, da ich einige gutgebaute Typen kenne, die sich ständig verletzen, oder die Technik der Übungen einfach nicht kapieren. Oder sich völlig verkehrte Trainingspläne basteln ("Trizeps-Bizeps-Trizeps" an 4 Tagen die Woche, kein Witz).

Talent im Bodybuilding ist also mehr als nur muskulöses Aussehen, ohne groß dafür trainieren zu müssen. Meiner Meinung nach umfasst das Talent eines Pumpers folgende (wahrscheinlich nicht abschließende) Aspekte:

1. Körperbau

Kleinere Menschen mit kurzen Gliedmaßen müssen verhältnismäßig (viel) weniger Muskelmasse aufbauen, um den massiven Look zu generieren. Beispiel: Franco Columbo.

2. Hebelverhältnisse

Kurze Oberschenkel und ein kurzer Oberkörper begünstigen die Kniebeuge. Lange Arme und ein mittelgroßer Torso begünstigen das Kreuzheben. Breite Schlüsselbeine und kurze Arme haben starke Vorteile für große Leistungen im Bankdrücken.

3. Positive Lebenseinstellung

Hierunter verstehe ich die Fähigkeit, trotz der Hindernisse im Leben, immer weiter am Ball zu bleiben, an sich und seinen Erfolg zu glauben. Beispiel: The one and only Arnold Schwarzenegger.

4. Selbstdisziplin

Trotz schlechten Wetters und Schlappheit ins Gym - trotz Hunger und Appetit nur Salat mit Hühnchenbrust usw. Wer trotz aller Entbehrungen weitermachen kann, ohne depressiv oder rückfällig zu werden, hat einen riesigen Vorteil. Beispiel: Vince Taylor.

5. Ehrgeiz

"Für ein Kilo Muskeln würde ich ein Kilo Scheiße fressen." Arnold Schwarzenegger.

6. Lernbereitschaft

Wer sich selbst und alle althergebrachten Ratschläge hinterfragt, sowie immer von den Besten lernen will, hat das Potenzial, auf neuen Wegen alles bisher Dagewesene zu überflügeln. Beispiel: Mike Mentzer.

7. Schmerzresistenz

Sich ständig zu verbessern erfordert, dass man die bisherigen Grenzen überschreitet. Im Widerstandstraining geht es darum, mehr Wiederholungen bzw. mehr Gewicht als bisher zu bewegen. Und das kann ganz schön wehtun. Beispiel: Matt Kroczaleski.

8. Muskelfaserverteilung

Jeder kennt den Unterschied zwischen den weißen Fast-Twitch-Fasern und den roten Slow-Twitch-Schwestern. Die Faserart bestimmt sowohl maximale Größe, als auch maximal mögliche Kraftentfaltung eines Individuums. Beispiel: Johnnie Jackson.

9. Starke Knochen, Sehnen und Bänder

Manche Menschen scheinen einen Bewegungsapparat aus Titan zu haben. Wer ein widerstandsfähiges Skelett hat, überlebt alle Arten von Ruck, Schwung und Überlastung. Beispiel: Branch Warren.

10. Symmetrie

Eine ausgewogene, angeborene Symmetrie des Körpers erspart viel Arbeit an Schwachstellen. Beispiel: Ronny Rockel.

11. Übertrainings-Toleranz

Ein starker Trainingsreiz ist genug Stress für den Körper. Kein Mensch weiß wirklich, was genau die korrekte subjektive Reiz-Dosis ausmacht. Deshalb kann man immer wieder die Typen beobachten, die anscheinend im Gym übernachten, sich stundenlang mit viel zu hohen Gewichten oder Dingen wie "100er-Sätze" verausgaben - und trotzdem nicht sterben. Übertrainiert sind alle hochmotivierten Pumper irgendwie - aber wessen Körper dies tolerieren kann, bleibt unverletzt im Spiel. Beispiel: Sylvester Stallone.

12. Mind-Muscle-Connection

Es gibt Menschen, die von Natur aus wissen, wie sie welchen Muskel anzusteuern haben. Das macht eine sehr effiziente Kraftentfaltung möglich und beugt zudem Verletzungen vor. Ein normaler Mensch verfügt instinktiv über ca. 10.000 Bewegungsmuster - Ausnahmetalente, wie der Fußballer Lionel Messi weisen über 120.000 davon auf! Bodybuilder dieser Kategorie wuchten nicht einfach nur riesige Gewichte von A nach B, sondern arbeiten mit dem Widerstand in passgenauen Kraftkurven. Beispiel: Frank Zane.

13. Ein leistungsfähiger Verdauungstrakt

Viel essen ist das eine - aber alles resorbieren und verwenden zu können, ohne ständig frische Bergluft abblasen zu müssen, das andere!

Diese lange Liste hat folgenden positiven Effekt: In jedem von uns steckt irgendein Talent! Niemand ist so talentfrei, dass er im Gym nichts aus sich machen könnte! Vielleicht wird er nicht extrem massig, vielleicht niemals wirklich definiert - aber jeder kann sich mit seinen individuellen Talenten Respekt erarbeiten.

Foto: Matthias Busse

Die Kette ist nur so stark, wie ihr schwächstes Glied

Es ist einfach, sich an der Stelle weiterzuentwickeln, an der man ohnehin talentiert ist. Die Eingangsfrage war aber, ob sich Talent durch harte Arbeit überholen lässt. Ja und nein! Die hart trainierenden Hänflinge im Studio scheinen das Gegenteil zu beweisen.

Es ist aber eher eine Frage, WORAN man hart arbeitet. Im Gym wird "harte Arbeit" gern mit Ermüdung, Anzahl der Sätze und dem verbissenen Kamp gegen die Übersäuerung im erstickten Muskel bemessen. Aber harte Arbeit ist weit mehr.
Alle Typen, die in ihrem Sport ganz oben stehen, haben folgendes gemeinsam: Sie haben ihre Schwächen ausgemerzt.
So wie eine Kette bei Belastung an ihrer schwächsten Stelle reißt, mussten Top-Athleten sukzessive daran arbeiten, zu einer gleichmäßig reißfesten Kette zu werden.

So viel auch zu dem Thema, jeder Bodybuilder müsse unbedingt Core-Übungen machen, um sich vor Verletzungen zu schützen - das ist viel zu pauschal und betrifft nur diejenigen, die sich tatsächlich durch einen zu schwachen Core limitieren.

Ich möchte damit keine Diskussionen lostreten, aber es ist fragwürdig, dass es im Gym Typen gibt, deren Aufwärmprogramm mit Bändern und Rollen und Minihanteln mehr Zeit in Anspruch nimmt, als mein ganzes Beinworkout... …für 8 x 70 kg Kniebeugen (Das ist nicht überheblich gemeint, auch ich habe mit 40 kg Kniebeugen angefangen - ich rede rein vom Aufwand-Ertrag-Verhältnis und stelle den Sinn solcher Routinen infrage. Man verpulvert seinen Fokus und die Energie für das, was wirklich zählt: schweres Widerstandstraining!).

Wir halten also zunächst fest: Harte Arbeit kann reines Talent schlagen, wenn sie an der richtigen Stelle ansetzt. Und diese Stelle ist individuell sehr verschieden.

Der Blick in den Spiegel: Was sind meine wirklichen Schwachstellen?

Ich habe mir mal den Spaß gemacht und meine Trainingskollegen nach ihren Schwachstellen im Bodybuilding befragt. Man kann sich denken, was die Antworten waren: "Trizeps", "Waden" oder "Bankdrückleistung". Was hätte ich selbst wohl geantwortet, wenn mir jemand unvorbereitet diese Frage gestellt hätte?

Dabei ist trifft diese Frage den eigentlichen Kern dessen, was Bodybuilding ausmacht: Wo stehe ich und wie kann ich mich bestmöglich weiterentwickeln? Und das geht tiefer, als man es nach außen hin an der Ausprägung der Muskelgruppen sieht.

Ein paar ausgewählten Kollegen stellte ich also meine Liste der unterschiedlichen Talente vor und bat sie, anhand dieser meine Frage neu zu überdenken. Das führte zu neuen Antworten, die ich hier sinngemäß und schimpfwort-bereinigt widergeben will:
  1. "Ich bin nicht ehrgeizig genug, das war ich all die Jahre nicht. Trotzdem hab ich immer perfekte Ergebnisse erwartet, wenn ich denn mal trainieren war." Wir kamen im Gespräch überein, dass dieser Kollege entweder nicht mehr so viel erwarten darf, oder endlich regelmäßig ins Gym kommen sollte.
  2. "Ich stelle mir kurz vor Jahresende immer das Ziel, 200 kg beim Kreuzheben zu schaffen. In jedem Magazin steht, dass man in Grundübungen stark sein muss, um Muskelmasse aufzubauen. Beim Kreuzheben verletze ich mich jedoch jeden Dezember auf´s Neue." Hier passt einfach die Übung nicht zum Individuum. Dieser Trainierende hat kurze Arme und lange Beine, dazu ist er übermotiviert. Das schreit nach einer Verletzung des unteren Rückens beim Heben, wenn man es nicht strukturiert und kontrolliert angeht. Lösung: Wenn das Ziel, 200 zu heben, so massiv ist, dann muss er das ganze Jahr über in kleinen Schritten steigern und seine Ungeduld zügeln.
  3. "Ich will immer abnehmen und ein Sixpack bekommen - aber eigentlich glaube ich nicht dran, dass ich es schaffe." Unser kleiner Studio-Pessimist steht sich selbst im Weg, weil er durch die mangelnde Selbstüberzeugung keine Ziele formulieren und erreichen kann. Der Glaube an sich ist enorm wichtig. Wir sind nach einem langen Gespräch zu dem Schluss gekommen, dass mein Kollege ernsthaft am Selbstbewusstsein arbeiten muss.
  4. "Ich trainiere, um dazuzugehören." Das ist prinzipiell nichts Schlimmes, nur bedeutet das für meinen Freund, dass er Diät macht, wenn andere diäten - dass er Powerlifting macht, wenn andere powerliften - dass er sich mästet, wenn andere fressen - und dadurch im Endeffekt immer auf der Stelle tritt. Gerade wenn es mal gewichtsmäßig bei ihm vorwärtsgeht, lässt er sich wieder von einem anderen beeinflussen, der ihn fett findet. Der eigene Weg muss her!
  5. "Ich gebe wahrscheinlich zu schnell auf." Dieser Trainierende ist nicht so schlapp, wie er sich selbst sieht - für ihn passen jedoch durchgehende Wiederholungen nicht, weil er extrem schmerzempfindlich ist und Angst vor Verletzungen hat. Zum einen trainiert er nun nicht mehr mit durchgehenden Wiederholungen (z.B. Rest-Pause oder PITT-Force), zum anderen versucht er, sich durch Eisbäder und Sauna eine höhere Schmerztoleranz anzugewöhnen.
So muss jeder für sich selbst herausfinden, was ihn behindert. Ganz wichtig:

Nur die wenigsten schaffen es, ihre persönlichen Schwachstellen allein zu erkennen. Es ist gut, wenn man Menschen um sich herum befragt, die auch mal einen etwas anderen Blickwinkel haben. So wissen z.B. die eigenen Eltern viel über die Talente, ein Trainer kann Technik und Einstellung prüfen etc.

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