Bodybuilding - Quo Vadis?

Bodybuilding - Eine Standortbestimmung

In regelmäßigen Abständen kommt immer wieder die Frage "Bodybuilding – Quo Vadis" von verschiedensten Seiten auf. Durchaus berechtigt, aber bevor man die Frage stellt, wo es hingehen soll, sollte man erst mal wissen, wo man überhaupt ist. Es ist zwar einfach, nach Rom zu finden, da ja bekanntlich alle Wege dorthin führen, für alle anderen ist es nicht ganz so leicht. Fakt ist das sich das Gesamte – ich nenne es mal die "Bodybuilding Galaxie" – welche Teil des "Sport Universums" ist, sich in einem gewaltigen Umbruch befindet.

Arnold Schwarzeneggers Ausbruch

Stein des Anstoßes war die Arnold Classic 2015, nach der Arnold Schwarzenegger im wahrsten Sinne des Wortes der Kragen platze. Ein Ereignis das hohe Wellen schlug und von vielen US-amerikanischen Bodybuilding Medien als "call-to-the-arms" bezeichnet wurde. Wörtlich übersetzt: "Ruf zu den Waffen" – sinngemäß versteh ich das aber als "Weckruf" oder "Aufrütteln", vielleicht fällt einem Leser noch was Besseres ein.


Wie auch immer, jeder kann sich Arnolds Ausbruch nochmal auf YouTube anschauen, ich möchte mal die Kernpunkte der Kritik zusammenfassen:
  • Die heutigen Bodybuilder haben keine so schöne Linie mehr wie die Bodybuilder der "golden Ära" der 70er bis Anfang der 80er Jahre.
  • Anstatt wohlgeformter, athletischer Körper (Stichwort: V-Shape) sieht man heute mehr "bottle shaped bodies" - massige, schwammige Gestalten mit grotesk aufgeblähten Wampen.
  • Die Kunst des Posings hat sich aufgrund der fehlenden Bewertung mehr und mehr zurück entwickelt. Die aktuellen Bodybuilder haben eine schlechte Kondition und sind nicht in der Lage, Posen lange zu halten – Stichwort "shaking".
  • Das Hauptkriterium des Scorings ist die größte Masse, zum Nachteil für Kriterien wie Symmetrie und Proportionen.

Schwemme von Profilizenzen und Wettkämpfen

Tatsächlich muss man zum Teil feststellen, dass sich – vor allem in dem Level unterhalb der Top Stars der Branche – mittlerweile viele Leute in der Szene herumtreiben, die von ihrer Veranlagung her nicht geeignet sind, Profi-Bodybuilder zu werden. Dieses Problem rührt mitunter daher, dass heutzutage eine viel größere Zahl an Profilizenzen pro Jahr vergeben werden als jemals zuvor. Dadurch wird der Konkurrenzdruck in den Amateurligen wesentlich verringert, da jedes Jahr viele Athleten in die Profiklasse aufsteigen.

Das ist in etwa so, als würde man jedes Jahr anstatt zwei oder drei Fußballamateur Clubs einfach sechs oder mehr in die Profiligen hereinlassen, ohne allerdings die gleiche Zahl an Absteigern zu haben. Pro-Cards lassen sich nämlich jedes Jahr auf Antrag hin verlängern. Selbst ein nicht aktiver Pro kann theoretisch, wenn er seine Karte noch besitzt, jederzeit wieder in Wettkämpfe einsteigen.

In den USA wurden über die meisten Jahre der 80er und 90er nur sieben Pro-Cards vergeben, im Gegensatz zu heute, wo sage und schreibe 25 Pro-Cards pro Jahr vergeben werden. Selbst gestandene Top-Bodybuilder wie Tony Freeman (5), Flex Wheeler (4) oder Chris Cormier (3) benötigten damals mehrere Anläufe, um die Pro-Card zu erringen.

Warum die IFBB diese Strategie fährt, die ja nachweislich die Qualität sowohl der Amateur- als auch der Profiligen senkt, kann man spekulieren. Der Grund dürfte, wie so oft bei der amerikanischen Mentalität des "immer mehr" liegen – mehr Wachstum, mehr Lizenzgebühren, mehr Wettkämpfe, mehr Geld.

Das diese Strategie langfristig nicht sehr erfolgreich sein wird, liegt aber auf der Hand – welcher Zuschauer will schon nahezu unbekannte Profis bei einem der zahllosen Wettkämpfe beobachten? Mit jedem zusätzlichen Wettkampf werden errungene Titel in der Masse der Gewinner immer wertloser. Das ist auch der Grund, warum mittlerweile viele Stars der Szene ihre Einnahmen und Popularität eher über das Internet generieren als über Wettkampfteilnahmen. YouTube Stars wie Jason Blaha, Scott Hermann oder Lui Marco seien hier als eindrucksvolle Beispiele genannt. Diese nehmen nicht an Wettkämpfen teil, sind aber in der Szene sehr bekannt.

Masse statt Klasse

Die Entwicklung zu immer mehr Masse bei den Bodybuildern wurde Ende der 80er Jahre hauptsächlich durch das Erscheinen von Dorian Yates in der Profiszene ausgelöst, der mit einer bis dahin nicht gekannten Muskelmasse und rasiermesserscharfer Konditionierung die Bodybuilding Welt auf den Kopf stellte und seine Konkurrenz regelrecht von der Bühne drückte.

Sein Vorgänger als Mr. Olympia Lee Haney, galt dagegen noch als perfekte Symbiose aus Masse und perfekten Proportionen, kombiniert mit einem mitreißenden Posing. Dorian Yates vorzuwerfen, dass er "das Bodybuilding ruiniert" habe, greift allerding zu kurz.

Yates war nie mit den besten Proportionen gesegnet, sondern machte einfach das Beste aus seinen gegebenen Möglichkeiten. Er wehrt sich immer wieder vehement gegen den Vorwurf, den Massetrend ausgelöst zu haben, und verweist auf seine knochenharte Konditionierung, die heutigen Pros oft fehlt: "Nowadays everbody is above 250 pounds - well 50 pounds of that must be bullshit (Heute wiegt jeder mehr als 250 Pfund, 50 Pfund davon müssen Mist sein)."

Im Schlepptau von Yates betraten viele andere Pro‘s die Szene, die vor allem durch ihre gewaltige Masse auffielen und in Erinnerung blieben: Günter Schlierkamp, Markus Rühl, Nasser El-Sonbathy, um nur einige zu nennen.

Nach Yates (6) eroberten mit Ronnie Coleman (8) und Jay Cutler (4) zwei andere "Massemonster" den Mr. O Titel im Dauer Abo. Die Vertreter der "Ästhetik-Fraktion" wie Lee Labrada, Shawn Ray, Flex Wheeler oder Kevin Levrone hatten stets das Nachsehen. Erst 2008 konnte mit dem unverwüstlichen Dexter Jackson wieder ein Bodybuilder mit eher klassischen Linien und weniger Masse den Mr. O zumindest einmal gewinnen.

Im Nachgang von Arnolds Weckruf, wurde dann ab 2016, zumindest bei der Arnold Classic, das Posing wieder in die Punktewertung mit aufgenommen. Dieses Jahr gewann dann mit Cedric McMillan ein Vertreter der "Ästhetik-Fraktion" die Arnold Classic.

Foto: Matthias Busse

Mit Phil Heath ist aktuell ein "Hybrid" aus Masse und guter Linie seit sieben Jahren in Folge Mr. O. Allerdings zeigte auch er schon Schwächen bei der Konditionierung und wurde vor allem 2015 und 2017 für seinen schwammigen Bauch kritisiert. Gerade nach dem diesjährigen Mr. Olympia brach die Diskussion wieder auf, da Phil Heath kurze Zeit nach der Siegerehrung ein Video veröffentliche, in dem er YouTuber Lui Marco wüst beschimpfte.

Dieser hatte Heaths Mittelpartie hart kritisiert und als "Bubble Gut" bezeichnet. Im Nachgang schlug der mittlerweile als "Bubble-gut-gate" bezeichnete Vorfall, in allen einschlägigen Medien hohe Wellen. Da neben Heath auch viele andere Teilnehmer mit ihren Mittelpartien zu kämpfen hatten, kann das Thema auch von der IFBB selbst kaum noch ignoriert werden, wenn sie nicht noch weiter an Glaubwürdigkeit verlieren will.

Hemmungsloser Einsatz von PEDs?

Schon immer wurde im professionellen Bereich des Bodybuildings mit mehr oder weniger großem Einsatz von PEDs (Performance enhancing drugs – leistungssteigernde Substanzen) gearbeitet. Vor allem in den 60er und 70er Jahren wurden anabole Steroide zum Teil noch auf Rezept verschrieben, so dass hier auch kein Unrechtsbewusstsein entstand.

Im Laufe der Zeit wurde aber neben der höheren Dosierung von Steroiden immer neue und mit gefährlicheren Nebenwirkungen versehene PEDs ins Arsenal mit aufgenommen. Dazu zählen HGH (human growth hormon – Wachstumshormone, auch im Anti-Aging Bereich eingesetzt), IGF-1, Insulin und andere. Auch werden im Amateur- und Profibereich diverse "side enhancement" Öle wie Synthol, Implantate oder Collagen eingesetzt, die bestehende Muskeln größer erscheinen lassen – es handelt sich allerdings nur um "Füllstoffe", keine tatsächlichen Muskeln. Im Internet kann man zahlreiche Bilder und Videos bestaunen wie grotesk die Versuche nach hinten losgehen können, sich so zu vermeintlich großen Muskeln zu schummeln. Abgesehen davon ist das gesundheitliche Risiko enorm.

Dadurch das Steroide heutzutage zum Großteil illegal bezogen werden (müssen), sind diese oft von zweifelhafter Qualität, ungenauer Dosierung und unbestimmter Herkunft, oft aus Laboren aus China oder sonstigen Überseestaaten. Versuche den asiatischen Onlinehändler des Vertrauens wegen schwacher Wirkung des bestellten Präparates zu verklagen, dürften mit recht geringen Erfolgschancen versehen sein. Diskussionen ob eine Teillegalisierung das Problem vermindern oder noch vergrößern würde, sind ein so altes Thema wie Bodybuilding selbst, und wären wiederum einen eigenen Artikel wert.

Ob die "Wachswampe" tatsächlich vom hemmungslosen PED-Konsum und wenn ja, von welcher Substanz genau, oder doch von der hohen Nahrungsaufnahme ausgelöst wird, ist heiß umstritten und es gibt dazu zahllose Meinungen und Theorien.

Während ich diesen Artikel schrieb, überschlugen sich die Ereignisse und es wurde sowohl der Tod des jungen Dallas McCarver (26) vermeldet, als auch von Rich Piana (46). Pianas Ableben dürfte wohl die wenigsten Beobachter der Szene sonderlich überrascht haben, schließlich gab es wohl kaum eine stimulierende Substanz, die vor ihm sicher war und nicht in rauen Mengen konsumiert wurde. Zudem lag er, vermutlich nach einem Herzinfarkt, bereits seit einiger Zeit im künstlichen Koma.

Der Tod von Dallas hat noch mal eine ganz andere Qualität, schließlich handelte es sich um einen jungen Mann, der noch ganz am Anfang seiner Karriere bzw. seines Lebens stand. Möglicherweise erreicht das menschliche Herz-/ Kreislaufsystem bei einem Körpergewicht jenseits von 140 kg einfach irgendwann die Grenzen seiner Belastbarkeit. Die Diskussionen werden mit Sicherheit in nächster Zeit intensiv geführt werden.

Foto: Matthias Busse

Griechisches Schönheitsideal

Eigentlich sollten Bodybuilder ja dem klassischen griechisch-römischen Schönheitsideal entgegenstreben:

Runde Schultern, ein V-förmiger Oberkörper, der sich in eine schmale Taille mit gut sichtbaren, aber flachen Bauchmuskeln verjüngt. Dazu gut proportionierte, sehnige und muskulöse Beine und Arme. Dieses Ideal spiegelt sich auch in der Kunst der damaligen Zeit wieder, selbst die Götter waren damals schwer muskelbepackt.

Leider hat sich das Bodybuilding ideal einem "mehr ist besser" anstatt einem "besser ist besser" unterworfen.
Wenn es mir gelingt, in der Off-Season meinen Brustumfang um drei Zentimeter zu steigern, mein Bauchumfang aber um den gleichen Umfang wächst, dann habe ich einfach nur eine größere Version meiner selbst erschaffen, mich aber nicht verbessert.
Prozentual gesehen haben sich meine Proportionen sogar verschlechtert. Erst wenn sich mein Brustumfang im Verhältnis zur Taille vergrößert, haben sich meine Proportionen tatsächlich verbessert.

Nicht umsonst wirkt ein Sergio Oliva nach wie vor so eindrucksvoll, da sein Beinumfang fast den seiner Taille überschritt und seine Arme größer als sein Kopf wirkten. Keiner will Bodybuilder auf der Bühne haben, die aussehen als hätten sie sich eine schwangere Schildkröte um den Bauch gebunden. Denkt mal darüber nach, bevor wieder behauptet wird, dass die Fans immer größere "Freaks" sehen wollen.

Tatsächlich gibt es aber abseits der offenen Klasse einiges was Anlass zur Hoffnung auf Verbesserung gibt:

Da wäre zunächst einmal die 212er Klasse, welche aufgrund ihrer Gewichtsbeschränkung, die Athleten quasi dazu zwingt mit bester Definition und guten Linien zu glänzen. Der "Size Downgrade" tut einigen Wettkämpfern sehr gut, die aufgrund ihrer Körpergröße und Struktur in der offenen Klasse immer weniger Chancen haben. Gute Beispiele sind hier Ronny Rockel und Hidetada Yamagishi, die seit ihrem Wechsel in die "kleine Klasse" wieder Shows gewinnen konnten.

Auch die Einführung der "Classique Physique" Klasse ist ein Grund zur Freude, da hier Athleten die in anderen Klassen eher geringe Chancen haben, ihre Vorteile in punkto Proportionen und Posing ausspielen können. Beim diesjährigen Olympia waren wieder einige eindrucksvolle Athleten auf der Bühne, die mit klassischen Posen und Ästhetik zu überzeugen wussten.

Zu beachten ist auch noch die "Men‘s Physique" Klasse, welche sicher Bodybuilding für ein weiteres Spektrum von Teilnehmern und Zuschauern öffnet. Was allerdings von einem Wettkampf zu halten ist, in dem die größten Muskelgruppen (Gluteus und Oberschenkelmuskeln) von einer Badeshorts verdeckt werden, sei jetzt mal dahingestellt.

Durchaus interessant ist aber auch eine weitere Rückbesinnung in die Anfangsphase des Bodybuildings oder auch ins alte Rom, in der es teilweise eine Kombination aus Gewichtheben und einer reinen Bewertung der Präsentation gab. In Zeiten von "Functional" Fitness und Crossfit ein – finde ich - reizvoller Gedanke, der Tor und Tür in die Zukunft aufreißen könnte, indem man die Brücke zur Vergangenheit schlägt.

Aktuell haben Dorian Yates und der IFBB-Profi und Powerlifter Stan Efferding ("stärkster Bodybuilder der Welt" ) mit der Gründung der sogenannten "Super League" die von Nike und bodybuilding.com gesponsert werden, einen Versuch in diese Richtung gestartet. Bei den Wettkämpfen der "Super League" werden die Körperproportionen vermessen und mit den Leistungen in verschiedenen Übungen verrechnet.

Als Wettkämpfer muss man am Wettkampftag also Konditionierung und sportliche Leistungsfähigkeit unter einen Hut bringen. Alleine die Tatsache, dass mit Nike ein absoluter Weltkonzern mit im Boot ist, dürfte aus der "Super League" einen Erfolg machen. Zeitweise waren Gerüchte im Umlauf, dass Kai Greene zur "Super League" stoßen will, ob dies zutrifft ist aber noch unbestätigt. Es wird interessant sein zu sehen, ob es Athleten gelingt aus den neuen Klassen bis in die offene Klasse durchzustechen.


Old School vs. Social Media Stars

Dass Profi-Bodybuilding wohl nie "Mainstream" werden wird, ist klar. Wer das Gegenteil behauptet, ist schlichtweg ein Träumer oder unverbesserlicher Optimist. Allerdings muss man jetzt aufpassen den Anschluss an die aktuellen Entwicklungen in der Sport- und Fitnesswelt nicht zu verpassen. Grundsätzlich sind die Rahmenbedingungen wohl so günstig wie selten zuvor, da mit dem um "Functional Fitness" ausgelösten Hype das Krafttraining wieder stärker in den Fokus rückt.

Dafür müssen aber die Zeichen der Zeit erkannt und genutzt werden. Wer sich wie einige "Old-School"-Bodybuilder in die Schmollecke stellt und das ewige Lied von "Früher-war-alles-so-viel-härter-und-besser" singt und über den Erfolg der "Fitness-Hipster" nörgelt, wird sicher nicht weiterkommen.

Mag sein, dass viele der "Fitness-YouTuber" nie auf einer Bühne standen, aber ihr Erfolg und ihrer Popularität gibt ihnen Recht, was immer man davon hält. Ein gutes Beispiel wie man, obwohl man der "Old-School" Generation angehört, die sozialen Medien für sich nutzen kann, ist Arnold Schwarzenegger. Dieser hat trotz seines fortgeschrittenen Alters die Zeichen der Zeit wieder mal erkannt und ist auf diversen Portalen wie Instagram, Facebook oder YouTube aktiv und reitet so ganz vorne an der Spitze der Entwicklung mit. Auch Kai Greene spielt "online" eine große Rolle und ist momentan mit Sicherheit der weltweit bekannteste und beliebteste aktive Bodybuilder.

Die Zeiten, in denen die Leute bereit waren, einen Monat bis zum Erscheinen der FLEX oder anderer Magazine zu warten, um die neusten Wettkampfergebnisse zu erfahren sind endgültig vorbei.

Hiermit schließe ich den Artikel, ganz bewusst ohne selbst ein Fazit zu ziehen, ich würde mir wünschen, wenn sich hier jeder selbst eine Meinung bildet und darüber diskutiert.

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