Kein Fantum?

Bodybuilding ist ein undankbarer Sport

Ist Bodybuilding ein Sport? Diese Frage wird im Internet immer wieder hitzig diskutiert. Von Schönheitswettbewerb bis Vergleiche mit Eiskunstlauf ist vermutlich alles an Antworten dabei. Worüber die Diskussionsteilnehmer in der Regel aber immer einig sind, ist die Tatsache, dass das Training, um wie ein Bodybuilder auszusehen, eine sportliche Aktivität ist. Das ändert jedoch nichts daran, dass Bodybuilding ein undankbarer Sport ist – und das gleich in vielfacher Hinsicht.

Was ist natural möglich?


Die Wege, wie Athleten zum Bodybuilding finden, dürften vielfältig sein. Verletzungen in anderen Sportarten, die zur Hantel trieben, Unzufriedenheit mit dem eigenen Erscheinungsbild oder heutzutage auch einfach nur das Streben nach Anerkennung im Social Media Bereich. Egal was der Grund dafür war, mit Bodybuilding zu beginnen, fast ausnahmslos alle Personen werden diesen Sport natural beginnen. Man mag sich in der ersten Euphorie möglicherweise mit dem ein oder anderen Supplemente zu viel eindecken, doch das injizieren von Testosteron ist nicht der erste Gedanke, der bei Trainingsanfängern aufkommt.

Dies ändert sich jedoch fraglos bereits nach kurzer Zeit. Während damit nicht automatisch eine Abkehr vom Natural Bodybuilding verbunden ist, fragen sich dennoch viele Bodybuilder, was natural möglich sei. Die Antwort darauf werden die meisten Trainierenden nach drei bis fünf Jahren zumindest erahnen können. Wer in diesem Zeitfenster alles richtig macht, wird so große Fortschritte erreichen, wie nie wieder in seinem sportlichen Leben. Gleichzeitig nehmen die meisten Bodybuilder spätestens an diesem Punkt ein Plateau wahr.

Foto: Matthias Busse

Egal wie hart man trainiert, wie gut man isst und wie diszipliniert man regeneriert: Gefühlt werden die weiteren Fortschritte ausbleiben. Bodybuilding ist undankbar. An diesem Punkt trennt sich häufig die Spreu vom Weizen. Es ist Bodybuilding egal, wie viel Talent du für den Sport mitgebracht hast. Spätestens ab diesem Zeitpunkt wird es mühsame Arbeit, die mit manchmal kaum erkennbaren Fortschritten belohnt wird.

Bodybuilding kennt keine Quickfixes


Im Zusammenhang mit Bodybuilding wird gerne betont, dass es keine Shortcuts geben würde. Damit sind Abkürzungen beim Erreichen der eigenen Ziele gemeint. Wer nach drei bis fünf Jahren intensivem Trainings an eine Grenze gestoßen ist, ab der es nur noch mühsam zu erarbeitende Fortschritte gibt, wird natural keine Möglichkeit besitzen, dies zu beschleunigen. Doch Bodybuilding ist nicht nur in dieser Hinsicht undankbar.

Der Sport kennt weder Shortcuts, noch Quickfixes. Letzteres sind schnelle Lösungen, die sofort spürbare Verbesserungen mitsichbringen. Wer schon einmal eine Verletzung erlitt, erhofft sich in der Regel genau das. Je nach Grund für die Verletzung, mag es diese Quickfixes zum Teil geben. Auch im Performancebereich werden Quickfixes gerne genutzt, um selbst bei gut trainierten Sportlern kleine Leistungssprünge zu realisieren. Aber nicht im Bodybuilding.

Bodybuilding kennt keine Quickfixes, auch wenn so manch Trainings- oder Supplementguru dies geschäftstüchtig zu vermitteln versucht. Wer diesen Sport bereits ein paar Jahre zielführend ausübt, wird von keiner Intensitätstechnik, keiner Ernährungsform und keinem Supplement der Welt plötzliche Muskelzuwächse erleben. Vermeintliche Ausnahmen sind eher ein Beweis dafür, dass zuvor vermeidbare Fehler begangen wurden, oder verließen den Grenzbereich des Natural Bodybuildings.

Bodybuildingfans sind undankbar


Bereits 2010 verfasste ich einen Artikel, in dem ich fragte, wie viel Kritik sich ein Wettkampfbodybuilder gefallen lassen müsse. Im Fußball gibt es den Ausdruck „Erfolgsfan“. Damit sind Personen gemeint, die einem Verein die Treue halten und sich für diesen interessieren, solange es gut läuft. „Echte“ Fans grenzen sich gerne von dieser Gruppe an Personen ab. Im Bodybuilding scheint die Riege an Erfolgsfans jedoch die Oberhand zu haben.

Besitzt ein Athlet sogenanntes Momentum, erhält er Zuspruch, Aufmerksamkeit und Anerkennung. Leistet derselbe Athlet sich jedoch einen Fehltritt auf der Wettkampfbühne oder bleibt hinter den Fan-Erwartungen zurück, wendet sich das Blatt schnell. Der heutigen Jugend wird die Aufmerksamkeitsspanne eines Goldfisches nachgesagt. Was die Sympathie zu einem Athleten angeht, ist diese nicht sonderlich beständiger.

Eine nicht sonderlich steile These wäre es auch, dass es gar kein echtes Fantum im Bodybuilding gibt. Vielmehr gibt es Zuschauer, die sich einem Spektakel zuwenden. Dies war schon zu den Anfangszeiten des Bodybuildings so, als Eugen Sandow und andere Vertreter seiner Zeit auf Jahrmärkten und im Zirkus ihre Muskeln präsentierten und Kraftleistungen vorführten. Doch Spektakel leben davon ungewohnt und unerwartet zu sein. Wer nur danach lechzt, hält nicht einmal eine ganze Wettkampfsaison durch.

Ein aktuelles Beispiel wäre Steve Benthin. Zweifacher Mr. Olympia Teilnehmer in der 212er-Klasse, der seit Jahren bei aller Kritik, die man an Steve anbringen kann, auf der Bühne seine Leistung brachte. Schaffte es der ein oder andere Fan noch nach Prag, um den Athleten vor Ort anzufeuern, darf man sich fragen, ob die anschließende Teilnahme in Spanien jemals stattgefunden hatte. Praktisch keine Berichterstattung, keine Fotos, keine Aufmerksamkeit…

Wer nun sagt, dass dies an Steves Form lag, die bereits im Vorfeld keine gute Platzierung absehbar sein ließ, dem ist Omeragic als Gegenargument zu nennen. Das ist nicht der Name eines neuen Super-Boosters, sondern einer der wohl größten Schwergewichtshoffnungen Deutschlands. Emir Omeragic erreicht den zweiten Platz auf dem Wettkampf in Spanien, nachdem er zuvor bereits bewies, bei den Profis eine gute Figur abzuliefern. Emir besitzt die Pro Card erst seit einem halben Jahr.

Dies darf auch nicht als Kritik an einer Plattform wie RepOne missverstanden werden. Wenn es keine Fans gibt, die Berichte und Videos klicken oder dies sogar im Vorfeld in einem Forum wie Team Andro aktiv fordern, wird kein Geldgeber der Welt in die Berichterstattung investieren.

Ist Bodybuilding überhaupt ein Sport?


Dass eine Antwort auf diese Frage nicht sonderlich leicht ist, zeigte sich bereits zu Beginn des Artikels. Bodybuilding ist vieles. Es ist Lifestyle, Spektakel, aber ist es auch ein Sport mit Fankultur? In jedem Fall einer anderen, als es in vielen anderen Sportarten der Fall ist. Ob man dies als undankbar bezeichnen kann, ist fraglos ebenso strittig, wie die Feststellung, dass Bodybuilding selbst undankbar wäre.

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