Eine polarisierende Erscheinung

Branch Warren: The Texas Titan

Mit Branch Warren eroberte in den 2000ern ein Bodybuilder die Szene, der längst nicht alle Ideale des Sports bedienen konnte. Allen Kritikern zum Trotz konnte der Texaner sowohl die Kampfrichter als auch eine breite Fanbase immer wieder von sich überzeugen.

Frühstarter Branch Warren


Warren wurde 1975 im Osten des Bundesstaates Texas geboren. Ganz dem texanischen Klischee entsprechend wuchs er auf der elterlichen Ranch auf. Über die körperliche Arbeit kam er schnell mit dem Kraftsport und Bodybuilding in Kontakt und stand bereits mit 16 Jahren das erste Mal auf der Bühne.

Und schon in seinem ersten Wettkampf, der AAU Teenage Mr. America, sicherte er sich den Klassen- und Gesamtsieg. Er verteidigte seinen Titel im Folgejahr 1993, zog sich dann aber für acht Jahre vom aktiven Wettkampfbodybuilding zurück.


Branch Waren bei den Profis


2001 gab Warren sein Comeback, und das mit einem Paukenschlag: Mit dem Gewinn der NPC Nationals, der renommierten US-Meisterschaft im Amateur-Bodybuilding, sicherte er sich seine Pro-Card und konnte von da an auf den großen Wettbewerben des IFBB starten. Mit dem Gewinn der Charlotte Pro und der Europa Supershow 2005 qualifizierte er sich für den Wettkampf aller Wettkämpfe: Den Mr. Olympia. Hier verpasste er mit Platz 8 zwar den Finaleinzug, konnte aber dennoch ein deutliches Ausrufungszeichen setzen.

In den Folgejahren erzielte Warren zahlreiche Top-5-Platzierungen auf den hochklassigsten Bühnen der Welt. Zu seinen größten Erfolgen zählen der erste Platz auf der New York Pro 2007 und zwei Arnold Classic Siege 2011 und 2012. Besonders eindrucksvoll auch sein zweiter Platz beim Mr. Olympia 2009, bei dem er sich nur dem damals alles überragenden Jay Cutler geschlagen geben musste, und ein dritter Platz in 2010.

Insgesamt blickt Warren auf 19 Profi-Wettkämpfe zurück, darunter 7 Siege und 4 weitere Podiumsplatzierungen. Er zählt damit zweifelsohne zu den siegreichsten und beständigsten Bodybuildern der vergangenen Dekaden – und das, obwohl seine genetischen Voraussetzungen gar nicht für eine Karriere in diesem Sport sprachen.

Branch Warren – eine polarisierende Erscheinung


Über seine gesamte Laufbahn sah sich Branch Warren stets dem Vorwurf mangelnder Ästhetik ausgesetzt. Mit seinen 1,68 Meter zählte er zu den kleinsten Athleten auf der Bühne, wirkte entsprechend nach dem Geschmack vieler Bodybuilding-Fans zu „gedrungen“.

Zu seinen größten Stärken zählten zweifellos die beeindruckenden Beine, die ihm auch den Spitznamen „Texas Quadzilla“ einbrachten. Im Vergleich hierzu fielen jedoch der Oberkörper und insbesondere die Arme stark ab – eine Störung der Symmetrie, die Warren jedoch mit jedem weiteren Jahr seiner Profikarriere immer besser beheben konnte. Auch eine anfängliche Problematik mit Wassereinlagerungen wich später einer beeindruckenden Härte und Trockenheit bei jedem Bühnenauftritt.

Ein texanisches Arbeitstier


Den zahlreichen Kritikern stand eine große Fangemeinschaft gegenüber. Insbesondere die Amerikaner liebten ihren Nationalhelden, der den texanischen Stereotypen so perfekt bediente: Branch Warren war stets ein harter Arbeiter. Neben der Sportlerkarriere baute er ein internationales Logistikunternehmen auf und stieg in die Immobilienbranche ein. Nach eigenen Aussagen kam er gut mit nur 5 bis 6 Stunden Schlaf pro Nacht aus.

Auch seine raue Schale um einen sehr weichen Kern passte stets gut in das texanische Bild. Warren bot den Fans die perfekte Mischung aus Sympathien und schonungsloser Ehrlichkeit. Privat erwies er sich als liebevoller Familienvater – mit der Bodybuilderin Trish Warren hat er seit 2012 eine Tochter – und engagiertes Gemeindemitglied. Der naturverbundene Sportler geht gern auf die Jagd und ist ein leidenschaftlicher Bücherwurm.

Im Training lies es der ruhige Texaner hingegen ordentlich krachen. Er trainierte regelmäßig im legendären MetroFlex Gym in der texanischen Hauptstadt Austin, in der auch Größen wie Ronnie Coleman verkehrten. Warren war ein Verfechter des HIT-Trainings, setzte wie seine Idole Coleman und Yates überwiegend auf Freihanteln und sehr schwere Gewichte – zu seinen Glanzzeiten konnte er mehr als 200 Kilogramm auf der Bank für Wiederholungen drücken.

Leider führte seine harte Herangehensweise immer wieder zu Verletzungen, darunter eine langwierige Beinverletzung 2012, die ihn trotzdem nicht daran hinderte, den deutschen Star Dennis Wolf bei den Arnold Classic auf Platz 2 zu verweisen. Nicht wenige Fans hierzulande nehmen ihm das umstrittene Resultat bis heute krumm.

Im Jahr 2015 erreicht Branch noch einmal einen sechsten Platz beim Mr. Olympia, bevor ein fünfter Platz bei der darauffolgenden Arnold Classic sein letzter großer Auftritte gewesen sein sollte.


Branch Warren – einer von uns


Warren ist dem Sport bis heute verbunden geblieben. Er hält sich weiterhin in Topform, gibt Seminare und ist ein begehrter Gaststar auf hochklassigen Wettkämpfen. Neben seinen eigenen Unternehmungen – u.a. eine Supplementlinie und eine Beef Jerky-Marke – kooperiert er mit Gasp und Otomix.

Branch Warren mag nicht der schönste Bodybuilder der vergangenen Epoche gewesen sein. Aber vielleicht ist grade das seine wichtigste Botschaft an alle Fans: Auch aus einem Mangel an der „Freak-Genetik“, wie sie viele seiner Konkurrenten in die Wiege gelegt bekamen, kann harte Arbeit und die Liebe für den Sport etwas ganz Besonderes formen.

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