Was soll das jetzt wieder?

Carnivore Diet: eine Ernährung nur mit Fleisch

Die Carnivore Diet ist eine Ernährungsform, bei der sich die Nahrung ausschließlich auf Fleisch beschränkt. Paleo für Menschen, denen Paleo noch nicht asketisch genug ist. Oder für SUV-Fahrer, die Aufkleber mit Anti-Greta-Statements auf ihre Heckscheibe kleben? Ein (nicht ganz wertungsfreier) Blick auf ein Paralleluniversum der Diätindustrie.

Shawn Baker - der Mann hinter der Carnivore Diet


Eine goldene Regel des Marketings lautet: Menschen kaufen von Menschen. Soll heißen: Eine Biografie hinter dem Produkt kann den Absatz dramatisch steigern. Auch Diäten, bzw. (sinnvoller übersetzt) Ernährungsformen, verkaufen sich besser, wenn jemand sein Gesicht dafür hinhält. Was Robert Atkins für die Atkins-Diät, ist Shawn Baker für die Carnivore Diet.


Bakers Lebenslauf bringt alles mit, was für eine Vertrauensbasis wichtig ist. Ehemaliger Elitesoldat, Medizinstudium, chirurgische Berufstätigkeit, Strongman mit Weltrekordstatus (das dieser durch unzählige Verbände, Gewichts- und Altersklassen, Teildisziplinen etc. zustande gekommen sein mag, weiß der durchschnittlich gebildete Leser ja nicht). Dazu sieht er mit über 50 immer noch phantastisch aus. Und das alles „drug- und hormone free - und seit mehreren Jahren auch „plant free“.

Wie funktioniert die Carnivore Diet?


Die Carnivore Diet ist schnell erklärt: In ihrer reinen Form erlaubt sie ausschließlich Fleisch, und das bevorzugt von Landsäugern.

Geflügel, Fisch und Meeresfrüchte sind in einer leicht abgeschwächten Variante auch zulässig. Empfohlen ist auch der Verzicht auf alle Getränke außer Wasser. Je nach Typ können aber auch Kaffee, Tee oder sogar Alkohol konsumiert werden. Dasselbe gilt für Milchprodukte. Shawn Baker hat selbstredend ein Business aus seinem Ernährungskonzept gemacht und bietet Einsteigern Coaching-Formate an, in denen die individuellen Anpassungen an die ganz strenge Carnivore Diet vorgenommen werden.

Mit der Carnivore Diet ist auch der „Nose-to-Tail“-Ansatz verknüpft, Von der Nase bis zum Schwanz soll dabei das gesamte Tier verwertet werden - Knochenmark, Leber, Nieren, Hirn, Herz, Haut, einfach alles.

Zudem soll rein instinktiv gegessen werden. Essen, wenn der Hunger kommt, aufhören, wenn man satt ist. Von derzeit populären Konzepten wie Intermittent Fasting ist Baker kein großer Fan.

Warum keine pflanzlichen Lebensmittel?


Die Carnivore Diet erinnert offensichtlich ein wenig an Atkins, Paleo, die Metabole Diät etc., nur eben noch eine ganze Ecke extremer. Der all diesen Diäten gemeinsame Verzicht auf sehr kohlenhydratlastige oder hochverarbeitete Lebensmittel ist vor allem mit Hinblick auf den Insulin-Haushalt noch weitgehend nachvollziehbar.

Woher aber kommt die große Abneigung ihrer Anhänger gegenüber Pflanzen? Dass Getreide in dem Übermaß, in dem es in vielen Industrienationen konsumiert wird, nicht gesundheitsfördernd ist, leuchtet ein. Aber was ist mit Obst und Gemüse? Die Unverzichtbarkeit von Mikronährstoffen (Vitamine, Spurenelemente etc.) und, insbesondere, sekundären Pflanzenstoffen, zählt doch zu den wenigen absoluten Wahrheiten in der sehr undurchsichtigen Ernährungswissenschaft.

Unfreiwillig komische Begründungen: Den Menschen wurde in den vergangenen Jahrzehnten der exzessive Konsum von Obst und Gemüse empfohlen, gleichzeitig ist aber der Anteil der Übergewichtigen ebenso gestiegen wie das Aufkommen typischer Zivilisationserkrankungen wie Diabetes und Herzkreislauf-Erkrankungen. Hier hat wohl mal wieder jemand Korrelation mit Kausalität verwechselt! Außerdem sind viele nachweislich ungesunde Lebensmittel wie Rohrzucker oder Maissirup pflanzlich - Pflanzen werden daher also zu Unrecht heroisiert. Nun ja.

Etwas nachvollziehbarer ist da schon der Verweis auf Antinährstoffe, die auch die Paleo-Diät zur Begründung des Ausschlusses bestimmter Lebensmittel heranzieht. Antinährstoffe sind zum Zwecke der Verteidigung gegen Fressfeinde in vielen, oder besser gesagt fast allen Pflanzen enthalten. Laut Baker wiegen die angesprochenen gesunden Inhaltsstoffe pflanzlicher Lebensmittel die Schäden der Antinährstoffe nicht auf.

Was soll die Carnivore Diet bringen?


Natürlich das Übliche: Fettabbau, Muskelaufbau, verbesserte Leistungsfähigkeit. Aber auch die Heilung von - selbstverständlich! - Krebs und Depressionen. Diabetes. Bluthochdruck. Arthrose. Gicht. Und eigentlich alle Krankheiten, physisch wie psychisch, die dir so einfallen.

Was sagt die Forschung zur Carnivore Diet?


Testimonials hat Shawn Baker auf seinem Internetauftritt ausreichend im Aufgebot, und es gibt eine wachsende Carnivore-Community, die in Blogs, Podcasts und YouTube-Videos viel Gutes zu berichten hat. Dabei verhält es sich eben wie mit jeder anderen (extremen) Ernährungsform: Wer sich vorher mit Junkfood und 2000 Schritten am Tag in die Fettleber „gelifestyled“ hat, der wird mit einer radikalen Ernährungsumstellung Erfolge feiern können - das wäre aber auch mit einem Umstieg auf andere Diäten, die ungesunde Lebensmittel ausschließen und ein gewisses Bewusstsein und eine Struktur für die tägliche Ernährung schaffen, geschehen.

Und was sagt die seriöse Forschung zur Carnivore Diet? Shawn Baker führt auf seiner Homepage Verlinkungen zu diversen Studien auf. Hier geht es aber überwiegend um allgemeinen Fleischkonsum, den Konsum von rotem Fleisch, High Protein-High Fat vs. High-Carb, Keto etc. Die rein Karnivore Ernährung ist wohl noch zu nischig, um hier auf eine belastbare Studienlage zurückgreifen zu können.

So zitiert Baker beispielsweise aus einer Metastudie, die herausgefunden haben will, dass Fleischabstinenz positiv mit Depressionen und Angststörungen korreliert, wohingegen Fleischkonsumenten seltener an diesen mentalen Leiden erkranken. Die Studie schließt aber mit den Worten, dass die aktuelle Evidenz keine kausalen Schlussfolgerungen zulässt. Zudem haben die Verfasser in der Vergangenheit finanzielle Unterstützung der Amerikanischen Rindfleisch-Lobby empfangen. Und es ging in der Studienbetrachtung ohnehin lediglich um Vegetarier vs. Nicht-Vegetarier, nicht um die ausschließliche Ernährung von Fleisch.

Wirklich konkret um die Karnivore Diet geht es nur in einer „Studie“, die auf eine (kein Witz) Umfrage in einer Carnivore Diet-Facebook Gruppe beruht. Die Studienteilnehmer berichteten u.a. zu über 90 Prozent von einer Verbesserung oder gar Beseitigung ihres Übergewichtes, 74 Prozent hatten eine Diabetes oder Insulin-Resistenz geheilt und 96 Prozent ihre psychische Gesundheit verbessert. Nette Zahlen, aber über die methodische Qualität dieser Forschung sei hier einmal der Mantel des Schweigens gelegt.

Was wir bräuchten, wäre eine Langzeitstudie, die eine Personengruppe auf eine wirklich strikte Karnivore Diet setzt und mit einer Kontrollgruppe vergleicht. Freiwillige vor? Die „Fleischfresser-Diät“ ist wohl zum gegenseitigen Zeitpunkt noch zu weit vom Mainstream entfernt, um die Investition öffentlicher Forschungsgelder zu rechtfertigen.

Apropos öffentlich: Auf dem YouTube Channel „PULS“, der zu den öffentlichen Rundfunkanstalten gehört, unterzog sich ein Reporter einem zweiwöchigen karnivoren Selbstexperiment. Sein Blutbild ergab im Anschluss einen bedenkliche Anstieg seiner Harnsäurewerte, aber auch positive Veränderungen wie einen Abfall des „schlechten“ LDL-Cholesterins. Allgemein berichtete der junge Mann - übrigens ein schlanker Nicht-Sportler mit durchschnittlich gesunder Ernährung - von einem guten Energielevel und mindestens gewöhnlicher Leistungsfähigkeit.


Carnivore Diet - Pro und Contra


Das fällt an der Carnivore Diet positiv auf:
  • Hochverarbeitete Lebensmittel werden ausgeschlossen.
  • Zucker und stark kohlenhydrathaltige Lebensmittel werden ausgeschlossen - ein geeignetes Mittel gegen Insulin-Resistenz oder sogar Diabetes Typ 2.
  • Die Eiweißversorgung ist sichergestellt.
  • Beim Verzerr von Innereien werden wertvolle Mikronährstoffe, z.B. Eisen oder Vitamin A, aufgenommen.
  • Die Diät kann als „Reset“ verwendet werden, um eine ungesunde Lebensweise mit unstrukturierter Ernährung abzulegen.
Und hier die vielen negativen Seiten:
  • Diverse Mikronährstoffe aus pflanzlichen Lebensmitteln fehlen.
  • Die Ernährung ist extrem ballaststoffarm und macht daher langfristig Verdauungsprobleme oder sogar Darmerkrankungen wahrscheinlich.
  • Die Carnivore Diet ist praktisch eine No-Carb-Diät und daher für Sportler fast aller Sportarten - insbesondere Kraft- und Ausdauersport - ungeeignet.
  • Hoher Fleischkonsum ist immer auch mit hoher Purinaufnahme verbunden und kann sich ungünstig auf die Harnsäurewerte auswirken.
  • Die Carnivore Diet ist eintönig und schränkt die Flexibilität im Alltag stark ein.
  • Die Ökobilanz dieser Ernährungsform ist selbstredend unterirdisch.
  • Wer zur Schadensbegrenzung Bio kauft, stürzt sich in finanzielle Abgründe.
  • Und selbst dann sterben sehr viele Tiere für deine „Ernährungsphilosophie“ - es bleibt ein ethisches Desaster.

Fazit zur Carnivore Diet


Der Mensch braucht ja immer was Neues - eine neue Herbst-Kollektion, ein neues Golf-Modell, neue Trends für Tannenbaumkugeln, und eben auch neue Diätformen. Irgendwo da draußen gibt es schließlich immer jemanden mit dem Berufswunsch „Guru“. Jetzt also die Carnivore Diet.
Sollte man in der Diät auf Fleisch verzichten? Im Artikel erfährst du mehr dazu.
Diät-Bestandteile wie der Verzicht auf Kohlenhydrate oder stark verarbeitete Lebensmittel überzeugen, sind aber auch nichts Neues und ließen sich auch mit weniger Verzicht haben. Persönlich gestehe ich solchen Extremisten maximal eine Daseinsberechtigung als „Kickstart“ in einen neuen Lebensstil zu.

Langfristig wüsste ich nicht, was für eine derartige Beschneidung der Lebensqualität sprechen sollte. Und selbst wenn - wovon nicht auszugehen ist - die Forschung irgendwann die absolute Überlegenheit der Carnivore Diet nachweist: Angesichts ihrer ökologischen und ethischen Unzulänglichkeiten disqualifiziert sie sich vollkommen als langfristige Lösung. Da sterbe ich lieber ein paar Jahre früher an Krebs, gehe aber mit halbwegs gutem Karma von dieser Erde.

Quellen

  • Dobersek et al.: Meat and mental health: A meta-analysis of meat consumption, depression, and anxiety. Critical Reviews in Food Science and Nutrition, 2021.
  • Lennerz et al.: Behavioral Characteristics and Self-reported Health Status Among 2029 Adults Consuming a “Carnivore Diet”. Oxford Academic. 2021.

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