Was ist "clean"?

Clean Eating – noch mal ein paar Gedanken

Im vergangenen Sommer verschlug es mich auf eines dieser Foodtruck-Festivals, die so super populär waren, als draußen noch angenehme Temperaturen herrschten. Die Veranstaltung war mir auf Facebook ein paar mal flüchtig als Sponsored Post erschienen und lief unter dem Label "Clean eating". Immer gern doch! Auf dem Gelände angekommen musste ich feststellen, dass ich mich auf einer rein veganen Veranstaltung befand. Dass der Clean Eating-Begriff eine offizielle Definition vermissen lässt, war mir ja klar. Ihn mit Veganismus gleichzusetzen erschien mir jedoch ein wenig zu großzügig ausgelegt.
Achso: Ich will hier jetzt übrigens kein Veganer-Bashing betreiben! Weder um die moralische Diskussion noch die darüber, ob der Homo sapiens als Pflanzen- oder Allesfresser konzipiert ist, soll es an dieser Stelle gehen. Im konkreten Falle war ich nur an einige Stände geraten, die sehr fragliche Fleischersatzprodukte feilboten: Aus Soja, Weizen oder sonstigen, undefinarbaren Teigerzeugnissen, und massig E-Nummern. Ich bin ja nun wahrlich keine Öko-Tante - aber auf einem Clean Eating-Festival?
Aber wie gesagt, der Begriff ist ja nach wie vor dehnbar. Ich zum Beispiel tendiere da in eine paleo-artige Richtung – nach Jahren und mittlerweile hauptberuflich in der CrossFit-Szene unterwegs ergibt sich das wohl so. Wer Paleo nicht kennt oder (verständlicherweise) grade mit irgendwas anderem durcheinander wirft: Das Konzept sieht eine Anlehnung an unsere Ernährungsweise vor der industriellen Landwirtschaft vor. Verboten sind unter anderem:
  • Milch und alle Milchprodukte
  • Getreideprodukte
  • Hülsenfrüchte (z.B. Erdnüsse, Kidneybohnen, Soja)
  • Zucker
  • Zusatzstoffe jeder Art
  • Pflanzenöle (hiervon ausgenommen: Kokosfett, einige Olivenöle)
Dazu kommen diverse Grauzonen-Lebensmittel, etwa die weiße Kartoffel oder auch Reis.


Hochverarbeitete Lebensmittel – Proteinpulver unter anderem auch - scheiden ebenso aus wie alles, was auffällig haltbar ist: Konserven, Eingelegtes, Fermentiertes ... Was gegessen wird, soll zudem möglichst bio, regional und saisonal sein.

Ist das also Clean Eating? Es ist immerhin frei von Weizen, dieser neuen Geißel der Moderne, und allem Unaussprechlichen aus dem Chemiebaukasten. Es ist mir zumindest sympathischer als der Fleischersatz-Rahmen, den ich auf dem Foodtruck-Festival vorgesetzt bekam.

Clean Eating bedeutet für viele aber auch: Eine Ernährung frei von Allergenen. Da wäre Paleo an der Gluten- und Lactose-Front ja schon mal gut augestellt. Aber was ist mit den in derselben Ernährungsform so gehypten Eiern und Nüssen so wie stark fructose-haltiges Obst, auf das nicht wenige Menschen ebenfalls sehr sensibel reagieren? Wie "clean" bleibt Paleo für diese Bevölkerungsgruppe?

Zurück zu den Veganern: Immerhin führen die ihrem Körper ja nichts Totes zu, dass zuvor über Wochen und Monate mit allerlei Gruseligem aus der Veterenär-Pharmazie "verwöhnt" wurde. Die Tatsache, dass Veganer statistisch gesehen länger leben als Fleischkonsumenten, ist aber wohl doch auf ihre generell bewusstere Lebensweise zurückzuführen.

In der Praxis berichtet so manch einer nach der Umstellung auf die pflanzliche Nahrung von Gewichtszunahme, häufig bedingt durch einen erhöhten Getreidekonsum oder die Umstellung auf stärke- und/oder fettreiche Proteinquellen wie etwa Bohnen und Tofu. Clean oder nicht clean?
Es sind oft dieselben Menschen, die auf den bedenklichen Hormongehalt in Milch hinweisen und dabei große Mengen Soja konsumieren, dessen Einfluß auf die Regulation weiblicher Hormone in unserem Körper ebenfalls noch nicht geklärt ist.
Umgekehrt gilt das natürlich auch!

Oder ist Clean Eating alles, was auf Instagram landet? Oder besteht da das Hauptkriterium nur in der Anrichtung in grob getöpferten Schüsseln (Verzeihung, ich meinte natürlich "Bowls"), der Garnitur mit Superfood-Beeren und dem beiläufig im Bild platzierten, schwarzen Kaffee aus Fairtrade-Bohnen?

Wir sollten uns von diesem Clean Eating vielleicht auch nicht ganz so verrückt machen lassen, wie es viele aufgrund des – vermutlich – Social Media-Drucks tun. Mittlerweile gibt es ja einen seperate, klinisch definierte Essstörung, bei der gesunde Ernährung in eine Zwangsstörung umkippt. Ich las kürzlich von einer eben dieser Food-Blogger, die schließlich mit ihrer Erkrankung and die Öffentlichkeit trat. Über Monate hatte sie sich nur von speziellen Smoothies ernährt und zudem regelmäßig einwöchige Fastenkuren eingeschoben, um sich zu reinigen von ... ja, von was eigentlich?

Das Aha-Erlebnis trat schließlich auf einem ca. viertelstündigen Umweg zur nächsten Smoothiebar ein (ihr Stammlokal hatte eine spezielle Zutat an diesem Tag nicht vorrätig), auf der ihr geschwächter Körper unter der Anforderung des Spazierengehens beinah kapitulierte.

Also: Alles mit Bedacht, solange Clean Eating nicht mehr ist als ein Hashtag, sollten wir uns nicht voreilig irgendetwas unterwerfen. Wie wär’s mal wieder mit dem guten, alten Körpergefühl? Ja, das Selbstexperiment ist entbehrungsreicher und anstrengender als das kurze Überfliegen eines Zentrum-der-Gesundheit-Artikels oder einer flammenden Youtube-Rede des Verschwörungstheoretikers, den dein Freund mal wieder auf Facebook geteilt hat. Aber wir sollten doch alle so essen, wie es a) unseren selbstgewählten Leistungsstand unterstützt und b) auch noch irgendwie mit unserem sozialen Leben und Seelenheil zusammen passt.

Individuell nachhaltige Ernährungskonzepte ersparen dir sogar die regelmäßige "Cleanse"! Viel Spaß beim Essen!

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