Meta-Studie zu Süßstoffen

Erst mal eine Coke Zero – oder doch lieber nicht?

Wer abnehmen möchte, muss seine Kalorienbilanz im Auge haben, das sollte sich mittlerweile herumgesprochen haben. Verzicht ist aber eben nicht immer angenehm, daher ist es sinnvoll, dort zu sparen, wo es am wenigsten "wehtut". Viele tauschen daher Zucker gegen Süßstoffe. Doch ist diese Lösung wirklich zielführend? Oder ist sie gar gesundheitsgefährend? Eine aktuelle Meta-Studie hat sich mit diesen Fragen beschäftigt.

Zucker ist drauf und dran, gesättigten Fetten den Rang als Dickmacher und Gesundheitsgefährder Nummer 1 den Rang abzulaufen, zumindest was die öffentliche Wahrnehmung betrifft. Kein Wunder also, dass mehr und mehr Menschen zu alternativen Lebensmitteln greifen, in denen Zucker durch Süßstoffe ersetzt wurde. Doch ein wirklich gutes Standing haben Süßstoffe auch nicht. Wer zu einer Diätlimonade greift, darf sich nicht selten eine oder mehrere der folgenden "Argumente" anhören:
  • Süßstoffe steigern das Verlangen nach Süßem.
  • Süßstoffe sind zum Abnehmen ungeeignet.
  • Süßstoffe sind ungesund und fördern unter anderem Krebs.
Man könnte die Liste sicher beliebig fortsetzen. Und dennoch: In den Supermarktregalen reihen sich mehr und mehr zuckerfreie Lebensmittel aneinander. Kurzum: Aller Kritik zum Trotz liegen Light-Produkte, bei denen Zucker gegen Zuckerersatzstoffe ausgetauscht wurde, voll im Trend.


Zeit für eine Meta-Studie zum Thema Süßstoff

In den letzten Jahren wurden unzählige Studien zu den Nutzen und Gefahren von Süßstoffen durchgeführt, mit durchaus unterschiedlichen Ergebnissen. Der Weltgesundheitsorganisation WHO war diese Datenlage für konkrete Empfehlungen wohl zu vage, sodass sie nun ein internationales Forscherteam damit beauftragt hat, relevante Studien zu diesem Thema zu sichten und die Ergebnisse zusammenzutragen.

Das Team um Ingrid Toews vom Institut für Evidenz in der Medizin in Freiburg untersuchte alle Studien, die den Konsum von Zucker und Süßstoffen verglichen, stolze 13.941 an der Zahl, und trug die Ergebnisse von 56 Studien zusammen, die es für aussagekräftig hielt.

Von insgesamt 13.941 Studien zum Thema "Zucker vs. Süßstoffe" wählten die Forscher 56 für ihre Meta-Analyse aus. / Quelle: bmj.com

Dabei ging es vor allem um drei zentrale Fragen:
  1. Helfen Süßstoffe übergewichtigen Menschen beim Abnehmen?
  2. Welchen Einfluss hat der Konsum von Süßstoffen auf den Appetit auf Süßes?
  3. Verändern Süßstoffe das Risiko für Krankheiten wie Diabetes und Krebs?
Die Ergebnisse dieser Studie wurden nun frei zugänglich auf der Website des BMJ veröffentlicht.

Das Wichtigste zuerst

Beginnen wir mit der zentralen Aussage der Studie:
"Most health outcomes did not seem to have differences between the NSS [non-sugar-sweeteners] exposed and unexposed groups. Of the few studies identified for each outcome, most had few participants, were of short duration, and their methodological and reporting quality was limited; therefore, confidence in the reported results is limited. Future studies should assess the effects of NSSs with an appropriate intervention duration. Detailed descriptions of interventions, comparators, and outcomes should be included in all reports."
Soll heißen: Trotz der durchaus beachtlichen Studienlage sind die vorliegenden Ergebnisse so limitiert, dass sich das Forscherteam weitgehend außer Stande fühlt, konkrete Handlungsempfehlungen abzuleiten. Zwar gebe es immer wieder Einzelstudien, die einen gewissen Effekt nachwiesen, diese seien jedoch hinsichtlich des Studiendesigns meist fragwürdig. Die Forscher fordern weitere, langfristigere Studien, um wirklich fundierte Aussagen treffen zu können.

Und doch lohnt sich ein Blick in die Ergebnisse der Studie, denn ein wenig mehr als "Wir wissen, dass wir nichts wissen" gibt diese schon her. Angemerkt sei, dass in der Folge nur die Ergebnisse für Erwachsene berücksichtigt wurden. In der Publikation werden die Ergebnisse für Kinder separat genannt. Die Ergebnisse entsprechen aber weitgehend den vorgestellten.

Süßstoffe und Körpergewicht

Beginnen wir mit der vielleicht spannendsten Frage: "Helfen Süßstoffe beim Abnehmen?".

Die Forscher kommen zu dem Ergebnis, dass der Austausch von Zucker durch Süßstoffe keinen nennenswerten Effekt auf das Körpergewicht hat, insbesondere bei Normalgewichtigen. Dabei spielte es keine Rolle, welcher Süßstoff zum Einsatz kam.

Ernüchterndes Ergebnis: Zucker durch Süßstoffe zu ersetzen, brachte kaum einen Vorteil bei der Gewichtsabnahme. / Quelle: bmj.com

Können wir also den Artikel an dieser Stelle schon beenden? Denn welchen Sinn sollte es haben, Zucker durch Süßstoffe zu ersetzen, wenn diese keinen Vorteil beim Abnehmen mit sich bringen?

Nein, denn die Autoren weisen nicht zu Unrecht darauf hin, dass die Datenbasis dieser Ergebnisse nicht sonderlich stark ist. Aber zur Diskussion dieses Ergebnisses später mehr.

Süßstoffe und Diabetes

Immer wieder hört man, dass auch Süßstoffe den Blutzuckerspiegel ansteigen lassen und dadurch eine Insulinreaktion hervorrufen. Hierzu fanden die Forscher heraus, dass der Blutzuckerspiegel nach der Zufuhr von Süßstoffen um 0,16 mmol/l unter dem Wert lag, der bei der Zufuhr von Zucker erreicht wird. Wirklich viel Unterschied ist das nicht, bedenkt man, dass bei Nicht-Diabetikern der Blutzucker selten unter 3,3 mmol/l sinkt, sich im Normalfall bei unter 5,6 mmol/l liegt und nach dem Essen nicht über 7,8 mmol/l steigt.

Spannender ist die Feststellung, dass die untersuchten Studien keinerlei relevante Unterschiede hinsichtlich der Plasma Insulin Level und der Insulinresistenz feststellen konnten. Zum einen deuten diese Ergebnisse darauf hin, dass Süßstoffe keineswegs das Risiko, an Diabetes zu erkranken, erhöhen. Zum anderen stellt sich aber natürlich die Frage, inwieweit die Einnahme von Süßstoffen sinnvoll ist, wenn die körperliche Reaktion darauf sich fast nicht von der nach der Zufuhr von Zucker unterscheidet.

Süßstoffe und Appetit

Wie sieht es nun mit dem Vorurteil aus, Süßstoffe würden den Appetit, vor allem auf Süßes, steigern? Die Ergebnisse in dieser Frage wichen stark voneinander ab. In den untersuchten Kurzzeitstudien sank die tägliche Kalorienzufuhr nach dem Austausch von Zucker durch Süßstoffe um bis zu 250 Kalorien, in Langzeitstudien um bis zu 500 Kalorien täglich. Zum Vergleich: 1l Cola hat rund 370 Kalorien.

Der Ersatz von Zucker durch Süßstoffe reduziert die tägliche Kalorienzufuhr auf lange Sicht um bis zu 500 Kalorien täglich. / Quelle: bmj.com

Kaum Unterschiede gab es beim wahrgenommenen Hungergefühl, auch bei dem Verlangen nach Süßem. Im Gegenteil: Eine Studie zeigte, dass das Verlangen nach Süßem geringfügig sank, wenn Zucker durch Süßstoffe ersetzt wurde. Interessante Randnotiz: Die tägliche Zuckerzufuhr sank durch den Austausch um durchschnittlich knapp 90 g.

Süßstoffe und Krebs

Begünstigen Süßstoffe die Ausbildung und das Wachstum von Krebs? Die untersuchten Studien lieferten hierfür keine Belege. Die Verwendung von Süßstoffen hatte keine nennenswerte Auswirkung auf das Krebsrisiko, auch das oft verteufelte Aspartam nicht.

Süßstoffe führen zu keiner nennenswerten Erhöhung des Risikos einer Krebserkrankung. / Quelle: bmj.com

Süßstoffe und Blutdruck

Einige Studien wiesen einen niedrigeren Blutdruck in den Versuchsgruppen nach, die Zucker durch Süßstoff ersetzten. Die Werte lagen im Durchschnitt um 4,90 mm Hg in der Systole und 3,27 mm Hg in der Diastole unter denen der Zucker-Vergleichsgruppe. Gerade im Bereich der Diastole ein durchaus beachtlicher Unterschied.

Das Fazit der Autoren der Meta-Studie

Die Effekte des Austausches von Zucker durch Süßstoffe sind sehr begrenzt. Dazu die Autoren:
"For most outcomes, there seemed to be no statistically or clinically relevant difference between NSS intake versus no intake, or between different doses of NSSs. No evidence was seen for health benefits from NSSs and potential harms could not be excluded."
Doch halten sich die Forscher mit der Bewertung der Aussagekraft ihrer Ergebnisse sehr zurück, da sie mit dem vorliegenden Studienmaterial nicht wirklich glücklich zu sein scheinen.
"The certainty of the included evidence ranged from very low to moderate, and our confidence in the reported effect estimates is accordingly limited."
Ferner weisen sie darauf hin, dass es durchaus langfristige Kohortenstudien gibt, deren Ergebnisse in einigen Punkten von den ihren abweichen, die jedoch nicht berücksichtigt wurden, da die Art der verwendeten Süßstoffe nicht explizit genannt wurde.

Wie schon eingangs erwähnt, scheinen die Forscher mit den ihrer Untersuchung vorliegenden Daten nicht wirklich glücklich zu sein und betonen daher mehrfach, dass ihre Ergebnisse mit Vorsicht zu genießen seien.

Konsquenzen für dich

Trotz der Einschränkungen, die die Autoren bei der Bewertung ihrer Ergebnisse empfehlen, sind diese nicht uninteressant. Daher die wesentlichen Konsequenzen für deine Diät:
  1. Der Austausch von Zucker durch Süßstoffe kann dir helfen, deine Kalorienzufuhr zu reduzieren. Durchschnittlich sind hier bis zu 500 Kalorien täglich möglich.
  2. In vielen Fällen kann also bereits ein Kaloriendefizit erzeugt werden, einzig indem stark zuckerhaltige Lebensmittel eleminiert werden.
  3. Je höher die aktuelle Zuckerzufuhr ist, desto einfacher können Kalorien eingespart werden, indem der Zucker reduziert oder ersetzt wird.
  4. Durch die Zufuhr von Süßstoffen werden sich dein Hungergefühl und deine Lust auf Süßes nicht verändern.
  5. Du musst vermutlich keine Sorge um gesundheitliche Risiken haben.
Bitte nicht falsch verstehen: Das soll keine Empfehlung sein, sich nun literweise Diätlimonade hinter die Birne zu kippen. Denn eines ist sicher: Wasser oder ungesüßte Tees sind zweifellos die bessere Alternative. Man sollte aber nicht vergessen, dass Abnehmen für viele auch ein Brechen mit liebgewonnenen Gewohnheiten ist.

Der Versuch, gleich das ganze Leben auf den Kopf zu stellen, scheitert oft. Nicht ohne Grund weist Vasanti Malik von der Harvard T. H. Chan School of Public Health (Boston, USA) in einem begleitenden Kommentar darauf hin, dass der Austausch von Zucker durch Süßstoffe eine Brücke für Menschen sein kann, die vorher sehr viel zuckerhaltige Lebensmittel zu sich genommen haben, hin zu natürlicheren und gesünderen Alternativen.

Letztlich landen wir, wie so oft, bei dem guten alten Paracelsus:
    "Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift; allein die Dosis machts, dass ein Ding kein Gift sei."
Die Zuckerzufuhr zu verringern, ist sicherlich eine gute Idee, ist diese in den Industrienationen ohnehin fast immer deutlich zu hoch. Diese viel zu hohe Zuckerzufuhr vollständig durch Süßstoffe zu ersetzen, erscheint nur begrenzt sinnvoll. Die Zuckerzufuhr jedoch über den Umweg der Süßstoffe zu reduzieren, ohne aber diese exzessiv zu konsumieren, das erscheint ein probates Mittel. Oder einfacher:

Wenn es dir mal nach einer Cola dürstet, ist die Coke Zero sicher die bessere Wahl im Vergleich zur zuckerhaltigen Schwester. Den Großteil der Flüssigkeitszufuhr sollte Diätlimonade aber eben auch nicht ausmachen.

Hinweis des Autors: Gerne biete ich auch eine individuell auf euch zugeschnittene Betreuung an. Alle Informationen hierzu findet ihr unter Ironhealth.de! Ihr habt Fragen zur Einzelbetreuung? Dann kontaktiert mich doch einfach unter info@ironhealth.de!



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