Alles nur Schein?

Das Comeback der Sophia Thiel: Kein Recht mehr auf Aufmerksamkeit?

Wer so richtig Interaktion unter seinen Posts haben will, muss sich derzeit einfach nur zu Sophia Thiel äußern. Der Name triggert die gesamte Szene. Und dabei scheint es nichts zwischen zwei Extremen zu geben: Die treue Fangemeinde, die Sophia für die größte Inspiration aller Zeiten hält, und die Hater, die ihr im bisweilen sehr ausfallenden Ton jedes Recht auf Aufmerksamkeit absprechen. Ihre guten Gründe haben beide Seiten.


Die Akte Thiel


Für den unwahrscheinlichen Fall, dass Sophias Werdegang dem Leser noch nicht bekannt ist, hier einmal die Kurzfassung: Ein junges Mädchen aus Rosenheim kämpft seit ihrer Kindheit mit Übergewicht und dem häufig damit einhergehenden Mobbing. Als Teenager fängt sie mit dem Training im Fitnessstudio, wo der bekannte Bodybuilder Ercan Demir ihren besonderen Biss erkennt und fördert.

Mit 18 nimmt sie an zwei Wettkämpfen in der Bikiniklasse teil, ist hier aber recht erfolglos. Dennoch wird sie durch einen Beitrag im Sat 1 Frühstücks-Fernsehen beinah über Nacht zum Star. Es folgen atemlose Jahre. Millionen von Followern auf Instagram und YouTube, ein eigenes Fitnessprogramm, zahlreiche Auftritte in bekannten TV-Formaten, Kochbücher, eine Modelinie, ein eigenes Parfum, eine eigene Zeitschrift … Sophias Management lässt nichts anbrennen.

Doch daran zerbricht die Influencerin sichtbar. Immer wieder erscheint sie nach Phasen in wettkampftauglicher Shape mit einigen Pfunden zu viel auf der Bildfläche. Nach einem völligen Zusammenbruch kurz vor der Fibo 2019 zieht sie sich für zwei Jahre komplett aus der Öffentlichkeit zurück. Bei ihrem sehr medienwirksamen Comeback 2021 gibt sie zu, was der halbwegs szenekundige Beobachter ohnehin schon wusste:

Sie litt jahrelang an einer Binge Eating-Störung. Nun ist sie mit neuer Mission unterwegs, weg vom Fitness-Content zu Body-Positivity und Aufklärung zum Thema Essstörungen. Bei weitem nichts Innovatives - aber wenn eine Sophia Thiel den Mund aufmacht, hörte die Fitness-Bubble ganz genau hin.

Pro Sophia Thiel: jeder darf Fehler machen


Eines darf bei der Diskussion um Sophia nicht vergessen werden: Sie war wirklich verdammt jung, als der Trubel um sie herum begann. Man muss sich nur einmal an einer Universität umschauen, um zu erkennen, wie naiv und lost Menschen auch noch mit Mitte oder Ende Zwanzig sind. Oder auf seltsamen Profilen von Ü40-Hausfrauen, die wirklich an den großen Durchbruch im Networkmarketing glauben.

Im Vergleich dazu hat sich die Abiturientin Sophia noch sehr reif verhalten. Dass bei derart geringer Lebenserfahrung Situationen falsch eingeschätzt werden, man sich schnell von den falschen Leuten beraten lässt und mit Aufgaben übernimmt, ist nur menschlich.

Und mir sind noch nicht einmal grobe geschäftliche Schnitzer ihrerseits bekannt. Das Sophia Thiel-Magazin wurde nach zwei Ausgaben eingestellt aber mein Gott, das Risiko wird wahrscheinlich ohnehin die Pro Sieben Media AG getragen haben und die zahlen das aus der Portokasse.

Als moralischer Patzer wird allerdings immer wieder Sophias Fitness-Programm bezeichnet, das bei drei Trainingseinheiten à 20 Minuten pro Woche den Traumkörper des Idols verspricht. Aber auch hier lässt sich argumentieren: Sophia selbst hat ihr Programm als eine Art Kickoff in ein gesünderes Leben bezeichnet, und für totale Anfänger mag das auch durchaus funktionieren.

Wurde dies aus dem Werbematerial des Programms für den Käufer klar ersichtlich? Nein. Hätte Sophia sich für eine transparentere Kommunikation stark machen können? Ja. Ging es ihr dann aber doch nur ums Geld? Vielleicht.

Aber das kann man doch einer 19-Jährigen kaum verdenken. Ich selber kenne übrigens tatsächlich eine Person, die mit Sophias Programm erstmals in ihrem Leben Zugang zu Fitness gefunden und nachhaltig abgenommen hat. Und ich weiß, dass ein einzelner Mensch keine statistische Aussagekraft bietet - aber wer auch nur ein Leben positiv beeinflusst, hat sich doch schon selbst gerechtfertigt.

Von Meal Prep zur Selflove


Na ja, und jetzt eben keine Home Workouts und kein Meal Prep mehr. Stattdessen Mindset und Selflove. Diese Inhalte sind längst durchgespielt, keine Frage. Aber das ist das nächste Tutorial zum Bankdrücken auch. Und auch der Kreatin-Artikel, den ich kürzlich selber geschrieben habe, hat erstaunlicherweise immer noch Leser gefunden.

Dich vielleicht nicht, aber es stoßen doch immer wieder neue Leute zu uns. Und deren Newsfeed spielt denen vielleicht immer noch ausschließlich diese Influencer von 2016 zu, die nichts zeigen außer eine perfekt gephotoshopte Welt, neben der sich jeder Betrachter minderwertig fühlt. Aber an einer Frau mit der Reichweite Sophias kommt niemand vorbei - und wenn dann auch nur ein von Selbstverzweifeln zerfressener Teenager sieht, dass unser aller Leben seine Downs hat und dass wir dennoch wertvolle Menschen bleiben, dann ist schon viel gewonnen. Beziehungsweise: Alles.

„Der ist halt einfach nur das Geld ausgegangen“, auch so ein Argument der Gegner. Ohne etwas über Sophias Finanzen zu wissen: Mit einer siebenstelligen Followerzahl eröffnen sich unendlich viele Wege, um den Lebensunterhalt zu bestreiten. Vielleicht hat sie sich für das aktuelle Thema entschieden, weil es ihr wirklich am Herzen liegt, schon mal daran gedacht?

Kontra Sophia Thiel - ein schlechtes Vorbild


Achtung, Phrase incoming: Mit großer Reichweite geht große Verantwortung einher. Hat Sophia diese nicht zu oft missbraucht, um immer noch als Vorbild in der Öffentlichkeit zu stehen? Kein schlechter Einwand. Irgendwie ist sie ja immer noch im Themengebiet Fitness unterwegs. Und da hat sie ja nun wirklich alles falsch gemacht, was man nur falsch machen kann, insbesondere das Wanken zwischen den Extremen, zwischen lebensfeindlicher Wettkampfform und Übergewicht. Vielleicht sollten wir die Bühne Menschen überlassen, die das besser auf die Kette kriegen. Davon gibt es ja durchaus einige auch weibliche Influencer, etwa aus dem Powerlifting oder CrossFit.

Es geht ja gar nicht darum, dass Sophia aufgrund ihrer Eskapaden dauerhaft das Recht auf Aufmerksamkeit verloren hat. Aber auch nach zweijähriger Auszeit und Therapie hat sie keinen Körper, der aus gesundheitlicher (über Geschmack lässt sich ja immer streiten) Sicht erstrebenswert ist. Und wir brauchen doch nicht wirklich noch eine Body Positivity-Vertreterin, die nach endgültiger Selbstaufgabe den einfachen Weg geht und alle Schönheitsideale für obsolet erklärt, ob pathologisch sinnvoll oder nicht.

Und irgendwie kann ich mich auch nicht ganz entscheiden, ob die öffentliche Dokumentation der eigenen Heilung ein Mutmacher ist. Oder ob sich jemand, den die Sozialen Medien ja offensichtlich kaputt gemacht haben, nicht doch zum Wohle aller davon verabschieden sollte. Wir wissen ja noch nicht, wie die Story Sophia ausgeht. Vielleicht feiern grade alle einen neuen Weg, der nur wieder in noch größeres Elend führen wird.

Apropos feiern: Die Kommentare unter Sophias Videos und Instagram-Posts sind stets ausschließlich wohlwollend. Riecht irgendwie nach Zensur.

Und wenn es ihr wirklich wie in ihrem Comeback-Video versprochen nicht ums Geld geht, warum kostet dann ihr neues dünnes Taschenbuch mit ein paar inhaltsarmen Infokästen 20€? Wie zuvor geschrieben ist nichts falsch daran, Geld verdienen zu wollen. Aber die Kommunikation erscheint hier einmal mehr nur mittelmäßig ehrlich.

Fazit zum Sophia Thiel Comeback


Ein Fazit habe ich diesmal nicht. Bild dir dein eigenes. Ich bin selber noch dabei.

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