Einblicke in die Welt der permanenten Hochleistung mit Dominic „Dome“ Giesen

CrossFit Elite Training: Interview mit Dominic Giesen

So wie man oftmals den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht, geht die Exzellenz mancher Menschen unter, die man im Alltag wie selbstverständlich um sich hat. Einer meiner persönlichen Fälle dahingehend ist „Dome“. Jahrelang kannte ich ihn zwar als guten CrossFit-Athleten, Gewichtheber und später auch Trainer, aber nachdem er irgendwann nach Wien verzogen war, verlor sich seine Spur für mich. Über Social Media bekam ich zwar ab und zu am Rande mit, dass er sich auf die Bodybuilding-Bühne vorbereitet hatte und als Coach im bekannten „Das Gym“ arbeitete, aber irgendwie fiel der Groschen trotzdem nicht, dass Dome eigentlich genau das getan hatte, was für die riesige Mehrheit nur ein ewiger Wunsch bleiben würde: über die Leidenschaft Sport zum richtig guten Trainer zu werden!

Mittlerweile lebt Dome auf Mallorca und arbeitet für „The Progrm“ - einer Heimstatt für ambitionierte CrossFit-Athleten und Profis. Ich würde jetzt gern behaupten, mich mit ihm am Strand von Palma zum Interview getroffen zu haben, allerdings saß ich leider nur mit dem Handy am deutschen Dorfteich, um mich mit ihm zu unterhalten:


MR: Erstmal vielen Dank dafür, dass du dir deine knapp bemessene Zeit für die Leser von Team Andro nimmst, um Einblicke in dein Trainer-Dasein zu geben. Vielleicht kannst du in kurzen Sätzen umreißen, wie du es geschafft hast, deinen Traum zu verwirklichen!

DG:
vAngefangen hat alles 2012, als ich in der Men´s Health einen Artikel über Rich Froning gelesen habe. In meinem jugendlichen Leichtsinn dachte ich dann so: „Games? Kann ich auch!“. Naja, trotz viel Hingabe hat es dann leider doch nicht mit den Games geklappt - aber durch die motivierte Arbeit für dieses große Ziel habe ich mir viele Kenntnisse insbesondere rund um Trainingsplanung und Optimierung der Bewegungsabläufe angeeignet.
Am hilfreichsten waren dabei diverse Seminare (unter anderem bei Klokov), Trainingslager für das Olympische Gewichtheben und die Arbeit als Coach größerer CrossFit-Classes (Trainingsgruppen).
Und weil es nun mal dazugehört, habe ich auch ein paar Trainerscheine gemacht: CrossFit Level 1, die Langhantellizenz beim BVDG oder den Diplom Strength Coach bei Intelligent Strength in Wien.

MR: Wie weit bist du in deiner Karriere als Athlet gekommen?

DG:
Ich habe nationale Wettkämpfe im Gewichtheben und Bodybuilding auf internationalem Niveau bestritten. Im CrossFit bin ich außerhalb Deutschlands angetreten. Am liebsten erinnere ich mich da an einen Competition in Ägypten - dem ElFit, bei dem man sich zeitweise sogar direkt für die Games qualifizieren konnte, zu dem ich eigentlich nur wegen meiner jordanischen Freunde gereist bin.

Allerdings muss ich auch zugeben, in meiner eigenen Athletenzeit viele Fehler in der Vorbereitung gemacht zu haben: hauptsächlich habe ich viel zu intensiv kurz vor Wettkämpfen trainiert.

Wenn du jetzt aber eine Zahl hören willst, dann sind wir bei 101 kg Snatch und 133 kg Clean&Jerk.
Hätte ich heute nochmal die Chance, als CrossFit-Athlet anzufangen, dann würde ich definitiv weniger „ballern“ und dafür mehr Oldschool-Krafttraining machen.
Ich hab mich im Training zu oft erschöpft, um meine Leistung langfristig zu optimieren.

MR: Du warst an vielen Orten zum Trainieren. Was ist dein Lieblings-Gym?

DG:
Da würde ich schon „Das Gym“ in Wien nennen, obwohl dort CrossFit etwas schwierig zu bewerkstelligen ist. Als Gesamtpaket passt da das Gold´s Gym in Berlin schon eher. Aber wenn ich auch ein Gym nennen darf, das noch gar nicht existiert, dann ist das die „Ranch“ - hauptsächlich die Vision meiner Freundin, die ebenfalls Vorbereiterin ist. Dort wird man alles trainieren können: CrossFit, Bodybuilding, Gewichtheben, Strongman oder Calisthenics.

MR: Gehen wir mal ein bisschen mehr auf das ein, was du im Laufe deiner Zeit über den Sport, insbesondere auch Bodybuilding gelernt hast. Was hältst du für einen absoluten Mythos?

DG:
Dass man auf Cardio verzichten muss, wenn man auf reinen Muskelaufbau aus ist! Da zeigen meine Erfahrungen etwas ganz anderes. Dann vielleicht noch die Sache mit dem Körperfettanteil. Oft hört man, dass für CrossFit oder in der BB-Offseason ein „möglichst niedriger“ KFA vorteilhaft ist. Das sehe ich nicht ganz so. Für eine optimale aktuell abrufbare Leistung ist mein Motto „so fett wie nötig“. Es hat Performance-Nachteile, wenn man zu lean ist.

MR: Und was wären deine Tipps?

DG:
Dass man sich selbst als Profi stark auf die Basics konzentriert. Übrigens ist das auch genau einer der Unterschiede zwischen den wirklich erfolgreichen Athleten und den „nur guten“ Amateuren. Erstere beschäftigen sich viel mehr mit den Grundlagen und beherrschen sie im Schlaf.

Herausstellen möchte ich dabei die folgenden Übungen: schwere Kniebeugen, Klimmzüge mit Zusatzgewicht und Lunges/ Ausfallschritte. Eine ganz besondere Sache habe ich von Dmitri Klokov lernen dürfen:
Nur weil sich ein Lift unbequem anfühlt, heißt das nicht automatisch, dass er schlecht war.
Bedeutet: Gutes Training ist mehr als nur reines Körpergefühl! In dem Zusammenhang sage ich Bodybuilding-Anfängern immer wieder: Vor dem reinen Pumpen mit leichten Gewichten kommt immer zuerst das Aufbauen von Kraft in den Grundübungen!

MR: Okay. Nehmen wir an, ein ganz junger Athlet kommt mit dem Ziel zu dir, an den Games teilnehmen zu wollen. Was rätst du ihm?

DG:
Ich als Trainer freue mich über drei Dinge: Vertrauen, Geduld und Kommunikation. Ein anstrebender Games-Teilnehmer muss bei mir 15 bis 25 Stunden pro Woche trainieren. Dazu kommen die zusätzlichen Zeiten für Schlaf und das Essen. Willst du im CrossFit wirklich etwas erreichen, dann ist das kein Hobby mehr.

MR: Klingt, als müsste man sich von seinem Privatleben verabschieden. Hast du selbst da so einen Wandel vom egozentrischen Athleten zum empathischen Trainer vollzogen?

DG:
Ich hab die Ego-Nummer voll durchgezogen, ja. Und was den eigenen Sport betrifft, so bin ich immer noch kein Teamplayer.

Mit meinen Athleten ist es aber was anderes. Ich sehe das wie einen Formel-1-Fahrer: auf der Strecke ist er zwar allein, aber ohne sein Hintergrund-Team funktioniert es nicht.
Ein guter Trainer gibt alles für den Erfolg seiner Athleten und das bedeutet unter anderem auch, sich um weit mehr als um Trainingspläne und die Ausrüstung zu kümmern.
Ich glaube, was mich von vielen anderen Trainern unterscheidet, ist die Kommunikation. Training kann man nicht nur von der wissenschaftlichen Seite sehen. Mindestens genauso wichtig ist das Eingehen auf das ganze Leben und Denken des Athleten. Ein Trainer muss mitbekommen, wenn irgendwas in die falsche Bahn läuft, um optimale Anpassungen vornehmen zu können.

MR: Fieberst du auf Wettkämpfen eigentlich mit deinen Athleten mit?

DG:
Auf einem Wettkampf habe ich einen Plan für den Athleten im Kopf, den ich im Sekundentakt anpassen muss. Wenn ich die Leistung meines Athleten objektiv betrachten und gute Entscheidungen für ihn treffen will, muss ich eine gewisse professionelle Distanz zu meinen Emotionen haben.

Ist der Wettkampf allerdings vorbei, so freue ich mich riesig, wenn ich sehe, dass sich mein Athlet verbessern konnte, oder eine gute Platzierung eingefahren hat. Ich werde regelrecht euphorisch und stelle manchmal fest, dass ich stolzer auf die Leistung meiner Athleten bin als auf meine eigene.

MR: Auf welche Disziplin legst du bei deinen Athleten am meisten Wert?

DG:
Die Zeiten, wo du als außergewöhnlicher Spezialist (z.B. reiner Turner oder Gewichtheber) im CrossFit etwas reißen konntest, sind definitiv vorbei. Ein ambitionierter Wettkämpfer darf sich keine Schwächen mehr erlauben, sonst wird er von den Allroundern eingefangen. In dem Zuge sage ich auch: MetCons reichen nicht für die komplette Entwicklung der Ausdauer aus - reines Cardio ist für mich eine bedeutende Leistungsbasis!

MR: Lass uns mal noch über das Thema Ernährung sprechen. Wenn man so mit dir spricht, scheint es dir nicht der allerwichtigste Punkt zu sein.

DG:
Naja, man darf die Ernährung halt nicht verkomplizieren. Ich halte es durch ein paar Prinzipien bewusst einfach: an oberster Stelle steht die Absicherung der Kalorienbilanz, dann folgt die Betonung des Nahrungsproteins. Kohlenhydrate sollte man als CrossFitter nicht scheuen und Fette sind aus hormonellen Gründen insbesondere für die Damen wichtig. Über Mikronährstoffe mache ich mir keine besonderen Gedanken.

Bei Nahrungsergänzungsmitteln rate ich oft zu Zink, Fischöl, einem Multivitamin und bei Leistungsathleten Beta-Alanin als Laktat-Puffer. Ein absolutes Muss ist aber Kreatin!

Umgekehrt war in meiner Vorbereitung auf die Bodybuilding-Bühne bei der EM in Florenz (INBA) die Ernährung die größte Herausforderung. Der Hunger raubte mir den Fokus. Damals musste ich in sieben Monaten von 96 auf 73 kg runter - und das Snickers unmittelbar vor dem Auftritt war unbeschreiblich. Ich werde nie vergessen, wie ich damals aus der Kälte in die Wärme der Scheinwerfer getreten bin und es einfach nur genießen konnte. Das werde ich auch nochmal machen!

MR: Verlierst du als hauptberuflicher Trainer manchmal die Lust, selbst zu trainieren und was ist dein favorisiertes WOD?

DG:
Die Lust am Training habe ich mir immer bewahrt. Aber wenn ein Athlet gerade viel Betreuung braucht, dann stelle ich meine eigenen Bedürfnisse definitiv zurück. Meistens fallen meine Trainings aber nicht aus. Mein bestes WOD ist sicher „Diane“ (21-15-9 Wdh. Kreuzheben mit 102 kg im Wechsel mit Handstand-Liegestützen), aber ich brauche auch das Gefühl tiefer körperlicher Erschöpfung - und das erreiche ich am besten durch „Manion“ (7 Runden aus je 21 x 60 kg Kniebeugen + anschließendem 400-m-Sprint).

MR: Du sprachst davon, dass ein Athlet manchmal überdurchschnittlich viel Betreuung braucht. Wie gehst du damit um, wenn ein Athlet nicht mit Leistungsdruck klarkommt, oder frustriert ist?

DG:
Der Grundstein für einen guten Umgang mit Frustration wird weit vor einem schlechten Ergebnis gelegt - da sind wir wieder beim Thema Kommunikation. Und was den Leistungsdruck betrifft, so glaube ich, dass man als Athlet erstmal sehr viele Wettkämpfe bestritten haben muss, um nur eine Chance zu haben, die Aufregung abzulegen. So ganz würde ich auf den inneren Druck aber nie verzichten, denn es muss viel zusammenspielen, um auch wirklich 100 Prozent aus sich herausholen zu können.

MR: Hab herzlichen Dank für deine Offenheit und vielleicht kannst du uns deine Trainingsphilosophie ja kurz in einer Quintessenz zusammenfassen?

DG:
Folge deinen Träumen - trainiere mit Kopf - iss nicht wie ein Kind und hol dir Rat ein! Wer letzteres noch vertiefen möchte, findet mich bei Instagram unter „coach_doom“ oder über das Kontaktformular auf der Website von TheProgrm. Herzlichen Dank!

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