6 Punkte

Was CrossFitter noch von Bodybuildern lernen können

CrossFitter schauen bisweilen auf die Bodybuilder herab. Viele von ihren waren selber mal welche und betrachten diesen Teil ihrer Biografie als eine Art peinliche Jugendsünde. Doch zu den Grundsätzen des CrossFits gehört, sich regelmäßig in anderen Sportarten umzusehen. Und so gibt es auch im Bodybuilding einiges zu lernen.

#1: Ein Training muss nicht töten, um effektiv zu sein


Wenn nach dem WOD kein Schweißengel auf dem Boden bleibt, fühlt sich der CrossFitter um sein Training betrogen. Die Intensität ist gewissermaßen die Gottheit dieser Semi-Religion. Leider wird sie aber oft mit Effektivität verwechselt.

Foto: Andreas Volmari

Effektiv ist das hochintensive Training aber nur in Hinblick auf einige Parameter wie die (mentale) Wettkampfhärte. Wem es um andere Ziele wie Muskelaufbau, verbesserte Kraftwerte, Skills oder Fettabbau geht, der kommt mit Methoden ganz ohne den ständigen Ausflug in die rote Zone sehr viel angenehmer und sogar besser ans Ziel.

Die willkürliche Intensität ist für die Coaches und Box-Betreiber durchaus bequem: Sie garantiert einen Glückshormonausstoß hinterher und gibt Menschen das Gefühl, Teil einer Elite zu sein. Beides ist wertvoll für die Kundenbindung. Außerdem ist Intensität einfach zu haben. Schmeiß einfach Rudern, Thruster, Boxjumps und Burpees in beliebiger Kombination zusammen und der Brechreiz ist dir sicher.

Viel anspruchsvoller ist es hingegen, ein Training unter sportwissenschaftlichen Gesichtspunkten so zu planen, dass es mittel- und langfristig messbare Erfolge bringt. Da haben die bedachten Bodybuilder in jedem Fall die Nase vorn. Ihnen gelingt eine Unterscheidung, die CrossFittern so schwer fällt: die zwischen Training und Wettkampf.

#2: Am Anfang steht immer gute Technik


Zugegeben: In meinen Augen übertreiben Bodybuilder es teilweise mit ihrer Detailverliebtheit. Ein halbstündiges YouTube-Tutorial über die korrekte Ausführung des Kabelruderns ist dem Anspruchsniveau der Bewegung eher nicht angemessen. Aber gut, lieber Vorsicht als Nachsicht.

Im CrossFit werden oft selbst die hochkomplexen Bewegungsabläufe des Olympischen Gewichtshebens von Tag Eins an auf Zeit betrieben. Ja, in einer idealen Welt gilt die vom CrossFit Headquarter ausgerufene Regel Mechanics – Consistency – Intensity. Erst, wenn Wiederholungen ganz automatisch mit gleichbleibend guter Technik abgespult werden können, sollte eine Übung auch in hochintensive Workouts integriert werden. In der Realität ist aber der Kunde König und wenn der die coolen Dinge von Instagram nachstellen möchte, dann redet ihm der gewinnorientierte Box Owner da nicht rein.

Der Eifer, den viele Bodybuilder bei der Suche nach der perfekten Technik, dem perfekten Winkel, der perfekten Mind-Muscle-Connection an den Tag legen, ist im Kontrast dazu bemerkenswert. Klar, nicht immer ist das auf CrossFit übertragbar, da muss man auch mal mit dem Kopf durch die Wand. Aber das sollte nicht zur Normalität werden. Grundsätzlich ist gute Technik nicht nur eine unverzichtbare Verletzungsprävention, sondern auch der Garant, um das Maximum aus jeder Übung rauszuholen.

#3: Boring but big


Es kann eben nicht immer der ganze „fancy Shit“ sein, nicht immer Muscle-ups, Handstand Walk oder schwere Lifts, nur weil spektakuläre Aufnahmen für die sozialen Medien dabei herausspringen. Den Löwenanteil sollte immer das Grundlagentraining ausmachen und das ist in erster Linie eines: stinklangweilig.

Bodybuilder sind hier irgendwie angenehm uneitel, oder zumindest weniger auf Entertainment angewiesen. Die ziehen geduldig ihr Volumentraining durch, auch ohne sofortige Erfolgserlebnisse, tolle Videos und Applaus.

#4: Mach deine Accessories!


Vor lauter Lobpreisungen der (natürlich wirklich hervorragenden) funktionalen Übungen vergessen viele, dass man ruhig auch mal kleineren Muskelgruppen ungeteilte Aufmerksamkeit schenken darf. Klar, CrossFit versucht alles abzudecken, aber so ganz kann das doch nicht gelingen.

Jeder Mensch hat seine Schwachstellen, eine Verletzungshistorie, Muskelgruppen, die aufgrund seiner Hebelverhältnisse und/oder technischer Gewohnheiten immer zu kurz kommen etc. Genau darum gehört das zu Unrecht verpönte Accessory-Training vom Wadenheben bis zum Bizepscurl, gern auch unilateral, auch für den CrossFitter zum Pflichtprogramm.

Natürlich ist das, siehe #3, auch keine spannende Angelegenheit. Aber die Langeweile lohnt sich. Die Bodybuilder machen es vor.

#5: Hör auf deinen Körper und lerne, wann Schluss ist


Laute Musik, Gruppendynamik und der „Gamification“-Faktor eines WODs sind prädestiniert dafür, uns über Schmerzgrenzen hinweg zu pushen. Für Menschen, die zu sehr mit ihrer Komfortzone verwachsen sind, ist das auch vorteilhaft. Wer aber ohnehin zu selbstzerstörerischen Tendenzen neigt oder sich diese im Laufe der Zeit angeeignet hat, der verliert in der CrossFit-Community schnell das richtige Maß. Härte gehört hier eben zum guten Ton. Die Bilder von Topathleten, die mit blutigen Händen und gerissenen Achillessehnen immer noch weiter machen, hinterlassen Spuren im Selbstanspruch.

Es liegt in der ruhigen Art des Bodybuilding-Trainings, dass hier mehr Zeit bleibt, um in den Körper hineinzuhören. Und wenn hier mal ein Gelenk zwackt oder ein Muskel doch noch zu sehr verkatert ist, lässt sich drum herum trainieren. Der Alles-oder-nichts-Ansatz aus dem CrossFit entfällt. Trainingspläne sehen von Anfang an trainingsfreie Tage vor, die auch gesellschaftlich akzeptiert sind. Vernunft statt der Gier nach der nächsten Bestzeit in Fran – das ist langfristig das sinnvollste Vorgehen. Amen.
Natürlich gibt es auch trainingsfaule CrossFitter – zumindest im Amateurbereich – und Bodybuilder, die sich noch bei den härtesten Übertrainingssymptomen mit irgendwelchen Boostern und Bandagen ins Gym quälen. Tendenziell neigen aber kulturell bedingt eher die CrossFitter zum Ignorieren aller Warnsignale. Der Respekt vor dem Körper und seinen Ansprüchen an regelmäßige Erholung ist im Bodybuilding verbreiteter.

#6: Geld kann nicht alles kaufen


Zum Abschluss noch ein etwas augenzwinkernd geschriebener Punkt: Die hohen Mitgliedsbeiträge im CrossFit ziehen ein eher kaufkräftiges Klientel an – und das geht auch gern mit der entsprechenden Ausrüstung zu Werke. Immer das neuste Nike Metcon-Modell, die ganze Lululemon-Kollektion im Schrank, immer noch ein paar Handschuhe, damit der Muscle-up endlich mal klappt, oder noch neues Springseil, weil die Doubleunders noch nicht sitzen.

Und wenn die Box nicht mindestens Rogue, noch besser aber Eleiko-Hantelstangen bietet, kann das ja gar nichts werden mit der neuen Bestleistung. So unkompliziert und ungeplant das Training gehalten wird, so sehr begibt man sich in die Abhängig vom Equipment. Eigentlich eine interessante Entwicklung einer Sportart, die sich einst mit Minimalismus rühmte.

Währenddessen feiern Bodybuilder ihr Underground-Image. 20 Euro McFit-Beitrag, die alten Schuhe aus dem Grundwehrdienst, und in größter Not finden sich immer irgendwelche Lösungen mit Besenstil und Autoreifen. Und statt Bio-Rindfleisch tun es eben auch Haferflocken und Magerquark. Bodybuilding ist und bleibt die Sportart des kleinen Mannes. Geld kann ohnehin nicht alles kaufen – schon gar nicht einen guten Körper.

Nach oben