Game(s) over?

War's das jetzt mit CrossFit?

Das Jahr 2020 hat bislang wirklich nicht mit Aufregung gegeizt. Nur in der Sportwelt war es ziemlich still geworden. Aber wenn es schon an Events mangelt, dann sollte wenigstens das Drama nicht zu kurz kommen. Die CrossFit-Szene geht dabei mit leuchtendem Beispiel voran: Hier haben sich in den letzten Tagen die Geschehnisse derart überschlagen, dass mittlerweile das Überleben der Marke auf der Kippe steht. Selbst mit dem Rücktritt Greg Glassmans, Erfinder, Gründer und CEO der CrossFit Inc., am vorletzten Dienstag, dem 9. Juni, ist der Sturm noch nicht vorbeigezogen. Wie war es so weit gekommen?

Das Vorgeplänkel


Everybody’s Darling ist Glassman noch nie gewesen. Aber gut, das trifft wohl auf viele Geschäftsmänner zu. Erfolg und Eigensinn scheinen irgendwie zusammenzugehören. Strittige Entscheidungen wie die Abschaffung der Regionals als Games-Qualifikationsevent oder die Einstellung sämtlichen Social Media-Marketings auf Instagram und YouTube haben schon in den vergangenen Jahren für Unmut gesorgt, ließen sich aber noch wirtschaftlich, bzw. mit der Motivation zur Neuausrichtung der Marke begründen.

Die Vergabe von Handfeuerwaffen der Marke Glock als Preis für die Erstplatzierten der CrossFit Games 2016 sorgten ebenfalls für Irritationen, konnten aber als Ausdruck dieses typischen US-amerikanischen Waffenspleens verkauft werden. Ablehnende Äußerungen eines CrossFit-Mitarbeiters gegenüber der Pride-Bewegung brachten auch die LBGT-Gemeinschaft gegen das Unternehmen auf.

Glassmans Gebaren in den vergangenen Monaten, in denen die Nerven ja weltweit so blank lagen, versetzte dem CEO dann den finalen Genickschuss.


Die Corona-Zeit


Die Stimmung unter den über 15.000 Affiliates gegenüber Glassman und dem gesamten HQ verfinsterte sich zu Covid-19-Zeiten zusehends. Die Boxen, die in fast jedem Land der Erde von Corona-bedingten Schließungen finanziell schwer getroffen wurden, hatten sich mehr Unterstützung der CrossFit Inc. gewünscht – zum Beispiel einen Erlass anstelle eines kurzzeitigen Aufschubs der 3.000$ Affiliate-Lizenzgebühr. Oder zumindest mehr Präsenz des CEO’s.

Stattdessen nutzte CrossFit den währen der Hochphase der Covid-19-Pandemie populären Appell Flatten the Curve, um zur Gewichtsabnahme aufzurufen – ein mehr als geschmackloser Zug. Es steht zur Befürchtung, dass Glassman gar zu den Corona-Leugnern zu zählen ist (hierzu gleich mehr).

George Floyd


Auf das Abkühlen der Pandemie folgten bekanntlich die weltweiten Unruhen nach dem gewaltsamen Tod des Afroamerikaners George Floyds. Statements gegen Rassismus mussten in den ersten Tagen des Junis 2020 zwingend in der Timeline jeder öffentlichen Person und jedes Unternehmens auftauchen. Von Glassman und CrossFit kam nichts als ein Schweigen - eigentlich keine Option.

In einer Videokonferenz am 6. Juni mit mehreren langjährigen Affiliate-Betreibern soll Glassman, auf das ausbleibend Statement angesprochen, sinngemäß gesagt haben: „Wir trauern nicht um Floyd (…) nenne mir einen vernünftigen Grund, warum wir das tun sollten.“

Die Konversation wurde anonym an das Onlinemagazin buzzfeednews.com weitergespielt und Glassmans haltlose Aussagen, die eigentlich für einen kleinen Kreis gedacht waren, verbreiteten sich schnell um die ganze Welt (im selben Gespräch soll Glassman übrigens von einer bewussten Verbreitung des Corona-Virus durch chinesische Autoritäten gesprochen haben, von einer unnötigen Panikmache und davon, dass er allen Betreibern rät, bei Wiedereröffnung ihrer Boxen alle behördlichen Auflagen zu ignorieren).

Es hätte aber auch gar keines Whistleblowers bedurft. Glassman bewies noch am selben Tag einmal mehr ein sehr unglückliches Händchen im Umgang mit öffentlichen Aussagen. Auf Twitter kommentierte er den „Racism is a public health issue“-Post des Instituts for Health Metrics and Evaluation (IHME) mit „It’s Floyd-19“ und, als wäre dies allein nicht übel genug, folgte einige Stunden später, dass das gescheiterte Model des Instituts (gemeint ist hier wohl ein statistisches Model zu Covid-19-Fallzahlenentwicklung) die Quarantäne verschuldet hätte und man es nun auch noch wagen würde, ein Model gegen die Rassismus-Krise zu entwerfen. Er stellte indirekt Bezüge zwischen Quarantänen und Unrechtsregimen, einem Klima des Misstrauens und gewalttätigen Aufständen her.

Die Sargnagel-Email: „Das macht dich zu einer richtigen Scheiß-Person“


Es kam wirklich knüppeldick für Glassman in den diesen Tagen: Noch vor dem skandalträchtigen Zoom-Call hatte es einen Email-Verkehr zwischen Alyssa Royse, seit 9 Jahren im Besitz der Affiliate Rocket CrossFit in Seattle, und dem CrossFit-HQ gegeben. Alyssa hatte am 3. Juni in einem langen Schreiben ihre Beweggründe für den geplanten Austritt aus der Affiliation beschrieben. Vor allem kritisierte sie die fehlende Profilschärfe der Marke CrossFit, nannte aber natürlich auch die jüngsten Ereignisse beim Namen.

Obgleich die Nachricht an Brian Mulvaney, Chief Advisor der CrossFit, Inc., gerichtet wurde, antwortete Glassman höchstselbst auf die erhobenen Vorwürfe. Und zu sagen, er hätte sich hierbei im Ton vergriffen, würde seine Stellungnahme verharmlosen. Als „Opener“ vermutet er, die Quarantäne hätte Alyssas mentaler Gesundheit geschadet. Weiter im Text führt Glassman aus, sie leide unter Wahnvorstellungen, nennt sie widerlich, manipulativ, eine „scheiß-Person“ und endet mit „Ich schäme mich für dich.“

Schweigen ist auch nur die stumme Befürwortung des Status-Quo hatte Alyssa im Abschnitt zur Black Live Mattere-Bewegung geschrieben. Und sie schwieg nicht, sondern publizierte den Nachrichtenaustausch auf ihrem Blog. Das war ebenfalls am 6. Juni.


Das Nachbeben


Wie könnte ein CEO, der sich der breiten Öffentlichkeit, wissentlich und unwissentlich, nicht nur als Verschwörungstheoretiker und Rassist, sondern jetzt auch noch als Choleriker präsentiert hatte, seinen Namen jemals wieder rein waschen? In einem schwachen Versuch twitterte Glassman am 8. Juni, er habe einen Fehler begangen, sei aber kein Rassist.

Er akzeptiere Floyd nicht nur als Opfer, sondern als Helden der schwarzen Bewegung. Sein Temperament sei einfach mit ihm durchgegangen nach dem Post des IHME, das durch seine falschen Berechnungen einen überflüssigen Lockdown verursacht hatte, der die Wirtschaft und viele Privatpersonen zerstört hätte - Benzin ins Feuer! Nur Trump mag noch ungeschickter und von noch mehr Schuldzuweisungen gespickt twittern.

Glassman trat am 9. Juni von seinem Amt zurück. Als Gesicht einer Firma, die sich „United by Fitness“ auf die Fahne geschrieben hat, taugte er wirklich nicht mehr viel.

I’m out


Die Geschichten hatten aber bis zu Glassmans Rücktritt schon viele Wellen geschlagen. Innerhalb von 48 Stunden hatten mehr als 300 Boxen ihre Affiliation aufgegeben, zum jetzigen Zeitpunkt sind es schon mehr als 500, darunter Größen wie CrossFit Invictus und NCFIT, die Box des ehemaligen Weltklasse-Athleten Jason Khalipa.

Apropos Weltklasse: Natürlich äußerten alle Spitzenathleten ihre ablehnende Haltung gegenüber Glassmans Aussagen, am konsequentesten zogen Katrin Davidsdottir, Fittest Women on Earth 2015 und 2016, und Noah Ohlsen, Zweitplatzierter der Games 2019, die Sache durch. Die beiden Aushängeschilder des Sports sagten ihre Teilnehme an den Games 2020 und bis auf Weiteres auch an allen anderen Events unter dem CrossFit-Label ab.

Natürlich stieg auch der berühmteste dunkelhäutige Games-Athlet Chandler Smith aus dem Rennzirkus aus. Bislang sind insgesamt zehn Games-Athleten bis auf weiteres „out“. Ihnen folgten wichtige HQ-Mitarbeiterin wie die sportliche Leiterin Nicole Carroll, nach 16 Jahren im Dienste des Unternehmens.

Mag der geringe siebenstellige Ausfall von Lizenzgebühren durch die ausgestiegenen Affiliates noch zu verkraften sein, so wird der Rückzug vieler wichtiger Sponsoren CrossFit in noch nicht abzusehende Schwierigkeiten bringen. Der wichtigste strategische Partner Reebok, Namenssponsor der Games, hat die Zusammenarbeit bereits aufgekündigt. Allerdings war der zehnjährige Vertrag ohnehin in diesem Jahr ausgelaufen und die Chancen auf eine Weiterführung der Zusammenarbeit hatten schon lange nicht mehr gut gestanden.

Bedrohlicher ist die Ungewissheit um die zukünftige Zusammenarbeit mit dem Equipment-Ausstatter Rogue Fitness, der bereits die direkt nach der Misere angesetzten Rogue-Invitationals unter ausdrücklicher Verweigerung der Verwendung der CrossFit-Marke ausgetragen hat. Ein endgültiger Ausstieg aus dem Sponsoring wurde noch nicht verkündet sondern „an die Richtung und Führung des CrossFit HQ“ gehängt. Mobility-Partner und Geldgeber RomWOD, eine Yoga-App für CrossFit-Athleten, hat die Zusammenarbeit bereits mit sofortiger Wirkung beendet.

Und nun?


Neu auf dem Posten des CEO der CrossFit Inc ist Games-Direktor Dave Castro, ein ehemaliger Navy Seal, der für den Entwurf der Open-, Regional- und Games-Workouts zuständig ist und in der Szene Kultstatus genießt. Die Besetzung durch eine sympathisch-kauzige Figur mit hinpanischen Hintergrund darf als kluges Zeichen in aufgewühlten Zeiten verstanden werden. Es wird jetzt viel geredet in der CrossFit, Inc., und der aktive Austausch mit Box-Betreibern und Athleten gesucht (aus gegeben Anlass natürlich weiterhin per Zoom). Ob’s hilft?

CrossFit hat wie kein anderer den Community-Gedanken, der ja eigentlich seit der Antike die Grundlage jedes Sports ist, zu betonen und zu monetarisieren gewusst. Das fällt seinen Machern nun auf die Füße. Auch Tennis, Golf, Baseball und Hollywood werden seit Jahrzehnten als Club weißer reicher Männer verstanden und stillschweigend als solcher akzeptiert. Wer aber eine derartige Diskrepanz zwischen Worten und Taten an den Tag legt, sammelt niemals Sympathiepunkte.

Böse Zungen behaupten, viele Box-Owner würden die aktuellen Ereignisse nur zum Vorwand nehmen, um einen ohnehin schon lange geplanten Ausstieg aus der Lizenz zu rechtfertige – nun mit dem angenehmen Nebeneffekt garniert, sich als Aktivist präsentieren zu können.

Immer mehr auch langjährige Affiliate-Partner zweifeln die Daseinsberechtigung der Marke CrossFit mittlerweile an. Den weitaus meisten Menschen auf der Straße ist die Trainingsform mittlerweile durchaus bekannt, dass es sich hierbei um eine registrierte Handelsmarke handelt, ist 9 von 10 meiner Gesprächspartner aber schon nicht mehr präsent - folglich geht vom 3000 $ teuren CrossFit-Namen auf der Website keine Sogwirkung aus. Noch schlimmer: Assoziationen geschehen häufig in eine negative Richtung, zu hart, zu anspruchsvoll, zu gefährlich. Da klingt „X-Hot-Iron-Fit“ doch schon freundlicher und darf noch dazu völlig kostenfrei im Kursplan aufgeführt werden.

Woran genau halten die verbliebenen Führer und Anhänger noch fest? Was wird in all diesen Remote-Roundtabeln diskutiert und was soll da transformiert werden? Vielleicht wird der Outcome der aktuellen Debatte der folgende sein: CrossFit war einst eine Innovation, die die Industrie zum Umdenken gebracht hat. Er hat seinen Gründer und vielleicht auch den ein oder anderen seiner Wegbegleiter reich gemacht - geschenkt! Aber jeder Geldstrom versiegt irgendwann und jedes Wachstum findet ein Ende.

Vielleicht trägt sich CrossFit besser als Bewegung, Wettkampfsport, Non-Profi-Organisation, oder irgendetwas… Alles ist sympathischer als der jetzige Zustand.

Übrigens: Wie immer es jetzt auch weitergehen mag - weder WOD noch AMRAP noch EMOM sind jemals lizenzrechtlich geschützt worden. Die Rogue Invitationals steckten voller Weltklasse-Leistungen und schöner isländischer Frauen, auch ohne den CrossFit-Schriftzug. Stell dir vor, es ist CrossFit, und keiner geht hin - was genau würde wem fehlen?

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