Eine Geschichte vom Schwamm und der Wüste

Das wechselhafte Leben des Bodybuildings

Wenn man nicht gerade mit gottgegebenem Metabolismus gesegnet ist, der es einem erlaubt, täglich tausende Kalorien essen zu müssen, um endlich zuzunehmen, nach dem Training vielleicht noch Eis und Schokolade reinstopfen muss, damit die lang ersehnten "Gainz" kommen, dem unterstelle ich einen zwei-Phasen-Lebensstil. Nämlich Aufbau und Diät trennen zu müssen.

Unter diese Kategorie falle nämlich ich: mit der Fettgenetik eines Otters dafür der Wassergenetik eines Kamels. Beides in Kombination natürlich die ultimative Waffe für ein schnelles Zunehmen, wenn so gewollt. Andererseits kann ich leicht mit -5kg in der ersten Diätwoche beeindrucken, ohne auf die Brigitte-Diät zurückgreifen zu müssen.

So kam es also, dass ich irgendwann nach meinem Hobby-Gym-Pumper-Leben ins Wettkampfgeschehen eingestiegen bin. Damals war mein Weg also zuerst der Aufbau, denn Grundlage war für einen Bühnenauftritt noch zu wenig.

Das wechselhafte Leben des Bodybuildings

Ich führe euch hier vom Jahr 2012 bis zum Jahr 2014, beginne mit meinen Erfahrungen 2012, da hier einiges passiert ist, was so normalerweise nicht vorkommen sollte. Ich war mit meiner Diätform hinterher, wollte es selbst machen, habe den Überblick über mich und meine Form verloren und mein jetziger Betreuer hat mich aufgefangen, hat mich ans Ziel geführt, allerdings hieß das für mich Leiden.

Fangen wir aber am Anfang der Diät an. Start war zu Beginn des Sommers, gerade dann, wenn all die andren grillen, cocktailisieren, feiern und leicht bekleidet Party machen. Ich habe mich bis dahin noch im Otter-Modus befunden, langsam am Weg der Besserung. Die XXL Shirts, die ich mit 105 kg schön ausgefüllt habe, sind langsam gegen XL getauscht worden, und so bei 95 kg habe ich mich dann auch in der Öffentlichkeit blicken lassen können. Beim Einkauf im Supermarkt die üblichen Gespräche mit der Kassadame: "Ach, haben Sie heute eine Grillfeier?"
Ich: "Nein, wie kommen Sie darauf?"
Sie: "Ich dachte nur, weil sie da…ein…zwei..drei Kilo Fleisch kaufen..."
"Werte Dame, das ist alles für mich, ich komme dafür auch in drei Tagen wieder!" Leicht fassungslose Gesichtszüge, alle drei Tage aufs Neue.

Im Schwimmbad dann die üblichen Blicke. Man selbst steht mit Sonnenbrille und genießt das Wetter, bekommt aber trotzdem mit, dass alle seltsam schauen, weil man eben aus der Norm fällt. Die Frauen schauen eher angewidert, die Männer teilweise ebenso. Wieso will man so aussehen?

Dann gibt es die Frauen, die doch positive Blicke zuwerfen, allerdings deren Männer dies schnell unterbinden, indem sie den Kopf der Partnerin in die entgegengesetzte Richtung drehen. Nur weil ich eine Sonnenbrille trage, bin ich nicht blind! Muss aber sagen, das Starren gibt einem etwas Bestätigung, dass man am richtigen Weg ist (, was ich aber damals gar nicht war).

Ein paar Wochen später stehe ich bei 90 kg, mein CBB – Limit sind 84,5 kg auf der Waage, also noch ein wenig vor mir. Der Sommer neigte sich dem Ende, unter 90 kg sehe ich nur noch dünn aus, fühle mich wie ein Blatt im Wind und in meinen XL Shirts schwimme ich schon. Von außen sehe ich unscheinbar aus, nur die Adern am Arm verraten das Besserwerden der Form.

Nun kam der Punkt, an dem mein Betreuer mich mit sanften Worten aufgefangen hat: "Manuel, wenn du weiter so herumschwuchtelst, kommst du nicht ans Ziel. Du hast Potential, aber so wird das nichts!"
    ____________________________________________________________________
    Optimal, dachte ich mir! Und so was 4 Wochen vor der Österreichischen Meisterschaft, in Vorbereitung auf die Arnold Classic. Mit der Bitte um seine Hilfe kam nun die Radikalmethode, um meine Otter-Beine endlich frei zu bekommen. Die letzten 4 Wochen also nur noch Fisch mit Gurke, das alles 5 Mal pro Tag, Früh und abends gab es Eiklar mit Zimt. Kohlenhydrate konnte ich nicht mehr buchstabieren, gesehen habe ich auch nur noch das Wichtigste, das Auto wurde stehen gelassen, die Gespräche mit der Kassendame wurden weniger, und haben sich auf "Wird das heute ein Gurkensalat?" beschränkt, wobei ich fairerweise sagen muss, dass ich dann Einkaufsort gewechselt habe, sonst hätte ich mir mitunter überlegt, die Dame selbst abends auf den Grill zu werfen, um die ewige Fragerei zu unterbinden.
    ____________________________________________________________________
Gespräche allgemein wurden weniger, mit Freunden wurde meist per WhatsApp kommuniziert, da es dort genug Smileys gab, um zumindest in der Internet-Welt gute Stimmung zu verbreiten, auch wenn mein Gesicht steinerne Züge angenommen hat.

Zur gleichen Zeit habe ich mit dem Studium auf der FH Wien begonnen. Niemand kannte mich, niemand kannte mein Hobby. Drei Wochen vor der Österreichischen Meisterschaft beugt sich mein Sitznachbar zu mir rüber und fragt "Sag, ich hab gehört, du trainierst?". Das war der Moment, wo mein Hirn schlagartig aufgehört hat, zu arbeiten, und ich …einfach zu schwach war, um großartig zu diskutieren, deshalb mit einem schlichten "Ja!" geantwortet habe.

Mit mittlerweile 83 kg war ich ein Schatten meiner selbst. Einen einzigen Lichtblick gab es damals, als ich in der Vorlesungs-Pause wieder mal motivationslos meinen Fisch-Gurken-Mix im Tupperware herumgeschoben habe, setzt sich die Lektorin zu mir, sieht mich mitleidsvoll an und fragt mich, wie viel Wochen ich noch bis zum Wettkampf habe. Meine Augen leuchten, ich kann es nicht fassen, es gibt doch jemanden, der mich hier versteht. Ihr Exfreund war Bodybuilder und sie kenne das alles. Nach kurzem, ungewohntem Fachsimpeln war mein Ego wieder geboostet und gab mir Kraft für die nächsten 4 Minuten.

Es war Mittwoch vor dem Wettkampf, ich habe meinen Kollegen ein schönes Wochenende gewünscht. Am Samstag stand ich voll geladen auf der Bühne, am Montag war ich zum Platzen prall auf der FH, braun von der Farbe, adrig und gut drauf, in meinem gelben Animal–Shirt. Mit locker flockigen +8 kg war ich also die Attraktion der gesamten Klasse. Jeder hat sich für alles interessiert, es wurde alles gefragt; wieso esse ich das, wieso mach ich so viel Cardio, wieso tu ich mir das überhaupt an.

Ab dem Zeitpunkt war meine Klasse "infiziert" mit dem Virus Bodybuilding. Sie sehen mich wachsen, sie sehen mich schrumpfen, sie zeigen Interesse und sie respektieren es, wenngleich – so glaub ich zumindest – es niemand schön findet.

Da die Form aber nicht Bestform war, und nach dem Wettkampf auch gleich "vor dem Wettkampf" bedeutet, ging's in den Aufbau. Kamelgenetik sei Dank, habe ich nach der Arnolds gleich mal 15 kg draufgelegt, Wasserbeine und "Wöchel" (Wasserknöchel) waren die Folge, die man nur mit einer Woche No-Carb wieder in den Griff bekommen hat.

Und so war im Februar Diätstart für die Frühjahrssaison 2013.


Leider kann man sich nicht immer vor Familieneinladungen drücken, und so gibt es Anfang des Frühjahrs immer ein Zusammensitzen bei meiner Oma, die entweder Schnitzel oder Pfannkuchen macht. Diesmal meinte sie, lieber beides machen zu müssen, damit ihre Enkel nicht vom Fleisch fallen. Ich war zu der Zeit schon wieder recht dünn und eingefallen, wurde auch mit einem herzlichen "Moi, siehst du schlecht aus!" empfangen. Gegen dieses furchtbare Aussehen sollte ich gleich mal eine Portion Schnitzel essen. 4 weeks out vermutlich keine gute Idee, also habe ich mit der üblichen Magen-Darm-Ausrede abgewunken.

Laut meiner Oma soll aber Panier gegen so was helfen, weil es stopft, und Schnitzel sei sowieso gesund, weil ja Hühnerfleisch kein Fett beinhaltet. An dieser Stelle habe ich nur noch geschwiegen, denn eine 80 Jährige ist nur schwer vom Gegenteil zu überzeugen, und gesünder wird das Schnitzel auch nicht deswegen.

Meine Kassendame gab es zu der Zeit nicht mehr, außerdem war ich lieber im METRO einkaufen, weil da niemand nachgefragt hat, wenn man mal 10 kg Fisch, 12 kg Fleisch, 7 kg Gemüse und 12 Liter Eiklar gekauft hat.

Frühjahr 2013 war erfolgreich abgehakt, alle Hürden waren genommen und mit Aussicht auf eine lange Aufbauphase habe ich mich Anfang 2014 auf ein Auslandssemester nach Irland begeben. Dort von lauter exzellentem Black Angus Rind umgeben zu sein, war natürlich göttlich und ein Segen. Dort allerdings auch von übergewichtigen Menschen umgeben zu sein, war keine Seltenheit. Und so kam der letzte Punkt meiner Erzählungen, nämlich die Anziehungskraft von Bodybuildern (in der Offseason) auf etwas beleibtere Frauen. Nach etlichen Recherchen, und auch Meinungen von Usern hier, möchte man wohl meinen "dick und dick gesellt sich gern". Nur dass ich nicht dick bin, sondern höchstens wässrig. Aber niemand nimmt mir meinen Kamelstatus ab, bis ich wieder auf Diät bin.

Allgemein betrachtet sind Bodybuilder schon eine lustige Gattung. Im Aufbau läuft alles unter dem Deckmantel des gezielten und gesteuerten Verfettens, in der Diät fällt man dann zusammen, das Gesicht schmilzt dahin, Mitte 20 hat man schon Falten eines Sterbenden, das Hirn läuft mindestens genau so langsam und wofür? Anerkennung und Ehre gibt es nicht, nur die Erfüllung der eigenen Träume und Vorstellungen von Erfolg und Durchhaltevermögen. Und so gehe ich in meinen aktuellen Diätalltag über, und genieße die kommenden Wochen der Vorbereitung auf die Arnold Classic Madrid, 2014.

Nach oben