The Big Bad Wolf

Dennis Wolf: Aus der Sowjetunion auf die Bühne von Las Vegas

Er ist der mit Abstand erfolgreichste Bodybuilder, den Deutschland jemals hervorgebracht hat: Dennis Wolf erwies sich nicht nur in sportlicher Hinsicht als perfektes Aushängeschild der Bundesrepublik, sondern eroberte auch menschlich die Herzen der Bodybuilding-Fans im Sturm. Doch leider meinte es das Schicksal nicht immer gut mit dem „Großen bösen Wolf“.

Aus der Sowjetunion auf die Bühne von Las Vegas


Eines vorweg: Der erfolgreichste deutsche Bodybuilder aller Zeiten ist eigentlich Wahl-Deutscher. Er kam 1978 in der Sowjetunion, genauer gesagt im heutigen Kirgistan, zur Welt. Seine Familie migrierte ins Ruhrgebiet, als Dennis 12 Jahre alt war. Er nahm die deutsche Staatsbürgerschaft an und integrierte sich schnell in die Gesellschaft. Anfängliche Sprachbarrieren machte er durch seine freundliche, aufgeschlossene Art wett. Jene Extrovertiertheit verhalf ihm auch während seiner späteren Sportlerkarriere zu besonderer Popularität.

Schon als Jugendlicher war Dennis Wolf vom Krafttraining, von der Modellierung des eigenen Körpers fasziniert. Er begann wie so viele andere Jungen rudimentär mit Kurzhanteln im Kinderzimmer. Während seiner Ausbildung zum Maler meldete er sich dann im Fitnessstudio an, wo er schnell überdurchschnittliche Ergebnisse erzielte.

1999, mit 21 Jahren, stand Dennis Wolf zum ersten Mal auf der Bühne. Damals noch mit einem Gewicht von 90 Kilogramm, konnte er sich schon auf seinen ersten Wettkämpfen im Spitzenfeld platzieren. Auf der NRW Newcomer Championship wurde er Zweiter in der Heavyweight-Klasse, auf der International NRW Championship Vierter. Im nächsten Jahr sicherte er sich auf der gleichen Veranstaltung schon den Klassen- und Gesamtsieg.

Es folgte eine erfolgreiche Zeit bei den Amateuren, unter anderem mit der Goldmedaille auf dem Amateur Belgian Grand Prix 2002 und dem Gewinn der Deutschen Meisterschaft 2005. Beflügelt von den großartigen Resultaten beantragte Dennis Wolf die IFBB Proficard, wurde jedoch mit dem Verweis auf eine dafür notwendige Qualifikation abgelehnt. Schließlich sicherte er sich die begehrte Karte bei der IFBB Weltmeisterschaft in Shanghai.

Und der frischgekürte Profi knüpfte auch in den hochklassigsten Wettkämpfen des IFBB nahtlos an die Erfolge seiner Amateurvergangenheit an. In seiner ersten Profisaison 2006 belegte er unter anderem einen sehr guten 3. Platz beim Spanischen Grand Prix und sicherte sich die Qualifikation für den Wettkampf aller Wettkämpfe: Den Mr. Olympia. Hier verfehlte er mit dem 16. Platz den Finaleinzug zwar deutlich, doch die Herzen der (amerikanischen) Fans flogen dem massigen Blonden schon damals zu.

Dennis „The Big Bad Wolf“


In diesem Zeitraum wurde auch sein Spitzname „The Big Bad Wolf“ geboren. Mit 1,81 Meter zählt Dennis tatsächlich zu den eher großgewachsenen Vertretern seiner Zunft. Groß natürlich auch seine Masse – 120 Kilogramm in der Saison, 140 Kilogramm in der Offseason – und seine Persönlichkeit. Durch Coolness und Fannähe zählte er schnell zu den beliebtesten Bodybuildern im Profilager.

2007 gelang Dennis Wolf sein erster Profisieg auf der Keystone Pro. Zudem belegte er einen hervorragenden dritten Platz auf der renommierten New York Pro. Doch die Resultate verblassen beinah neben dem Saisonhighlight: Beim Mr. Olympia gelang der Finaleinzug, schließlich sprang ein 5. Platz heraus und unvergessliche Gänsehautmomente vor 10.000 Zuschauern, die ihren Big Bad Wolf wieder mit extra viel Liebe überschütteten.


2008 verfehlte Dennis das Podium des Mr. Olympia nur knapp mit dem 4. Rang. 2009 erfuhr seine Karriere dann einen ersten Knick. In ungewohnt mittelmäßiger Form verpasste er den Finaleinzug beim Mr. O. Abseits der Bühne lief es dafür umso besser: Dennis erfüllte sich einen Kindheitstraum und zog, mit Unterstützung seiner Sponsoren, nach Las Vegas. Von der UDSSR übers Ruhrgebiet ins das Land der unbegrenzten Möglichkeiten – wie auch einst sein Vorbild Arnold Schwarzenegger konnte er den Bodybuilding-Lifestyle nun noch intensiver ausleben.

Doch auch der Auftakt in die Saison 2010 verlief nicht optimal. Dennis belegte zwar einen auf dem Papier solide erscheinenden 3. Platz auf der New York Pro, war aber dennoch in sehr verbesserungswürdiger Form auf der Bühne erschienen. Er zog seine Konsequenzen, trennte sich von seinem Trainer und agierte von da an auf eigene Faust.

Dennis Wolf in der Weltspitze angekommen


Und so kehrte Dennis Wolf schnell wieder auf die Erfolgsschiene zurück. Beim Mr. Olympia 2010 belegte er einen hervorragenden 5. Platz in der besten Form, die er bis dato jemals präsentiert hatte. Zeit, sich neue Ziele zu stecken: Ein Sieg auf der legendären Arnold Classics.

Den ersten Anlauf unternahm Dennis 2011. In einem erstklassigen Line-Up musste er sich zwar Branch Warren geschlagen geben, lies aber Größen wie Victor Martinez oder Dexter Jackson hinter sich. Auch 2012 wurde Warren trotz Verletzung am Bein vor dem favorisierten Deutschen platziert – eine nicht unumstrittene Entscheidung, die vielen Fans sauer aufstieß.

Doch es zählt zu den wichtigsten Eigenschaften eines Champions, trotzdem weiter nach vorn zu schauen. Und Dennis lieferte: Beim Mr. Olympia 2013 wurde er Dritter und stand damit als zweiter Deutscher nach Jusup Wilkosz 1984 auf dem Siegertreppchen. 2014 klappte es dann auch endlich mit dem Arnold Classic Sieg in Columbus. Der Name Wolf wurde zum endgültigen Dauergast in der Weltspitze des Bodybuildings.

Es folgten bis 2015 zwei weitere Finalplatzierungen beim Mr. O und ein Sieg bei der EVLS Prage PRO – um hier nur die wichtigsten zu nennen. Dennis ist bis heute der mit Abstand erfolgreichste deutsche Bodybuilder aller Zeiten. Talent, Charisma und eine tolle Arbeitsmoral – die Messlatte für die nachrückende Generation hat er auf eine nur schwer erreichbare Höhe gelegt.


Verletzungspech und ein Comeback


Wie jeder Leistungssport fordert auch Bodybuilding seinen Tribut. Das ständige schwere Training und die harten Diäten strapazieren den Körper. Dennis traf es besonders hart: Eine schwere Verletzung an der Wirbelsäule zwang seine Karriere 2016 zum völligen Stillstand. Nach einem heiklen operativen Eingriff in Las Vegas war lange Zeit fraglich, ob ein Comeback jemals gelingen würde.

Aber Dennis kämpfte sich zurück. 2018 stand er noch einmal auf der Bühne der Arnold Classic. Es reichte allerdings nur noch für den 12. Platz: Trotz guter Form konnten er den Masseverlust aus der langen Zwangspause nicht kompensieren. Es sollte das letzte Mal sein, dass wir The Big Bad Wolf auf der Bühne zu sehen bekamen.

Das Leben nach der Bühne


Nach seinem Rücktritt zog Dennis Wolf kurzzeitig mit seiner Familie zurück nach Deutschland, ehe er seinen Lebensmittelpunkt endgültig nach Las Vegas verlegte. Hier lebt er heute von mehreren Werbekooperationen und seinem eigenen Coaching-Business, hat unter anderem Steve Benthin erfolgreich auf Wettkämpfe vorbereitet. 2019 richtete er seinen ersten Wettkampf, die Dennis Wolf Classic, im westfälischen Datteln aus. Die Veranstaltung war ein voller Erfolg und es bleibt mit Spannung abzuwarten, wie sich das Projekt nach Corona weiter entwickeln wird.

Dem Bodybuilding-Training ist Dennis treu geblieben, verbringt aber auch viel Zeit beim Wandern oder auf dem Jet Ski. Ein Bodybuilding-Rentnerdasein, von dem man nur träumen kann – und niemandem gönnt man es mehr, als dem sympathischen Wolf.

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