Unbeugsam bleibt nur der Wille

Der junge Mann und die Beuge

Nach mittlerweile einem Jahr der Corona-Beschränkungen vermisse ich es sehr, einfach durch mein Studio zu laufen, dumme Sprüche zu reißen, Leute zu motivieren und mich von anderen zu kleinen Studio-Wettkämpfen anstacheln zu lassen. Was gibt es Schöneres, als mit einer Männerhorde zu beugen, den Sieger zu feiern, den Verlierer zu verspotten – damit der sich nächstes Mal besser reinhängt – und danach gepflegt einen an der Bar zu heben? Jeder will der Beste sein, oder zumindest nicht der Schlechteste - und so ereignen sich wahre Wunder der Leistungsfähigkeit.

Ich erinnere mich besonders gern an einen Tag, als ich noch im Powerlifting aktiv war. Ich war damals recht neu im Verein und trainierte nach Wendlers 5/3/1. Dieser Plan verlangte je Trainingstag einen Satz bis zum Versagen, in meinem Fall an dem Tag Kniebeugen mit für mich bisher unerreichten 130 kg. Als ich unter die Hantel tauchte, tönte es von der Seite: "Sollen wir mal mithelfen, dafür sind wir doch hier!" Ich war es damals mit meiner spärlichen Studioerfahrung nicht gewöhnt gewesen, dass freiwillig mehrere Spotter helfen wollten, weil sie ganz einfach Freude an der Leistung ihrer Teamkameraden hatten. "Ja okay, gerne", gab ich zurück, "aber nur, wenn es euch keine Umstände macht."

Foto: Frank-Holger Acker

Ich war zu dem Zeitpunkt noch eingeschüchtert von den Leistungen der anderen Vereinsmitglieder und konnte mir absolut nicht vorstellen, wieso man mir (relativem) Anfänger helfen wollte. Nur ein paar Jahre später war ich es aber selbst, der Anfängern unter die Arme griff und ihnen bei der Technik und Angstüberwindung half.

"Es macht nur Umstände, wenn du dich jetzt nicht anstrengst und weiter rumlaberst", kam es als Antwort zurück. Dann traten drei Jungs zu mir: je einer an jedem Ende der Hantel und ein dritter direkt hinter mich. Und irgendwas passierte mit mir. Irgendwas machte Klick in meinem Inneren. Ich war plötzlich anerkannter Teil einer Elitetruppe und musste meine Würdigkeit mit brachialer Leistung beweisen. All diese Veteranen waren gekommen, um meinen Initiationsritus zu begleiten. Ich vergaß auch die Zahl "130 kg", weil nur noch zählte, dass ich in die Hocke ging und wieder aufstand. Da hätten auch 200 kg liegen können - ich hätte zumindest alles gegeben, um wieder aufzustehen. Das Vibrieren meiner Spotter übertrug sich auf mich. Sie wussten, dass ich an einem Scheideweg stand und mich eigentlich fürchtete. "Spannung!", kam es von hinten - das Startsignal.

Ich tauchte ab, machte mich fest und hob die Hantel aus den Ablagen des Power-Racks. Ich stand dermaßen unter Spannung, dass ich das Gewicht auf meinem Rücken kaum merkte. Dann atmete ich nochmal tief in den Bauch und senkte mich in die Hocke ab. Ich wollte das Gewicht unbedingt allein bewältigen und niemandem Umstände bereiten. Obwohl ich noch nie vorher 130 kg gebeugt hatte, gaben mir die 3 x 122,5 kg aus der Vorwoche doch einiges Selbstvertrauen. "Hoch!", zischte es jetzt von der Seite. Und ich kam hoch - ich schnellte sogar hoch, es war unglaublich. "Weiter!", kam es jetzt von der anderen Seite. Dieser Typ sagte normalerweise nie irgendwas, aber das schien ihm jetzt wichtig zu sein.

Siegessicher ging ich zum zweiten Mal in die Hocke und stand wie eine gespannte Feder wieder auf. "Tiefer in die Hocke!", ärgerte sich unser Trainer über meine neue Bestleistung. Also musste ich wohl nochmal runter, um eine nach den Regeln gültige Leistung abzuliefern. Und das tat ich - tiefer als je zuvor. Drei Wiederholungen, Wahnsinn! Von meinem linken Spotter, einem 61-jährigen Arzt, der bei nicht mal 80 kg Körpergewicht noch 170 beugte, bekam ich zu hören: "Du kannst mehr!" Was ich mir selbst niemals geglaubt hätte, glaubte ich auf einmal durchdringend. Ja, ich konnte.

Heutzutage ist es für mich zur wichtigsten Aufgabe eines Spotters geworden, dem Trainierenden einzureden, dass er kann. Im Powerlifting und in den schweren Bodybuilding-Übungen spielt Angst eine ernstzunehmende Rolle. Bei hohen Lasten zum Beispiel im Kreuzheben oder Bankdrücken fürchtet man Verletzungen, während sehr hohe Wiederholungszahlen mit submaximalem Gewicht zum Beispiel im Kniebeugen oder Beinpressen zu einer krassen Belastung der Psyche führen können. Es geht dabei weniger um Versagensangst, als vielmehr um die Sorge, sich nach schweren Workouts überhaupt noch angemessen erholen zu können.

Mit dem frischen Selbstvertrauen meines geschätzten Alt-Spotters absolvierte ich eine perfekte vierte Wiederholung, nach der ich mich seltsamerweise immer noch sehr gut fühlte. Ohne weitere Anfeuerung machte ich aus Eigenantrieb und erwachtem Wille noch eine fünfte und sechste Wiederholung, die aber in der Aufwärtsphase schon leicht zittrig wurde. Im Stand waren also erstmal ein paar Sekunden Pause nötig, in denen mich aber eine richtig krasse Euphorie durchflutete. Ich begann, zu lächeln. Gefiel meinem Trainer gar nicht. "Reiß dich zusammen, immer Spannung! Spannung!" Noch einmal senkte ich mich nach einem tiefen Atemzug ab und brachte unter ersticktem Schreien eine siebte Wiederholung heraus. "Ablegen, du wirst unsauber!". Okay, Chef.

Ich legte die Stange ab und blickte in freudestrahlende Gesichter. Ich hatte meinen Initiationsritus bestanden und war nun echter Teil der Truppe. Hände klatschten auf meine Schultern, einer umarmte mich sogar. Von Au0en sah dies sicher komisch aus, wenn sich vier breite Glatzen jubelnd in den Armen liegen, aber irgendwie war die ganze Welt egal. Ich strömte über vor Glück und Stolz! Dieses Gefühl von damals war so eindrücklich und stark, dass ich heute noch davon zehre, wenn ich allein in meinem Kämmerlein mit meinen rosa Kurzhanteln Trizeps-Kickbacks mache ... bis zum Versagen.

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