Schluss mit dem Neidfrust

Der nimmt doch was!

Machen wir uns nichts vor: Ein erheblicher Teil der Athleten, die in den Tempeln der großen Fitnesscenter-Ketten trainieren, konsumiert anabole Steroide. Wie das moralisch zu bewerten ist und ob es Teil einer Entwicklung ist, an deren Ende der Niedergang des Abendlandes steht, darüber kann man geteilter Ansicht sein; so liegen aber nun einmal die Dinge. Zum Glück. Zum Glück? Ja – denn so hat man stets eine schicke Erklärung für die Tatsache, dass man gelinde gesagt nicht der stärkste Gorilla im Studio-Affenzirkus ist.

Tatsächlich dient der Umstand, dass Steroide in fast jedem Fitnesscenter ein Thema sind, vielen Naturalsportlern als Pauschalerklärung für die guten Fortschritte anderer Athleten. Die Devise lautet: "Wer deutlich breiter ist, deutlich mehr drückt oder deutlich schneller aufbaut als ich, der nimmt was – ganz einfach." So ist unsere Psyche nun einmal konstruiert – wir neigen zur Neidhammelei. Das hat evolutionsbiologische Gründe; es ist das Ergebnis des Wettstreits um begrenzte Ressourcen. Neid – also das Empfinden, schlechter als ein anderer bei etwas weggekommen zu sein, garniert mit dem entsprechenden Frust – war und ist eine der Antriebsfedern für evolutionäre Auslese und dient somit der Arterhaltung (vgl. Prof. A. Cabrales, Carlos-III. Universität, Madrid). So weit, so erschütternd. Sei’s drum. Der Neid ist aber gar nicht das Problem.

Der biologische Sinn des Neids besteht darin, uns anzuspornen – und hier liegt leider der Hase im Pfeffer: Wer zwar neidisch ist, aber diesem Neid eine bequeme Erklärung gegenüberstellen kann, der wird durch den Neid nicht angespornt.
    ____________________________________________________________________
    Der neue Stecher meiner Ex fährt Porsche? Sicher nur geleast. Der Kollege kriegt eine Gehaltserhöhung? Klüngelei. Oder er geht mit dem Chef ins Bett. (Vielleicht geht er sogar mit dem Chef ins Bett, obwohl er gar nicht homosexuell ist, die geldgeile Sau. Erbärmlich!) Der Typ im Studio hat einen 44er Arm? Der nimmt was. Logisch.
    ____________________________________________________________________
Wer stets solche Erklärungen findet, der macht’s sich einfach. Zu einfach. Und das ist die Krux: Anstatt sich zu fragen, warum es bei einem anderen so gut klappt, sollte man sich lieber fragen, warum es bei einem selbst offenbar so schlecht läuft.

Der nimmt doch was!


Konkretes Beispiel: Ein Kerl, der neu im Studio ist – nicht wesentlich größer oder schwerer als man selbst –, drückt auf der Bank locker 140 kg. Dreimal. Man selbst schafft mit Mühe 1 x 130 kg, und auch nur dann, wenn man tags zuvor opulent gegessen und in der Nacht mit den Händen über der Bettdecke geschlafen hat. Scheiße. Der nimmt was, klar. Oder er ist ein genetischer Glückpilz. (Was im Grunde auf dasselbe hinausläuft; schließlich spielt’s keine Rolle, ob er als kleines Kind in einen Kessel mit Testosteron gefallen ist oder regelmäßig nachspritzt; der Punkt ist, dass seine Mitochondrien in dem Zeug schwimmen.)

Und wenn seine Prostata erst einmal so groß ist wie ein Stachelschwein, wird er ja sehen, was er davon hat. So kann man spekulieren. Man kann aber auch anfangen, sich ein paar Fragen zu stellen:
  1. Trainiere ich wirklich so hart, wie ich’s mir einbilde? (Oder ziehe ich eigentlich seit Längerem nur einen relativ bequemen Stiefel durch?)
  2. Habe ich mich in der letzten Zeit kontinuierlich bemüht – wirklich bemüht –, meine Trainingsgewichte zu steigern? (Oder nennen mich im Studio insgeheim alle schon "Mr.-100-kg-Hantelbank", weil ich seit Jahr und Tag mit demselben Gewichten trainiere?)
  3. Ist mein Trainingsplan tatsächlich das Gelbe vom Ei? (Oder sollte ich meinen 5er-Split-Plan Marke Eigenbau vielleicht einmal auf den Prüfstand stellen?)
  4. Komme ich jeden Tag auf meine 2,2 g Eiweiß pro kg Körpergewicht? (Oder ist das nur so eine Im-Großen-und-Ganzen-kommt-das-hin!-Geschichte?)
  5. Esse ich überhaupt genug Kalorien? (Oder habe ich den unsinnigen Ehrgeiz, auf meinen Bauchmuskeln trotz Masseaufbauphase jederzeit Xylophon spielen zu können?)
  6. Trinke ich meine 3–4 l Wasser am Tag? (Oder kriegt mein Basilikum auf der Fensterbank an manchen Tagen mehr Wasser als ich?)
  7. Bin ich ausreichend mit Vitaminen und Mineralstoffen versorgt? (Oder ist das einzige Obst, das ich an manchen Tagen zu mir nehme, die Zitronenscheibe im Club-Soda?)
  8. Komme ich wirklich auf 8 Stunden Schlaf pro Nacht? (Oder liege ich nur 8 Stunden im Bett, von denen ich 1 Stunde lese, 1 Stunde auf den Radau von Nachbars Lumpi bzw. von Schmitz’ Katze höre, 30 Minuten an mir selbst herumspiele und fünfeinhalb Stunden schlafe?)
Wer nur eine dieser Fragen wahrheitsgemäß mit "Ja" beantworten muss, sollte es sich zweimal überlegen, ehe er mit dem Finger auf den Studio-Tarzan zeigt und laut "Stofftier!" brüllt.

Nur wer alles nimmt, kann alles geben? Falsch!

Die zugegebenermaßen starke Verbreitung von Steroidgebrauch bzw. -missbrauch in öffentlichen Fitnesscentern hat dazu geführt, dass viele Athleten keine realistische Vorstellung mehr davon haben, was natural erreichbar ist.
    ____________________________________________________________________
    Nicht wenige junge Bodybuilder sind z. B. davon überzeugt, dass eine Bankdrück-Bestleistung von 150 kg in jedem Fall den Einsatz von Steroiden erfordert, und manch einer denkt sogar, dass Steroideinsatz zum Hanteltraining grundsätzlich dazu gehört, wenn "die Sache etwas bringen soll".
    ____________________________________________________________________
Grund dafür ist zum einen die Tatsache, dass beinahe jeder zweite, der 150 kg auf der Bank drückt, tatsächlich Steroide verwendet (ohne, dass das dafür notwendig wäre) und zum anderen der Umstand, dass jeder natural Trainierende nach relativ kurzer Zeit – gewöhnlich sind es zwei bis drei Jahre – an einem Punkt ankommt, an dem es scheinbar nicht mehr weitergeht.

An diesem Punkt liegt die Bankdrück-Bestleistung je nach Talent und Körper in der Regel zwischen 100 und 130 kg, und der Armumfang liegt bei knappen 40 cm. Beides sind gute Werte, aber sie stellen kaum einen jungen Bodybuilder zufrieden. "Jetzt muss Stoff her!", heißt es dann, und wenn dann noch ein Trainingskollege locker 140 kg drückt, steht der Entschluss fest. Immerhin ist man selbst ja offenbar an seinem genetischen Limit angelangt. Oder nicht? Einen Scheiß ist man!

Der nimmt doch was!


Die körperliche Entwicklung ist – wie fast alles andere im Leben auch –, eine Frage von Aufwand und Ergebnis, und wenn man ein besseres Ergebnis haben will, muss man eben den Aufwand erhöhen. So einfach ist das. Wer längere Zeit stagniert, muss sich Folgendes sagen: "Offenbar habe ich bei dem Aufwand, den ich in Sachen Muskelaufbau zu betreiben bereit bin, das Maximum herausgeholt. Ich will aber noch mehr herausholen – also muss ich wohl oder übel noch mehr Aufwand betreiben!" Was aber heißt konkret "mehr Aufwand betreiben"? Heißt das, dass man jetzt jeden Monat die Sportrevue auswendig lernen und statt viermal besser fünfmal oder sogar sechsmal pro Woche ins Studio gehen soll? Nein. Es heißt, dass man …
  • dem Happi-happi mehr Bedeutung beimessen soll – selbst auf die Gefahr hin, dass das Zeit und Geld kostet. Wer macht sich denn wirklich regelmäßig zu Hause Steak mit Folienkartoffeln? Steaks sind schweineteuer, insbesondere dann, wenn sie gar nicht vom Schwein kommen, und die Zubereitung von Folienkartoffeln dauert ewig lange. Na und? Machen! Zumindest alle paar Tage. Hochwertiges Fleisch vom Fleischer einzukaufen, ist kein billiges Vergnügen, zahlt sich in Sachen Muskelaufbau aber aus.
  • mehr Disziplin an den Tag legen muss – bei allem. Hand aufs Herz: Wer trinkt tatsächlich jede Stunde einen halben Liter Wasser? Wer steht tatsächlich morgens eine halbe Stunde früher auf, um das Essen für den Tag vorzukochen, einzutuppern und mit in die Berufsschule zu nehmen? Wer frisst tatsächlich jeden Abend ein Pfund Magerquark, und zwar auch dann, wenn ihm das Zeug schon an den Ellbogen rauskommt? Eben!
  • beim Training mal wieder richtig Gas geben muss: Wie lange ist es z. B. her, dass man zuletzt einen knüppelharten, alternierenden GK-Plan durchgezogen hat? Schluss mit dem Gesplitte – für die nächsten 10 Wochen wird mal wieder in jeder Trainingseinheit gebeugt oder gedeadliftet, selbst dann, wenn man auf dem Zahnfleisch kriecht!
  • konsequent auf ausreichende Regeneration achten muss. Heißt: Abends geht's zeitig ins Bett – auch dann, wenn "CSI Miami" noch nicht zu Ende ist. Drauf geschissen, ab ins Bett! (Der Mörder ist eh' immer der Gärtner.) An Tagen, an denen man abends trainieren will, kann man die Mittagspause auch zu einem kurzen Schläfchen nutzen. Ja, das geht – egal, ob man im Büro oder in der Werkhalle arbeitet. Als ich früher in den Semesterferien im Getränkemarkt gearbeitet habe, habe ich mittags auf dem Palettenstapel im Hof gepennt. Und später im Großraumbüro hatte ich ein Kissen in meiner Schreibtischschublade, das ich mittags hervorholte; auf diesem habe ich dann mit vornübergebeugtem Oberkörper am Schreibtisch geratzt. Als ich dafür vom Chef einen Einlauf bekam, weil manchmal Kunden durchs Büro geführt wurden, bin ich danach mittags immer runter zum Parkdeck gelaufen und habe in meinem Auto geschlafen. (Eine Kollegin, die eines Tages auch mittags das Parkdeck aufsuchte, weil sie ihre Handtasche im Auto vergessen hatte, bekam fast einen Herzinfarkt, als sie mich mit offenem Mund auf meinem Beifahrersitz liegen sah; sie wählte sofort den Polizeinotruf – zum Glück hatte sie aber in der Garage keinen Handyempfang.)
  • Supplemente richtig einsetzen soll. Heißt konkret: Jeden Morgen als erstes einen Proteinshake trinken. Creatin verwenden – durchgehend. Aminosäurentabletten schlucken – vor und nach jedem Training. Ein gutes Vitamin- und Mineralstoff-Präparat einnehmen – täglich. Vitamin C extra einnehmen, Zink auch (25 mg). Ginsengkapseln schlucken (sind teuer, können aber wirklich etwas bringen). Wer will, kann’s auch mal mit einer Vitamin-B12-Kur versuchen.
Alle diese Maßnahmen sind sinnvolle Aufwandserhöhungen – und wer sie ergreift, wird auch wieder Fortschritte machen.

Fazit: Wer mehr rausholen will, muss mehr reinstecken.

"Ich hab' aber keinen Bock auf mehr Aufwand – dickere Muskeln will ich trotzdem", mögen jetzt viele maulen. Wer sich für besonders clever hält, rechnet mir vielleicht sogar vor, dass soundso viele Testosteron-Ampullen inklusive Spritzbesteck unterm Strich weniger kosten als wochenlang abends Rindersteak zu essen. Toll.

Warum kaufst du dir dann nicht direkt eine von diesen Küchenschürzen mit aufgedrucktem Bodybuilderkörper, Kumpel? Die ist noch billiger, und deine Optik verbessert sich dadurch noch schneller! Im Ernst: Wem es nicht um temporäre Effekthascherei, sondern um dauerhafte Ergebnisse geht, der muss, wenn er mehr herausholen will, eben mehr reinstecken. Daran führt kein Weg vorbei.

Wenn also das nächste Mal jemand im Studio aufentert, der breiter ist oder mehr drückt als man selbst, sollte man das nicht von vornherein als Beleg für die massenhafte Verbreitung von Doping im Hobbysportbereich ansehen, sondern als willkommenen Anlass, die eigene Vorgehensweise zu hinterfragen. Vielleicht ist es an der Zeit, einiges umzukrempeln! Erst dann, wenn man mit Fug und Recht sagen kann "Ich mache hundertprozentig ALLES richtig", darf man sich meinetwegen einreden, dass der Kerl nur aufgrund massiven Steroidgebrauchs besser ist. Bis dahin jedoch sollte man mit derlei Unterstellungen zurückhaltend sein. Und wenn der Trainingspartner einem zuraunt "Hey, guck' dir den Breitmeier da vorne an – der wächst ja von Training zu Training. Was nimmt der wohl?", dann antwortet man souverän:"Der nimmt zu."

_____________________________________________________

Bilder: Thomas Koch | Thomas Koch

Nach oben