Ein Fazit

Die deutsche Fitnessindustrie - was bleibt nach Corona?

Corona hat die gesamte Weltwirtschaft ins Straucheln gebracht. Irgendwo zwischen Einzelhändlern, Airlines und Hotelbetreibern streckt auch eine Branche die Hand hilfesuchend aus den rauchenden Trümmern, die wenig öffentliche Aufmerksamkeit erfährt und dennoch ein Millionenpublikum anspricht: Die Fitnessindustrie. Wie verkraften unsere hochgeschätzten Dienstleister den Schlag in die Magengrube? Was geht, was bleibt - und was mag kommen?

Vor Corona: Eine „boomende“ Branche?


„Die Fitnessbranche in Deutschland boomt.“ Genau diesen Satz lese ich, seitdem ich mich mit dem Thema auseinandersetze - und das ist schon seit mehr als zehn Jahren der Fall. Nun kann sich ein Boom per Definition eigentlich nicht über einen derart langen Zeitraum erstrecken. Im volkswirtschaftlichen Sinne ist der Boom der Hochpunkt des Konjunkturzyklus, der, verschiedenen Mechanismen geschuldet, nur kurz haltbar ist und dann in einen Abschwung übergeht.

Boom ist also vielleicht eher ein vom journalistischen Standpunkt aus attraktiver, da aufmerksamkeitserregender, Begriff, als eine wissenschaftlich korrekte Bezeichnung. Richtig wäre wohl zu sagen, dass die Fitnessindustrie ein Produkt mit konstant guter und moderat, aber stetig steigender Nachfrage anbietet und sich in Deutschland etablieren konnte.

Die Zahl der Deutschen, die Mitglied in einem Fitnessstudio sind, stieg von 4,38 Millionen im Jahre 2003 auf zuletzt 11,66 Millionen Ende 2019. Die jährlichen Wachstumsraten liegen in diesem Zeitraum konstant zwischen 200.000 und 800.000 Neumitgliedern pro Jahr ohne erkennbare Ausschläge. Auch eine Verflachung der Kurve ist nicht erkennbar. Die Branche scheint im gemächlichen Tempo an Volumen zuzunehmen und noch keinen Sättigungspunkt erreicht zu haben.

Die Zahl der Marktteilnehmer wuchs in vergleichbarem Maße von rund 5.700 Fitnessanlagen in 2008 auf 9.670 in 2019. Ein schönes Beispiel dafür, wie sich in einer (fast) freien Marktwirtschaft Angebot und Nachfrage synchronisieren.

2010 waren 43% der 18- bis 29-Jährigen und 35% der 30- bis 49-Jährigen Fitnessstudiomitglied. Der regelmäßige Gang ins Gym ist, vor allem im urbanen Lebensraum, zur Selbstverständlichkeit geworden.


Marktstrukturen - wen hat Corona besonders hart getroffen?


Es lief also recht rund in der Branche - dann kam Corona. 24/7-Studios, die bisweilen in vielen Jahren seit ihrer Eröffnung nicht eine Minute geschlossen hatten - verwaist. Kurzarbeit, Entlassung, Insolvenzen. Wie hart hat der Virus zugeschlagen - und wer war besonders betroffen?

Die Bevölkerung zeigte sich branchenübergreifend sehr solidarisch mit den Kleinunternehmen. Das galt auch für die Studiomitglieder. Vielfach war auch hier im Forum von der Bereitschaft zu lesen, auch zum Teil höherpreisige Verträge laufen zu lassen, um private Studiobetreiber am Leben zu erhalten (obgleich rein rechtlich das Recht auf Zahlungsverweigerung bestanden hätte).

Tatsächlich waren zuletzt 4.888 der 9.670 Studios in Deutschland von Einzelunternehmern geführt - das entspricht ziemlich genau 50%. Hinzu kommen rund 2.700 sogenannte Mikrogyms, die auf sehr kleinen Flächen zumeist im innerstädtischen Raum Personal- oder Kleingruppentraining, in den letzten Jahren auch vermehrt EMS-Training anbieten. Die großen Kettengyms kommen, hier mag der Eindruck täuschen, auf einen Anteil von „lediglich“ 30%.

Das bezieht sich aber wohlgemerkt auf die Zahl der Marktteilnehmer. Geht es nach Marktanteilen bezogen auf die Mitglieder, so greifen die privat geführten Studios ca. 52%, die Ketten aber schon 41% aller Trainierenden ab. Allein bei den drei Marktführern McFit, FitX und Clever Fit sind mehr als 22% aller deutschen Mitglieder registriert. Die Gründe liegen auf der Hand: Kettengyms bieten zumeist besonders große Flächen, betreiben intensiveres Marketing und, dies ist der Hauptgrund, können aufgrund von Skaleneffekten extrem attraktive Preise bieten.

Doch zurück zum eigentlichen Thema: Das Mitleid mit den Betreibern schien sich umgekehrt proportional zur Größe des Betriebes zu verhalten. Heikos Pumper-Keller um die Ecke hat ein Gesicht, einen Sympathieträger, ein Herz. McFit hat nicht einmal mehr die freundliche Banane zu bieten.

Dabei ist „Kette“ ein nicht so eng definierter Begriff, wie man vermuten möchte. Hier muss man zwischen den Filial- und Franchiseanbietern unterscheiden.

McFit ist beispielsweise eine Marke, die zu der internationalen RSG-Gruppe gehört und hier neben anderen Studiomarken wie High Five und John Reed, Supplementfirmen, Eventagenturen, Modelagenturen usw. nur ein Standbein der GmbH darstellt. Die RSG-Gruppe kümmert sich selbst um Expansion und den Betrieb der Studios. Gleiches gilt für den Wettbewerber FitX oder den derzeit vielbeachteten Neuling FitOne (eine Marke einer bayrischen Betriebsgesellschaft für Spielautomaten). Es ist davon auszugehen, dass diese in große Strukturen eingebetteten und vielfach auch mit Wagniskapital ausgestatteten Betriebe die Wochen der Corona-Pandemie wegzustecken im Stande sind. Zumindest haftet hier kein Kleinunternehmen mit seinem privaten Vermögen.

Doch auch hinter bekannten Namen können Einzelschicksale stecken. Bei den Ketten Clever Fit und Easy Fitness, die sich vor allem in mittleren und Kleinstädten und Randlagen befinden, handelt es sich um Franchisioren. Die Betreiber der Filialen sind Einzelunternehmer, die einen Teil ihres Umsatzes an die Franchisegeber abtreten. Sie profitieren dafür von der Reputation der Marke, Preisvorteilen aus Masseneinkäufen, höherer Kreditwürdigkeit und zentral gesteuerten Marketingmaßnahmen. Ansonsten sind sie wirtschaftlich unabhängig - geht ein Clever Fit unter, trifft dies die Zentrale in Landsberg am Lech, abgesehen von verloren gegangenen Lizenzeinnahmen, nicht. Stattdessen steht ein junger Mensch, der sich zur Studioeröffnung in 99% der Fälle hoch verschulden musste, vor den Trümmern seiner Existenz. Bislang sind noch keine Zahlen veröffentlicht, doch es ist zu befürchten, dass genau dieses Szenario vielfach die Folge von Corona sein könnte.

Davon mal abgesehen: Gönnen wir auch den großen Playern mal nichts Schlechtes! Auch die sind Beschlüssen der Bundesregierung schutzlos ausgeliefert, und auch hier arbeiten Menschen zum Mindestlohn, Aushilfen, Personaltrainer am Existenzminimum, Reinigungskräfte auf 450€-Basis, tausendfach.

Wie haben sich die Studios über Wasser gehalten?


Auch hierzu gibt es (noch) keine Erhebungen, aber mein Eindruck ist, dass die meisten Sportler ihre Verträge nicht ausgesetzt haben. Beim kleinen Studios lag es an der oben beschriebenen Solidarität, bei den Ketten an der Tatsache, dass die 20€ im Monat den Aufwand der Kündigung kaum rechtfertigen. Zudem hat das vielzitierte „auf-Sicht-fahren“ der Bundesregierung dafür gesorgt, dass die Wiedereröffnung stets in greifbarer Nähe erschien.

Foto: Frank-Holger Acker

Aber reicht das aus? Und: Kommen sie alle zurück?


Natürlich sind die Mitgliedsbeiträge bei Weitem die wichtigste Einnahmequelle der Studios. Solange diese weiterhin auf das Konto der Betreiber eingehen, ist viel Last von deren Schultern genommen. Dennoch fehlten zusätzliche Einnahmen durch Personaltraining, Ernährungsberatung, Tageskarten, Produktverkäufe über Wochen, während Personalkosten, Kredite, Versicherungen und, je nach Lage besonders fatal, Mieten unbeirrt weiterliefen.

Und schließlich war das Timing der Pandemie denkbar schlecht. Den Betreibern ist der umsatzstarke Frühling, in dem viele Neumitglieder im Bestreben nach der Strandfigur winken, fast komplett genommen worden. Ist die Chance, ein langfristiges Mitglied zu gewinnen, einmal vertan, kommt sie bisweilen nie wieder. Ich weiß das aus eigener Erfahrung in der Selbstständigkeit: Vertragsabschlüsse sind häufig, insbesondere bei niedrigen Beiträgen, Impulshandlungen. Oftmals ist das Interesse schon nach einer eintägigen Bedenkzeit verloschen. Nach mehreren Wochen des Lockdowns sollten viele einst potentielle Kunden das Momentum komplett verloren haben.

Wird es einen „Nachhole-Konsum“ geben? In Gastronomie und Einzelhandel ist der ja schon mal ausgeblieben. Unwahrscheinlich, dass dies nun ausgerechnet in der Fitnessindustrie bei der Wiedereröffnung pünktlich zum „Sommerloch“ geschieht.

Es gibt mehrere denkbare Szenarien:

Entweder, die Menschen sind nach Wochen auf der Couch so frustriert und unzufrieden mit sich, dass sie jetzt erst recht die Studios stürmen. Das wäre natürlich der Best-Case.

Oder aber all die Studiogänger, die im Gym schon immer eigentlich nur die Zeit totgeschlagen haben, konnten während der Corona-Zeit feststellen, dass eine 8 Kilo-Kettlebell und ein paar Pamela Reif-Videos für ihre Zwecke - Ausgleich zum sitzenden Alltag, Kleidergröße M konservieren - vollkommen ausreichend sind. Und das ohne finanzielle Ausgaben und lästige Anfahrten. Die sind dann garantiert für immer verloren.

Und die ernsthaft Trainierenden könnten in den Wochen des Lockdowns so viel in ein Homegym investiert haben, dass sie es nun dabei belassen werden (halte ich aber außerhalb des Team Andro-Paralleluniversums eher für eine Randerscheinung).

Und für besonders verloren halte ich die Cardio-Fraktion, die in der Quarantäne notgedrungen auf Joggen und Fahrradfahren umsteigen musste und jetzt, insbesondere angesichts des guten Wetters, die Unsinnigkeit der Studiomitgliedschaft, um nach halbstündiger Anreise in einem stickigen Raum auf einem Stairmaster zu verweilen, erkannt haben dürfte.

Ohnehin: Die derzeitige Situation mit gesperrten Duschen, Zeitbegrenzung und Abstandsregeln wird all jenen, die ohnehin schon immer Freude am Suchen nach Ausreden hatten, jetzt gut in die Karten spielen. Wer sich bislang schon nicht zum Abschluss einer Mitgliedschaft durchringen konnte, den wird nicht ausgerechnet in diesen Zeiten die Lust packen.

Nicht zu vergessen sind auch all jene, die die Krise finanziell hart gebeutelt hat. Wer grade arbeitslos geworden oder gar in seiner Selbstständigkeit gescheitert ist, hat gewiss andere Sorgen, als seine monatlichen Ausgaben durch eine Studiomitgliedschaft zu mehren. Zumindest hier gibt es aber Grund zur Hoffnung: Statistiken der vergangenen Jahre weisen auf, dass sich der Wachstumstrend stets von Konjunktureinbrüchen, wie der Finanzkrise um 2008 herum, unbeeindruckt zeigte.

Fürs erste würde ich aber vermuten, dass die „boomende Branche“ zumindest mittelfristig ernsthaften Schaden genommen hat. In der derzeit im Forum laufenden Umfrage bescheinigen 61% der Teilnehmer einen Rückgang des laufenden Betriebes in ihrem Stammstudio. Nur 5% berichten von einer Zunahme.

Lehren für die Zukunft: Mehr Lobby-Arbeit, Generation Netflix? Neue Trainer-Qualität


Aber was nützt das Spekulieren? Die Zeit wird es zeigen. Krisen sind ja auch immer Gelegenheiten zur Gesundung. Machen wir uns also Gedanken, was die Branche aus der Pandemie mitnehmen könnte.

Zum Beispiel das mit der Öffentlichkeitsarbeit: Corona hat gezeigt: Von Möbelhäusern in Nordrhein-Westfalen lernen, heißt siegen lernen! Oder anders gesagt: Wer über keine starke Lobby in der Regierung verfügt, muss sich hintenanstellen. Wenn hier jemand Nachholbedarf hat, dann die Fitnessbranche. Gut, im Bundestag sitzen eher Vertreter der Risikogruppe als potenzielle Nutzer der Freihantelzone. Trotzdem könnte die mitgliederstärkste Sportart Europas mal langsam von ihrem Schmuddelimage wegkommen. Ein von Birgit Schwarze, Vorsitzende des Arbeitgeberverbandes der Deutschen Fitness- und Gesundheitsanlagen, verfasster und von hanebüchenen Argumenten nur so strotzender offener Brief an Angela Merkel ist dem gewiss nicht dienlich.

Und dann ist da diese Sache mit den Knebelverträgen. Dass das Prinzip Discount-Studio von all jenen getragen wird, die nicht kommen, dürfte sich mittlerweile herumgesprochen haben. Dass es hierzu notwendig ist, diese Personen in langen Vertragslaufzeiten gefangen zu halten, auch. Darunter leiden aber alle. 24-Monats-Verträge sind kein zeitgemäßes Modell mehr. Die typische Zielgruppe der Gyms lebt nicht mehr jahrelang in der gleichen Stadt, bleibt nicht mehr in derselben Firma von Ausbildung bis Rente. Das Internet macht es vor: Abomodelle ohne monatliche Kündigungsoption sind praktisch nicht mehr existent. Generation Netflix und Spotify braucht den Exit - und ist auch durchaus bereit zu bleiben, wenn sie überzeugt wurde. McFit scheint den Gedanken schon aufgegriffen zu haben: Den Wiedereinstieg nach dem Lockdown hat das Unternehmen zum Launch eines neuen Flex-Tarifs genutzt. Bitte mehr davon!

Wir müssen auch mal über die Qualität der Trainer reden. Leider ist die Branche immer noch für Dumping-Löhne bekannt. Und da ist es auch egal, ob du dein Geld in die Billig- oder Premiumketten trägst. Deutlich über Mindestlohn zahlt kaum ein Betreiber. Und wer geizt, bekommt keine Startrainer an Land gezogen - wie überall. Alles, was du wissen musst, steht ja auch im Internet, magst du jetzt sagen. Das kann aber leider nicht jeder bedienen. Und damit meine ich gar nicht mal nur die technischen Voraussetzungen, sondern auch die notwendigen Medienkompetenzen, um fragwürdige Ratschläge von YouTubern auch als solche zu erkennen. Ich nehme mich hiervon nicht aus - es war ein langer Lernprozess und es wäre schön, wenn sich dieser durch kompetentes Personal Vorort abkürzen ließe. Lösung: Fitnesstrainer sind mit nichts weniger als der Gesundheit ihrer Klienten betraut. Der Begriff ist daher gesetzlich zu schützen und nur an Leute mit einer Qualifikation oberhalb eines Wochenendkurses zu vergeben (mir fällt übrigens grade auf, dass dies weniger ein Appell an die Branche selbst, sondern an die Gesetzgebung ist. Gesagt werden musste es trotzdem einmal!).

Fitnessindustrie ungleich Studio - es gibt auch Nutznießer


Nebenbei bemerkt: Jede Krise hat ihre Gewinner, so auch diese, so auch in der Fitnessindustrie. Wer in den vergangenen Wochen versucht hat, Kleingeräte für sein Homegym zu erstehen, weiß, wovon ich rede. Auch so manch ein Influencer, Anbieter für Online-Workout-Konzepte und alles rund um Ausdauersport und Yoga dürfte ordentlich zugelegt haben.

Corona hat nach Jahrzehnten des Aufschwungs Sand in das Getriebe der Branche gestreut. Ich bin trotz oben geäußerter Kritik sehr dankbar für das reichhaltige, gute und preiswerte Angebot in Deutschland, hoffe daher natürlich auf eine baldige und vollständige Genesung und wünsche allen, deren Existenz am Sport hängt, alles Gute. Wir sind mehr als 11 Millionen, die hinter euch stehen. Es wird gewiss ein Happy End geben!

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