Mein New York City-Crossfit-Abenteuer (VII)

Die Ogar-Story


Ihr könnt es ja eben so wenig überhört haben wie die Nachrichten vom plötzlichen Kälteeinbruch in den USA: Ein tragischer Unfall hat die weltweite Crossfit-Community erschüttert. Am 14. Januar verunglückte der amerikanische Crossfit-Athlet und –Coach Kevin Ogar bei einem Wettkampf im kalifornischen Orange County schwer, als er bei der Ausführung von Snatches die Kontrolle über das Gewicht verlor. Infolge schwerer Wirbelsäulenverletzungen ist er seitdem von der Hüfte abwärts gelähmt, ob jemals eine vollständige Wiederherstellung seiner Körperfunktionen eintreten wird, liegt zum gegenwärtigen Zeitpunkt im Nebel des medizinisch Ungewissen.

Zunächst einmal – ohne jeden Anflug von Heuchelei oder Sensationsgier – möchte ich natürlich mein tiefes Entsetzen und Mitgefühl über das Geschehene aussprechen. Derart folgenschwere Unglücke seien selbstverständlich niemandem vergönnt, aber für einen derart austrainierten Athleten, für jemanden, für den das Leben Bewegung und Bewegung das Leben bedeutet, muss der Verlust eben dieser dem Ende allen Glücks gleich kommen. Ich selber, ohne irgendeine nennenswerte Verbindung zum Sport, geschweige denn zum Hochleistungssport zu besitzen, würde mir durchaus zutrauen, daran zu zerbrechen.

So viel zum empathischen Teil. Kommen wir nun zu zwei Dingen, die mir im Zusammenhang dem Geschehenen so richtig sauer aufstoßen.

Erstens: Die Crossfiter rund um den Erdball händeln die Ogar-Story ohne jede kritische Distanz zum eigenen Vorgehen. Anstatt wenigstens einzuräumen, dass dieser Sport mit gewissen Risiken verbunden ist (eine grundlegende Überarbeitung des Konzeptes verlangt ja gar keiner!), verweist man lieber ausdrücklich und ausschließlich auf die Solidarität der Community. Diese mag ja in der Tat beeindruckt haben, nicht nur durch rührende Beileidsbekundungen, sondern auch durch eine innerhalb weniger Stunden aufgebrachten sechstelligen Spendensumme. Wobei auch diese meiner Einschätzung nach wahrscheinlich nicht ausreichen wird, um die jahrelang Rehabilitation eines in amerikanischer Manier nicht krankenversicherten Querschnittsgelähmten zu finanzieren (Obama sollte wirklich langsam mal auf den Tisch hauen!).

PR ist halt alles. Niemand weiß das besser als die Väter des Crossfit-Erfolgskonzeptes. Die verzweifelte Betonung des Gemeinschaftsgeistes ist aber in meinen Augen eben genau das: verzweifelt. Als würde der ADAC verlauten lassen: "Klar, wir haben über Jahre belogen und betrogen, aber unsere Pannenhelfer haben doch trotzdem schon so manchen Familienurlaub vor dem Scheitern auf dem Standstreifen bewahrt." Das Gute an einer Sache kann aber ihre schlechten Seiten nicht in allen Fällen aufwiegen. Facebook-Kommentare und Gedenkminuten vor dem WOD sind nette Symbolik. Aber sie werden Kevin nicht wieder gesunden lassen.

Und ich traue mich ja fast gar nicht diese Frage laut in den Raum zu stellen, aber: Wird hier eine menschliche Tragödie etwa zu Werbezwecken missbraucht, um das eigene Gesicht zu wahren?

Kritikpunkt #2 betrifft die nicht weniger religiös angehauchte Gemeinschaft der Crossfit-Hater. Für diese bedeutet der Vorfall gefundenes Fressen, gefolgt von einer schäbigen Ich-habe-es-euch-ja-schon-immer-gesagt-Stimmung, wie sie vielfach auch im Dezember geschürt wurde als der "The Fast and the Furios"-Star Paul Walker ironischerweise bei einem Autounfall ums Leben kam. Schadenfreude in solchen Situationen ist leider menschlich, weil wir alle gern Recht behalten. Ein Grund mehr, sich für unsere eigene Art zu schämen.
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    Ich selber habe immer wieder betont, dass ich die Ausführung der komplexen Olympischen Lifts auf Zeit zu den gelinde gesagt fragwürdigen Punkte des Konzeptes zähle. Für mich ist das Ganze also nicht mit einem Hallo-Wach-Effekt behaftet. Ich mache trotzdem einfach da weiter, wo ich aufgehört habe, mein Respekt vor diesen Übungen ist ohnehin kaum noch steigerbar.
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Ich habe das Video vom Snatch-Unfall gesehen. Mehrfach ehrlich gesagt. Der Ablauf erinnert mich stark an jenen missglückten Versuch, in dessen Folge Matthias Steiner die letzten Olympischen Spiele vorzeitig beenden musste und den ich zufällig auch im letzten Artikel dieser Serie kurz erwähnt hatte.

Es verunglücken also nicht nur Crossfiter unter Zeitdruck. Ich kann mich nicht an einen "Selber-Schuld"-Shitstorm nach dem Steiner-Unfall erinnern, habe das damals allerdings auch nicht wirklich intensiv verfolgt. Ganz bestimmt gab es einen. Genau wie nach jener "Wetten, dass ...?"-Sendung, in der der Wettkandidat Samuel Koch beim Überspringen fahrender Autos so schwer stürzte, dass er bis heute am ganzen Körper vollständig gelähmt ist.

Wurden Stimmen laut gegen den deutschen Turner Ronny Ziesmer, den ein Trainingsunfall in den Rollstuhl verbannte, gegen den Handball-Nationalspieler Joachim Deckarm, der sich von einem Zusammenstoss in einem Länderspiel in den 70er-Jahren nie wieder erholte, gegen jenen russischen Kraftdreikämpfer, der 2012 beim Wettkampf-Bankdrücken tödlich verunglückte, oder gegen diese vielen namenlosen Surfer, Bergsteiger und andere Extremsportler? Und liegt Michael Schuhmacher eigentlich immer noch im Koma?

Die Diskussion um Kevin Ogar sollte sich eigentlich nicht um die Sinnhaftigkeit von Crossfit drehen. Sondern um vermeidbare Risiken und warum man sie doch immer wieder eingeht, jeder von uns, ständig, aus welchem Antrieb auch immer. Das Risiko dieser "einen Sekunde" ... von der wir nicht glauben, dass sie auch uns eines Tages ereilen könnte. Obwohl das Leben Jahrzehnte andauert und somit Platz bietet für unendlich viele Sekunden.

Mein New York City Crossfit-Abenteuer


Personen oder Personengruppen verdienen sich durch Sympathiepunkte, wie sehr man ihnen Risikobereitschaft zugesteht. Und in dieser Hinsicht können die Crossfit-Athleten mit den Aktiven populärerer und weniger neuzeitlichen Risikosportarten nicht mithalten. Es ist auch eine Frage der gesellschaftlichen Akzeptanz kritischer Äußerungen.

Raucher müssen sich wie selbstverständlich Anfeindungen gegen ihr Laster gefallen lassen, aber wer würde es wagen, einem Übergewichtigen ins Gesicht zu sagen: "Hör auf zu fressen, ist dir nicht klar, dass du früher und qualvoller sterben wirst?" Einen Surfer für verantwortungslos zu erklären erscheint spießig, der gleiche Umgangston mit einem Crossfiter – nur allzu begründet.

Wir passionierten Sportler, ganz gleich auf welchem Leistungsniveaus, verbringen hunderte, tausende Stunden in unserem Leben mit unserer Leidenschaft. Also eine Menge Zeit, in der wir glücklich sind. Und doch wäre diese eine Sekunde kein fairer Preis für kein Glück der Welt. Es ist keine Geschmacks- und keine Schuldfrage. Es ist unsere Entscheidung.

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