Nutzen oder nicht nutzen?

Die Zughilfen Roundtable

Team Andro: Willkommen zu unserer nächsten illustren Diskussionsrunde auf Team Andro. Nachdem wir uns beim letzten Mal sehr ausführlich über Supplemente unterhalten hatten, soll es diesmal wieder um ein Thema aus dem Bereich des Trainings gehen, das sicherlich für viele nicht emotionslos ist. Wir wollen klären, ob man ein absolutes Weichei ist, wenn man sich bemüht mit Hilfe von Zughilfen die zarten Händchen zu schützen oder ob man einfach der Erleuchtung ein Stückchen näher gekommen ist, indem man den Nutzen dieser kleinen Helferchen im Training einsieht.

Da wir unsere heutigen Teilnehmer allesamt bereits aus früheren Ausgaben kennen, gebt mir bitte zunächst lediglich ein kurzes Statement aus maximal drei Sätzen, was Ihr von Zughilfen haltet und warum Ihr dieser Ansicht seid.


Frank-Holger Acker: Puh, drei Sätze, läuft das Satzkonto schon? Ok, mit einem Satz: Zughilfen sind so nützlich wie Nackenrollen beim Kniebeugen, Fahrradhandschuhe beim Bankdrücken oder Plateauschuhe beim Kreuzheben: Wenn man nicht in der Lage ist, ein Gewicht ohne Zughilfen zu bewältigen, dann sollte man darüber nachdenken, ob man nicht einfach nur zu schwach ist und wortwörtlich die Finger davon lassen sollte.

Thomas Koch: Na gut, dann oute ich mich mal als bekennende Pussy! Ja, ich verwende Zughilfen, oft und ohne schlechtes Gewissen! Auf Zughilfen zu verzichten, bedeutet für mich, Wachstumspotential zu opfern!

Philipp Rauscher: Sehe ich ähnlich wie Thomas! Ich habe das Problem, wenn ich bei schweren Sätzen auf Zughilfen verzichte, dass ich mich dann immer zu stark aufs Halten des Gewichts konzentriere und damit Potential in der eigentlich Übung verschwende. Und da ich ja nur ein Bodybuilder bin, interessiert es auch nicht wie viel ich heben und halten kann, denn das sieht man ja nicht. (lacht)

Chris Ich bin da zwiegespalten: Auf der einen Seite sind Zughilfen für mich Mittel zum Zweck - genau, wie der Gürtel, den ich immer dann anlege, wenn ich mich bei der Übung stabiler fühle. Es geht dabei weniger um "mehr Gewicht verwenden", als um "die Übung sicher ausführen".

Auf der anderen Seite denke ich schon, dass man sich hier auf Glatteis hinauswagt - Zughilfen erleichtern den Unterarmen die Arbeit und können so sicherlich strukturelle Dysbalancen begünstigen.

Philipp Rauscher Das ist ja aber letztlich der Punkt, warum ich Zughilfen verwende. Gerade wenn mal schwere Gewichte zum Einsatz kommen, möchte ich mich lieber darauf konzentrieren, die Übung richtig auszuführen und somit auch die Technik möglichst ordentlich zu halten und nicht den Kopf beim Greifen haben.

Thomas Koch: Sehe ich auch so. In meinem Fall denke ich, dass meine Unterarme sicher nicht meine Schwachstelle sind, zumindest optisch. Ohne Zughilfen hätte ich bei schweren Zugübungen aber einfach ein Problem, sprich ich würde die letzten Wiederholungen nicht mehr schaffen, weil die Griffkraft nachlässt und dazu würde die Konzentration auf die Zielmuskulatur leiden. Beides halte ich einfach für die Zwecke eines Bodybuilders für kontraproduktiv. Sicher könnte ich meine Griffkraft stärken, aber ganz ehrlich: Wozu?

Team Andro: Ok, ich sehe schon, es trennt sich heute die Bodybuildingfraktion ein weniger von den Powerliftern..

Frank-Holger Acker: Man könnte sagen, die Spreu vom Weizen.. (lacht)

Team Andro: Dennoch kam nicht klar heraus, ob Zughilfen für Euch alle ultima ratio ist, oder ob Ihr dazu bereits präventiv greift, bevor es überhaupt so weit kommen kann?

Frank-Holger Acker: Das ist finde ich ist eine gute Frage. Ich muss zugeben, dass mein Eingangsstatement etwas polemisch war, aber wie so oft steckt auch in so etwas eine ordentlich Portion Wahrheit.

Ich sehe im Studio immer wieder Leute, die sich an Gewicht hängen, die Teil meiner Aufwärmsätze wären, und Zughilfen mit dem Argument nutzen, ihre Hände wären zu klein, sie hätten nicht genug Kraft oder die Wahrsagerin hatte ihnen aus der Hand gelesen, dass sie unbedingt dieses schicke Trainingsaccessoire benötigen, denn für viele, das möchte ich behaupten, ist es genau das. Genauso wie komische Fahrradhandschuhe zum Bankdrücken oder Kniebandagen an der Beinpresse. Sie haben bei irgendwem irgendwann aus irgendeinem Grund gesehen und machen es nach. Schließlich kann es nicht schaden, wenn der brutale Typ, der die 180kg im Kreuzheben bewegt, diese auch nutzt.

An alle, die sich angesprochen fühlen: Der Typ ist nicht brutal! Nur weil man am Anfang seiner Trainingskarriere steht und gefühlt jeder im Studio breiter als man selbst ist, wissen die Jungs - und bei den ganz Zarten auch die Mädels - es nicht zwangsläufig besser.

Ich habe selbst Puppenhände und hatte auch früher gedacht, ich hätte zu wenig Kraft. Die einzige Folge der Zughilfen war jedoch, dass es zur self-fulfilling prophecy wurde. Dadurch, dass ich meinte Hilfe aufgrund meiner Schwachen Handkraft nutzen zu müssen, wurde meine Handkraft erst richtig schwach. Als ich die Dinger dann weg ließ, um mich auf meinen ersten Kraftdreikampf vorzubereiten, wo Zughilfen nicht erlaubt sind, durfte ich meine Kreuzhebeleistung gleich mal deutlich nach unten korrigieren und hatte nach einigen Monaten Training ohne Zughilfen immer noch Probleme mehr als 180kg mit blanken Händen zu halten.

Abgesehen davon, dass ich diesen Punkt inzwischen weiter hinter mir gelassen habe, gibt es selbst an diesem Punkt andere Lösungen als Zughilfen, um den Griff zu unterstützen.

Lange Rede, kurzer Sinn: Es gibt sicherlich Momente oder Übungen, wo Zughilfen Sinn machen. Aber ich bin mir sicher, dass man über kurz oder lang die meisten, die meinen sie bräuchten unbedingt ihre geliebten Zughilfen, soweit bringen kann, dass die Griffkraft nicht der limitierende Faktor im Training ist.

Zughilfen sind für mich also klare ultima ratio.

Philipp Rauscher Die Frage ist ja aber auch immer, wie wichtig es einem ist, 200kg beim Kreuzheben blank halten zu können. Persönlich ist mir das relativ gleichgültig. Wie schon gesagt, wenn das Ziel rein kosmetischer Natur ist, halte ich das auch für ziemlich unwichtig. Ich verwende Zughilfen ab etwa 150kg beim Kreuzheben für Sätze mit 8-12 Wiederholungen.

Einzelne Wiederholungen schaff ich sicher auch ohne Zughilfen mit 180-200kg, aber wenn ich mich irgendwann nicht mehr auf meinen Satz konzentrieren kann, nur weil mir die Hände aufgehen, halte ich das für recht kontraproduktiv für meine Ziele.

Aber ich verwende Zughilfen generell nur fürs Kreuzheben. Eventuell noch für vorgebeugtes Langhantelrudern. Für alles weitere finde ich sie auch unnötig.

Thomas Koch: Bin da voll bei Dir Philipp. Außer bei der Übungsauswahl, da gehe ich schon weiter.

Kreuzheben und Langhantelrudern sind klare Kandidaten, dazu Shrugs, die mir ohne Zughilfen völlig unmöglich wären. Aber auch bei Klimmzügen, Latzug und verschiedenen Rudervarianten nutze ich bei schweren Sätzen Zughilfen. Aber wie gesagt: Auch mir geht es rein um den optischen Effekt. Wer kraftorientiert trainiert, der sollte da schon anders herangehen.

Frank-Holger Acker: Seid mir nicht böse, aber das hört sich für mich in der Form schon fast wie eine Ausrede an. "Ich beuge nicht tief, weil meine Beine zu lang sind.", "Ich lass die Hantel beim Bankdrücken nicht bis zur Brust, weil mein Horoskop, das Internet und mein Mc Fit Trainer es mir verboten.", "Ich nehme Zughilfen zum Kreuzheben, weil es mir ja nicht auf Kraft sondern Optik ankommt."

Das ist ja fast die gleiche Schublade, in der auch die Karte liegt, auf der der Standardsatz von Frauen steht: "Ich vermeide Gewichtstraining, weil ich nicht so große Oberarme wie mein Freund haben möchte." - Der alte Beserker mit seinem 38er Ärmel.

Thomas Koch: Vorsicht Elfenjunge!

Mal im Ernst: Ich bin eine Griffkraftpussy! Im Obergriff bekomme ich vielleicht gerade noch 180kg gezogen, das war es dann aber auch. Noch krasser bei Shrugs, wo deutlich mehr geht, als beim Kreuzheben, wäre der schwache Griff nicht. Zugegeben, ich bin da auch echt zu faul, viel Zeit in Griffkrafttraining zu investieren. Für meine Zwecke geht es ja mit Zughilfen wunderbar, warum also davon abkommen?

Frank-Holger Acker Die Elfe ist in der Lage sein dreifaches Körpergewicht zu heben. Ohne Griffhilfen..

Gerade fürs Kreuzheben ist mir unverständlich, dass Bodybuilder da oftmals noch Abstand vom Zwiegriff nehmen. Was spricht dagegen das Ding zu nutzen? - Dafür auf jeden Fall eine verbesserte Stabilität im Rumpfbereich.

Kniebeugen auf einem Wackelbrett würde kein Bodybuilder als optimale Variante sehen, das hoffe ich zumindest, aber Kreuzheben im Obergriff ist immer noch cool - ich schmeiße hier heute bewusst mit solchen Vergleichen um mich, um am "Wir nutzen Zughilfen und haben uns alle lieb, solange keiner daran zweifelt und Ketzerei begeht"-Thron zu rütteln.

Thomas Koch: Wechselgriff ist sicher eine Option, Magnesia auch. Beim Kreuzheben will ich da auch gar nix sagen. Aber nehmen wir doch mal die angesprochenen Shrugs: Wie würdest Du das da machen? Shrugs mit Wechselgriff gehen gar nicht.

Frank-Holger Acker: Shrugs, wenn wir von wirklich schweren sprechen - ja ich weiß, wir trainieren alle schwer, aber man sollte sich immer selbstkritisch fragen, ob nicht vielleicht jemand schwerer trainiert und man selbst auch könnte - wären tatsächlich so eine ultima ratio Situation. Das wäre, wenn man sie frei ausführt, wohl sogar noch die Übung, die auf meiner imaginären Liste an "Zugeständnis-Übungen" auf Platz 1 stehen würde. Platz 2 wäre dann aber auch erstmal wieder frei..

Thomas Koch: Ich plädiere für Langhantelcurls.

Team Andro: Chris, was denkst Du dazu?

Chris: Shrugs finde ich persönlich auch sinnfrei, Curls hingegen nicht.

Okay, vermutlich hast Du Dich nicht darauf bezogen?

Mein Problem, das man vermutlich schon in der Einleitung ablesen kann, ist, dass ich beide Lager gut verstehen kann. Grundsätzlich war mir meine Trainingsleistung immer wichtiger, als die Optik - man hat dabei einfach einen objektiven Massstab, an dem man Fortschritt und Stagnation hervorragend messen kann. Das Spiegelbild ist mir hier zu subjektiv - da hat man teilweise morgens einen anderen Eindruck als abends.

100 kg sind und bleiben immer 100 kg - okay, nur nicht bei diversen Studios, wie den großen gelben, wo die Scheiben leichter sind. Sich selber zu belügen ist hier sehr schwer - beim Erscheinungsbild sieht das ganz anders aus.

Auf der anderen Seite bin ich genauso ehrgeizig, wie die meisten anderen Jungs im Studio - wer hat da schon großartig Lust, weniger Gewicht beim Rückentraining zu verwenden, als das, was der Rücken auch vernünftig zu bewältigen in der Lage imstande ist?

Wenn am Ende des Satzes der Zielmuskel noch kann, die Griffkraft aber nicht, dann kann einem das schon das Training versauen. Die Grundsatzfrage ist hier doch, ob man bereit ist, 2 Schritte zurück zu gehen, um danach vielleicht 3 nach vorne zu kommen.

Ich sage explizit "vielleicht", weil ich mir noch gar nicht sicher bin, dass man diese mögliche strukturelle Schwäche bei allen Übungen so weit stärken kann, dass sie nie wieder das schwache Glied der Kette sein wird. Das schließt auch die Möglichkeit ein, dass die Griffkraft sich auch weniger stark entwickelt hat, wenn man von Anfang des Trainings an auf Zughilfen verzichtet hat.

Es wird sicher Übungen geben, bei denen jede Person ausreichend Kraft aufbauen kann, um auf Zughilfen zu verzichten - siehe das Klimmzugbeispiel - aber bei anderen kommt man als Durchschnittstyp eventuell nur mit technischen Kniffen wie dem Kreuzgriff weiter.

TeamAndro: Wie könnten solche Kniffe aussehen?

Frank-Holger Acker: Chris sprach ja bereits den Kreuzgriff an - oder wie er eben korrekt heißt: Zwiegriff. Das soll kein rumnerden sein, aber der ein oder andere ist sonst sicherlich ein wenig verwirrt, ob von verschiedenen Sachen gesprochen wird.

Magnesia, ob in Pulverform und flüssiger Form, ist den meisten Trainierenden sicherlich bekannt, allerdings in vielen Studios auch nicht gerne gesehen und daher nicht immer eine Option.

Daneben fallen mir zwei weitere Tricks und Kniffe ein, um mal bei diesem Ausdruck zu bleiben:
Die Hantel kann einen großen Unterschied ausmachen, ob der Griff noch fest genug sitzt oder ob man Probleme hat das Gewicht zu bewegen. Nun werden die wenigsten die Hantel in ihrem Studio beeinflussen können, wer jedoch zu Haus trainiert sollte darauf achten eine vernünftige Riffelung und im Durchmesser nicht zu dünne Stangen zu kaufen, sonst wird man sich über kurz oder lang nur ärgern.

Eine weitere Sache, die dann wieder alle betrifft, ist das richtige Greifen der Stange. Beim Kreuzheben beispielsweise sollte man, wenn man den Zwiegriff nutzt, die Hände auch sozusagen an die Stange schrauben. Also mit beiden Händen bewusst weiter unter die Hantel greifen, als man es eigentlich machen würde, und mit festem Griff die Hände nach oben ziehen. Das mag am Anfang noch etwas auf die Hornhaut gehen, aber da gewöhnen sich auch die zartesten Händchen mit der Zeit dran.

Ähnlich wende ich die Technik beispielsweise auch bei Klimmzügen mit Gewicht an. Dann greif ich eben nur mehr über die Stange und schnüre die Hände fest. - Ich hoffe, es kam rüber, was ich meine?

Wer völlig schmerzfrei ist, kann es auch mit dem Snatch-Griff probieren, aber ich für meinen Teil habe da bisher noch keine Erfahrungen mit gesammelt.

Team Andro: Interessant. Das war bereits eine ganze Menge. Haben die anderen selbst schon Erfahrungen mit den genannten Kniffen oder womöglich noch weitere parat?

Thomas Koch: Flüssigmagnesia ist wirklich eine feine Sache, kann ich nur empfehlen. Selbst in feinen Wellnessschupppen gab es damit keinen Ärger. Nur nachher die Stange abwischen nicht vergessen.

Chris: Talkumstifte sind auch eine Möglichkeit, allerdings ist das nichts für die Fraktion, die Angst vor Schwielen hat.
Damit sorgt man für eine harte Handinnenfläche - Ruderer beispielsweise reiben sich ihre Hände regelmäßig damit ein und sorgen so für eine härtere und damit auch rissresistentere Handinnenfläche.

Team Andro: Wie sieht es mit Grippertraining oder anderem Griffkrafttraining aus? Ist das Eurer Ansicht nach sinnvoll oder so nützlich wie Heizdecken im Hochsommer?

Thomas Koch: Naja, kommt auf die Zielsetzung an. Will ich meine Griffkraft verbessern, dann kann das schon was bringen, vorausgesetzt man hat das entsprechende Equipment, welches eine angemesene Intensität ermöglicht. Für Kraftsportler mit schwachem Griff also meiner Meinung durchaus ratsam, für Bodybuilder zu vernachlässigen.

Philipp Rauscher: Dann möchte ich mich auch mal wieder zu Wort melden. Um bei der bildlichen Beschreibung zu bleiben, ich halte Griffkrafttraining für Bodybuilder so nötig wie Marathonläufe für einen 100m-Sprinter - schlichtweg unnötig. Wozu?

Einen Bodybuilder interessiert es nicht ob er 150kg halten kann oder 200kg. Geht es mir um Funktionalität, dann mag ein Griffkrafttraining interessant sein. Aber das ist ja in etwa so, als würde man einen Powerlifter dazu anstiften, einen Körperfettanteil von 5% zu erreichen und den nächsten Wettkampf im Posing-Slip zu absolvieren. Er könnte es machen, ja, aber nötig ist es nicht. Und so sehe ich das auch mit der Griffkraft bei Bodybuildern. Ob ich die 200kg mit oder ohne Zughilfen hebe macht für den Muskelaufbau keinen großen Unterschied. Und nur darum geht es nun mal im Bodybuilding. Sollte die Griffkraft irgendwann einmal Wertungskriterium auf einer Bodybuildingbühne sein, dann schaffe ich mir Equipement fürs Grippertraining an. Vorher benutze ich die Zughilfen.

Chris: Heizdecken im Hochsommer, eindeutig - aber nur, wenn man in der Arktis wohnt. (lacht)

Ich bin schon Thomas Meinung, was das "Es kommt darauf an, was ich mache" betrifft, denke aber, dass auch Bodybuilder an ihrer Griffkraft arbeiten sollten, wenn das Verhältnis zwischen "was kann man raw heben bzw. festhalten" zu "was kann man mit Zughilfen bewegen" nicht mehr stimmt. Eigentlich kann es doch nur die betreffen, oder? - Ich kenne keinen Powerlifter, der unter mangelnder Griffkraft leidet oder nicht an ihr interessiert ist.

Wer mit 200 kg shrugt, aber keine 60 kg festhalten kann, der sollte dringend an seiner Griffkraft arbeiten, weil die Diskrepanz einfach zu groß ist. Das ist dann keine strukturelle Schwäche mehr, sondern die Abwesenheit jeglicher funktionaler Kraft. Letztlich riskiert man damit auch irgendwann, sich zu verletzen. Außerdem ist es ja nicht so, dass Zughilfen die gesamte Griffkraft ersetzen. Sie erhöhen nur die Menge des verwendbaren Gewichtes.

Wenn das Verhältnis also zu schlecht wird, dann leidet auch das Training des Zielmuskels irgendwann.

Übrigens sollte man auch die verschiedenen Formen der Zughilfen unterschiedlich betrachten. Immerhin gibt es mittlerweile auch Studien - wie ich dieses Wort liebe, jeder Dödel wirft damit um sich - die zeigen, wo die Belastung durch Zughilfen und angebrachtes Gewicht auf den Körper des Sportlers einwirken. Haken beispielsweise ziehen und zerren deutlich stärker an den Sehnen des Unterarmes und Handgelenkes, als Bänder.

Thomas Koch: Dazu sind die Dysbalancen, die Du da ansprichst, ja schon derbe Chris. Wer keine 60kg halten kann, aber 200kg Shrugs schafft, bei dem läuft echt was schief. Aber ich denke auch, dass es dazu erst gar nicht kommt, wenn man Zughilfen mit Verstand verwendet, also nicht dauernd und in jedem Satz, sondern wirklich nur in den schwersten Sätzen, wo es am Ende wirklich die Griffkraft ist, die der limitierende Faktor ist.

Die Frage nach der Art der Zughilfen ist aber auch sehr interessant. Habe beispielsweise mit Haken keinerlei Erfahrung, sondern nur mit Bändern. Stelle mir das aber auch irgendwie unangenehm vor...

Chris: Die Zahlen waren ja auch zur Illustration, keine absoluten Beispiele. Mir ist schon klar, dass die Diskrepanz im obigen Beispiel recht hoch ist - wobei ich auch so ein Beispiel nicht für völlig abwegig halte - man hat ja schon so Einiges gesehen oder sehen müssen.

Was mir immer auffällt, ist, dass stark in Absoluten gedacht wird - Bodybuilder versus Powerlifter, explizites Griffkrafttraining versus kein explizites Training.

Franky, welche Erfahrungen hast Du denn gemacht ? Ist Griffkrafttraining notwendig, oder langt es, "regulär" ohne Zughilfen zu trainieren, um eine adäquate Griffkraft zu erreichen ?

Frank-Holger Acker Ich selbst hatte mir vor Jahren, als ich ohne Magnesia kaum 180kg ziehen konnte, einen CoC-Gripper der ersten Stufe gegönnt, der damals allerdings dann auch bereits nicht sonderliche schwer war. Die Sache ist, dass ich mit Magnesia im gleichen Zeitraum durchaus 40kg mehr halten konnte. Ich vermute das Problem wird wohl bei vielen auch sein, wie unangenehm sie einen Griff empfinden. Ähnliches gilt ja für den Snatch-Griff: Wäre für mich reinste Folter, aber jeder, der diesen beherrscht, sagt, dass das normal am Anfang ist und mit der Zeit verschwindet. Den Snatch-Griff beherrsche ich zwar nicht, aber die Hornhaut auf meinen Händen, wenn ich schwerer Rückentrainings absolviert habe, spüre ich längst nicht mehr. Wer also bisher oftmals mit Handschuhen trainiert, könnte mal ausprobieren diese für einige Wochen zu verbannen. - Ist das eigentlich noch so sehr Mode wie früher? - Auf jeden Fall nur eine Idee.

Ansonsten bin ich unschlüssig, was Grifftraining betrifft. Es könnte so brauchbar sein, wie Unterarmcurls oder eben doch die Lösung sein. Sollte man sich jedenfalls dafür entscheiden finde ich neben dem bisher gesagten eine Option besonders interessante, um die eigene Griffkraft zu steigern:

Seilklettern, oder, wem das nicht möglich ist, Kommando-Klimmzüge mit einem Handtuch oder einem Judo-Gurt. Finde ich persönlich eine sehr anspruchsvolle Übung, um die eigene Griffkraft zu verbessern. Beim Seilklettern merkt man jedes kg Zusatzgewicht, dass man sich um den Körper schnallt beim Hochklettern - den Verzicht des Beineinsatzes setze ich mal voraus.
Wem das zu anspruchsvoll ist, oder wer eben kein Seil hat, kann die Kommando-Klimmzug-Variante probieren. Der Vorteil läge auch darin keine Zeit für ein zusätzliches Grifftraining investieren zu müssen.

Ansonsten eben auf Zughilfen verzichten, soweit es nur geht. Das ist wie mit dem Gewichthebergürtel - auch wenn der Vergleich etwas hinkt: Ich kann den bereits ab dem ersten Aufwärmsatz durchs Studio spazieren tragen oder eben erst ab den Sätzen, wo ich merke, dass ich Probleme bekomme für die handvoll Wiederholungen.

Und das sind, um an das Schwarz-Weiß-Bild anzuschließen, meiner Ansicht nach Dinge, über die eben auch Bodybuilder sich durchaus einen Kopf mache können.

Thomas Koch: Wobei ich den Sinn von Handschuhen ja noch nie verstanden habe. Ich habe in den Dingern keinerlei Gefühl und einen besseren Griff habe ich auch nicht.

Philipp Rauscher: Ja Franky, so sehe ich es im Prinzip auch. Gürtel und Zughilfen nur dann verwenden, wenn man es so nicht mehr packt. Aber dann sollte man sich als Bodybuilder nicht scheuen, diese einzusetzen. Denn da bin ich dann ganz bei Thomas: Bevor die Griffkraft zum limitierenden Faktor wird, werden Schlaufen verwendet.

Team Andro: Womit ich dann auch zur letzten Frage kommen möchte: Es wurde im Gespräch bereits angedeutet, dass es durchaus unterschiedliche Zughilfen gibt. Zu welchen würdet Ihr raten und warum?

Thomas Koch: Stinknormale Schlaufen, wobei ich Leder bevorzuge, die halten einfach länger. Ich denke damit hat man ein natürliches Gefühl und ist gezwungen auch selbst noch aktiv zu greifen, was bei Haken eben völlig wegfällt.

Chris: Haken fallen auch aus zwei Gründen für mich aus. Zum einen ist die Tragkraft recht begrenzt - vor ein paar Jahren habe ich einem bekannten beim Kreuzheben zugesehen, bei dem sich der Metallhaken bei 160 kg öffnete. Mal ganz abgesehen davon, dass der Satz ruiniert war, stellt man sich die Frage, was diese Form der Zughilfe taugen soll - 160 kg sind bei vielen Übungen aus meiner Sicht nicht das Ende der Fahnenstange.

Zum anderen sind Haken auch gefährlicher für den Träger - der Zug an den Bändern und Sehnen des Unterarmes und Handgelenkes ist deutlich höher, als bei Zughilfen, egal, ob man die Stange gleichzeitig umfasst, oder die Stange gar nicht umfasst, was wiederum zu Verletzungen führen kann.

Allerdings muss man auch bei Zughilfen aufpassen, für welches Fabrikat man sich entscheidet - da gibt es auch große Unterschiede. Nicht jeder Strap lässt sich gleich gut arretieren und sorgt für adäquaten Halt.

Philipp Rauscher: Da kann ich mich Chris nur anschließen. Ich habe die Erfahrung bei Haken gemacht, dass sie ziemliche Schmerzen im Bereich der Handgelenke verursachen können und außerdem sind mir bei einem Satz Kreuzheben schon einmal Haken gebrochen. Dass ich mich dabei nicht verletzt habe, ist für mich heute noch ein Wunder. Denn wenn einem aus heiterem Himmel die Hantel auf nur einer Seite unerwartet flöten geht, dann ist das nicht unbedingt witzig und kann ganz schön böse enden.

Mit Schlaufen hat man dagegen ein sicheres Gefühl und einen besseren Kontakt zur Stange.

Frank-Holger Acker: Im Prinzip wurde das gröbste zu Haken schon gesagt, ausführlich hatte ich mich dazu ja im zweiten Teil der All you need to know about.. Kreuzheben-Reihe geäußert - zugegeben auch etwas gemäßigter zum Zughilfen-Gebrauch. (lacht)

Der größte Nachteil von Krallen ist ganz einfach die Verletzungsgefahr. Gerade wer schwer hebt, hat vielleicht schon einmal einen Satz erlebt, der nicht optimal lief und bei dem man einfach nur noch das Gewicht loswerden wollte. Und das ist mit Krallen schlicht weg nicht möglich. Bei Klimmzügen oder gestreckten Beinheben beispielsweise könnte ich mir den Einsatz von Krallen eher vorstellen, jedoch ist dann da wieder die von Chris und Philipp angesprochene Belastung. Wer solche Krallen mal nutze, weiß, wovon geredet wurde.

Schlaufen dagegen sind sich wie ein verlängerter Daumen vorzustellen, der quasi um die Stange geschlungen wird. Wenn schon Zughilfen, dann wohl solche. Ob es dann Leder sein muss, kann ich nicht beurteilen. Ich habe zwar ein paar zu Hause rumliegen, aber ich habe auch noch immer Kniebandagen, einen Beugeanzug und zwei Drücker-Shirts, die genauso oft genutzt werden. Christoph Still beispielsweise hat selbst gebastelte Schlaufen aus irgendwelchen Riemen. Fand ich zumindest sehr einfallsreich. (lacht)

Team Andro: Ok, dann sind wir zum Ende ja doch noch zu einer kleinen Einigung gekommen. Ich danke Euch mal wieder für Eure Zeit und freue mich auf die nächste Diskussionsrunde.

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